Papst Franziskus wirbt für Lebensschutz "von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod"

Papst Franziskus, Quebec, Kanada, 27. Juli 2022
Foto: Vatican Media
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In seiner Ansprache vor Vertretern der Zivilgesellschaft am Mittwochnachmittag (Ortszeit) in Quebec warnte Papst Franziskus vor "ideologischen Kolonialisierungen, die im Gegensatz zur Realität stehen".

Lebensschutz und Familie

Konkret sagte er, es gebe eine Mentalität, die "oft die Pflichten gegenüber den Schwächsten und Zerbrechlichsten vernachlässigt: den Armen, den Migranten, den alten Menschen, den Kranken, den Ungeborenen … Sie sind es, die in den Wohlstandsgesellschafen vergessen werden; sie sind es, die in der allgemeinen Gleichgültigkeit weggeworfen werden wie trockene Blätter, die man verbrennt".

Später in seiner Ansprache bot der Pontifex für das gesellschaftliche Leben die Hilfe der Kirche an "mit ihrer universalen Dimension und ihrer Fürsorge für die Schwächsten, mit ihrem berechtigten Einsatz für das menschliche Leben in jeder Phase, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod".

Die Familie charakterisierte er "als Kernzelle der Gesellschaft", die "wertgeschätzt" werden müsse, "denn 'die Zukunft der Menschheit geht über die Familie' (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, 86). Sie ist die erste konkrete soziale Realität, die jedoch durch viele Faktoren bedroht ist: häusliche Gewalt, Arbeitswut, individualistische Mentalität, ungezügelter Karrieresucht, Arbeitslosigkeit, Vereinsamung der Jugend, Verlassenheit der Alten und Kranken."

Franziskus sagte: "Die indigenen Völker haben uns so viel über die Pflege und den Schutz der Familie zu lehren, in der wir schon als Kinder lernen, zu erkennen, was richtig und was falsch ist, die Wahrheit zu sagen, zu teilen, Unrecht wiedergutzumachen, neu anzufangen und sich zu versöhnen."

Indigene

In diesem Zusammenhang sprach er auch über das an Indigenen verübte Unrecht, das bereits im Fokus der ersten beiden Tage seiner Reise nach Kanada gestanden hatte. "Möge das Übel, das die indigenen Völker erlitten haben, uns heute als Warnung dienen, damit die Sorge um die Familie und ihre Rechte nicht im Namen etwaiger Produktionsbedürfnisse und individueller Interessen vernachlässigt werden", so der Papst.

Ausdrücklich erwähnte er "die Assimilations- und Entrechtungspolitik, einschließlich des Systems der Residential Schools, das vielen indigenen Familien geschadet und ihre Sprache, Kultur und Weltanschauung gefährdet hat. In dieses beklagenswerte, von den damaligen Regierungsbehörden geförderte System, das viele Kinder von ihren Familien trennte, waren einige örtliche katholische Einrichtungen miteinbezogen."

Er bringe dafür "Beschämung und Schmerz zum Ausdruck und wiederhole gemeinsam mit den Bischöfen dieses Landes meine Bitte um Vergebung für das von vielen Christen an den indigenen Völkern begangene Übel. Es ist tragisch, wenn sich gläubige Menschen, so wie in jener historischen Epoche geschehen, sich den Regeln der Welt anstatt an das Evangelium angleichen."

Weitere "Herausforderungen unserer Zeit"

Papst Franziskus verwies auf weitere "Herausforderungen unserer Zeit, wie Frieden, Klimawandel, Pandemien und internationale Migration", die "global" seien und alle angingen.

Die Politik dürfe vor diesem Hintergrund "nicht ein Gefangener von Einzelinteressen bleiben. Wir müssen in der Lage sein, den Blick auf die sieben zukünftigen Generationen zu richten, so wie es die indigene Weisheit lehrt, und nicht auf unmittelbaren Vorteile, Wahltermine oder die Unterstützung von Lobbys; und auch die Sehnsucht der jungen Generationen nach Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden zur Geltung kommen lassen".

Ausdrücklich lobte der Papst die kanadische Regierung für die Aufnahme zahlreicher ukrainischer und afghanischer Flüchtlinge in den letzten Monaten bzw. Jahren. Damit sei es aber nicht getan: Es müsse "daran gearbeitet werden, die Rhetorik der Angst gegenüber Migranten zu überwinden und ihnen im Rahmen der Möglichkeiten des Landes eine echte Chance zu geben, sich verantwortungsvoll in die Gesellschaft einzubringen".

Begegnung mit Generalgouverneurin und Premierminister

Vor seiner Ansprache an die Vertreter der Zivilgesellschaft hatte Papst Franziskus nach dem Flug von Edmonton nach Quebec in der dortigen Zitadelle schon der Generalgouverneurin Mary Simon einen Höflichkeitsbesuch abgestattet. Simon ist die höchste Repräsentantin der kanadischen Monarchin, also der britischen Königin Elisabeth II.

Im Anschluss traf er mit Premierminister Justin Trudeau zusammen. Trudeau – seit 2015 im Amt – ist nominell Katholik, setzt sich aber für einen umkomplizierten Zugang zu vorgeburtlichen Kindstötungen ein. Kanada gehört zu den Ländern mit der liberalsten Gesetzgebung in Sachen Abtreibung.

Die Begegnungen mit Simon, Trudeau und anderen Vertretern der Zivilgesellschaft verschob sich wegen eines verspäteten Flugzeugs mit einem Teil der päpstlichen Delegation an Bord.

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