Pater Karl Wallner über Corona-Krise: "Sakramente sind keine magischen Zaubermittel"

Pater Karl Wallner OCist während der Corona-Pandemie mit Schutzmaske.
Foto: privat

Der Zisterzienser-Mönch Pater Karl Wallner OCist hat im Exklusiv-Interview mit CNA Deutsch die Schutzmaßnamen der Kirche zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie als einen Akt der Nächstenliebe verteidigt. Der Schmerz der Gläubigen sei durchaus verständlich, so Wallner, doch die gegenwärtige Krise sei auch eine Chance, die Verkündigung der Kirche wieder missionarischer und "christozentrischer" zu gestalten.

Pater Karl Wallner war jahrelang Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz (Niederösterreich). Dort wirkte er auch als Professor für Dogmatik und Sakramententheologie. Seit 2016 ist Wallner Nationaldirektor des päpstlichen Missionswerks Missio in Österreich. Im Interview sprach er mit uns über die Herausforderungen der Corona-Krise und über einen möglichen "Fingerzeig Gottes".

Pater Karl Wallner, Sie sind als Nationaldirektor von MISSIO Österreich normalerweise viel unterwegs und mit vielen Menschen im Kontakt. Wie sehr hat sich Ihr Alltag seit Beginn der Corona-Krise verändert?

Seit dem 11. März bin ich durchgehend 24 Stunden in den Büroräumen der Päpstlichen Missionswerke in Wien, wo ich ein kleines 20-Quadratmeter-Zimmer habe. Weil die Büros gerade renoviert werden, ist mein Büro im Keller, sodass ich in einer Art Bunkerstimmung bin. Dutzende Vorträge, Firmungen, aber auch Projektbesuche im Kongo und in Uganda musste ich absagen. Dafür haben wir die Tatsache, dass unsere schöne Licht-der-Völker-Kapelle mit Kameras ausgestattet ist, sofort als einen Anruf Gottes gesehen: Seit 11. März übertragen wir täglich um 12:00 Uhr eine Heilige Messe im Livestream; wir haben sogar eine Livestream-Kindermesse erfunden. Und die Liturgie des Heiligen Triduum hatte tausende Mitfeiernde. Seither werden wir mit dankbaren Briefen und E-Mails überflutet…

Die Gläubigen können seit Wochen keine heilige Messe besuchen. Einige fühlen sich gerade jetzt von der Kirche im Stich gelassen. Können Sie das verstehen?

Es wäre eine Katastrophe, wenn es den Gläubigen egal wäre, dass sie nicht mehr zu den Sakramenten gehen können. Ich spüre auch bei mir eine große Traurigkeit, wenn ich die Heilige Messe nur mit zwei Gläubigen feiern kann. Zugleich tröstet mich die Tatsache, dass hunderte und tausende von zu Hause aus mitfeiern. Auch Menschen, die sonst nie in die Kirche gegangen werden, kann ich so erreichen.

Ich hatte schon Anfang März Berichte aus dem Iran, wo weit mehr Menschen gestorben sind als offiziell verlautbart, wie heimtückisch und gefährlich dieser Virus ist. Mir haben befreundete Christen berichtet, wie dort die Menschen tot in der Straße umfallen. Darum war ich immer alarmiert und habe die Maßnahmen, die die österreichische Regierung getroffen hat, als vorbildlich und absolut notwendig empfunden. Die Entwicklung hat das auch bestätigt.

Die Trauer der Menschen ist auch deshalb verständlich, weil es so eine Situation in 2000 Jahren noch nie gegeben hat und wir sie alle nicht einordnen können. Einen Papst alleine auf dem Petersplatz wie am 27. März 2020 hat es bis dahin noch nie gegeben.

Glauben Sie, die Kirche hat sich zu wenig gewehrt gegen die staatlichen Maßnahmen oder hat sie genau richtig gehandelt?

Wogegen hätte die Kirche sich wehren sollen? Wenn ich mich selber gefährden würde, wenn ich also so handle, dass ich mein eigenes Leben gefährde durch unzureichenden Schutz, dann wäre schon das eine Sünde. In dem Fall kommt aber dazu, dass ich in dem Augenblick, in dem ich mich infiziere, selbst zu einer tödlichen Gefahr für andere werde. Kardinal Schönborn hat daher das Einhalten der Hygienemaßnahmen als "konkrete Nächstenliebe" bezeichnet.

Manche halten die Schutzmaßnahmen aber für einen Ausdruck von fehlendem Gottvertrauen.

Das ist etwas, das mich als Sakramententheologe sehr betrübt: Die Gläubigen wissen nicht mehr, was Sakramente sind, in welcher Weise sich hier Natürliches und Übernatürliches verbindet. Fromme Menschen meinen, dass Schutzmaßnahmen etwas Unfrommes sind. Es ist auch das aufgetreten, was die Theologie immer heftig bekämpft hat: dass Sakramente oder Sakramentalien als magische irdische Zaubermittel verstanden werden.

Zugleich kann ich den Gläubigen, die meinen, dass man sich durch Weihwasser oder bei der Kommunionspendung nicht infizieren könne, auch nicht wirklich böse sein, denn über die Sakramente haben wir jahrzehntelang keine guten Katechesen gehalten.

Andere wurden in der jetzigen Krise aber noch mal richtig kreativ...

Gott-sei-Dank haben es aber die meisten verstanden und das Beste aus dieser Situation gemacht: Seit Jahrzehnten haben uns die Päpste eingeladen, "Hauskirche" zu bilden. Gekommen ist das Gegenteil, dass das Gebet zu Hause faktisch ausgestorben ist. Mir hat man hunderte Fotos geschickt, wo Familien, Kinder, ältere Menschen vor dem Bildschirm sitzen, die Hände gefaltet, manche knien sogar, weil sie die Heilige Messe miteinander im Livestream mitfeiern. Das ist natürlich eine Notlösung, aber ich möchte den Pfarrern und Seelsorgern mein Kompliment aussprechen:

So viele missionarische Initiativen, um die Menschen draußen zu erreichen, weil sie jetzt eben nicht kommen können, hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Und diese Maßnahmen wurden nicht "von oben" verordnet, oder in mühsamen kirchenbürokratischen oder synodalen Prozessen erarbeitet. Plötzlich gibt es in der Kirche wieder missionarische Kreativität an allen Ecken und Enden. Plötzlich denken Priester, Engagierte, Jugendliche, Medientechniker usw. nach, wie sie „die Menschen erreichen“ können. Der Heilige Geist scheint sich durch einen Virus nicht vertreiben zu lassen. Es scheint mir eher so, als habe die Pandemie Äußerlichkeiten entrümpelt, um Freiräume für neues Feuer zu schaffen. 

Immer wieder taucht jetzt die Frage auf: "Warum lässt Gott so etwas zu?" Andere dagegen fragen sich: "Was will uns Gott mit dieser Krise sagen?" - Haben Sie schon eine Antwort darauf gefunden?

Schon im Management gibt es ein Sprichwort: "Never miss a good crisis!" Auf Deutsch: "Jede Krise ist eine Chance". Die theologische Frage nach dem "Warum" ist nicht zu erklären. Warum sterben Menschen durch Vulkanausbrüche, durch Tusamis, durch Krebs, warum sterben sie überhaupt? Wohl, weil die Schöpfung etwas Unvollendetes ist, noch dazu vom Menschen her durch die Sünde beschädigt.

Wenn wir Menschen von Leid und Katastrophen getroffen werden, dann müssen wir immer einen Fingerzeig Gottes darin sehen. So haben wir es bei Missio Österreich oder im Stift Heiligenkreuz gehalten: Wir haben sofort die Seelsorge über Fernsehen und Internet und Livestream angeworfen. Ich habe stapelweise Briefe und hunderte Emails, dass Menschen sich neu für den Glauben begeistern. Es gibt Bekehrungen, und das ist doch auch ein Fingerzeig Gottes, oder?

In Österreich werden ab dem 15. Mai wieder öffentliche Gottesdienste möglich sein, Kardinal Christoph Schönborn hat heute die Auflagen verkündet. 

Wie zu erwarten war müssen die Grundregeln gehalten werden, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden: großen Abstand halten, den Austausch von Kontakten vermeiden, besonders durch Mundschutz die Verbreitung durch die Feuchtigkeit des Atmens. Daher sind die Gottesdienste, die wir ab 15. Mai halten dürfen, alles andere als "normal". Wenn ich höre, dass die Priester dann Plastikhandschuhe beider Kommunionspendung tragen müssen, und in eine Kirche mit 120 Quadratmeter nur sechs Leute sein dürfen, dann graut es mir ehrlich gesagt davor…

Aber es ist zumindest schon mal ein Anfang, nicht?

Natürlich ist dieser Schritt in Richtung "Normalität" besser als gar nichts, aber es ist eben nur ein "Schrittchen". Die Normalität der Heiligen Messe ist noch lange nicht erreicht. Ich fürchte, dass solche hygienisch-korrekten Gottesdienste keine Anziehungskraft ausüben werden und nur von Hardcore-Katholiken genutzt werden. Die Teilnahme am Gottesdienst ist aber kein Masochismus, sondern soll Freude machen. Schon aufgrund der sehr begrenzten Teilnehmerzahl wird es ein Angebot für wenige. Und was ist mit den vielen? Was ist mit unserem missionarischen Auftrag, "alle Menschen" zu erreichen?

Wir von Missio Österreich werden daher unser Angebot täglich zu Mittag via Livestream die Heilige Messe zur Mitfeier anzubieten, fortsetzen! Wir sehen ja, dass wir zum Beispiel durch die Livestream-Kindermesse junge Menschen erreichen können, wie das bei realen Messen gar nicht möglich wäre. Aber, wie gesagt: Es handelt sich um Notmaßnahmen in einer nie dagewesenen Notsituation. Auch ich wünsche mir ein Ende dieses virtuellen Notprogramms und bete darum, dass die Krankheit bald besiegt sein wird!

Bis dahin wird es aber allem Anschein nach noch etwas dauern... Was sagen Sie den Menschen, denen langsam alles zu viel wird? Was macht Ihnen Hoffnung?

Was ist das Ziel der Kirche? Volle Kirchen, pralle Absammelkörbe, schöne Fotos und Videos von der gelungenen Erstkommunion, von der feierlichen Firmung oder von der Traumhochzeit? Das Wort "Kirche" kommt von "Kyrios" und meint den "Herrn" Jesus Christus. Die Kirche ist dazu da, die Menschen mit dem Herrn zu verbinden und mit Gnade zu erfüllen. Dazu hat er uns die Sakramente als hauptsächliche Instrumente geschenkt, wie der heilige Thomas sagt. Aber die Sakramente sind nicht die einzigen Instrumente zur Christusverbindung: das persönliche Gebet, die eucharistische Anbetung, die geistliche Lesung in der Bibel, das geistliche Gespräch, das gute Heiligenbuch, der Rosenkranz, das Familiengebet, oder die Mitfeier einer Heiligen Messe über Livestream und vieles mehr gibt es doch auch noch.

Wenn das eine – aus einsichtigen Gründen – nicht geht, warum nützen wir nicht das andere? Es macht mich traurig, dass wir diese vielen tauglichen Mittel der Christusbeziehung zu leise propagieren. Nach meinem Urteil ist die Krise eine Chance für uns, um wieder christozentrischer und geistlicher zu werden. Viele Priester sagen mir: Jetzt ist mir wieder bewusst geworden, dass mein Fokus in der Heiligen Messe meine Beziehung (und die Beziehung meiner Gemeinde) zu Jesus Christus sein muss.

Ich kann als Priester nur persönlich sagen: Am 13. März hat das Virus hier in Österreich unsere Kirchenroutine abrupt gestoppt. Und Gott hat es zugelassen. Sosehr ich hoffe, dass es bald wieder eine völlige und echte Normalität bei der Sakramentenspendung geben wird, sosehr hoffe ich auch, dass wir Gläubigen den Fingerzeig Gottes wahrnehmen und durch den Stop des Bisherigen zu einer frömmeren, geistlicheren, kreativeren und vor allem missionarischeren Kirche werden.

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