Wollbold über MDG-Studie: "Die Interpretation ist das Problem"

"Wer sich bei Glaube und Kirche auskennt, lebt und denkt besser": Die neue Untersuchung der Kommunikation der Kirche: Welche Schlüsse lassen sich ziehen?

Professor Andreas Wollbold
Foto: Regina Frey

Schrumpfende Relevanz, Missbrauch und Vertuschung, Streit über Aufklärung, umstrittene Marathon-Kontroversen, steigende Austrittszahlen, Spannungen mit Rom: Die Katholische Kirche in Deutschland steckt in einer historischen Krise – und sucht fleissig seit Jahren nach Antworten. 

Ein Schlüssel dafür soll der am 7. Juli vorgestellte "MDG-Trendmonitor Religiöse Kommunikation" der Bischofskonferenz sein. Dafür hat das Institut für Demoskopie Allensbach zusammen mit der Sinus Markt- und Sozialforschung im Sommer 2020 insgesamt 1.690 Katholiken ab 14 Jahren befragt.

Was aber leistet diese Untersuchung, und wo sind ihre Grenzen? Die Studie – die vierte ihrer Art – will die Einstellung der Katholiken zu Kirche, Religion und Glaube, über ihre Mediennutzung, Informationsquellen und Interessen beschreiben – und auch gleich kommentieren.

Professor Andreas Wollbold lehrt Pastoraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Interview mit CNA Deutsch bewertet der Geistliche die Aussagekraft solcher Studien, Rückschlüsse auf eine Lösung der Kommunikationsprobleme der Kirche – und die Herausforderungen christlicher Soziologie.

Professor Wollbold, der Medienbeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Gebhard Fürst, sagte bei der Vorstellung: "Kirchliche Medienarbeit muss darauf achten, dass sie wahrhaft dem Menschen dienlich ist. Das bedeutet, dass man nicht jeden Trend unhinterfragt befördert. Gleichzeitig muss die Kirche selbst kommunikationsfähig bleiben und die Menschen dort erreichen, wo sie unterwegs sind." Wie bewerten Sie als Pastoraltheologe grundsätzlich solche Studien, mit Blick auf ihren Anspruch und die gesellschaftliche Beschreibung? 

Über gute, zuverlässige, objektive empirische Studien kann man nur dankbar sein. Mit ihnen schaut man genauer hin und kann Fakten, Trends und blinde Flecken ausmachen. Ohne solche Hilfen ist eine zielgerichtete, effektive Pastoral kaum denkbar. Ein Beispiel: Wem wäre spontan eingefallen, dass der gute, alte Pfarrbrief das unter Katholiken am meisten genutzte Medium ist? Ebenso sind die gemeindlichen Internet-Auftritte Spitzenreiter in der Beliebtheit kirchlicher Websites.

Überhaupt erhalten vor allem überschaubare, eigenständige Pfarreien fast nur Lob. Darin zeigt sich auch, wie wichtig und vital Gemeinden vor Ort sind - anders, als das viele Verfechter von XXL-Pfarreien sehen.

Manche Kritiker sagen, die Sprache und die Ansätze der Studie enthalten zum Teil post-christliche Soziologie. Teilen Sie diesen Eindruck?

Eine christliche Soziologie (oder in unserem Fall genauer Markt- und Meinungsforschung) gibt es nicht, allenfalls Christen, die nach fachlichen Standards Soziologie betreiben. Wohl aber gibt es eine schlechte Soziologie, die ideologisch aufgeladen und für weltanschauliche Zwecke instrumentalisiert wird. Bei entsprechender fachlicher Bildung kann man solche Verzerrungen aber auch leicht nachweisen. Denn wer ideologisiert, macht grobe Fehler.

Am deutlichsten ist das bei der Interpretation von Daten wie bei der Trendmonitor-Umfrage. Diese ist an sich seriös und gut gemacht, vor allem im von Allensbach verantworteten Kernteil. Doch manchmal schleichen sich Ungenauigkeiten ein. So wird von den Sinusmilieu-Forschern zur Beliebtheit des Pfarrbriefs gesagt, sie beschränke sich vor allem auf "kirchenaffine Milieus". Damit wird suggeriert, er habe kaum Ausstrahlung über die wenigen Kirchentreuen und -interessierten hinaus.

Schaut man genauer hin, dann sieht man, dass selbst das Milieu der "Hedonisten" (also etwa: Partyrausch statt Kirchgang) ihn zu 29 Prozent regelmäßig oder ab und zu lesen und nur zu 19 Prozent überhaupt nicht. Das ist doch eine erstaunlich hohe Zahl. Das Problem liegt vielmehr daran, dass viele überhaupt keinen Pfarrbrief bekommen.

In der Studie heißt es, dass es für die Kirche kaum mehr den einen verlässlichen Kanal gebe, mit dem sich viele Menschen ohne größere Anstrengungen erreichen lassen. Welche Mittel und Wege sehen Sie, damit kirchliche Kommunikation wieder fruchtbarer ist?

Da sind wir bei einem Grundproblem vieler Studien: die Interpretation der Ergebnisse. Da wird fast immer der Mund voller genommen, als es die Ergebnisse selbst hergeben. Das gilt nicht nur für die vielen Fachleute, die im zweiten Teil der Studie Kommentare aus ihrer Sicht verfasst haben.

Es gilt auch bereits für die Präsentation der Ergebnisse. Natürlich projiziert auch die Unternehmensberatung MDG als Trägerin der Studie ihre eigenen Interessen in das Design der Studie, und die Teams von Allensbach und der "Sinus Markt- und Sozialforschung GmbH" haben bestimmte Raster, die sich bis in die Formulierungen hinein zeigt. Am Ende entsteht einmal mehr das Gefühl, die traditionellen Kanäle hätten keine Zukunft. Überhaupt müsse die Kirche sich mehr an die Vorstellungen der Kirchenfernen anpassen - und sich damit rasant selbst säkularisieren. Alles ist im Fluss, dieses Credo wird betont vorgetragen. Denn nur so entsteht ja erhöhter Beratungsbedarf, wovon die MDG, Allensbach oder die Sinus-GmbH eben auch leben.

Zur Sache: Dass man die Menschen auf vielen Kanälen erreichen muss, ist ja beinahe eine Binsenwahrheit. Also neben dem Pfarrbrief auch ein guter Internetauftritt, WhatsApp-Gruppen, Livestreams, Podcasts und vieles andere. Nicht zu vergessen Nummer eins: die persönliche Begegnung. Ich war beim Lesen der Ergebnisse tatsächlich erstaunt, wie groß der Anklang gerade ortsnaher Kommunikation ist. Da liegt eine Menge an Zukunftspotenzial.

Nur sieben Prozent der Befragten sucht in den Medien gezielt nach Beiträgen zum Thema Glauben und Kirche. Was bedeutet das für die Medien, die von der Katholischen Kirche in Deutschland finanziert und betrieben werden?

Bei gut 22 Millionen Katholiken in Deutschland sind das ja immerhin eineinhalb Millionen Hochinteressierte. Sie bilden ein eigenes Segment, das man mit klaren, anspruchsvollen und wirklich substanziellen Beiträgen bedienen kann. Dazu zählt auch, ihnen das Bewusstsein zu geben, außergewöhnlich, besonders, ja geradezu eingeweiht zu sein. Avantgarde und nicht letzte Mohikaner. Wer sich bei Glaube und Kirche auskennt, lebt und denkt besser.

Oft wird aber das Gegenteil vermittelt und Glaube und Kirche als Problemfall dargestellt. Neue Frage: Was ist mit den übrigen 93 Prozent? Auch bei ihnen gibt es eine gute Botschaft. Viele von ihnen bleiben bei gut gemachten religiösen Beiträgen hängen, wenn sie sozusagen darüber stolpern, also etwa bei Themen wie Gesundheit oder Reisen, die sie unmittelbar interessierten.

Was haben bisherige Studien gebracht?

Das wäre eigentlich der Gegenstand einer eigenen Studie. Ich denke, insgesamt hat sich in der kirchlichen Medienlandschaft viel getan, auch im Sinn einer Professionalisierung. Das Problem ist jedoch, dass die Studien dabei oft so verkauft wurden, dass Glaube möglichst "soft" vermittelt wird, weil er sonst immer weniger Menschen anspricht.

Eine markante Medienarbeit, die zu dem, was den Menschen auf den Nägeln brennt, überraschende, neue und Horizonte erschließende Antworten gibt, hat aber wirklich Zukunft. Also 100 Prozent katholisch, pfiffig, professionell, vor allem aber am Puls der Zeit und dem, was die Menschen wirklich bewegt. Das ist nämlich oft etwas ganz Anderes als die ewigen Modethemen.

Nach christlicher Überzeugung gilt das Evangelium allen Menschen, die Gott suchen und dadurch zum irdischen, aber vor allem auch zum ewigen Glück kommen möchten. Wird diese Überzeugung Ihrer Meinung nach ausreichend berücksichtigt?

Nein, die Kirche und viele ihrer Medien sind fast vollständig der Diesseitigkeit unserer Kultur verfallen. Das Wissen um die Ewigkeit und um einen Gott, bei dem ganz anderes zählt als der irdische Erfolg und das Wohlbefinden, sind aber das entscheidende Plus des Christentums. Man muss eben nur wirklich daran glauben.

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