Vom IS entführter Erzbischof erzählt von seiner Freilassung

Pater Jacques Mourad
Foto: Mit freundlicher Genehmigung

Seine Gemeindemitglieder nennen ihn „Vater“, für seine Kidnapper war er ein „Ungläubiger“ — und für die syrisch-katholische Kirche ist er Pater Jacques Mourad vom Kloster Mar Elian, der neue Erzbischof von Homs (Syrer).

Im Interview mit der arabischen CNA Deutsch-Partneragentur ACI MENA sprach Mourad über seine Entführung durch Kämpfer des Islamischen Staates (IS), wie er diese überlebte, und seine Perspektive für den Frieden und eine Zukunft des Christentums im Nahen Osten.

Der IS kidnappt Pater Jacques Mourad

Über seine Entführung durch den IS im Mai 2015 sagt er heute: „Ich wurde aus dem Kloster Mar Elian in der Gegend von Al-Qaryatayn entführt. Die Entführer nahmen mir meine Autoschlüssel ab. Ein junger Christ und ich wurden vier Tage lang gefesselt festgehalten, ohne dass wir wussten, was mit uns geschehen würde".

"An einem Pfingsttag wurde ich in die Stadt Raqqa gebracht, und ich betete den ganzen Weg über den Rosenkranz und hörte auf diese starke innere Stimme, die mir versicherte, dass ich freigelassen werden würde".

Vom 21. Mai bis zum 11. August 2015 wurde Mourad vom Islamischen Staat in der Stadt Raqqa gefangen gehalten. Er sagt, er spürte, dass sein Ende nahe war, aber der innere Frieden habe ihn nicht verlassen. Am 11. August desselben Jahres suchte ihn einer der IS-Kämpfer auf. Er fragte ihn: "Bist du der, den sie Vater nennen?" Mourad sagt, er bejahte die Frage — dann forderte der Dschihadist ihn auf, sich vorzubereiten.

Pater Jacques Mourad wusste nicht, was dies bedeutete: Würde er getötet werden? Oder würde er freigelassen werden? Weder noch, wie sich herausstellte: Der Dschihadist ließ den christlichen Kleriker in den Homser Distrikt Tadmur zu schicken, um 250 Christen aus seiner Gemeinde zu sehen.

Doch Mourad wurde auch unter Druck gesetzt — systematisch und fortgesetzt: Er wurde als Ungläubiger und Irregeleiteter beschimpft und gedemütigt. Gegenüber ACI MENA schildert er, dass er damit christlich umging: Mourad erklärt, es gehe eben nicht um Rache, sondern die Liebe Gottes.  

Im Gebet, auch und gerade um die Fürsprache der Jungfrau Maria, suchte er Trost und Halt, sagt der angehende Erzbischof. Er kam auch zu der Einsicht, so Mourad, „dass wir Teil dieser verwundeten syrischen Gesellschaft sind, da wir Partner im Schmerz sind, den jeder Christ, Muslim oder auch der kirchliche Klerus angesichts des syrischen Krieges erleidet.“

Ein Teil dieser schmerzhaften Realität sind auch Tod und Entführung, betont der angehende Bischof, der auch für seine Eltern und den gekidnappten Pater Paolo Dall'Oglio betete, dessen Schicksal unbekannt ist.

Mourad fuhr fort: "Hier zeigt sich die Rolle der Kirche in ihrem Verständnis ihrer Berufung zur Solidarität mit ihren Gemeindemitgliedern“ — aber auch mit allen Syrern, die an Gott glauben.

So überlebten Erzbischof Mourad und die übrigen Gefangenen

Vor der Befreiung von Erzbischof Mourad hatte einer der Kämpfer des IS Mitleid mit ihm und den anderen Gefangenen. Der Dschihadist beschloss, alle am Leben zu lassen, anstatt sie zu töten, wenn sie im Gegenzug ein Abkommen unterzeichnen, innerhalb der Grenzen des Islamischen Staates zu leben und Steuern zu zahlen.

Mourad erklärt, wie er unweigerlich den Islamisten fragte: "Warum haben sie beschlossen, uns am Leben zu lassen?" Der Dschihadist habe geantwortet: "Die Christen in der Region haben nicht zu den Waffen gegen den Islamischen Staat gegriffen, und als wir ihre Häuser durchsuchten, fanden wir keine einzige Waffe."

Ein junger muslimischer Nachbar, so Mourad voller Dankbarkeit, habe dann das Risiko auf sich genommen, ihn auf seinem Motorrad aus dem Gebiet von Al-Qaryatayn zu bringen.

"Nicht alle Muslime sind Anhänger des IS oder Terroristen", betont Mourad. Die Menschen in Syrien lebten seit vielen Jahren in Brüderlichkeit, und die christliche Präsenz im Land bestehe auch weiterhin fort.

Das Internationale Institut für Abrüstung zeichnete Erzbischof Mourad kürzlich mit dem Preis der "Taube des Friedens" aus. Die Auszeichnung wird jährlich an eine Person verliehen, die sich für den Aufbau einer waffenfreien Welt einsetzt.

Der ernannte Erzbischof betont gegenüber ACI MENA: "Der Weg des gläubigen Christen führt allein in das Herz Gottes und den Schoß seiner Barmherzigkeit. Folgen wir ihm bis zum Kreuz und zum Tod, um das himmlische Reich zu erlangen und mit ihm in der ewigen Glückseligkeit zu leben, und um unser Herz von der Bindung an irdische Dinge zu befreien, da wir Gewalt, Schaden und das Böse ablehnen müssen. Lasst uns den Glauben an das heilige Evangelium leben und Werkzeuge für die Verbreitung des Friedens sein.“

Übersetzt, gekürzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.