Analyse: Vor Weltfamilientreffen in Rom stehen christliche Familien vor Herausforderungen

Teilnehmer am Weltfamilientreffen in Dublin.
Foto: Rudolf Gehrig / EWTN.TV

In einer Zeit, in der Familien weltweit neuen Herausforderungen gegenüberstehen und der traditionelle Familienbegriff zunehmend aufgelöst wird, findet im Juni in Rom das 10. Weltfamilientreffen statt. Doch auch innerhalb der Katholischen Kirche sorgen verschiedene Strömungen und der Ruf nach Anpassung für Unruhe. Kann die Kirche in dieser Phase der Weltgeschichte suchenden Familien noch Antworten geben? 

Nach fast zwei Jahren, in denen viele Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurden, wird in diesem Sommer das 10. Weltfamilientreffen in Rom stattfinden. Vier Jahre nach dem letzten Weltfamilientreffen in Dublin werden Familien, Theologen und Gläubige aus der ganzen Welt vom 22. bis 26. Juni in die Ewige Stadt kommen und versuchen, gemeinsam Antworten zu finden auf die unterschiedlichen Herausforderungen, mit denen Familien in der Gegenwart zu kämpfen haben.

Das Thema des diesjährigen Treffens lautet "Familienliebe: Berufung und Weg zur Heiligkeit" und soll das Jahr der Familie beschließen, das im vergangenen Jahr (19. März 2021) begonnen hat. Die deutsche Bischofskonferenz hat dazu inzwischen auch ein offizielles Gebet veröffentlicht.

"Familienliebe: Berufung und Weg zur Heiligkeit"

In seiner Videobotschaft kündigte der Papst Franziskus ein "multizentrisches und breit gefächertes Format" an, "das die Beteiligung der diözesanen Gemeinschaften in der ganzen Welt" fördern werde. Alle Familien weltweit sollen daran erinnert werden, dass sie Teil der Weltkirche sind. Nur das Hauptereignis wird in Rom stattfinden, wo internationale Vertreter der Familienpastoral am Pastoralkongress und dem Familienfest teilnehmen werden.

Der Heilige Vater ruft die einzelnen Diözesen weltweit dazu auf, während des Weltfamilientreffens parallel in den Heimatbistümern Orte der Begegnung zu schaffen und Initiativen zu gründen, die das Motto des Welttreffens der Familien umsetzen. Gegenüber "EWTN Vatican", einem Medienpartner von CNA Deutsch, sagte Walter Insero, der Direktor des Kommunikationsbüros der Diözese Rom: "Es wird ein Treffen sein, bei dem es möglich ist, sich kennenzulernen, dem Heiligen Vater zu begegnen, sein Wort zu hören und sich gegenseitig zu auszutauschen."

In dem Fernsehbeitrag für das EWTN-Nachrichtenmagazin "Vaticano", der am kommenden Sonntag erstmals ausgestrahlt werden wird, ergänzte Insero, dass das Weltfamilientreffen ein Teil des weltweiten "synodalen Weges" sei, auf dem sich die Kirche seit der von Papst Franziskus ausgerufenen Weltsynode über Synodalität befindet.

Letztes Weltfamilientreffen von Missbrauchskrise überschattet

Das erste Weltfamilientreffen fand auf Anregung von Papst Johannes Paul II. am 8. und 9. Oktober 1994 in Rom statt. Seitdem wird dieses Ereignis in der Regel alle drei Jahre an verschiedenen Orten der Welt organisiert, durch einen internationalen theologisch-pastoralen Kongress begleitet und mit einer abschließenden Eucharistiefeier beendet.

Das letzte Weltfamilientreffen 2018 in Dublin, Irland, wurde jedoch vor allem von den jüngsten Enthüllungen über das Ausmaß der Missbrauchskrise überschattet (lesen Sie hier das einen persönlichen Rückblick zum Weltfamilientreffen in Dublin).

Das "katholische Irland" zeigte dem Papst demonstrativ die kalte Schulte, bei den Fahrten des Papamobils über die Straßen der grünen Insel jubelten nur vereinzelt Menschen dem Heiligen Vater zu, anders als noch 1979, als Papst Johannes Paul II. bei seinem Pastoralbesuch in Irland von einer begeisterten Menschenmasse empfangen wurde.

Doch 2018 war anders. Auch beim Familienfestival im Nationalstadion Irlands und bei der Abschlussmesse klafften große Lücken im Publikum, während Irlands damaliger Regierungschef Leo Varadkar den Pontifex sogar öffentlich warnte, dass es ein "neues" Verhältnis zwischen Staat und Kirche geben müsse. Irland sei jetzt ein "modernes, fortschrittliches" Land, in dem jeder Mensch gleichberechtigt sei, hob Varadkar hervor. Nicht erwähnt wurden in seiner Lobeshymne auf die vom Staat geschaffene Gleichberechtigung all die ungeborenen Menschen, die sich nun einer neuen Bedrohung ausgesetzt sehen: Wenige Monate zuvor hatte Irland Abtreibungen nun offiziell erlaubt.

Die Wut über die Missbrauchsenthüllungen war deutlich zu spüren und rückte das Weltfamilientreffen zunehmend in den Hintergrund. Auch Papst Franziskus selbst geriet besonders durch die Veröffentlichung des Vigano-Briefes (CNA Deutsch hat berichtet) in die Kritik. Die von vielen als unglücklich empfundenen Aussagen des Papstes auf dem Rückflug von Dublin nach Rom hatten die Hoffnungen auf eine lückenlose Aufklärung im McCarrick-Skandal nicht unbedingt bestärkt.

Gegen eine "Hoheit über die Kinderbetten" des Staates

Das nächste Familientreffen – das zehnte – sollte drei Jahre nach Irland im Jahr 2021 in Rom stattfinden. Doch wie so häufig in den letzten beiden Jahren verschob auch diesmal die Coronavirus-Pandemie den Zeitplan.

Die Herausforderungen, vor denen Familien heute stehen, sind vielfältig. In vielen Ländern gibt es Bestrebungen, den traditionellen Familienbegriff aufzuweichen und zu relativieren. Gleichzeitig versuchen immer mehr Staaten, die "Hohheit über die Kinderbetten" (Olaf Scholz, SPD) zu übernehmen und die Aufgabe der Kindererziehung, die seit jeher in der Verantwortung der Eltern lag, an staatliche Einrichtungen zu deligieren.

Papst Franziskus selbst hatte zu Beginn seines Pontifikats im Jahr 2012 der Familie "eine tiefe kulturelle Krise" bescheinigt. In seinem Schreiben "Evangelii Gaudium" hielt er fest: 

"Im Fall der Familie wird die Brüchigkeit der Bindungen besonders ernst, denn es handelt sich um die grundlegende Zelle der Gesellschaft, um den Ort, wo man lernt, in der Verschiedenheit zusammenzuleben und anderen zu gehören, und wo die Eltern den Glauben an die Kinder weitergeben. Die Ehe wird tendenziell als eine bloße Form affektiver Befriedigung gesehen, die in beliebiger Weise gegründet und entsprechend der Sensibilität eines jeden verändert werden kann. Doch der unverzichtbare Beitrag der Ehe zur Gesellschaft geht über die Ebene der Emotivität und der zufälligen Bedürfnisse des Paares hinaus." (EG,66)

Bereits Papst Johannes Paul II. sagte über die Bedeutung der Familie: "Die Zukunft der Menschheit geht über den Weg der Familie!" 

Diesen Satz schrieb der inzwischen heiliggesprochene Papst in seinem Apostolischen Schreiben "Familiaris Consortio", das bereits 1981 erschien. Mit beeindruckender Weitsicht analysierte der Pontifex aus Polen die Gefahren für die Familie. Zugleich sah er darin aber auch eine Chance für die Kirche. Er schrieb:

"In einem geschichtlichen Augenblick, in dem die Familie Ziel von zahlreichen Kräften ist, die sie zu zerstören oder jedenfalls zu entstellen trachten, ist sich die Kirche bewußt, dass das Wohl der Gesellschaft und ihr eigenes mit dem der Familie eng verbunden ist (vgl. Gaudium et Spes, 47), und fühlt umso stärker und drängender ihre Sendung, allen den Plan Gottes für Ehe und Familie zu verkünden, um deren volle Lebenskraft und menschlich-christliche Entfaltung zu sichern und so zur Erneuerung der Gesellschaft und des Volkes Gottes beizutragen." (FC, 3)

Die Heilige Familie als Vorbild

Die Familie ist ein Abbild der Einheit zwischen Christus und der Kirche, hat Johannes Paul wiederholt betont. Gleichzeitig habe die Familie die wichtige Aufgabe, dem Leben zu dienen, am "Leben und an der Sendung der Kirche" mitzuwirken und auch an der Entwicklung der Gesellschaft teilzunehmen.

Gegenüber EWTN ergänzte Monsignore Walter Insero:

"Ich glaube, dass die christliche Familie, die Familie, die von der Liebe, die in der Ehe gefeiert wird, leuchtet, ein Zeugnis ist, das auch alle kritischen Fragen und Schwierigkeiten überwindet. Deshalb schlägt die Kirche diese Botschaft vor: dass sie wegen ihrer Schönheit leuchtet. Es ist eine Botschaft, die immer gültig ist, weil sie alle Generationen fasziniert, weil es schön ist, sich ein Leben lang zu lieben und Liebe und Treue für immer zu versprechen."

In seinem Apostolischen Schreiben "Gaudete et Exsultate" erinnerte Papst Franziskus 2018 daran, dass – passend zum diesjährigen Thema des Welttreffens der Familien – auch Ehepaare eine wichtige Berufung füreinander haben. "Es gibt viele heilige Ehepaare, in denen jeder der Ehegatten ein Werkzeug für die Heiligung des anderen ist", heißt es dort.

Der Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Kardinal Marcello Semeraro, weiß, wer als Vorbild für die Familien dienen kann. Gegenüber EWTN Vatican sagte er:

"Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass wir die Heilige Familie haben. Wir haben ein Jahr hinter uns, das dem heiligen Josef gewidmet ist. Der heilige Josef ist kein Elternteil, aber er ist ein Vater. Wie viele Eltern sind wirklich Väter? Es gibt viele Eltern, deren Väter nie Väter werden. Und es gibt so viele Väter. Ich denke an Erzieher, sogar an Priester und so weiter. Lehrer, die Väter waren, aber nicht ihre Kinder sind."

Auch Menschen ohne Familie haben eine Familie

Bereits in "Familiaris Consortio" sprach Papst Johannes Paul II. allerdings auch über die Wichtigkeit, dass sich die Kirche besonders um jene Familien kümmert, die sich in "prekären Situationen" befinden.

Ob Verwitwete Ehepartner, Geschiedene, Kinderlose oder schlicht jene, die den Rest ihres Lebens allein bleiben – sie alle sollen in der Gemeinschaft der Kirche ihre Familie finden können, appelliert der Pontifex an alle, die in der Pastoral tätig sind. Er schreibt:

"Denjenigen, die keine natürliche Familie haben, sollen die Pforten der großen Familie der Kirche um so weiter geöffnet werden, die ihnen konkret in der Diözesan- und Pfarrfamilie, in den kirchlichen Basisgemeinschaften und apostolischen Bewegungen begegnet. Niemand ist ohne Familie auf dieser Welt; die Kirche ist Haus und Familie für alle, besonders für jene, die sich plagen und schwere Lasten tragen." (FC 85)

Das kommende Weltfamilientreffen wird einen Platz für all diese Familien haben, betont auch der Leiter des Kommunikationsbüros der Diözese Rom. "Rom wird diese Familien willkommen heißen", so Walter Insero, "es wird Familien aufnehmen, die auf der Suche sind, es wird Familien aufnehmen, die verwundet sind, Familien, die Fragen haben, Fragen."

Nicht nur Mutter Kirche freut sich auf den Besuch, sondern auch der Heilige Vater. In seiner Videobotschaft ruft er dazu auf, das Weltfamilientreffen auch in den jeweiligen Heimatdiözesen sichtbar zu machen. Papst Franziskus wörtlich:

"Habt also Mut, liebe Pfarrer und liebe Familien, und helft euch gegenseitig, in den Diözesen und Pfarreien auf allen Kontinenten Treffen zu organisieren. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise zum bevorstehenden Welttreffen der Familien! Und vergessen Sie nicht, für mich zu beten. Ich danke euch!" 

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