Im Auge des Hurrikans: Ein Kommentar zum Weltfamilientreffen 2022

Verschwommener Blick auf den Petersdom in Rom.
Foto: Rudolf Gehrig / CNA Deutsch
01 July, 2022 / 8:00 AM

Erst beim zweiten Hinsehen stoppte das Touristenpaar vor der Absperrung des Petersplatzes und blickte verwundert in Richtung des Petersdomes, hinter dem die Sonne soeben eine letzte Ehrenrunde drehte. Die Selfies waren schon längst geschossen und eigentlich wollten die beiden schon weitergehen, als sie die Stimmen wahrnahmen, die von der aufgebauten Tribüne vor dem Petersdom herüberschwappten.

Ihr Blick fiel auf die riesigen Bildschirme und endlich sahen sie den Mann in Weiß über den Fernseher flackern.

Auf einmal ergaben auch die weiträumigen Absperrungen Sinn, all die Fernsehkameras und die drei provisorischen Studios, die ganz in der Nähe aufgebaut waren. Der Papst war da und feierte an einem Samstagabend die Heilige Messe auf dem Petersplatz. Einige Menschen waren gekommen, das erste Drittel des Platzes war voll. Man kannte das von den Generalaudienzen am Mittwoch, wenngleich der Platz dann jedesmal deutlich voller ist. Oder vom Angelusgebet an jedem Sonntagmittag, wenn ebenfalls viele Menschen auf den Petersplatz strömen, um den Heiligen Vater am Fenster zu sehen.

Aber diesmal war es irgendwie anders. Die Absperrungen ließen viel mehr Raum für noch mehr Menschen. Doch der wurde nicht genutzt. Was also war da eigentlich los?

"Ungewöhnliche" Aktivitäten im Vatikan

Es mag verständlich erscheinen, dass das Touristenpaar vor dem Petersdom nicht mitbekommen hatte, dass von 22. bis zum 26. Juni in Rom das X. Weltfamilientreffen stattfand. Es mag an der manchmal durchaus etwas behäbigen Informationspolitik des Vatikans gelegen haben, dass selbst viele Katholiken nicht mitbekommen hatten, dass es dieses Weltfamilientreffen überhaupt gibt. Die Corona-Pandemie, die das ursprünglich für 2021 geplante Treffen um ein Jahr nach hinten verschoben hatte, mag sein Übriges dazugetan haben.

Selbst an mutmaßlichen Medienprofis war das Weltereignis vorbeigegangen. Am 20. Juni, also zwei Tage vor Eröffnung des Weltfamilientreffens, postete die US-Journalistin Megyn Kelly ein kurzes Video auf Twitter, das für Schlagzeilen sorgte. Kelly arbeitete früher bei Fox News und NBC und hat bei Twitter mehr als 2,6 Millionen Follower. Eigentlich war sie "außer Dienst" und nur für einen Familienurlaub in Rom, als sich plötzlich der journalistische Instinkt in ihr regte.

In ihrem Video berichtete sie aufgeregt davon, dass sie von den Rücktrittsgerüchten um Papst Franziskus gehört habe. Heute Morgen habe sie innerhalb des Vatikans jedoch "massenweise Kardinäle" gesehen, was ihrer Meinung nach "sehr ungewöhnlich", ja sogar "nicht normal" sei. Letztlich sei in Rom gerade viel in Bewegung und selbstverständlich bleibe sie an der Sache dran, versprach die Journalistin.

Immerhin: Es waren tatsächlich zahlreiche Familien aus verschiedenen Ecken der Welt in die Ewige Stadt gekommen, um am Weltfamilientreffen teilzunehmen. Darunter selbstverständlich auch "massenweise" Kardinäle, Bischöfe, Priester, Ordensleute – soweit, so nicht "sehr ungewöhnlich".

Doch der große Massenandrang, der in der Vergangenheit aus den Weltfamilientreffen durchaus so etwas wie einen "Weltjugendtag für Familien" gemacht hatte, blieb offensichtlich aus.

Letztes Weltfamilientreffen in Irland: Unter dem Schatten des Missbrauchs

Im Vorfeld hatte Papst Franziskus in seiner Videobotschaft ein "multizentrisches und breit gefächertes Format" angekündigt, "das die Beteiligung der diözesanen Gemeinschaften in der ganzen Welt" fördern werde. Alle Familien weltweit sollten daran erinnert werden, dass sie Teil der Weltkirche sind. Nur das Hauptereignis sollte in Rom stattfinden, wo internationale Vertreter der Familienpastoral am Pastoralkongress und dem Familienfest teilnehmen werden.

Beim letzten Weltfamilientreffen, das 2018 in Dublin stattfand, hatten die jüngsten Missbrauchsenthüllungen – darunter der McCarrick-Skandal – weltweit Proteste ausgelöst und vor allem im Gastgeberland Irland, das einige Zeitungskolumnisten bis heute süffisant als "streng katholisch" klassifizieren, zu einer Abwehrhaltung geführt.

Die Rückkehr eines Papstes nach Irland, das 1979 Johannes Paul II. noch frenetisch begegrüßte, wurde mit Argwohn und Misstrauen begleitet. Auch die weit angereisten Pilger aus dem asiatischen und lateinamerikanischen Raum vermochten dem Familienfest die Leichtigkeit nicht zurückzugeben.

Während die Präsenz des Papstes und der Kirche in Irland noch Argwohn und Wut auslöste, erregte beides beim X. Weltfamilientreffen bei den säkularen Beobachtern maximal Gleichgültigkeit.

Papst Franziskus: "Die Ehe ist keine Formalität"

Dabei hatte auch dieses Weltfamilientreffen durchaus einige spannende Beiträge zu bieten. In Erinnerung bleiben besonders die vielen Zeugnisse von Familien aus aller Welt. Darunter auch und vor allem von Familien, die mit beeindruckender Offenheit darüber berichteten, dass ein Familienleben eben nicht immer rosarot ist. In der Audienzhalle des Vatikan kamen Ehepaare zu Wort, die ungeschönt von Eifersucht, Untreue, Verlusten und Gewalt sprachen, aber auch von Vergebung, Versöhnung, Trost und Treue.

Der Papst selbst hatte immer wieder das Motto des Treffens wiederholt und darum herum seine Appelle aufgebaut: "Familienliebe: Berufung und Weg zur Heiligkeit".

 "Es ist nicht leicht, vor einem so großen Publikum über Ihr Leben, Ihre Schwierigkeiten oder die wunderbaren, aber intimen und persönlichen Gaben zu sprechen, die Sie vom Herrn erhalten haben", rief der Heilige Vater den angereisten Familien bei der Eröffnung am Mittwochabend zu. "Ihre Zeugnisse haben als 'Verstärker' gewirkt: Sie haben den Erfahrungen so vieler anderer Familien in der Welt eine Stimme gegeben, die wie Sie die gleichen Freuden, Ängste, Leiden und Hoffnungen erleben."

In einer Gesellschaft, die das katholische Eheverständnis zunehmend an den Rand drängt oder gar als "diskriminierend" brandmarkt, wiederholte Papst Franziskus die Bedeutung der Sakramentalität:

Die Ehe ist keine Formalität, die es zu erfüllen gilt. Man heiratet nicht, um "mit Etikette" katholisch zu sein, um eine Regel zu befolgen oder weil die Kirche es sagt; man heiratet, weil man die Ehe auf die Liebe Christi gründen will, die so fest wie ein Fels ist. In der Ehe schenkt Christus sich Ihnen, damit Sie die Kraft haben, sich einander zu schenken. Nur Mut, denn das Familienleben ist keine unmögliche Aufgabe! Mit der Gnade des Sakraments macht Gott es zu einem wunderbaren Weg, den wir gemeinsam mit ihm gehen, niemals allein. Die Familie ist kein schönes, in der Realität unerreichbares Ideal. Gott garantiert seine Gegenwart in Ehe und Familie, nicht nur am Tag der Hochzeit, sondern das ganze Leben lang. Und er unterstützt Sie jeden Tag auf Ihrem Weg.

Und selbst beim schlecht besuchten Pontifikalamt auf dem Petersplatz am letzten Abend vor dem Abschluss fand Franziskus Worte, die für Familien – nicht nur katholische! – relevant sind. "Helft den Kindern ihre Berufung zu finden", appellierte der Pontifex, "liebe Eltern, wenn ihr euren Kindern helft, ihre Berufung zu entdecken und anzunehmen, werdet ihr sehen, dass sie von dieser Sendung 'ergriffen' werden und die Kraft haben, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern."

Der unfreiwillige Höhepunkt: "Roe v. Wade"

Und dennoch, als Höhepunkt des Familientreffens wird wahrscheinlich unfreiwillig der Freitag, 24. Juni 2022, gelten.

Es war bereits am späten Nachmittag, als die Eilmeldung die Runde machte, dass der Supreme Court in den Vereinigten Staaten von Amerika das Urteil Roe v. Wade gekippt hat (CNA Deutsch berichtete). Damit hatte der Oberste Gerichtshof der USA festgestellt: Die Verfassung des Landes kennt kein "Recht auf Abtreibung".

Während Lebensschützer auf der ganzen Welt in Jubelstürme ausbrachen, erreichte die Euphorie auch Rom. Der Heilige Vater selbst kommentierte dieses Ereignis nicht, weder am drauffolgenden Tag beim Pontifikalamt, noch beim Angelusgebet am Sonntag, das den Abschluss des Weltfamilientreffens bildete. US-Familien jubelten und mit ihnen freuten sich weitere Familien aus allen Teilen der Weltkirche, die im Kampf für den unbedingten Schutz des Lebens seit jeher an forderster Front steht.

Bereits am selben Tag hatte der Lebensschutz allerdings auch einen herben Rückschlag erlitten. Der Bundestag in Berlin hatte den berüchtigen Paragraphen 219a aufgehoben, sodass in Deutschland nun der Weg frei dafür ist, Abtreibungen zu bewerben (CNA Deutsch berichtete).

Zurück in die Katakomben?

Der Begründer der Weltfamilientreffen, Johannes Paul II., hatte immer wieder vor der "Kultur des Todes" gewarnt. An jenem Freitag war dieser Sturm, der die Heiligkeit des Lebens und damit auch der Familie attackierte, erneut wie ein Hurrikan über die Menschheit hinweggefegt. Während die verschiedenen Vortragsredner also in der Audienzhalle des Vatikan mehr oder weniger stoisch über die Schönheit und Heiligkeit des Lebens und der Familie refererierten, tobte außerhalb der geschützten Mauern der Kampf. 

Doch mittendrin, quasi im Auge des Hurrikans, dort, wo niemand lärmte, wo Referenten mit fast schon lakonischer Seelenruhe ihre mehrseitigen Manuskripte umblätterten und von der Schönheit des Lebens sprachen, von der Gewissheit, dass Gott all das geschaffen hatte und "sah, dass es gut war", genau dort fand also das Weltfamilientreffen statt. Ohne Getöse, ja, ohne die Aufmerksamkeit, die es verdient hatte, doch mit der ungerührten Gelassenheit einer Institution, die sich in der unüberwindlichen Kraft der Liebe Gottes verwurzelt weiß.

In Europa – das haben nicht zuletzt die Austrittszahlen in Deutschland gezeigt – ist die Zeit der Volkskirche scheinbar vorbei. Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass die katholische Kirche auf europäischer Ebene vielleicht nicht mehr in der Lage ist, so mühelos wie früher die Massen zu bewegen und mitreißende Feste zu veranstalten.

Die Kirche in Europa schrumpft in den nächsten Jahren möglicherweise auf Katakomben-Größe zurück. Und doch erreicht und bewegt sie weiterhin die Menschen. Die Familie, "Keimzelle der Gesellschaft", Urbild der Kirche und Abbild der Trinität Gottes, wird besonders dann die entscheidende Rolle spielen; auch wenn sie, die Familie genau wie die Kirche, von vielen Seiten bedroht und schon abgeschrieben wird.

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln allein die Ansichten der jeweiligen Gastautoren wider, nicht die der Redaktion von CNA Deutsch.

Das könnte Sie auch interessieren: