Analyse: Die Finanzkrise des Vatikans

Pater Antonio Guerrero
Foto: Vatican Media

Angesichts mehrerer Presse-Berichte über die finanzielle Lage und Geschäfte des Vatikans hat sich der neue Finanzchef des Heiligen Stuhls über die Vatikan-eigenen Medien an die Öffentlichkeit gewandt.

Dem Vatikan drohe nicht der Staatsbankrott, beteuert Jesuitenpater Juan Guerrero in einem Interview mit Andrea Tornielli, dem Leiter der staatlichen "Vatican News".

"Was nicht heißt, dass wir die Krise nicht beim Namen nennen. Uns stehen auf jeden Fall schwierige Jahre ins Haus", so der Priester, der erst seit Januar diesen Jahres als Finanzminister dient.

Der Vatikanist John Allen berichtet am gestrigen Mittwoch auf der Webseite "Crux" über eine interne Analyse des Vatikans, die Papst Franziskus vor kurzem bei einem Treffen mit seinen Abteilungsleitern vorgelegt wurde. Dieser zufolge sollen Einnahmerückgänge aufgrund der Coronavirus-Pandemie dazu führen, dass das jährliche Defizit des Vatikans zwischen 30 und 175 Prozent in die Höhe schnellen wird, je nachdem, welches von drei Szenarien - vom besten bis zum schlimmsten Fall - realisiert wird. Allen weiter: Unter dem Worst-Case-Szenario, das von Fehlbeträgen zwischen 50 und 80 Prozent und nur begrenzten Erfolgen bei der Eindämmung der Kosten ausgeht, würde sich das Defizit 2020 auf 146 Millionen Euro oder 158 Millionen Dollar belaufen – was bedeuten würde, dass der Vatikan doppelt so viel ausgeben würde, wie er einbringt.

Doch die sogenannte "Coronakrise" ist nur ein Teil der Probleme des Vatikans, wie die Catholic News Agency (CNA) berichtet.

Tatsächlich hatte der Vatikan vor der Covid-19-Pandemie finanzielle Probleme. Bereits im Jahr 2018 verbuchte der Heilige Stuhl ein Haushaltsdefizit von 70 Millionen Euro, bei einem Gesamtbudget von 300 Millionen Euro.

(Teil dieses Defizits von 2018 hat mit der Abschreibung eines umstrittenen Darlehens zu tun, an dem ein bankrottes italienisches Krankenhaus beteiligt war, wie CNA Deutsch berichtete.)

Im neuen Interview sagt Pater Guerrero, vor der Coronavirus-Pandemie seien die Einnahmen und Ausgaben von 2016 bis 2020 "konstant" geblieben. Die Ausgaben überstiegen jedes Jahr um durchschnittlich 60 bis 70 Millionen Euro, so der Priester weiter. Für den Heiligen Stuhl bedeute die Coronavirus-Krise den Verlust von Einnahmen aus den Vatikanischen Museen. Hinzu kämen unter anderem Verluste aus Immobilieninvestitionen.

Am 10. Mai berichtete die italienische Zeitung "Il Messaggero" über einen internen Bericht des Vatikans, der für das nächste Finanzjahr eine Einkommensminderung von mindestens 30 Prozent, möglicherweise sogar 80 Prozent, vorsieht.

Diese Prognosen sagen also - wie John Allen ebenfalls – einen erheblichen Anstieg des jährlichen Haushaltsdefizits des Heiligen Stuhls voraus. Guerreros Zahlen decken sich jedoch nicht mit diesen Angaben.

Der Jesuit sagte vielmehr, dass "die optimistischsten Projektion mit einem Rückgang der Einnahmen um etwa 25 Prozent rechnen, die pessimistischsten mit etwa 45 Prozent".

Der Finanzchef erklärte nicht die Diskrepanz zwischen seinen Zahlen und denen des internen Berichts, aber er sagte Vatikan News: "Das Beste, was wir tun können, ist, fleißig und transparent zu sein. Wir werden uns auf das Geld verlassen, auf das wir zählen können".

"Wir werden einen Null-Basis-Haushalt für 2021 aufstellen. Grundlage ist das Wesentliche unserer Sendung", fügte er hinzu.

Guerrero unterstrich, dass der Heilige Stuhl "kein Unternehmen" sei, und sein "Ziel ist es nicht, Profit zu machen", sondern sich auf die Mission zu konzentrieren.

Guerrero zufolge ist das Betriebsbudget des Heiligen Stuhls "geringer als das einer durchschnittlichen amerikanischen Universität".

Fünfundvierzig Prozent des Budgets des Heiligen Stuhls gehen an die Gehaltsabrechnung, aber weder die Zeitung noch der Pater sagten direkt, dass es zu Entlassungen kommen könnte.

Guerrero erläuterte die Verteilung der Ausgaben des Heiligen Stuhls und gab an, dass etwa 45 Prozent für Personalkosten, 45 Prozent für allgemeine und administrative Ausgaben und 7,5 Prozent für Spenden aufgebracht werden.

Einige Teile des Haushalts des Heiligen Stuhls, 15 Prozent oder 48 Millionen, werden für den Betrieb der Vatikan-Medien und die damit verbundenen Kommunikations- und Verlagsgeschäfte verwendet, sagte er. Zehn Prozent gehen an die Nuntiaturen, die Botschaften des Vatikans im Ausland.

Weitere 10 Prozent gehen an die Unterstützung der Ostkirchen und weitere 8,5 Prozent an die Missionskirchen, so Guerrero.

Er sagte auch, dass 6 Prozent des Budgets, rund 17 Millionen, jedes Jahr als Steuern an Italien abgefuehrt werden.

Finanz-Skandale und Geschäfte

Vor diesem Hintergrund werfen auch neue Details über den Umgang des Vatikans mit den Finanzskandalen im Staatssekretariat Fragen auf. Wie Ed Condon berichtet, der Büroleiter von CNA in Washington, wächst der Druck auf Papst Franziskus und den Heiligen Stuhl, zu handeln.

Das gilt vor allem für die Ermittlungen wegen des Verdachts auf finanzielle Misswirtschaft seit der Razzia im Februar im Fall der Londoner Luxus-Immobilie (CNA Deutsch berichtete).

"In jeder anderen Gerichtsbarkeit wäre zu erwarten, dass Details wie diese ein rasches und entschlossenes Handeln nach sich ziehen. Stattdessen hat der Heilige Stuhl nur undurchsichtige Updates veröffentlicht und gesagt, dass 'Maßnahmen' gegen einige 'Personen' ergriffen worden seien, es aber abgelehnt zu sagen, um welche Maßnahmen es sich dabei handelt oder auf wen sie angewandt wurden", so Condon.

Am Ende der Ermittlungen des Vatikans wird es möglicherweise keine Gerichtsverfahren geben, schreibt der Journalist. Aber warum?

Ein Grund könnte sein, dass in seinem solchen Verfahren – wie schon im Jahr 2016 beim Fall "Vatileaks 2.0" – unangenehme Dinge an die Öffentlichkeit geraten könnten. Condon zitiert dazu eine Quelle aus dem Vatikan:

"Francesca Chaouqui trat in den Zeugenstand und die Hölle brach los - schmutzige Textnachrichten, Beschimpfungen, es war ein Zirkus. Können Sie sich das Gleiche vorstellen, aber mit jemandem, der die Details von vertraulichen Investitionen in Milliardenhöhe über Jahre hinweg kennt und mit dem Finger auf dienende Kardinäle zeigen könnte?"

Zwar hat Kardinal Parolin als Staatssekretär bereits die persönliche Verantwortung für einige umstrittene Projekte in der von ihm geleiteten Abteilung übernommen, doch die in den laufenden Ermittlungen suspendierten Mitarbeiter des Staatssekretariates "waren alle jahrelang direkt Kardinal Angelo Becciu unterstellt, der von 2011-2018 als Sostitutodes Sekretariats fungierte", stellt Condon fest.

Die Kommunikation von Zahlen und Ziel

Angesichts solcher Entwicklungen sind Aussagen über die "Einzigartigkeit" des Vatikans ein zweischneidiges Schwert. Zumal Jesuitenpater Guerrero diese in seinem Interview mit "Vatican News" gerade über die Kommunikationsarbeit des Zwergstaates macht: Diese suche weltweit ihresgleichen – unter anderem, weil sie in 36 Sprachen arbeite. Doch Sender wie die BBC oder Kanadas CBC, von der historischen "Deutschen Welle" ganz zu schweigen, leisten oder leisteten sich ähnliche Redaktionen. Und Australiens staatlicher Rundfunk "SBS" produziert seit Jahrzehnten Nachrichten und Sendungen in knapp 70 Sprachen – fast doppelt so viele wie der Vatikan.

Vatikan-Beobachter spekulieren nun: Warum also solche Aussagen? Wird hier bereits über Kürzungen nachgedacht? Sie lassen zumindest aufhorchen in einem Interview, in dem beteuert wird, dass kein Staatsbankrott droht, in dem es um Zahlen und Tatsachen geht, um Glaubwürdigkeit mit Blick auf die "Sendung" zu erhalten – und nach Einschätzung mancher Beobachter letztlich auch darum, für Spenden aufzurufen.

Pater Guerrero sagte es im Interview selbst: "Vielleicht müssen wir es besser erklären, besser erzählen. Sicherlich müssen wir uns klar ausdrücken." Doch der Vatikan muss dringend mehr tun, so Beobachter.

Der Vatikan muss dafür sorgen, wofür auch Papst Franziskus als Reformer eigentlch angetreten ist, warnen Insider: Das notorisch komplexe Gestrüpp seiner Finanzen weiter zu bereinigen sowie in jeder Hinsicht an internationale Standards der Rechenschaft anzugleichen. Erst dann kann er transparent seiner – in der Tat einmaligen – Sendung nachgehen.

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