Analyse: Wie sieht die Zukunft der katholisch-russisch-orthodoxen Beziehungen aus?

Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, spricht zu Papst Franziskus im Vatikan, 6. Mai 2022.
Foto: Vatican Media.

Mit dem kuriosen Interview, das er der italienischen Zeitung Corriere della Sera am 3. Mai gab, schien Papst Franziskus die Brücken des ökumenischen Dialogs mit der russisch-orthodoxen Kirche, die der Vatikan mühsam gebaut hatte, niederzubrennen.

Glücklicherweise trafen sich die Mitglieder des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen noch in derselben Woche in Rom und gaben dem Dialog zwischen den christlichen Konfessionen einen neuen Anstoß.

Der ökumenische Dialog wird nun stark von der Situation in der Ukraine beeinflusst. Vor dem Krieg kam es zu einem orthodoxen Schisma mit der Gründung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), die zu einem Bruch zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel führte.

Moskau setzte die bilateralen Beziehungen zu Rom fort, gab aber die innerorthodoxen Dialogveranstaltungen unter dem Vorsitz von Konstantinopel auf und begann eine aggressive Kirchenpolitik, die kurz vor der vollständigen Invasion der Ukraine zur Errichtung eines Exarchats in Afrika in den Gebieten führte, die der Jurisdiktion des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Alexandria und ganz Afrika unterstanden.

Der Patriarch als "Putins Messiener"?

Der Krieg hat die Situation verändert. Selbst der mit dem Moskauer Patriarchat verbundene Zweig der ukrainisch-orthodoxen Kirche verleugnete die Linie des Patriarchen Kyrill von Moskau und ganz Russland, der die russische Aggression rechtfertigte.

Die einzige Möglichkeit für das Moskauer Patriarchat, seiner Isolation zu entkommen, war der Dialog mit Rom. Ein zweites Treffen zwischen Papst Franziskus und Kyrill in Jerusalem wurde in Erwägung gezogen. Doch dann beschloss der Heilige Stuhl, das Treffen abzusagen.

Dann kam das Interview des Papstes mit dem Corriere della Sera, in dem er über seine Videokonferenz mit Patriarch Kyrill am 6. März berichtete und den russisch-orthodoxen Führer davor warnte, "Putins Messdiener" zu werden.

Wenn das zweite Treffen aus Gründen der Zweckmäßigkeit abgesagt wurde, dann haben solche Worte von Papst Franziskus die Brücken des Dialogs mit dem Moskauer Patriarchat abgebrochen.

Das Patriarchat antwortete, Papst Franziskus habe "den falschen Ton" gewählt, um den Inhalt des Gesprächs mit Kyrill zu vermitteln, und betonte, dass "solche Äußerungen den konstruktiven Dialog zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche, der in der heutigen Zeit so notwendig ist, kaum fördern können".

"Großer Schmerz"

Das Moskauer Patriarchat veröffentlichte eine Zusammenfassung von Kyrills Worten an den Papst auf seiner offiziellen Website. Der Text hob ein berichtetes Massaker an russischsprachigen Menschen in der südukrainischen Stadt Odesa im Jahr 2014 und die Osterweiterung der NATO hervor und nannte sie als zwei mögliche Verfahren für den Einmarsch Russlands in die Ukraine.

Kyrill sagte dem Papst, dass die gegenwärtige Situation ihm "großen Schmerz" bereite.

"Meine Herde befindet sich auf beiden Seiten des Konflikts und die meisten von ihnen sind orthodoxe Menschen", sagte er. "Ein Teil der gegnerischen Seite gehört auch zu Ihrer Herde. Ich möchte daher den geopolitischen Aspekt beiseite lassen und die Frage stellen, wie wir und unsere Kirchen die Situation beeinflussen können. Wie können wir gemeinsam handeln, um die verfeindeten Parteien zu befrieden, mit dem einzigen Ziel, Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen? Unter diesen Bedingungen ist es sehr wichtig, eine weitere Eskalation zu vermeiden."

Ein "ideologischer Krieg"

Die Haltung derjenigen, die auf dem Schlachtfeld stehen, ist eine andere. Eine Rede von Erzbischof Swiatoslaw Schewtschuk, dem Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGCC), warf ein anderes Schlaglicht auf die Situation.

In seiner Rede auf der Vollversammlung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen am 5. Mai betonte Schewtschuk, dass der von Russland geführte Krieg "ideologisch" sei und darauf abziele, "das ukrainische Volk zu eliminieren". Er wies auf Anweisungen an russische Soldaten hin, wie sie die Ukrainer zu behandeln hätten, und sagte, diese kämen einem "Handbuch für den Völkermord" gleich.

Schewtschuk betonte, dass der Krieg die Einheit zwischen den Religionsgemeinschaften der Ukraine gestärkt habe. Er verwies auf den Pan-Ukrainischen Rat der Kirchen und religiösen Organisationen (UCCRO), dem auch ein Vertreter der mit Moskau verbundenen Orthodoxen Kirche in der Ukraine angehört und der "in 70 Tagen 17 Dokumente" zum Krieg ausarbeiten konnte.

Schewtschuk erinnerte insbesondere daran, dass sich der UCCRO am Vorabend des russischen Angriffs als Vermittler angeboten habe, denn "wenn die Diplomaten und Politiker nicht in der Lage waren, eine bewaffnete Konfrontation zu vermeiden, wollten wir Kirchenmänner dieses Gremium sein, das in gewissem Sinne vermitteln und auch eine bewaffnete Konfrontation verhindern könnte."

Die UCCRO schrieb auch "einen Brief an die religiösen Führer Weißrusslands", als die russische Regierung Weißrussland zwang, bei dem Konflikt zu helfen.

Die Arbeit der UCCRO und die aktive Beteiligung von Mitgliedern der mit Moskau verbundenen orthodoxen Kirche in der Ukraine zeigen laut Schewtschuk, dass "das Hauptopfer dieser russischen Offensive die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats war".

Metropolit Onufriy, das Oberhaupt der mit Moskau verbundenen Orthodoxen Kirche in der Ukraine, verurteilte den Krieg. Gleichzeitig, so Schewtschuk, hätten "mindestens 15 der 53 russisch-orthodoxen Eparchien" in der Ukraine das Gedenken an Patriarch Kyrill während der Göttlichen Liturgie eingestellt.

Das katholische Oberhaupt sagte, es gebe auch einen "massiven Übergang von Pfarreien von der Verwaltung des Moskauer Patriarchats zu der der Orthodoxen Kirche der Ukraine". Bislang haben mehr als 200 Pfarreien den Wechsel vollzogen.

Schewtschuk betonte, dass die ökumenische Reaktion auf den Krieg einhellig sei und eine "ausdrückliche Verurteilung" darstelle.

Eine Lästerung Gottes

Kardinal Kurt Koch, der Schweizer Prälat und Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, ging in seiner Einführungsrede zur Vollversammlung auf den anhaltenden Krieg ein.

Dabei griff der renommierte Kirchenmann ein Wort des Papstes auf, das Bischöfe im Westen sonst tunlichst vermeiden. 

Er sagte: "In diesem Jahr ist auch die Ökumene auf unerwartete Weise ernsthaften Spannungen ausgesetzt worden. Ich denke dabei vor allem an Putins schrecklichen Krieg in der Ukraine, der nicht nur neue und tiefe Spaltungen in der orthodoxen Welt hervorgerufen, sondern auch ernsthafte ökumenische Irritationen ausgelöst hat."

"Die Tatsache, dass ein so schrecklicher Krieg mit so vielen Flüchtlingen und Toten auch religiös legitimiert wurde, muss eine ökumenische Seele erschüttern und verdient den Namen, den Papst Franziskus ihm gegeben hat: Blasphemie."

"Wenn wir auch bedenken, dass im Krieg in der Ukraine Christen gegen Christen gekämpft haben und sogar die Orthodoxen sich gegenseitig umgebracht haben, müssen wir die Schwere der ökumenischen Wunden erkennen, die zugefügt wurden und die zu heilen nicht nur Zeit, sondern vor allem Umkehr erfordern."

Koch fügte hinzu, dass "Putins Einmarsch die Christen und Kirchen in der Ukraine dazu gebracht hat, sich zu vereinen".

"Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Gott auch auf sehr krummen Linien gerade schreiben kann", sagte er.

Will der amtierende Papst zukünftig Dialog führen?

Es ist nicht überraschend, dass die unerwarteten und nicht sehr diplomatischen Worte des Papstes eine solche Reaktion des Moskauer Patriarchats hervorriefen. Die russisch-orthodoxe Kirche hatte in Papst Franziskus einen möglichen Weg gesehen, ihre internationale Isolation zu überwinden.

Der Papst schien die Brücken des Dialogs abbrechen zu wollen. Doch der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen hat sie gewissermaßen wiederhergestellt, wobei er deutlich machte, dass er weder mit dem Krieg in der Ukraine noch mit den Positionen des Moskauer Patriarchats einverstanden ist.

Kochs Hinweis auf die Einheit war eine Aufforderung an alle christlichen Kirchen, interne Spaltungen zu überwinden, um zur Beendigung des Krieges beizutragen. Die Zeit wird zeigen, ob sein Appell Gehör findet.

Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur. 

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