Kardinal Marx: Man darf "in Zweifel ziehen", was im Katechismus steht

"Homosexualität ist keine Sünde", sagte der Erzbischof von München und Freising. "Ich fühle mich seit Jahren freier zu sagen, was ich denke, und will die kirchliche Lehre weiterbringen."

Kardinal Reinhard Marx am 24. Februar 2019 in Rom
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Mit Blick auf die kirchliche Ablehnung von Homosexualität erklärte Kardinal Reinhard Marx am Donnerstag im Wochenmagazin Stern: "Der Katechismus ist nicht in Stein gemeißelt. Man darf auch in Zweifel ziehen, was da drinsteht."

Gleichzeitig betonte der Erzbischof von München und Freising: "Homosexualität ist keine Sünde."

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) beruft sich auf die in Steintafeln gemeißelten Zehn Gebote und ist laut Papst St. Johannes Paul II. eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" und "eine Darlegung des Glaubens der Kirche und der katholischen Lehre, wie sie von der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und vom Lehramt der Kirche bezeugt oder erleuchtet wird". 

Der KKK schreibt zum Thema gleichgeschlechtlicher Sexualakte mit Verweis auf seine biblischen Grundlagen: "Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet [Vgl. Gen 19,1-29; Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10.], hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, 'daß die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind' (CDF, Erkl. 'Persona humana' 8)."

Menschen mit homosexuellen Veranlagungen seien entsprechend zur Keuschheit aufgerufen, so der Katechismus.

Im Interview mit dem Magazin "Stern" sagte Marx, es entspreche "einer christlichen Haltung, wenn zwei Menschen, egal, welchen Geschlechts, füreinander einstehen, in Freude und Trauer. Ich spreche vom Primat der Liebe, gerade in der sexuellen Begegnung." Er selbst habe in dieser Hinsicht eine Entwicklung durchgemacht.

"Ich fühle mich seit Jahren freier zu sagen, was ich denke, und will die kirchliche Lehre weiterbringen", so Marx. "Auch die Kirche wandelt sich, geht mit der Zeit: LGBTQ+-Menschen sind Teil der Schöpfung und von Gott geliebt, und wir sind gefordert, uns gegen Diskriminierung zu stellen."

Homosexualität als Sünde?

Angesprochen auf die kirchliche Einordnung praktizierter Homosexualität als Sünde fragte der Kardinal: "Was haben Sie denn ständig mit der Sünde?" Es müsse stattdessen "um die Qualität von Beziehungen gehen. Diese Frage ist bei einigen in der Kirche nicht ausreichend diskutiert worden, da haben Sie recht. Aber Sünde bedeutet die Abkehr von Gott, vom Evangelium, und das kann man nicht allen Menschen unterstellen, die gleichgeschlechtliche Liebe leben, und obendrein sagen: weg mit ihnen."

Marx verwahrte sich gegen Vorwürfe, seine Haltung zur Homosexualität sei laxer als die der Kirche. Es gehe "um Begegnung auf Augenhöhe, um Respekt vor dem anderen". So zeige sich der Wert der Liebe "in der Beziehung; darin, den anderen nicht zum Objekt zu machen, ihn nicht zu gebrauchen oder zu erniedrigen, in Treue und verlässlich zueinander zu stehen".

"Da leben Menschen in einer innigen Liebesbeziehung, die auch eine sexuelle Ausdrucksform hat", so der Kardinal weiter. "Und wir wollen sagen, die sei nichts wert?"

Segen für homosexuelle Partnerschaften

Der Münchner Erzbischof erklärte, selbst vor einigen Jahren zwei Menschen in einer homosexuellen Beziehung einen Segen gespendet zu haben.

2021 bekräftigte die Glaubenskongregation, die Kirche könne keine homosexuellen Partnerschaften segnen. Zahlreiche deutsche Bischöfe stellten sich ausdrücklich gegen das Nein aus dem Vatikan.

Verheiratete Priester

Im Gespräch mit dem Stern signalisierte Marx seine Unterstützung für die Zulassung verheirateter Männer zum Priestertum. Es werde "nicht alles zusammenbrechen, wenn es ehelose und verheiratete Priester gibt. Das zeigt der Blick auf andere Kirchen."

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