Kardinal Pell bestreitet Befund australischer Missbrauchskommission

Kardinal George Pell, Präfekt des Wirtschaftssekretariates, spricht mit Reportern vor dem Hotel Quirinale nach einem Treffen mit ehemaligen Missbrauchsopfern am 3. März 2016
Foto: CNA / Alexey Gotovskiy

Kardinal George Pell hat Australiens Missbrauchskommission vorgeworfen, in ihrem heute vollständig vorgelegten Abschlussbericht Aussagen zu machen, die "nicht durch Beweise untermauert" seien.

Pell bestreitet in seiner ebenfalls am heutigen 7. Mai veröffentlichten Stellungnahme, dass er im Jahr 1982 "ausdrücklich" darüber informiert worden sei, warum der pädophile Priester Gerald Ridsdale von Pfarrei zu Pfarrei versetzt wurde.

Er sei "überrascht", dass die Kommission dies so einschätze. Belege gebe es dafür nicht, betont Pell in seinem Statement, dass die Australian Broadcasting Corporation veröffentlichte.

Die Pell betreffenden Seiten des 2017 publizierten Berichts waren bislang nur teilweise veröffentlicht worden, um das Verfahren gegen den Kardinal nicht zu beeinflussen. Nach seinem Freispruch im April wurde es am heutigen Donnerstag, 7. Mai, jedoch dem Australischen Parlament in Canberra unredigiert vorgelegt.

In ihrem Bericht schreiben die Commissioners, dass Pell spätestens im Jahr 1973 darüber informiert gewesen sei, dass Priester sexuellen Missbrauch an Minderjährigen verübten.

Dem widerspricht der australische Prälat.

Die Royal Commission weist gleichzeitig mehrere andere Vorwürfe Dritter gegen Pell zurück, etwa, dass der spätere Erzbischof und Kardinal der Kirche einem Missbrauchsopfer Schweigegeld angeboten habe.

Der Fall Searson

Die Kommission schreibt in ihrem Abschlussbericht, dass Kardinal Pell die Gelegenheit gehabt habe, als Weihbischof und dann als Erzbischof von Melbourne in zwei Fällen gegen pädophile Priester vorzugehen.

Im ersten Fall hätte sich der damalige Bischof Pell dafür einsetzen müssen, dass Pfarrer Peter Searson im Jahr 1989 aus dem Amt genommen wird, so die Commissioners.

Damals wurde der wiederholte Sexualverbrecher Searson in die Pfarrei Doveton (im Südosten Melbournes) versetzt – ein Vorgang, den die Kommission als "entsetzliches" Versagen des damaligen Erzbischofs Frank Little bezeichnet, denn zu diesem Zeitpunkt war bekannt, dass Searson im Jahr 1974 eine junge Frau vergewaltigt hatte.

Searson starb im Jahr 2009, ohne jemals angeklagt worden zu sein. Dabei hat der Priester nach Zeugenaussagen über ein Jahrzehnt lang Minderjährige in Pfarreien und Schulen in drei Distrikten sexuell missbraucht.

Kardinal Pell sagte laut "ABC" in seinen Angaben gegenüber der Untersuchungskommission, man habe ihm 1989 eine Liste von Beschwerden und Anschuldigungen über Pater Searson ausgehändigt, Er habe jedoch geglaubt, dass das Katholische Bildungsbüro und der damalige Erzbischof Little die Anschuldigungen bearbeiteten und es nicht seine Aufgabe sei, diesen nachzugehen.

Pell sagte der Kommission auch, dass er von hohen Mitarbeitern des Bildungsbüros im Dunkeln gelassen worden sei. Diese hätten systematisch Tatsachen vertuscht.

Die Kommission hielt diese Darstellung jedoch für "unwahrscheinlich". Vielmehr sei Pell mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit über den Fall Searson und die schweren Vorwürfe informiert worden.

Tausendfacher Missbrauch in Australien

Knapp fünf Jahre lang hat die im Januar 2013 errichtete Royal Commission into Institutional Responses to Child Sexual Abuse ihre Arbeit verrichtet, bevor sie Ende 2017 ihren Untersuchungsbericht vorlegte. Dieser konstatiert, dass zahlreiche Institutionen in Australien, von Sportvereinen über die Pfadfinder bis hin zu Schulen und Religionsgemeinschaften "massiv versagt" haben, und ihnen anvertraute Kinder nicht vor Missbrauch schützten.

Im Fall der Kirche gilt dies besonders für die 1960er, 1970er und 1980er Jahre.

Der am 15. Dezember 2017 vorgelegte Abschlussbericht macht über 400 Empfehlungen, darunter auch zu konkret katholischen Themen wie Zölibat und Beichte, und stellt grundsätzlich fest: "Zehntausende Kinder wurden in vielen australischen Institutionen sexuell missbraucht. Die genaue Zahl an Opfern wird niemals festzustellen sein. (...) Die führenden Institutionen der Gesellschaft haben massiv versagt."

Der damalige Regierungschef Australiens, Malcolm Turnbull, sagte, der 17 Bände umfassende Bericht enthülle eine "nationale Tragödie".

Keine Kommission wie jede andere

Als "Kommission Ihrer Majestät" genießt eine Royal Commission weitreichende juristische Vollmachten. Selbst Australiens Regierung kann in deren Arbeit nicht mehr eingreifen, wenn diese erst einmal begonnen hat. Über 8.000 Zeugenaussagen haben im Fall der Missbrauchskommission deren sechs Commissioners unter dem Vorsitzenden Richter Peter McClellan angehört, über 2.500 Verdachtsfälle wurden bearbeitet, die den Behörden gemeldet worden waren: Fälle von Missbrauch in Sportvereinen und Schulen, in religiösen Einrichtungen und an staatlichen Institutionen.

Die Zahlen zeigen: Der meiste Missbrauch wurde an Kindern verübt, für die nicht daheim bei der eigenen Familie gesorgt wurde.

Was Religionsgemeinschaften betrifft, wurde über 60 Prozent des Missbrauchs an katholischen Einrichtungen bzw. von kirchlichen Mitarbeitern verübt, so der Bericht.

Fast zweitausend kirchliche Täter

Insgesamt wurden 384 Diözesanpriester, 188 Ordenspriester, 597 Ordensbrüder und auch 96 Schwestern für verdächtig befunden, Kinder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Australien sexuell missbraucht haben. Somit stehen 1.880 Personen im Verdacht, an katholischen Einrichtungen sexuelle Gewalt gegen Minderjährige verübt zu haben.

Unter Orden ist der Anteil der Täter bei den "St. John of God Brothers" besonders hoch: 40 Prozent der Ordensmitglieder sollen sich sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben. Aber auch 20 Prozent aller Mitglieder der "Christian Brothers", der Salesianer und der Maristen-Schulbrüder sollen sich an Schutzbefohlenen vergangen haben.

Hintergrund: Missbrauchsvorwürfe gegen Pell

Pell war Erzbischof von Melbourne von 1996 bis zum Jahr 2001, als er zum Erzbischof von Sydney ernannt wurde. Im Jahr 2014 ernannte ihn Papst Franziskus zum Leiter der neu geschaffenen Präfektur für Wirtschaft, die mit der Überwachung und Reform der vatikanischen Finanzen beauftragt ist.

Im Jahr 2017 wurde Pell von einem Mann beschuldigt, Pell habe ihn und einen weiteren Chorknaben 1996 und 1997 nach einer Sonntagsmesse sexuell missbraucht, als der Kardinal noch Erzbischof von Melbourne war. Pell wurde aufgrund der Aussagen dieses Mannes – ohne weitere Belege und gegen die Aussagen von Augenzeugen – am 11. Dezember 2018 in fünf Anklagepunkten des sexuellen Missbrauchs von einem Geschworenengericht für schuldig befunden zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Im November stimmte der Australian High Court in Canberra zu, seinen Antrag auf Prüfung einer Berufung anzuhören, nachdem das Berufungsgericht im Bundesstaat Victoria seine Verurteilung im Juli in einer Entscheidung bestätigte, die sowohl in Australien als auch im Ausland unter Juristen hoch kontrovers diskutiert wurde.

Nach Monaten internationaler Debatte wurde Pell am 7. April 2020 nach 13 Monaten Inhaftierung freigelassen: Die Obersten Richter Australiens hoben einstimmig seine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs auf und sprachen den 78-jährigen mit sofortiger Wirkung frei.

Der Kardinal – der von Anfang an seine Unschuld beteuerte – hätte niemals verurteilt werden dürfen, entschieden die Richter des High Court, angesichts der "signifikanten Möglichkeit, dass eine unschuldige Person verurteilt wurde, weil die Beweise die Schuld nicht im erforderlichen Maße bewiesen haben."

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