Missbrauchsbeauftragter warnt davor, Fotos von Kindern ins Internet zu stellen

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Foto: Ben Wicks / Unsplash (CC0)

Dass stolze Eltern gerne Fotos von ihren Kindern herumzeigen, ist normal. Fotos aus dem Urlaub, Fotos vom Kleinen, der zum ersten Mal auf einem Dreirad sitzt oder ein Bild, wie die Tochter verzweifelt versucht, einem Teller mit Spaghetti Bolognese Herr zu werden - wenn der Arbeitskollege, die Bekannte oder ein Freund solche Fotos auf seinem Handy zeigt, ist das Entzücken groß.

Schwierig wird es dagegen, wenn solche Fotos im Internet landen. Oft sind es die stolzen Eltern selbst, die diese Bilder auf Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter teilen. 

Erst am Donnerstag warnte der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (kurz: UBSKM) Eltern erneut davor, unbedacht Fotos von ihren Kindern im Internet zu verbreiten und verwies dabei auf eine Dokumentation des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahre 2019. Pädophile könnten diese Fotos für sich nutzen und weiter verbreiten, berichtet der Film.

Die Stelle des UBSKM wurde 2010 von der Bundesregierung eingerichtet. Auf der Homepage des UBSKM heißt es: "Der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist unabhängig und nicht weisungsgebunden. Lediglich organisatorisch ist das Amt beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) angesiedelt".

Seit Dezember 2011 bekleidet Johannes-Wilhelm Rörig dieses Amt. Am 12. Dezember 2018 wurde das Amt des UBSKM durch das Bundeskabinett dauerhaft eingerichtet und Rörig zum 1. April 2019 für die Dauer von weiteren fünf Jahren erneut zum Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs berufen.

Harmlose Kinderfotos in den Händen von Pädophilen

In der Dokumentation des Bayerischen Rundfunks "Gepostet, geklaut, missbraucht" warnen verschiedene Experten davor, unbedacht Kinderfotos ins Netz zu stellen. 

"Das ist eine unglaubliche Naivität, die Eltern da zum Teil haben", sagt Janina Neutze, die an der Universität Regensburg die Abteilung für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie leitet. Scheinbar harmlose Bikini-Fotos von den eigenen Kindern beim Badeurlaub werden von arglosen Eltern ins Netz gestellt und dienen pädophil veranlagten Nutzern als Vorlage. Da die hochgeladenen Bilder nicht eindeutig als Missbrauchsabbildungen zu identifizieren sind, geschehe der Missbrauch häufig in einem "vermeintlich legalen Rahmen", so die Wissenschaftlerin.

Die Psychologin verantwortete eine Studie der Universität Regensburg zum Thema Kindesmissbrauch. Diese kam zu dem Ergebnis, dass rund 730.000 Erwachsene zugeben, aus sexuellen Motiven Kontakt zu Kindern unter 14 Jahren aufzunehmen. Zwar werde nicht jeder Konsument von kinderpornografischen Abbildungen zwangsläufig zu einem Missbrauchstäter, doch die Studie zeigt auf, dass alleine 5,9% der Mädchen und 1,8% der Jungen im Jahr 2014 Erfahrungen gemacht haben mit "belastenden sexuellen Onlineerfahrungen".

"Wir leben im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus", sagt die Psychologin Julia von Weiler vom Verein "Innocence in Danger", die in der BR-Dokumentation ebenfalls zu Wort kommt. "Rechnet man konservativ mit zwei bis fünf Kontakten pro Täter, reden wir über weit mehr als drei Millionen betroffene Kinder und Jugendliche".

UBSKM: Sobald ein Foto gepostet wird, kann die Verbreitung nicht kontrolliert werden

Eltern müssen genauer hinschauen, mahnt auch der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Sie müssten - genau wie ihre Kinder - Medienkompetenz erlernen, um pädophilen Tätern nicht ungewollt Material zu liefern. Der UBSKM schreibt dazu auf seiner Homepage:

"Über die Risiken der digitalen Verbreitung von Bildern und Videos sind sich viele Eltern und auch pädagogische Fachkräfte nicht bewusst. Eltern müssen dafür sensibilisiert werden und lernen, die Persönlichkeitsrechte ihrer Kinder zu wahren und bestimmte Bilder ihrer Kinder nicht öffentlich zugänglich zu machen – auch nicht in sozialen Netzwerken. Es ist ein Unterschied, ob Eltern Fotos vom Nacktplanschen ihrer Kinder im Meer in ihr Familienalbum kleben oder sie auf Facebook stellen."

Auch pädagogische Einrichtungen wie Kita oder Schule müssten überlegen, so der UBSKM weiter, ob es sinnvoll ist, die Fotos einer Kinderreise allen Eltern digital zugänglich zu machen oder auf die Webseite zu stellen. Sobald ein Bild einmal digital verankert ist, könne seine Verbreitung nicht mehr kontrolliert werden.

"Viele Eltern wissen nicht, dass Täter oder Täterinnen mittlerweile auch Kindergesichter, die sie besonders ansprechend finden, aus Fotos ausschneiden und diese in Missbrauchsdarstellungen anderer Kinder hineinkopieren und verbreiten", warnt Rörig. Eltern, aber auch Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte sollten zudem gegenüber fremden Personen aufmerksam sein und sich trauen, diese anzusprechen, wenn sie bemerken, dass sie Kinder fotografieren.

Was tun bei einem Verdacht?

Der UBSKM betont: "Wenn der Verdacht entsteht, dass eine Person im Bekannten- oder Verwandtenkreis Missbrauchsabbildungen besitzt, sind diese Vermutungen unbedingt ernst zu nehmen".

Gleichzeitig sollen "voreilige Gerüchte" jedoch vermieden werden, denn einerseits gäbe dies dem Betreffenden die Chance, belastendes Material zu vernichten. Trifft die Vermutung jedoch einem Unschuldigen, "kann das soziale Ansehen des Betreffenden grundlos und massiv beschädigt werden", unterstreicht der UBSKM. 

Im Verdachtsfall bieten Beratungsstellen und  das Hilfetelefon erste Unterstützung. Sollte jemand verdächtige Inhalte entdecken, sollte dies sofort  der Polizei, dem zuständigen Landeskriminalamt oder einer der Meldestellen im Internet gemeldet werden.

Allerdings warnt der UBSKM davor, selbstständig "nach solchem Material" zu suchen; dies sei "auf jeden Fall allein Aufgabe der zuständigen Behörden". Rörig schreibt: "Durch eine Recherche auf eigene Faust kann sich der oder die Betreffende unter Umständen sogar selbst strafbar machen."

Kritik an der deutschen Bischofskonferenz

Auch wenn das gesellschaftliche Bewusstsein für Pädokriminalität gewachsen ist, bemängeln Experten, dass nach wie vor das Gedankengut von pädophilen Vordenkern und Aktivisten sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Pädagogik präsent ist.

Erst im vergangenen April hatte die deutsche Bischofskonferenz Proteste ausgelöst, nachdem bekannt wurde, dass im Positionspapier der Bundeskonferenz der Präventionsbeauftragten die Theorien des bekannten Pädophilie-Befürworters Michel Foucault rezipiert werden (CNA hat ausführlich darüber berichtet).

Am 7. April 2021 hatte CNA Deutsch die deutsche Bischofskonferenz um eine Stellungnahme gebeten. Ihr Sprecher Matthias Kopp antwortete am 12. April schriftlich "für die Präventionsbeauftragten und unser Haus". Dabei betonte die Stellungnahme, "dass die Vorwürfe gegen Herrn Foucault ja – das machen alle Medienbeiträge so in der ZEIT, dlf, NZZ u. a. deutlich – zunächst Verdächtigungen sind und kein Verdacht".

Gleichzeitig betonte die Stellungnahme, der "humanwissenschaftliche Rahmen" des eigenen Konzepts werde dadurch nicht "beschädigt". Man werde Foucault gegebenfalls als Referenz entfernen, lehne dies aber bislang ab.

Als daraufhin der "Elternverein NRW" die Bischofskonferenz ebenfalls scharf kritisierte, verwehrte sich der Arbeitskreis der Bundeskonferenz der Präventionsbeauftragten gegen diese Anschuldigungen. "Wir weisen den Vorwurf des Elternvereins ausdrücklich zurück, sexuelle Bildung auf einen pädophilen Ansatz stützen zu wollen", teilten Vertreter in einem Bericht der "Rheinischen Post" mit.

Der Inhalt des Positionspapiers habe "eindeutig und unmissverständlich die Stärkung der Sprachfähigkeit und Kompetenzerweiterung aller Kinder und Jugendlichen zum Ziel". Den Präventionsbeauftragten gehe es um eine sexuelle Bildung, die "auf den aktuellen Erkenntnissen aus Forschung und Wissenschaft beruht und die selbstverständlich ihrerseits alle Schutzmaßnahmen berücksichtigt und auf jede Form von Grenzmissachtung verzichtet". 

Der Elternverein hatte in seinem offenen Brief auch eine Verbindung zum Pädophilie-Aktivisten Helmut Kentler hergestellt. Wörtlich:

"Als Vertreter der Elternschaft macht es uns nahezu fassungslos, dass das gesamte Papier, das nicht nur Missbrauch verhindern, sondern auch als Konzept zur 'sexuellen Bildung' dienen soll, von den  Theorien des bekanntermaßen pädokriminellen Helmut Kentler geprägt ist."

Explizit beziehe sich das Papier etwa auf Schüler Kentlers, die etwa ausdrücklich empfehlen würden, "möglichst unzensierte Intimkontakte mit anderen Kindern  aufzunehmen, wenn sie nicht auf die Eltern fixiert bleiben sollen". Und: Dass Kinder schon im Alter von null bis vier Jahren die Masturbation erlernen sollten, so der Brief weiter.

Der Verein betonte, er appelliere an die Bischofskonferenz als oberste Verantwortliche, "dies befremdliche Papier" zumindest umgehend zu überarbeiten: "Dies Konzept schützt nicht vor  Missbrauch, es öffnet eher den Weg dazu", so Heck. Man rufe die deutschen Bischöfe dazu auf, für ein eine ganzheitliche, entwicklungssensible und die Schamgrenzen der Kinder achtende Pädagogik in katholischen Einrichtungen einzutreten: "Das sollte die Aufgabe der Kirche sein".

Nach Informationen von CNA Deutsch ist die Broschüre der deutschen Bischofskonferenz weiterhin im Umlauf, jedoch ohne überarbeitet worden zu sein.

Staatlich geförderter Kindesmissbrauch?

Wie CNA Deutsch berichtete, wirft der Fall um den Pädophilie-Aktivisten Helmut Kentler (1928-2008) noch heute viele Fragen auf und zeigt exemplarisch, wie Politik, Kirche und Gesellschaft zeitweise Sexualverbrechen an Kindern aktiv förderten.

Besonders das noch bis ins Jahr 2003 in Berlin durchgeführte "Kentler-Experiment" sorgt für Schlagzeilen. Bei diesem von Helmut Kentler geleiteten Projekt wurden Minderjährige aus schwierigen Verhältnissen bewusst zu verurteilten pädophilen Männern in die Obhut gegeben. Diese Art der sexuellen Ausbeutung unter dem Vorwand der Wissenschaft wurde - wie verschiedene Medien berichten - von staatlichen Stellen nicht nur geschützt, sondern sogar gefördert.

Auch die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern unterstützte zeitweise die Theorien Kentlers und engagierte den Pädagogen von 1962 bis 1965 sogar als pädagogischen Referenten des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal. Die Evangelische Kirche in Bayern hat inzwischen mitgeteilt, dass man den "kritiklosen Umgang" mit Kentler bedauere (lesen Sie hier die ausführliche Analyse).

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