Papst Franziskus: "Die Kirche ist entweder synodal oder sie ist nicht Kirche"

Papst Franziskus mit Jesuiten in Kanada, 29. Juli 2022
Foto: Vatican Media

In seiner privaten Begegnung mit Jesuiten in Kanada am 29. Juli hat Papst Franziskus betont: "Die Kirche ist entweder synodal oder sie ist nicht Kirche." Der Text des päpstlichen Gesprächs mit seinen jesuitischen Mitbrüdern wurde am Donnerstag von der Jesuitenzeitschrift "La Civiltà Cattolica" veröffentlicht.

Es störe ihn, "dass das Adjektiv 'synodal' verwendet wird, als wäre es die neueste schnelle Lösung für die Kirche", erklärte der Pontifex. Er habe eine mehrjährige Synode zur Synodalität einberufen, um sich näher mit der Thematik auseinanderzusetzen, denn man könne sicherlich sagen, "dass die Kirche des Westens ihre synodale Tradition verloren hat. Die Kirche des Ostens hat sie bewahrt."

"Es scheint mir grundlegend zu sein, zu wiederholen, wie ich es oft tue, dass die Synode weder eine politische Versammlung noch ein Ausschuss für parlamentarische Entscheidungen ist", warnte Franziskus. "Sie ist Ausdruck der Kirche, deren Protagonist der Heilige Geist ist. Wenn es keinen Heiligen Geist gibt, gibt es auch keine Synode. Es mag eine Demokratie, ein Parlament, eine Debatte sein, aber keine 'Synode'."

Er wolle "deutlich machen, dass es bei der Synode nicht um eine Abstimmung geht, auch nicht um eine dialektische Auseinandersetzung zwischen einer Mehrheit und einer Minderheit. Es besteht auch die Gefahr, das Gesamtbild, den Sinn der Dinge zu verlieren."

In der Vergangenheit habe die Kirche nicht gut verstanden, was Synodalität bedeute, so Franziskus, der dabei auf eigene Erfahrungen verwies: "Im Jahr 2001 war ich Relator für die Bischofssynode." Er habe Kardinal Edward Egan vertreten, der wegen der Terroranschläge vom 11. September zurück ins Erzbistum New York gereist war.

"Ich erinnere mich, dass die Stellungnahmen gesammelt und an das Generalsekretariat geschickt wurden", sagte der Papst. "Dann sammelte ich das Material und bereitete es für die Abstimmung vor. Der Sekretär der Synode kam zu mir, las das Material und sagte mir, ich solle dieses oder jenes Detail streichen. Es gab Dinge, die er nicht für angemessen hielt, und er zensierte sie. Es gab, kurz gesagt, eine Vorauswahl des Materials."

Papst Franziskus warnte auch davor, Synoden "auf ein bestimmtes Thema" zu reduzieren. Bei der Familiensynode von 2014 und 2015 etwa "wurde gesagt, dass sie organisiert wurde, um wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu geben. Aber im nachsynodalen Schreiben zu diesem Thema gibt es nur eine Fußnote, denn alles andere sind Überlegungen zum Thema Familie, wie die zum Familienkatechumenat."

Im Jahr 2016 wurde die Interpretation der Fußnote durch die argentinische Bischöfe der Region Buenos Aires, wonach in bestimmten Situationen zivil Geschiedene und Wiederverheiratete – nach katholischer Lehre objektiv eine Situation des Ehebruchs – die heilige Kommunion empfangen dürfen, von Papst Franziskus als richtig charakterisiert: "Es gibt keine andere Interpretation."

Sowohl das Schreiben der argentinischen Bischöfe als auch die päpstliche Antwort wurden später in die Acta Apostolicae Sedis aufgenommen, das Amtsblatt des Heiligen Stuhls. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bestätigte, sie seien laut Papst Franziskus "als authentisches Magisterium" (velut Magisterium authenticum) anzusehen.

Papst Franziskus über die Tradition

In seinem Gespräch mit kanadischen Jesuiten am 29. Juli verurteilte der Papst die "Vorstellung, die Lehre der Kirche sei monolithisch und ohne Nuancen zu verteidigen", als "falsch".

Vor diesem Hintergrund sei es "wichtig, die Tradition zu respektieren, die authentische Tradition. Jemand hat einmal gesagt, die Tradition sei das lebendige Gedächtnis der Gläubigen. Der Traditionalismus hingegen ist das tote Leben unserer Gläubigen. Die Tradition ist das Leben derer, die vor uns gegangen sind und die weitergehen. Der Traditionalismus ist ihr totes Gedächtnis."

 

"Von der Wurzel zur Frucht, kurz gesagt, das ist der Weg", so der Pontifex weiter. "Wir müssen uns am Ursprung orientieren, nicht an einer bestimmten historischen Erfahrung, die als immerwährendes Modell genommen wird, als ob wir dort stehen bleiben müssten. Aus 'gestern wurde es so gemacht' wird 'es wurde immer so gemacht'. Aber das ist ein heidnisches Denken!"

Mit Blick auf die Liturgie sagte er, es habe in Lateinamerika "vor 30 Jahren monströse liturgische Deformationen" gegeben. Als Reaktion habe man sich "auf die andere Seite begeben, mit einer rückwärtsgewandten Berauschung am Alten. Es kam zu einer Spaltung in der Kirche."

Er selbst ziele darauf ab, "der Linie von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu folgen, die den alten Ritus zugelassen und um eine nachträgliche Überprüfung gebeten hatten", sagte der Papst. "Die jüngste Überprüfung hat deutlich gemacht, dass es notwendig ist, die Praxis zu regeln und vor allem zu vermeiden, dass sie, sagen wir, zu einer 'Modefrage' wird und stattdessen eine pastorale Frage bleibt."

Nachdem Papst Johannes Paul II. 1984 und 1988 sowie Papst Benedikt XVI. 2007 die überlieferte Liturgie, wie sie noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils in der ganzen westlichen Kirche gefeiert wurde, Schritt für Schritt wieder zugänglich gemacht hatten, schränkte Papst Franziskus sie 2021 massiv ein.

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