Parolin zu Pekinger Zeitung: 'Katholische Inkulturation und Sinisierung kein Widerspruch'

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bei einem Treffen mit dem Präsidenten der Ukraine im Juni 2016
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In einem Interview mit der "Global Times", die unter der Schirmherrschaft des Organs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas erscheint, hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin das Abkommen des Vatikans mit der Volksrepublik als Gelegenheit bezeichnet, "eine sicherere und wohlhabendere Welt aufzubauen".

Er begrüße diese Gelegenheit, so Parolin wörtlich: "Es bietet sich die Perspektive, dass sich zwei alte, große und anspruchsvolle internationale Organisationen - wie China und der Apostolische Stuhl - immer mehr einer gemeinsamen Verantwortung für die schwerwiegenden Probleme unserer Zeit bewusst werden".

Das Interview mit der "Global Times" wurde am gestrigen 12. Mai veröffentlicht.

Eigentümer des Mediums ist "People's Daily", das offizielle Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.

Parolin sagte weiter, dass sich katholische "Inkulturation" und die Politik der "Sinisierung" einander ergänzten und "Wege zum Dialog eröffnen" können.

"Diese beiden Begriffe, 'Inkulturation' und 'Sinisierung', beziehen sich ohne Verwirrung und ohne Widerspruch aufeinander", so der Staatssekretär des Vatikans wörtlich.

"Die Inkulturation ist eine wesentliche Voraussetzung für eine fundierte Verkündigung des Evangeliums, die, um Früchte zu tragen, einerseits die Wahrung ihrer authentischen Reinheit und Integrität erfordert und andererseits die Präsentation entsprechend den eigenen Erfahrungen jedes Volkes und jeder Kultur", sagte der Kardinalstaatssekretär.

Parolin bezeichnete den Jesuitenmissionar Matteo Ricci aus dem 16. Jahrhundert als herausragendes Zeugnis einer fruchtbaren Inkulturation in China.

"Für die Zukunft wird es sicherlich wichtig sein, dieses Thema zu vertiefen, insbesondere das Verhältnis zwischen 'Inkulturation' und 'Sinisierung', wenn man bedenkt, wie es der chinesischen Führung gelungen ist, ihre Bereitschaft zu bekräftigen, die Natur und die Lehre jeder Religion nicht zu untergraben", sagte Parolin wörtlich.

Tatsächlich hat – mit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 – Präsident Xi Jinping eine "Sinisierung" aller Religionen in China angeordnet, darunter auch des Christentums und des Islam. Menschenrechtler haben diese als aggressive und systematische Politik der Verfolgung und Unterdrückung bezeichnet und scharf verurteilt.

Im Jahr 2017 sagte Xi, der mittlerweile "Präsident auf Lebenszeit" ist, dass Religionen, die nicht ausreichend kommunistischen Idealen entsprächen, eine Bedrohung für die Regierung des Landes darstellten und daher stärker "chinesisch orientiert" werden müssten.

Seit seinem Amtsantritt wurden Kreuze von schätzungsweise 1.500 Kirchengebäuden entfernt. Berichte über die Zerstörung oder Schändung katholischer Kirchen und Schreine kommen aus ganz China.

Ebenfalls stark betroffen sind Muslime. So ist die chinesische Regierung dabei, einen fünfjährigen "Sinisierungsplan" für den Islam im Land umzusetzen. Dazu gehört die Internierung von mindestens 800.000 uigurischen Muslimen in Lagern, in denen diese "umerzogen" werden sollen.

In seinem gestern veröffentlichen Interview sagte Kardinal Parolin, dass es "ein größeres Vertrauen zwischen den beiden Seiten" gebe, seit China und der Heilige Stuhl im September 2018 ihre "vorläufige Vereinbarung" über die Ernennung von Bischöfen unterzeichneten. Das Abkommen schenke "Hoffnung, dass wir allmählich zu konkreten Ergebnissen kommen", so Parolin.

"Es besteht die Zuversicht, dass nun eine neue Phase der verstärkten Zusammenarbeit zum Wohle der chinesischen katholischen Gemeinde und zur Harmonie der gesamten Gesellschaft eingeleitet werden kann", fuhr der Kardinalstaatssekretär gegenüber der Staatspresse fort.

Parolin sagte auch, dass es nicht "verwundern" sollte, dass es Kritik an der Vereinbarung zwischen dem Heiligen Stuhl und der chinesischen Regierung gibt. Seine Erklärung: Das geschehe generell, wenn es um "komplese Fragen" gehe und "man vor Problemen von großer Bedeutung steht".

Tatsächlich haben sowohl internationale Menschenrechtler wie auch katholische Stimmen aus China – vor allem Kardinal Joseph Zen – wiederholt deutlich den Deal scharf verurteilt. Papst Franziskus, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und einzelne Kurienvertreter haben sich dagegen persönlich für das Abkommen eingesetzt.

Kritiker verweisen darauf, dass die Kommunistische Partei die systematische Verfolgung und Unterdrückung von Christen seit dem Abkommen verschärft hat. So wurden zahlreiche katholische Kirchen und Schreine abgerissen, Geistliche wie Laien schikaniert – und in Guangzhou, der 25-Millionen-Einwohner-Stadt in der Provinz Guangdong, bekommen Bürger seit kurzem sogar "Geldbelohnungen" für Informationen über "illegale" religiöse Gruppen.

Im März sagte der US-Botschafter für internationale Religionsfreiheit, Sam Brownback, dass "seit der Bekanntgabe dieses vorläufigen Abkommens[zwischen dem Vatikan und China] im vergangenen Jahr der Missbrauch von Mitgliedern katholischer Gemeinschaften durch die chinesische Regierung fortgesetzt wurde. Wir sehen keine Anzeichen, die sich in naher Zukunft ändern werden."

Der Ende April veröffentlichte Bericht der überparteilichen US-Kommission für Religionsfreiheit bezeichnet das Abkommen des Vatikans mit China wörtlich als "schweren Fehler" und ein "Debakel".

In seinem gestern veröffentlichten Interview mit der chinesischen Staatspresse bekräftigte Parolin, dass Papst Franziskus der Dialog am Herzen liege, besonders Dialog auf pastoraler Ebene.

"Der Heilige Vater bittet insbesondere die Katholiken, mit Mut den Weg der Einheit, der Versöhnung und einer erneuten Verkündigung des Evangeliums zu gehen. Er sieht China nicht nur als ein großes Land, sondern auch als eine große Kultur, reich an Geschichte und Weisheit", so Parolin.

Der Kardinalstaatssekretär fuhr fort, dass die Bekämpfung von Armut, der Umweltschutz und der Klimawandel, die Migration und eine ethischer wissenschaftlicher Entwicklung "globale Fragen" seien. Bei diesen könne im Geiste einer positiven Zusammenarbeit zwischen der Volksrepublik und dem Vatikan die "Würde des Menschen im Mittelpunkt" stehen.

"Der Heilige Stuhl hofft, dass China keine Angst haben wird, in den Dialog mit der übrigen Welt einzutreten", so Parolin weiter, "und dass die Nationen der Welt die tiefen Wünsche des chinesischen Volkes anerkennen werden. Auf diese Weise, wenn alle zusammenarbeiten, bin ich sicher, dass wir das Misstrauen überwinden und eine sicherere und wohlhabendere Welt aufbauen können".

Dieser Bericht ist eine übersetzte und redigierte Fassung eines Artikels der CNA.

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