Vigano kritisiert in neuem Interview Handhabung des Falls McCarrick durch Papst Franziskus

Erzbischof Carlo Maria Viganò in Rom am 18. Mai 2018.
Foto: Edward Pentin / National Catholic Register
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Erzbischof Carlo Maria Viganò hat in einem Interview mit der "Washington Post" erneut schwere Vorwürfe gegen Papst Franziskus erhoben. Er fordert den Papst auf, seine Fehler im Umgang mit dem Fall McCarrick zuzugeben und sich "mit Gott zu versöhnen". Außerdem erneuert Vigano seine Forderungen nach einem transparenteren Umgang mit homosexuellen Seilschaften, Vertuschung und Korruption im Vatikan.

In seinen Antworten, die per E-Mail an die Redaktion der "Washington Post" geschickt wurden, beschuldigt Erzbischof Carlo Maria Viganò den Papst, Beweise zum Fall Theodore McCarrick "absichtlich vertuscht" zu haben, "eklatant gelogen" zu haben, um sein eigenes Vorgehen zu vertuschen, und "absolut nichts" zu tun, um Vertuschung und Fehlverhalten aufzudecken, weil es "katastrophal für das derzeitige Pontifikat wäre".

Aber in seinem ersten langen Interview seit seiner "Zeugenaussage" im vergangenen Jahr betont der ehemalige Nuntius gegenüber der Zeitung am 10. Juni, dass ihn nichts "glücklicher" machen würde, als dass Franziskus die Vertuschungen im Fall McCarrick und anderen Missbrauchsfällen "anerkennen und beenden" und sich "mit Gott versöhnen" würde. 

"Ich bin dem Herrn dankbar, weil er mich davor bewahrt hat, irgendwelche Gefühle von Wut oder Ressentiments gegen Papst Franziskus oder jeden Wunsch nach Rache zu haben", so Vigano. "Ich bete jeden Tag für seine Bekehrung."

Der in den Ruhestand getretene Diplomat des Heiligen Stuhls sagt auch, dass er "nicht gegen Papst Franziskus kämpft und ich ihn auch nicht beleidigt" habe, sondern "einfach die Wahrheit gesagt". Der Heilige Vater, so Vigano, "muss sich mit Gott versöhnen".

An anderer Stelle im Interview fordert der ehemalige Nuntius des Papstes in den USA, dass McCarrick exkommuniziert werden sollte. Die Entlassung McCarricks aus dem Klerikerstand sei zwar ein richtiger Schritt gewesen, aber auch gezielt zu einem Zeitpunkt erfolgt, an dem die öffentliche Meinung manipuliert werden sollte: Man habe den Anschein erwecken wollen, dass man wirklich etwas gegen die Krise unternehme. Dies sei jedoch nicht wirklich der Fall, so Vigano. Zudem bekräftigt er gegenüber der Zeitung seine Überzeugung, dass eine weitgehend homosexuelle "Mafia" in erster Linie für diese "wirklich finstere Phase der universellen Kirche" verantwortlich sei.

Auch eigene Fehler räumt der Erzbischof gegenüber der "Washington Post" ein. So erklärt er, "im Nachhinein" sehe er ein, dass "bestimmte Punkte" seiner ersten Zeugenaussage – darunter seine Rücktrittsforderung an den Papst – "besser hätten formuliert werden können". So hätte er die Aufforderung zum Rücktritt davon abhängig machen müssen, dass der Papst seine eigenen Fehler nicht anerkenne und dafür nicht um Vergebung bitte. Erst dann sei ein Rücktritt erforderlich.

Scharfe Kritik übt Vigano an den Aussagen des Papstes zum Fall McCarrick und seiner eigenen Person. Franziskus hatte sein Schweigen zu den Vorwürfen gegen seine Person in einem vom Vatikan veröffentlichten Interview gebrochen. Darin sagt Papst Franziskus sowohl mehrfach, dass er nichts gewußt habe, als auch, dass er sich "nicht erinnern" könne, ob ihm Vigano in einem persönlichen Gespräch über die Vorwürfe und von Benedikt XVI. verhängten Sanktionen informiert habe.

Das Interview mit der "Washington Post" beginnt mit einer Bewertung des Krisengipfels im Februar. Er habe zwar für dessen Erfolg gebet, so Viganò. Doch die dann abgehaltene Konferenz zum Schutz Minderjähriger sei letztlich vor allem eine Schauveranstaltung gewesen, weil sie die "wirklichen Ursachen der aktuellen Krise" völlig ausgeklammert habe.

Angesichts der Tatsache, dass es sich laut sämtlichen Studien zur Kirchenkrise bei den allermeisten Fällen von Missbrauch und sexueller Gewalt in der Kirche um homosexuelle Vergehen an über 14 Jahre alten Jungen gehandelt habe, sei es inakzeptabel, dass der Krisengipfel die Frage nach der Homosexualität völlig ignoriert habe.

Letztlich werde jedoch die Wahrheit herauskommen, so Vigano, "über McCarrick und all die anderen Vertuschungen, wie es bereits im Fall von Kardinal Wuerl geschehen ist."

Der Erzbischof weiter: Es gebe eine "homosexuelle Mafia" in der Kirche, die sich gegenseitig schütze und einander verbunden sei - so wie die "homosexuellen Klubs" von denen Papst emeritus Benedikt aus deutschen Priesterseminaren berichtete.

Viganò, der sagt, dass er eine "unglaubliche Welle der Unterstützung" erlebt habe, weist die Anschuldigung Kardinal Marc Ouellets vom vergangenen Oktober von sich, dass ihn Bitterkeit und falscher Ehrgeiz antreibe.

Enttäuscht zeigt sich Viganò vielmehr darüber, dass die Medien nicht darauf bestehen, dass der Papst und andere Prälaten auf seine "Anschuldigungen antworten". Dies liege sicher daran, dass viele Medien die "liberalere Agenda" des Papstes befürworten, so der Erzbischof. Dennoch sollten Journalisten auch selbst recherchieren, Akten prüfen, mit Opfern sprechen, den Finanzspuren nachgehen und korrupte Netzwerke aufdecken.

Als Beispiel verweist er auf den Fall von Kardinal Oscar Maradiaga. Gegen den werde in einem auf Spanisch erschienen Buch von Martha Alegria Reichmann eine Reihe schwerer Vorwürfe erhoben, auch mit Blick auf seinen mittlerweile wegen sexuellen Fehlverhaltens und finanzieller Vergehen zurückgetretenen Weihbischof Juan José Pineda.

"Haben Sie schon daran gedacht, die zu interviewen? Ihre Vorwürfe zu prüfen?" fragt der Erzbischof die Journalisten der "Washington Post" im Interview.

Erzbischof Viganò, der das Interview mit der Aussage beginnt, dass die Kirche "einen der turbulentesten Momente ihrer Geschichte durchläuft", beendet es mit einem Zitat aus Abschnitt 675 des Katechismus der Katholischen Kirche. Darin steht, dass die Kirche "eine letzte Prüfung durchmachen" wird, "die den Glauben vieler erschüttern wird."

"Die Verfolgung, die ihre Pilgerschaft auf Erden begleitet, wird das 'Mysterium der Bosheit' enthüllen: Ein religiöser Lügenwahn bringt den Menschen um den Preis ihres Abfalls von der Wahrheit eine Scheinlösung ihrer Probleme", so der Katechismus.

Übersetzt, gekürzt und redigiert aus dem englischen Original.

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