Wie französische Katholiken auf die Einschränkungen der traditionellen Messe reagieren

Feier der traditionellen lateinischen Messe (TLM) in Straßburg.
Foto: Christophe117 via Wikimedia (CC BY-SA 4.0).

Nicht nur in Deutschland und der englischsprachigen Welt schlug das Papstschreiben "Traditions Custodes" vom 16. Juli wie eine Bombe ein. Auch und gerade in Frankreich, einer Hochburg des traditionellen Katholizismus, sorgte das Motu Propio für Aufregung. 

Als Reaktion auf die Maßnahmen, die Papst Franziskus zur Einschränkung der traditionellen lateinischen Messe verhängt hat, haben die Verantwortlichen der Kirche in Frankreich öffentlich die wachsende Zahl der Katholiken zu beruhigen versucht, die dieser seit Jahrhunderten gefeierten Liturgie anhängen.

Wie auch in Deutschland wächst nicht nur die Zahl der Anhänger der traditionellen lateinischen Messe (TLM) in Frankreich, sondern ist deren Durchschnittsalter auch deutlich jünger. 

Umso dramatischer war der Eindruck eines Papstschreibens, in dem pauschal ein bedeutender Teil der französischen Kirche verurteilt und gemaßregelt wurde - ausgerechnet Gemeinden, die in Frankreich als Orte starker missionarischer Dynamik erlebt werden, die gerade entchristlichte Jugendliche ansprechen. 

Als Reaktion auf die Bedenken, die das Motu proprio von Papst Franziskus zur Einschränkung der traditionellen lateinischen Messe ausgelöst hat, haben die Verantwortlichen der Kirche in Frankreich eine Reihe von Kommuniques herausgegeben, um die Katholiken zu beruhigen, die der TLM anhängen.

Das Motu proprio Traditionis custodes, das am 16. Juli veröffentlicht wurde, kam wie ein Donnerschlag für einen bedeutenden Teil der französischen Kirche wegen seiner wahrgenommenen Strenge gegenüber traditionalistischen Gemeinden, die als Orte starker missionarischer Dynamik und Magneten für entchristlichte Jugendliche angesehen werden.

Laut einer Untersuchung, die kürzlich von der katholischen Zeitschrift La Nef veröffentlicht wurde, wächst der traditionalistische Katholizismus in Frankreich ständig, obwohl er immer noch eine kleine Minderheit darstellt (4 Prozent aller praktizierenden Katholiken, 7 Prozent, wenn man die Piusbruderschaft SSPX mitzählt).

Die Studie schätzt, dass es etwa 60.000 traditionalistische Katholiken in Frankreich gibt. Die Zahlen bestätigen auch, dass die traditionellen Gemeinschaften langsam aber stetig jedes Jahr wachsen, mit einem sehr jungen Durchschnittsalter.

Am Tag nach der Veröffentlichung des Motu proprio bekräftigte die französische Bischofskonferenz die Absicht der Bischöfe, den Dialog mit diesen Gemeinschaften fortzusetzen, wie CNA Deutsch berichtete.

"Die französischen Bischöfe [...] möchten den Gläubigen, die gewöhnlich nach dem Messbuch des heiligen Johannes XXIII. zelebrieren, und ihren Seelsorgern ihre Aufmerksamkeit, ihre Wertschätzung für den geistlichen Eifer dieser Gläubigen und ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, die Mission gemeinsam fortzusetzen, in der Gemeinschaft der Kirche und gemäß den geltenden Normen", hieß es in dem Kommunique.

Diese Aussage veranlasste mehrere Beobachter, darunter den katholischen Historiker Yves Chiron, der von Le Figaro zitiert wurde, zu der Schlussfolgerung, dass die neuen Vorschriften aus Rom von einer Reihe französischer Bischöfe mit pastoraler Flexibilität und viel Wohlwollen angewandt werden würden.

Drakonische Forderungen wie ein Verbot der TLM in Pfarrkirchen halten viele Beobachter ohnehin für nicht umsetzbar. 

In der Diözese Versailles, die in den westlichen Vororten von Paris liegt und als eine Bastion des Traditionalismus gilt, sagte Bischof Luc Crepy, dass die Situation "friedlich" in den sechs Pfarrgemeinden sei, die in der Regel Messen unter Verwendung des Römischen Messbuchs von 1962 feiern.

"Obwohl einige Gemeinschaften in der Vergangenheit schmerzhafte Ereignisse erlebt haben, freue ich mich über die Fortschritte auf dem Weg zu einer effektiven kirchlichen Gemeinschaft", schrieb er.

Das gleiche friedliche Klima, gepaart mit einer "loyalen Anwendung" des apostolischen Schreibens Summorum Pontificum von Benedikt XVI. aus dem Jahr 2007, beobachtete Bischof Marc Aillet in seiner Diözese Bayonne im Südwesten Frankreichs. 

Während er sein Vertrauen in die betroffenen Gemeinschaften bekräftigte und sie einlud, "ihre Bemühungen in dieselbe Richtung fortzusetzen", sagte Aillet, dass er die bestehenden Gruppen und Priester, die die Messe nach dem Missale von 1962 feiern dürfen, beibehalten werde.

Die Bischöfe der südlichen Diözesen Toulon-Fréjus und Bordeaux - zwei weitere blühende Zentren traditionalistischer Gemeinschaften - versuchten, ihre Schäfchen zu beruhigen, indem sie sagten, dass die detaillierten Regeln für die Anwendung von Traditionis custodes überprüft und kollegial diskutiert würden.

Klare Ansage gab es auch von Bischof Matthieu Rougé von Nanterre, in den westlichen Vororten von Paris: Er teilte kurzum mit, dass seine Diözese "kaum von den neuen Richtlinien betroffen" sein werde. Die Katholiken und ihre Gemeinden, die der TLM anhängen, erfreuten "sich der dauerhaften, wohlwollenden und betenden Fürsorge ihres Bischofs".

Es gab auch andere Stimmen: Bischof Jean-Pierre Batut von Blois in Zentralfrankreich, und Bischof Olivier Leborgne von Arras, im Norden der Nation, begrüßten "Traditiones Custodes" sogar recht wohlwollend und prangerten "Missbrauch" von Summorum Pontificum durch Katholiken an, die die Gültigkeit des Zweiten Vatikanischen Konzils in Frage stellten.

Aber diese Einzelstimmen blieben eher die Ausnahme. Vielmehr regte sich auch in nicht-katholischen Kreisen eine Zahl kritischer Stimmen zur Verteidigung der traditionellen lateinischen Messe, darunter prominente Linke und Atheisten.

Tatsächlich sprach sich der Philosoph Michel Onfray am Lebhaftesten zugunsten der TLM aus: Der Atheist und Linksintellektuelle schrieb sogar in einer Kolumne, die am 18. Juli veröffentlicht wurde, die heilige Messe in ihrer überlieferten Form verkörpere "das Erbe der genealogischen Zeit unserer Zivilisation".

Die traditionelle lateinische Messe sei das lebendige Erbe, historisch und spirituell, "einer lange Linie von heiligen Ritualen, Feiern und Gebeten, die alle in einer Form kristallisiert sind, die ein totales Spektakel bietet", schrieb er.

Anhänger der Feier der TLM warfen die Frage nach dem Cui Bono des Papstschreibens auf: Wem gereicht "Traditionis Custodes" zum Guten, auch und gerade angesichts der brodelnden Kirchenkrise um Missbrauch, Korruption und mehr? 

Der Präsident der katholischen Laienorganisation, die hinter der traditionalistischen Chartres-Wallfahrt steht, der größten Wallfahrt Westeuropas, erklärte, dass "es schwierig sein wird, das Papstschreiben in einer Kirche anzuwenden, die sich in einer katastrophalen Situation befindet und viele andere Schwierigkeiten hat, die der Vatikan vorgibt, nicht zu sehen."

Auch französische Pfarrer, die selber nur nach dem Novus Ordo zelebrieren, zeigten sich überrascht über die ihrer Meinung nach "zu große Härte" des Schreibens von Papst Franziskus.

"Es macht mich traurig, denn dieser Text scheint die Bemühungen von Benedikt XVI. um die Einheit der Kirche hinwegzufegen und die Anstrengungen zu verachten, die die traditionalistischen Gemeinschaften seit 15 Jahren unternommen haben", sagte Pater Guy-Emmanuel Cariot, Rektor der Basilika Saint-Denis in Argenteuil, einem Vorort von Paris, gegenüber dem Wochenmagazin Famille chrétienne.

Aber für diejenigen, die direkt von dem Motu Proprio betroffen sind, in dem Papst Franziskus mit vehementer Schärfer pauschal über traditionelle Priester, katholische Familien und Gläubige Bedenken erhebt, lagen unmittelbar nach dessen Veröffentlichung die Nerven blank.

"Ich habe einen Text erwartet, der die Dinge verändern würde, aber ich hätte niemals ein so ungerechtes Dokument erwartet", sagte Pater Matthieu Raffray, ein in Rom lebender französischer Priester des Instituts vom Guten Hirten, gegenüber CNA.

"Ich denke, überall dort, wo es traditionelle Gemeinschaften in Frankreich gibt, ist die Situation beruhigt, und die Reaktionen der Bischöfe sind ein Beweis dafür", fuhr er fort.

Natürlich gebe es Leute, welche die vom emeritierten Papst gewährte Freiheit nutzen wollten, um die Einheit in der Kirche zu zerstören, so der Priester. Angesichts der schismatischen Realitäten unter weiten Teilen der nicht-traditionellen Kirche, sei dieses Argument jedoch alles andere als überzeugend. Ein Beispiel dafür sei der "Synodale Weg" in Deutschland.

Neben dem Maßregeln gläubiger Katholiken berge "Traditionis Custodes" jedoch das Risiko einer spirituellen Verkümmerung und Armseligkeit. 

"Wie kann man eine liturgische Erneuerung begünstigen und das Geheimnis der Eucharistie wieder in den Mittelpunkt der Messe stellen, wenn man die Kirche von ihrer Tradition trennt?", fragte er. "Ein Baum, dessen Wurzeln abgeschnitten werden, stirbt ab."

Wie andere Beobachter erklärte Raffray zudem: Das Motu Proprio könnte sich auch in mehrfacher Hinsicht als kontraproduktiv erweisen.

"Ich werden in diesem Sommer in Frankreich ein Paar trauen, und wir haben bereits vereinbart, dass wir, wenn der Pfarrer sich irgendwann weigern sollte, uns in seiner Kirche aufzunehmen, im Freien feiern, oder in einer nahe gelegenen Scheune", sagte er.

"Kein Gläubiger, der an die traditionelle lateinische Messe gewöhnt ist, wird plötzlich beschließen, wegen dieses Dokuments nicht mehr zur heiligen Messe in der überlieferten Form zu gehen." 

"Es gibt heutzutage eine echte Bewegung der Jugend hin zur traditionellen Messe, weil sie kulturelle und identitätsstiftende Orientierungspunkte brauchen", fügte er hinzu.

"Dieser Text könnte in diesem Sinne ein Motor sein, der die Traditionalisten noch frommer macht, noch mehr Vertrauen in die Kirche erweckt, während sie für den Papst beten und dabei im Glauben und in der Liebe wachsen."

Übersetzt und redigiert aus dem englischen Original.

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