Auch im Angesicht der Kirchenkrise: 'Euer Herz lasse sich nicht verwirren!'

Eine Rezension des Buches "Missbrauch" von Gabriele Kuby

"Christus trägt das Kreuz" von Hieronymus Bosch. Das Gemälde entstand zwischen 1490 und 1535.
Foto: Gemeinfrei via Wikipedia
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06 January, 2019 / 9:30 AM

"Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird, auch nichts geheim, was nicht bekannt werden und an den Tag kommen wird"(Lk 8,17).

So beginnt die Katholikin und Soziologin Gabriele Kuby ihr neuestes Buch Missbrauch", um sofort festzustellen, dass der Leib Christi "mit Eiterbeulen übersät" ist. Haben die Menschen keine Angst vor Eiterbeulen? Und leben Katholiken nicht mehr im Bewusstsein, dass Gott uns kennt und alles sieht, was eines Tages beim Gericht offenbar werden wird? Unter welchem Druck müssen also Menschen stehen, die ein "Doppelleben führen" und das alles vergessen haben? Sie haben die "Lüge zu Ihrer Behausung" gemacht.

Was für alle Menschen gilt, trifft noch wesentlicher auf katholische Priester zu: sie haben freiwillig das Zölibatsgelöbnis abgelegt. Warum halten sie sich nicht daran? Kuby deckt auf, benennt und erklärt – kurz und knapp aber deutlich – diese Misere. Und sie stellt fest, was viele in unserer Gesellschaft nicht wahrhaben wollen, dass es nicht alleine ein Problem der Priester ist, vielmehr sind es "Folgen der sexuellen Revolution". Die Enthemmung jedweder Intimität, die nicht nur in den verschiedenen Medien festzustellen ist, sondern auch im ganz normalen öffentlichen Leben, sei es am Arbeitsplatz oder im Sportverein, scheint unaufhaltbar zu sein.

Das Fazit der Autorin ist ernüchternd: Es ist nicht nur modische Kleidung, Sex-Unterricht und leicht zugängliche Pornographie; auch die Schlüpfrigkeit der Sprache, das teilweise ungehemmte ansehen und anfassen von Menschen gehören dazu. Es fehlt an Achtung und Respekt. Am Glaubenswissen sowieso! Wer kennt die zehn Gebote, die nicht bloß eine in Stein gemeißelte Schrifttafel sind? Und wer kennt darin das sechste Gebot? Denn nichts ist der Beliebigkeit überlassen.

Kuby beschreibt ein Dilemma, dass, politisch gewünscht und gefördert, einerseits bereits eine große Akzeptanz gegenüber jedweder angeblichen sexuellen Orientierung besteht und andererseits eine oft "existenzvernichtenden Bloßstellung" sexuellen Missbrauchs. Die Autorin sieht die Zusammenhänge genau und scheut sich nicht davor sie zu benennen. Vor allem benennt sie die – auch von Papst Franziskus, Kardinal Gerhard Ludwig Müller und anderen angesprochene Frage nach der praktizierten Homosexualität – und erinnert daran, dass allen Untersuchungen zufolge über achtzig Prozent aller Missbrauchsfälle in der Kirche gleichgeschlechtlicher Art waren. Das liege auch daran, so Kuby weiter, dass die Kirche unfähig zu sein scheine und mangelnden Willen zum Durchgreifen zeige, etwaige "Netzwerke" in den eigenen Reihen anzugehen.

Gabriele Kuby weiß trotz aller schlimmen Missbrauchsgeschehen, dass es dennoch "rechtgläubige Bischöfe" gibt, auch Priester, "alte und immer mehr junge, die es geschafft haben, ihren Glauben durch die Ausbildung zu retten". Das hat auch Bischof Rudolf Voderholzer wiederholt betont. Solche Priester werden von ihr an das Johannes-Evangelium erinnert, als der Herr sprach: "[…] Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen"; und gleichsam als Hinweis und Trost, wem sie glauben sollen: "wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten". Im Vorwort bringt es Kardinal Gerhard Ludwig Müller aus seiner Sicht auf den Punkt:

"Es geht hier nicht nur um Untaten einzelner psychisch schwer gestörter Personen, sondern um eine strukturelle Verweltlichung im Klerus, die blind macht für den moralischen Verfall, der aus einer Korruption der Glaubenslehre stammt. Mitmachen, Abwiegeln, Herunterspielen, Warten auf bessere Zeiten und sophistische Unterscheidungen zwischen der unantastbaren Lehre und der pastoralen Anpassung an den Zeitgeist bis zum Verlust des unterscheidend Christlichen, helfen weder der Kirche noch der Welt aus dieser Krise, wo nur die Wahrheit wirklich befreiend wirken kann."

Das schmale Bändchen von Gabriele Kuby sollte dazu bestimmt sein, von den Verantwortlichen der Kirche gelesen zu werden, zuvorderst Bischöfe und Priester. Aber es betrifft nicht nur den Klerus, vielmehr müssen sich alle Glieder der Kirche damit befassen. Missbrauch ist eine überschrittene Grenze. An dieser Grenze bewegen wir uns im Alltag in einer "hypersexualisierten Gesellschaft". Ohne Gottes Hilfe für einen jeden – früher sprach die Kirche von "Gnade" – wird es keine echte Lösung, kein Entrinnen geben. Wer bereit ist, selbst zu kämpfen und sich unter das Kreuz Christi – das sind Gottes Gebote – zu stellen, wird dereinst zu jener kleinen Herde, dem "Rest meiner Schafe" gehören, die "sich nicht mehr fürchten und ängstigen" muss und "nicht verloren gehen" wird.

Am Ende von Gabriele Kubys Schrift heißt es: "Jeder zölibatär lebende Priester, der Maria verehrt und in seinem Leben wirken lässt, ist dem Weiblichen und dem Mütterlichen, dem Reinen und Schönen zugewandt und kann aus dieser Quelle trinken. Aus ihr wird er die Kraft gewinnen, die Jungfräulichkeit zu leben."

Heilige Maria, Du, meine Mutter!

Manchmal vergesse ich, dass mein Körper ein Tempel ist.

Hilf mir, ihn als solchen zu erkennen und zu behandeln.

O Maria, die Du ohne Sünde gezeugt worden bist,

bitte für mich, da ich auf dich hoffe.

Amen.

 Missbrauch

Gabriele Kuby, "Missbrauch. 'Euer Herz lasse sich nicht verwirren!'" ist im FE-Medienverlag erschienen und hat 74 Seiten.

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Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Ansichten der Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.