Im Wortlaut: Das EWTN-Interview mit Erzbischof Georg Gänswein über Benedikt XVI.

CNA Deutsch dokumentiert das Gespräch mit dem Privatsekretär des emeritierten Papstes in voller Länge

Erzbischof Georg Gänswein und Andreas Thonhauser im EWTN-Interview.
Foto: Daniel Ibáñez / CNA Deutsch
Previous Next
15 February, 2022 / 7:00 AM

LINK-TIPP: Den Bericht und das Video des EWTN-Interviews mit Erzbischof Georg Gänswein, das am 11. Februar in Rom aufgezeichnet wurde, finden Sie hier.

EWTN: Exzellenz, Sie sind der Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Wie geht es ihm jetzt? Und wie hat er das Münchner Missbrauchsgutachten, aber auch die nachfolgenden internationalen Medienberichte, aufgenommen? 

ERZBISCHOF GÄNSWEIN: Vor einer guten Stunde haben wir miteinander die Heilige Messe gefeiert, zusammen mit den Memores, haben dann die Laudes gebetet und gefrühstückt. Jetzt bin ich hier. Es geht ihm gut. Er hat sehr gut geschlafen. Es ist selbstverständlich der große Druck gewichen, der auf ihm lastete bis zur Veröffentlichung seines Briefes, aber auch des Faktenchecks. Gott sei Dank! Wobei ich ganz ehrlich sagen muss: er war immer ruhig, er war gelassen und er hat getan, was er konnte und sich, wo notwendig, eben auch helfen lassen. Kurzum: Er ist guter Dinge. Er ruht in Gott, und er ist gottlob immer zuversichtlich geblieben. Natürlich ist er altersgemäß schwach, das liegt einfach an den fast 95 Jahren, die er in zwei Monaten feiern kann. Aber er ist geistig glasklar, und hell, und hat Gott sei Dank den Humor nicht verloren.

EWTN:In seinem jüngsten Brief bat Benedikt XVI. die Opfer sexuellen Missbrauchs um Vergebung, wies aber gleichzeitig alle konkreten Anschuldigungen gegen seine Person zurück. Das wird jetzt von vielen als Widerspruch wahrgenommen. Wie passt das zusammen?

Sie kennen ja die Geschichte, dass nach der Veröffentlichung des Gutachtens von München ein Fehler unterlaufen ist. Dieser Fehler ist nicht Papst Benedikt unterlaufen, das hat er ja auch in seinem Brief angedeutet. Im Faktencheck wird eindeutig dargelegt, wie es dazu gekommen ist. Es war ein Versehen, das leider passiert ist. Das hätte nicht passieren sollen und dürfen. Aber es ist passiert.

Ich kann mich noch gut erinnern, als er die Stellungnahme, die er an die Kanzlei geschickt hat, beim letzten Durchgang „Frage/Antwort“ mit mir noch mal besprochen hat. Dann sagte er: „In dieser Sitzung, der berühmten, am 15. Januar 1980… Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Wenn aber hier steht, dass ich abwesend war, dann ist diese Abwesenheit eben belegt oder damals belegt aufgrund eines Dokuments der Sitzung. Und da ist der Fehler passiert. „Wenn ich also abwesend war, dann nehme ich das an. Ich kann mich nicht mehr erinnern.“ Ich sagte: Heiliger Vater, das hier stammt aus den Akten, die wir digital einsehen konnten, und es ist davon auszugehen, dass das stimmt. Und es wurde nicht mehr nachgeprüft, überhaupt nicht mehr, bis zum Schluss. Erst bei der Vorstellung des Gutachtens, als dann einer der Gutachter sagte, wir haben hier den Beweis, Benedikt war anwesend und nicht abwesend, bin ich natürlich erschrocken, die anderen auch. Und dann haben wir noch einmal nachgeprüft. Und in der Tat, da ist eine Verwechslung passiert. Ich habe das dann Papst Benedikt gesagt. Da sagte er: „Das müssen wir sofort sagen, dass das ein Fehler war, unsererseits. Es war keine Absicht, also es war keine Lüge – eine Lüge geschieht nur mit Absicht -, sondern ein Fehler.  Das müssen wir sagen, schnellstmöglich. Bereiten Sie eine Presseerklärung vor und besprechen Sie das mit dem Staatssekretariat.“ So kam es, dass ich dann am Nachmittag des 24. Januar eine Presseerklärung veröffentlicht und entsprechend auch in Aussicht gestellt habe, dass Papst Benedikt sich später dazu in einer Stellungnahme persönlich äußern wird.

Dann kam die Stellungnahme. Er sagte: Ich werde einen persönlichen Brief schreiben. Aber es sollen auch die Mitarbeiter zu den Anklagen, die gegen mich erhoben werden, antworten, beziehungsweise nicht nur zu den Anklagen, sondern auch zu den Unterstellungen auf der Grundlage des Aktenmaterials. Es soll aber so sein, dass es einen persönlichen Brief von mir gibt und als zweites, einen Anhang oder – wir nennen das im deutschen etwas salopp – einen Faktencheck. Er hat den Brief geschrieben. Und die Berater, die wir inzwischen ja dem Namen nach kennen, die ihm auch bei der Stellungnahme geholfen haben, haben eben das ihre getan – und auch in einer wichtigen Passage dann gesagt, wie es zu diesem Fehler gekommen ist, und auch wer die Schuld trägt oder wer dafür verantwortlich ist.

EWTN: Vielleicht, wenn ich hier mal einhaken darf – man muss diesen Fehler auch in einen Kontext setzen. Das Missbrauchsgutachten selbst hatte rund 2.000 Seiten. Der emeritierte Papst Benedikt erhielt einen Fragekatalog, bevor das Gutachten veröffentlicht wurde. Tausende Seiten von Dokumenten, wenn ich es richtig verstehe, die durchgesehen werden mussten. Und auf Basis dieser Arbeit wurde dann eine 82-seitige Entgegnung geschrieben, wo eben dieser Fehler, den Sie erwähnt haben, passiert ist. Jetzt ist es aber so, dass der Fehler sich darum drehte:  War Benedikt anwesend? Und trotz seiner Anwesenheit – das ergab nun die angefügte Entgegnung zu seinem persönlichen Brief – trotz seiner Anwesenheit wurden die Missbrauchsfälle in dieser Sitzung nicht diskutiert. Und das ist auch belegt. Das ist etwas, was man nicht unbedingt jetzt in den Medien, in allen Medien vernommen hat. 

Vielleicht darf ich dazu ein bisschen ausholen. Papst Benedikt wurde gefragt, ob er bereit sei, an diesem Gutachten mitzuwirken. Er sagte, ich habe nichts zu verbergen, ich bin gerne bereit. Daraufhin kamen in der Tat gegen die 20 Seiten Fragen und der Hinweis, selbstverständlich habe man die Möglichkeit, dann auch die Akten-Dokumentation zu sehen, aufgrund derer die Fragen gestellt wurden. Papst Benedikt hat dann geantwortet: in seinem Alter kann er nicht nach München reisen. Er kann nicht ins Erzbischöfliche Ordinariat, ins Archiv, kommen, um dort Akten-Einsicht zu nehmen. Dann kam später der Hinweis, es bestehe die Möglichkeit, das auch digital zu tun. Papst Benedikt ist mit der neuen Welt des Computers, der ganzen digitalisierten Welt, nicht sonderlich vertraut und hat darauf hin, auf meinen Vorschlag, einen Professor beauftragt – das ist ja jetzt bekannt, Professor [Stefan] Mückl aus Rom, den ich sehr gut kenne, den ich schätze aufgrund seiner Qualität, er ist Jurist und Kanonist und ein sehr guter Theologe. Er musste dann auch eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben gegenüber der Diözese und auch gegenüber der Kanzlei, um mitzuteilen, dass er bereit ist, das zu machen. Das hat er getan. Und dann, siehe da, es waren 8.000 Seiten digitaler Akteneinsicht. Er durfte nichts speichern und auch nichts kopieren. Also wie früher beim Studieren, er musste exzerpieren. Das ist eine unglaubliche Masse von Informationen.

EWTN: Wie viel Zeit hatte er dafür?

Ich glaube, das waren drei Wochen. Ich meine, es waren drei Wochen. Da bin ich aber jetzt nicht ganz sicher. Aber ich meine, es waren drei Wochen.

EWTN: Es waren jetzt nicht drei Monate.

Nein, zumal eben die Mitteilung, dass es digital möglich ist, nicht von Anfang an kam, sondern erst auf Nachfrage. Er hat das alles aufbereitet. Und dann wurde das Material natürlich auch in einer logischen Folge im Hinblick auf die Fragen geordnet. Danach kam ein erster Entwurf von den Mitarbeitern. Benedikt hat diesen angeschaut. Und in diesem ersten Entwurf war bereits die Verwechslung schon drin, beziehungsweise dieser Fehler. Dieses Versehen ist keinem aufgefallen, also weder den vier Mitarbeitern noch mir noch Papst Benedikt. Nur – wie ich bereits sagte – als er dann fragte: Ja, ist es denn so, dass ich da nicht anwesend war? Ja, das steht so da, das geht so aus den Akten hervor.  Und das war der Fehler. Gut, dann ging es weiter. Die Stellungnahme wurde dann abgeschickt, die von den Beratern verfasst worden ist, die Benedikt regelmäßig gegengelesen, einige Veränderungen vorgenommen sowie auch einiges verbessert hat. Am Ende waren es dann 82 Seiten. Es kam der Vorwurf, es sei zu juristisch. Das sei nicht die Sprache Benedikts. Auf juristische Fragen, teilweise recht kompliziert und auch etwas schnörkelig formuliert, wenn ich das einmal vorsichtig so ausdrücken darf, kann man nur in der gleichen Sprache antworten.

EWTN: War in die Kommunikation des Missbrauchsgutachtens eingebunden, sozusagen, wie das dann präsentiert wird? Oder wurden die 82 Seiten abgeschickt, und war dann der nächste Schritt schon die Präsentation?

Es war so. Das Datum der Abgabe war der 15. Dezember, Einsendeschluss sozusagen. Und dann hat die Kanzlei durch eine Pressemitteilung wissen lassen: Es wird in der dritten Kalenderwoche im Januar veröffentlicht. Mehr haben wir nicht mitgekriegt. Es wurde lediglich mitgeteilt: Wir können dann nach der Vorstellung des Gutachtens über die PDF-Datei alles herunterladen und dann alles nachlesen. Es waren nicht 1.000, sondern fast 2.000 Seiten. 1983 Seiten exakt hatte das Gutachten, in dem die Stellungnahme Benedikts enthalten war – und auch die Stellungnahme der anderen Kardinäle, die geantwortet haben. Das ist eine gewaltige Masse, wenn man überlegt: 2.000 Seiten, und dann dazu gleich etwas sagen. Das war nicht möglich. München hat es dann so gemacht, dass eine Woche später eine Konferenz angesagt wurde, in der Erzbischof Kardinal [Reinhard] Marx sich äußern würde. Papst Benedikt sagte: Ich muss, ich will das erst lesen. Und ich bitte auch die Mitarbeiter, das zu lesen. Dann werde ich antworten. Das muss man einem Mann, egal welchen Alters, zugestehen, dass man für die umfangreiche Lektüre Zeit braucht.

EWTN: Natürlich, es werden ja in diesem Gutachten knapp 500 Fälle präsentiert, dokumentiert. In vier Fällen davon wird dem emeritierten Papst Benedikt sozusagen vorgeworfen, falsch gehandelt zu haben. Und über einen dieser Fälle haben wir jetzt gesprochen, wo es eine Sitzung gab vor mehr als 40 Jahren in der Erzdiözese. Und darum dreht sich jetzt diese ganze Kommunikation.

Kürzlich erschien der Brief des Papstes, ein sehr persönlicher Brief, und eben auch eine juristische Klarstellung, die dann doch sehr deutlich zu dem Schluss kommt: Alle Vorwürfe werden zurückgewiesen. Und das kann auch belegt werden. Der Brief Benedikts ist relativ emotional gehalten, wenn ich das so ausdrücken darf. Der emeritierte Papst entschuldigt sich bei allen Opfern. Das wurde ihm in vielen Medien so ausgelegt, als würde er sich für seine Verfehlungen, konkret für diese Fälle, nur halbherzig entschuldigen. Dem ist aber nicht so.

EWTN: Wie lautet die Frage?

Ich antworte gerne darauf, aber möchte zuerst einmal auf diese „berühmte“ Sitzung zurückkommen. In dieser Sitzung geht aufgrund des Protokolls hervor: Anwesenheit von Erzbischof Kardinal Ratzinger. Der damalige Generalvikar hingegen war nicht anwesend. Er war abwesend. Der Personalreferent hatte von einer Diözese aus Deutschland die Bitte erhalten, ob ein Priester, der für eine bestimmte Zeit zu einer Behandlung nach München kommt, in einem Münchner Pfarrhaus wohnen dürfe; während der Behandlungszeit. Das war Gegenstand der Sitzung. Der Beschluss lautete: Der Bitte der Diözese entgegenkommen, die angefragt hat. Wir werden einen Priester nennen oder einen Pfarrer, in dessen Pfarrhaus er wohnen kann. Da ging es überhaupt nicht um Inhaltliches. Das heißt, es ging nur darum, ob dieses Gesuch angenommen werden soll oder nicht. Und da hat auch Kardinal Ratzinger, der anwesend war, natürlich zugestimmt: Selbstverständlich, wenn wir helfen können, dann helfen wir. Was dann später daraus wurde, die Mitarbeit da – und dann da – und dann die Mitarbeit da: Das entzog sich seines Wissens. Das wurde damals auch gar nicht besprochen. Auch der Grund der Therapie, dass es sich möglicherweise um einen pädophilen Priester handelt, wurde überhaupt nicht genannt. Darüber steht im Protokoll nichts drin. Die Behauptung, er (Ratzinger) habe davon gewusst und ihn (den Priester) geschützt und damit vertuscht, ist eine falsche Behauptung. Und ich sage es einmal ganz offen: Das ist schlichtweg eine Unterstellung. Das stimmt einfach nicht. Da muss man die Fakten, so wie sie sind, kennen – und auch die Fakten, so wie sie sind, annehmen. Dann kann ich sie interpretieren. Aber ich kann nicht das Pferd gegen den Strich striegeln. Das geht einfach nicht. Das ist eine Unterstellung. Das greift dann letztlich die moralische Glaubwürdigkeit von Papst Benedikt an. Da kann er sich auch nicht mehr wehren.

Dann zu ihrer letzten konkreten Frage: Sie haben völlig recht: Benedikt sagte, als er den Brief geschrieben hat, dass es ein sehr persönlicher Brief sein sollte. Darum eben auch die Trennung zwischen Brief und Faktencheck. Damit man auch sieht, das ist mein Brief, den ich geschrieben habe, und der Faktencheck, das ist das Werk der vier Mitarbeiter, das ich natürlich kenne und auch unterschreibe. Aber dieser Brief sollte eben sein ureigenes Werk sein. Den hat er, wenn man so will, vor dem Angesicht Gottes geschrieben. Der letzte Absatz ist vielleicht der Schlüssel zum Ganzen. Er sagt, ich stehe eigentlich schon mehr oder weniger vor dem, der richtet über Leben und Tod, vor einem gnädigen Richter.

Und angesichts dieses Faktums hat er sich tatsächlich nicht das erste Mal bei den Opfern des Missbrauchs entschuldigt. Ich erinnere mich noch sehr gut, das kommt im Brief ja auch vor, dass er öfters auf den Reisen als Papst, Personen getroffen hat, die von Priestern sexuell missbraucht worden sind. Es waren sehr emotionale Begegnungen, immer in der Kapelle, ohne Presse, alles immer in der Kapelle, mit einem kurzen Gebet beginnend, und dann die Begegnung. Ich konnte auch nachher sehen, wie diese Begegnungen gewirkt haben. Da geht es jetzt gar nicht um Futter schneiden für sich selbst, sondern einfach um das Berichten von Fakten. Und viele dieser Opfer haben nach der Begegnung dann ja auch selber gesprochen, entweder im Radio oder vor Fernsehkameras, wie diese Begegnung gutgetan hat und wie dieser Druck, diese schwere Not gelindert worden ist. Wobei Benedikt immer sagte: Jedes Missbrauchsopfer ist eines zu viel, das heißt, jede Tat ist eine zu viel, und sie ist letztlich auch nicht wieder gut zu machen. Das Einzige was helfen kann, ist die Bitte um Vergebung und auch die Bitte, diese Menschen unter den Schutz Gottes zu stellen.

EWTN: Sie haben ihn viele Jahre begleitet als jemand, der mit ihm gearbeitet hat, der ihn unterstützt hat. Hat sich seine Haltung zum Thema Missbrauch geändert oder war sie immer schon so, wie wir sie jetzt auch nach verfolgen können im Brief und in dem, was Sie uns gerade auch berichtet haben? 

Ich bin seit dem Jahre 1996 in der Glaubenskongregation tätig gewesen, also ab 1996 als Mitarbeiter und dann ab 2003 als sein persönlicher Sekretär. Und ich habe gleich von Anfang an gesehen, wie seine Haltung ist. Die hat sich im Vergleich zu heute, im Vergleich zu der Zeit, als er Papst war, überhaupt nicht geändert. Ich habe festgestellt: Er war von Anfang an überzeugt, dass hier Transparenz geschaffen werden muss, es muss Klarheit geschaffen werden, es müssen Ross und Reiter beim Namen genannt werden, und wir dürfen nicht vertuschen. Er hat das in der Weise gemacht, dass er mit [Papst] Johannes Paul II. versucht hat, aus dieser Überzeugung auch ein konkretes Handeln hervorgehen zu lassen. Das heißt: Was muss der Vatikan, was muss die Kirche tun, um tatsächlich zu diesem Ziel zu kommen? Es hat sich ein Mentalitätswandel vollzogen. Diesem Mentalitätswandel musste natürlich auch auf rechtlicher Ebene ein Wandel folgen, damit man tatsächlich ein Instrument hatte, um dem Missbrauch entgegenzuwirken. Johannes Paul II. hat daraufhin die Glaubenskongregation auch zu einem Gerichtshof gemacht, wenn ich das so sagen darf, und hat ihr die Kompetenz übertragen, in dieser Angelegenheit zu handeln. Diese Kompetenz war vorher in einer anderen Kongregation angesiedelt. Er hat das dieser entzogen und der Glaubenskongregation übertragen. Und seit dem Zeitpunkt ist mit der Aufarbeitung, der Aufklärung vorangegangen.

EWTN: Das heißt, Benedikt, damals noch Kardinal Ratzinger, spielt eine entscheidende Rolle auch im Umgang mit Missbrauch und für mehr Transparenz in der Kirche?

Er spielt nicht nur eine entscheidende Rolle, er war die entscheidende Figur, der entscheidende Mann, der zu Transparenz wirklich nicht nur geraten hat, sondern auch zur Transparenz geschritten ist. Man kann sagen, er ist der „Vater der Transparenz“. Er hat dadurch auch den damaligen Papst Johannes Paul II. überzeugt. 

EWTN: War das einfach für ihn? Oder musste er dafür kämpfen? War das etwas, wo er mit offenen Armen empfangen wurde?

Ich möchte jetzt natürlich nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Aber es gab inneren Widerstand. Und dieser Widerstand wurde ihm gegenüber auch deutlich geäußert. Aber [Kardinal Ratzinger] war überzeugt, dass dieser Widerstand mithilfe von Papst Johannes Paul II. überwunden werden kann und überwunden werden muss und auch überwunden worden ist. Gott sei Dank! Wenn man in das Archiv der Kongregation schaut, kann man eine ganze Reihe wichtiger Dokumente finden, die auch zusammengestellt worden sind, um zu sehen, wie Schritt für Schritt wie bei einem Mosaik tatsächlich dieses Ziel erreicht worden ist. Und dann ging es weiter: Als Papst hat er natürlich dann diese Linie weitergezogen, in einer höheren und sehr intensiven Weise. Und das ist die Linie, auf der Papst Franziskus auch weiter voranschreitet. 

EWTN: Von diesen Dingen habe zumindest ich persönlich in den Medien jetzt wenig erfahren oder gelesen in den letzten Tagen und Wochen, in denen auch die Figur des Papstes, die Person des Papstes stark diskutiert worden ist. Haben Sie das Gefühl, auch nach dem Brief, nach dieser auch juristischen Klarstellung, dieser Entgegnung, dass die Menschen, dass die Gläubigen in der Welt verstanden haben, dass tatsächlich eigentlich alle Verdachtsmomente ausgeräumt sein sollen. Wie sehen Sie das, ist das angekommen?

Wenn ich das beurteilen könnte, wäre mir viel wohler. Ich weiß es nicht hundertprozentig. Ich kann nur sagen, dass in den Medien sehr unterschiedliche Reaktionen wahrzunehmen sind oder wahrgenommen werden konnten, auch ländermäßig unterschiedlich. Wenn ich nach Deutschland schaue, muss ich sagen, hat man versucht – das ist jetzt leicht verallgemeinernd – immer wieder dem Papst irgendetwas zu unterstellen. Ich habe eine große, manchmal maßlose Voreingenommenheit gegen die Person vorgefunden, und eine nicht minder maßlose Unkenntnis der Fakten. Entweder man kennt sie nicht, oder man will sie nicht ernst nehmen, weil das möglicherweise dem Narrativ, das da entworfen worden ist, nicht entspricht. Und es ist offensichtlich so, dass gegen diesen Mann, sei es Kardinal Ratzinger als Präfekt, sei es Papst Benedikt XVI., bestimmte Dinge am Kochen gehalten werden, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Das heißt, man will ihm – ich sage es mal etwas salopp – an den Karren fahren. Und das ist für mich einfach etwas Erschütterndes. Dem Mann, der in dieser wichtigen Frage des Missbrauchs und der Pädophilie die entscheidenden Veränderungen angeregt und dann umgesetzt hat, sei es als Präfekt, sei es als Papst, dem will man hier etwas unterstellen, was 25 Jahren Arbeit widerspricht. Unkenntnis ist etwas, was ich immer wieder wahrnehme, sowie maßlose Überschätzung der eigenen Meinung. Und das ist etwas, das letztlich der wahrheitsgemäßen Berichterstattung wirklich nicht entspricht. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen, die den Brief lesen und gelesen haben, und die Kardinal Ratzinger, Papst Benedikt, kennen, dass die sich nicht von solchen voreingenommenen Urteilen beeinflussen oder gar überzeugen lassen. Das ist meine Hoffnung.

EWTN: Also wir können wahrscheinlich schon sagen, dass der Ruf von Benedikt XVI. natürlich gelitten hat unter diesem Gutachten, unter den Berichten und auch, wie das kolportiert wurde. Aber warum kam das gerade jetzt? Vielleicht dürfen wir auch ein wenig spekulieren. Hat dieses Gutachten auch eine politische Dimension, vor allem, wenn wir an die Situation der Kirche in Deutschland gerade jetzt denken?

Als das Gutachten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, vor zwei Jahren in Auftrag gegeben wurde, war es ja so, dass es bereits letztes Jahr veröffentlicht werden sollte. Das hat sich dann aus verschiedenen Gründen verschoben. Und die letzte Verschiebung war dann noch mal wohl im November auf den Januar. Inwieweit da jetzt das temporal oder kausal mit dem, was Sie angesprochen haben, ich sage es mal etwas deutlicher, mit dem „Synodalen Weg“ in Deutschland und mit anderen Bewegungen zusammenhängt, darüber kann man spekulieren. Aber eines ist klar, dass für bestimmte Ziele, die der „Synodale Weg“ anzielt, mehr oder weniger die Person und das Werk Benedikts im Wege stehen. Und es ist einfach eine große Gefahr, dass eben all das, was Pädophilie betrifft, all das, was Missbrauch betrifft, jetzt sozusagen monokausal genommen wird, um diesen Weg erst einmal zu eröffnen und dann auf diesem Weg weiterzugehen. Wir haben es ja gesehen, letzte Woche, was an Texten verabschiedet worden ist und wo das hinführen soll. 

EWTN: … also hier geht es vor allem um moralische Lehrmeinungen der Kirche, wo es Abstimmungen gab, beim „Synodalen Weg“ in Deutschland, die beschlossen haben, davon möchten wir uns lösen im Blick auf die Sexualität, im Blick auf die Ehe, im Blick vor allem auch die Themen des Priestertums.

Gänswein: Der „Synodale Weg“ ist ja eine Veranstaltung, die nicht einer Synode entspricht, um es jetzt mal theologisch oder kirchenrechtlich zu sagen. Das ist eine Veranstaltung, die kann man machen und die können auch Texte fabrizieren. Aber die haben keinerlei Bindung. Und schon gar nicht in die Weltkirche hinein. Inwieweit die Ergebnisse dieser Texte fruchtbar – oder nicht fruchtbar – sein können für den Prozess der Weltsynode über Synodalität, das wird man sehen. Ich bin überzeugt davon, dass sie unfruchtbar sind. Wenn ich eine andere Kirche will, die nicht mehr auf der Offenbarung gründet, wenn ich eine andere Struktur der Kirche will, die nicht mehr sakramental ist, sondern pseudo-demokratisch, dann muss ich aber auch sehen, dass das mit dem katholischen Verständnis, mit der katholischen Ekklesiologie, mit dem katholischen Kirchenverständnis nichts mehr zu tun hat.

EWTN: Das Gutachten wurde ja auch verwendet, um den „Synodalen Weg“ in Deutschland zu rechtfertigen, um zu sagen: Das ist unsere Antwort auf das Gutachten, auf diese Fälle des Missbrauchs. Wird hier nicht auch in gewisser Weise eine politische, ja fast ideologische Agenda auf dem Rücken der Missbrauchsopfer verfolgt?

Das ist auch meine Überzeugung. Es wird immer gesagt, die Missbrauchsopfer stehen im Mittelpunkt. Das ist völlig richtig. Aber es gibt das Wort vom Missbrauch des Missbrauchs. Und genau diese Gefahr wird dadurch noch mehr verstärkt. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass in dem Moment, in dem versucht wird, etwas oder jemanden zu instrumentalisieren, dass man dann also wirklich in vertuschender Weise zu einem Ziel kommen will, das nach außen mit einer anderen Realität verdeckt werden soll, bis man meint, am Ziel angekommen zu sein. Aber ich bin da, das sage ich Ihnen ganz ehrlich, guter Dinge. Der Vorteil, hier in Rom zu leben, ist, dass man doch mit vielen Personen aus verschiedenen Nationen und Kontinenten in Berührung kommt, in Berührung ist. Und manche sagen mir: Aber was da bei euch geschieht, das verstehen wir nicht oder nicht mehr. Wenn man in Deutschland meint, dass diejenigen, die jetzt in Frankfurt beieinander gewesen sind und die Texte verabschiedet haben, dass sie damit Rom belehren müssten oder dass sie ihre Stimme nach Rom tragen, um Rom sozusagen auf die Sprünge zu helfen, dann dürfen sie das gerne tun. Ich wäre etwas vorsichtiger, ich wäre etwas präpotent und würde auch einen Gang herunterschalten, auch im Auftreten in der Öffentlichkeit. 

EWTN: Vielleicht noch eine Frage, ein wenig in eine andere Richtung. In seinem Brief erwähnt Benedikt auch, dass Papst Franziskus ihm seine Unterstützung ausgedrückt hat. In welcher Form? Wie dürfen wir das verstehen? 

Ganz deutlich. Er hat angerufen und ihm seine Solidarität, sein persönliches totales Vertrauen, seine mitbrüderliche Unterstützung und sein Gebet versprochen. Er hat ausgedrückt, dass er nicht versteht, wie auf ihn [Benedikt] hereingeschlagen wird. Als der emeritierte Papst seinen Brief geschrieben hat, hat er ihn natürlich auch zuvor, vor der Veröffentlichung, Papst Franziskus zugeschickt und ihn auch darauf hingewiesen, dass er ihm in seinem Brief dankt für dieses Telefonat, und ob das in Ordnung ist? Es kam daraufhin zwei Tage später ein schöner Brief von Papst Franziskus, indem er ihm noch einmal mit wirklich bewegenden Worten seine Unterstützung, seine Solidarität und sein Gebet versprochen hat, und dass er selbstverständlich hinter ihm steht. Ich wurde schon gebeten, ob man diesen Brief nicht veröffentlichen kann. Das ist ein sehr persönlicher Brief, den Papst Franziskus an Benedikt XVI. geschrieben hat, der soll auch vertraulich und privat bleiben. Aber man darf darüber reden.

Exzellenz, Papst emeritus Benedikt XVI hat in seinem Brief auch erwähnt, dass er nun am Ende seines langen Lebens steht. Er liest sich fast wie ein Abschiedsbrief. Wie werden wir uns an Benedikt XVI. erinnern? Was ist sein Vermächtnis? 

Manche Kommentatoren haben gesagt, dass dieser Brief so etwas ist wie ein spirituelles Testament. Ich teile diese Meinung. Es ist in bestimmter Hinsicht ein spirituelles Testament, weil er diesen Brief vor dem Angesicht Gottes geschrieben hat, und zwar als ein Mann, der glaubt; ein Mann, der – wir wissen das – in seinem Bischofswappen das Wort aus dem Johannesbrief hat: „Cooperatores Veritatis“, Mitarbeiter der Wahrheit. Das zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben, durch sein wissenschaftliches, durch sein persönliches, aber auch durch sein priesterliches, bischöfliches und päpstliches Leben hindurch. Und diesem Motto weiß er sich verpflichtet, bis heute. Er hat alles getan, diesem Motto gemäß zu leben. Auch und gerade im Hinblick auf die Wahrhaftigkeit. Ich bin überzeugt davon, dass, wenn diese Stürme einmal vorüber gegangen sind und manches, was man ihm vorgeworfen hat, einfach abfault – ich sage es mal etwas in dieser groben Form –, wird man sehen, dass die Klarheit seines Denkens, die Klarheit seines Werkes, aber auch das, was er bewirkt hat, leuchtet und dass das für die Kirche, für die Gläubigen, ein großer Schatz ist. Ein Schatz, aus dem wirklich Vieles hervorgehoben werden kann.

EWTN: Vielleicht können Sie uns auch direkt noch ein konkretes Beispiel geben, was der Präfekt Ratzinger oder auch Papst Benedikt XVI. unternahm, um diesen Missbrauch in der Kirche transparent zu machen, aber auch zu verhindern?

Wenn Sie mich nach konkreten Beispielen fragen, dann fällt mir sofort eines ein als Präfekt und eines als Papst. Der Präfekt Ratzinger hat, das weiß die ganze Welt, auf Bitten von Papst Johannes Paul II. die Meditationen zum Kreuzweg im Jahre 2005 geschrieben. Und da hat ja eine Station in besonderer Weise Aufsehen erregt, wo er davon spricht, dass es viel Schmutz in der Kirche gibt, bei Gliedern in der Kirche, und dass dieser Schmutz von innen kommt und nicht von außen, dass dieser Schmutz gereinigt werden muss, dass die Kirche von diesen Schmutz befreit werden muss. Das ist ein sehr starkes Bild für einen ganz konkreten Hintergrund, für einen ganz konkreten Sachverhalt. Und ich glaube, wer Ohren hat, zu hören, der höre. Das Beispiel, das ich jetzt für Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. nennen möchte, ist der Brief an die Katholiken in Irland. Sie wissen, Irland war eines der ersten Länder, in dem das Problem der Pädophilie aufgedeckt worden ist und Untersuchungen ein grausames Ergebnis zu Tage gefördert haben. Benedikt hat daraufhin einen langen Brief an die Katholiken in Irland geschrieben, in dem er einerseits sehr persönlich spricht, auf der anderen Seite aber auch ganz konkrete Konsequenzen nicht nur fordert, sondern sie auch einlöst. Das sind zwei Beispiele, die nach außen deutlich zeigen, dass seine Linie als Präfekt, aber auch als Papst die gleiche war, nur eben zunächst in der Eigenschaft als Präfekt und dann in seinem Amt als Nachfolger Petri. 

Das EWTN-Exklusiv-Interview mit Erzbischof Georg Gänswein im Video:

;

Das könnte Sie auch interessieren: 

https://twitter.com/cnadeutsch/status/1110081719661723653?s=20