Um eine Philosophie des Guten: 16. Moores Folgen

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27 April, 2021 / 9:00 AM

Die logische Folge von Moores Ausführungen war das Aufkommen des sogenannten Nonkognitivismus, also jener Theorie, die behauptet, dass moralische Urteile keinen kognitiven Gehalt haben. Bei den Nonkognitivisten setzte sich die Überzeugung durch, dass es diese mysteriöse, unnatürliche Eigenschaft der Gutheit, von der Moore sprach, nicht gäbe - und das mit gutem Grund. Denn die Schnittmenge der Bedeutungen, die das Wort “gut” in den verschiedensten Kontexten hat, ist gleich null. Diese eine gemeinsame Bedeutung des Wortes “gut”, die Moore in seinen Überlegungen voraussetzt, gibt es nicht. In den Ausdrücken “ein gutes Messer”, “ein guter Witz”, “ein guter Mensch” hat das Wort “gut” jedes Mal eine andere Bedeutung.

Dennoch gibt es - das war die Idee der Nonkognitivisten - eine Gemeinsamkeit, die zwar nicht die Bedeutung, sondern die Funktion des Wortes “gut” betrifft: Es drückt in allen Fällen eine Empfehlung aus, d.h. es hat eine präskriptive Funktion. 1952 hat R. M. Hare (1919-2002) diese Theorie des Präskriptivismus in seinem Buch The Language of Morals ausgearbeitet. Zuvor gab es schon eine andere Spielart des Nonkognitivismus, den Emotivismus, vertreten von A. J. Ayer (1910-1989) und Charles L. Stevenson (1908-1977), die das Wort “gut” als Äußerung einer Emotion auffassten. Doch hat der Emotivismus nicht die Bedeutung und das anspruchsvolle Niveau von Hares Präskriptivismus erreicht, der zwei Jahrzehnte lang die metaethische Diskussion dominierte. The Language of Morals wurde zum “Locus classicus” (C. Fehige) der Metaethik.

Man muss das Aufkommen des Präskriptivismus in Zusammenhang mit einer parallelen Entwicklung in der Linguistik sehen. 1945 war das Jahr, in dem in Oxford sowohl Hare sein Philosophiestudium als auch der von ihm geschätzte J. L. Austin (1911-1960) seine Lehrtätigkeit begann. Austin entwickelte seine berühmte Sprechakttheorie, deren grundlegende Idee in der Erkenntnis besteht, dass Sprechen ein Bündel von Handlungen darstellt, von denen das Beschreiben nur eine von mehreren ist. Der Sprechakt kann gleichzeitig auch etwas vom Beschreiben völlig Verschiedenes sein, z.B. ein Warnen, Beleidigen, Befehlen, Versprechen usw. In diesen Fällen ist er ein Akt, den Austin “illokutionär” nannte. 1946 führte Austin in seinem Aufsatz Other Minds den Ausdruck descriptive fallacy ein, den Hare übernehmen wird. Der mit diesem Ausdruck bezeichnete Fehler liegt in dem Irrtum, einer sprachlichen Äußerung dort, wo sie illokutionär ist, Deskriptivität zu unterstellen. Man muss den Ausdruck descriptive fallacy nicht als Retourkutsche an Moores naturalistic fallacy verstehen, da Austin in diesem Aufsatz weder Moore erwähnt noch die Problematik des Wortes “gut” erörtert. Beides aber hatte er schon 1940 in seinem Vortrag The Meaning of a Word getan, den er in Cambridge und in Oxford gehalten hatte und in dem er das Problem des Verhältnisses der Bedeutung des Wortes “gut” zum Akt des Billigens (to approve) anreißt.

Hare ist es, der aus diesem Ansatz mit großem intellektuellen Aufwand seinen Präskriptivismus entwickelt. Die Grundidee dabei ist, dass das Wort “gut” eine Doppelstruktur besitzt: Einerseits hat es kontextabhängig eine deskriptive Bedeutung, andererseits hat es in allem Gebrauch immer eine Empfehlungsfunktion. Ein Beispiel: Wenn ich gegenüber einem Freund auf ein Messer zeige und dabei sage: “Das ist ein gutes Messer”, dann ist diese Äußerung eine Empfehlung, dieses Messer zu kaufen oder zu gebrauchen. Gleichzeitig enthält sie aber auch eine Information, z.B. dass das Messer scharf ist. Denn ein stumpfes Messer kann kein gutes Messer sein. Es ist natürlich nicht nur die Schärfe, sondern ein Ensemble verschiedener Eigenschaften, die ein Messer als gut qualifizieren: auch Sicherheit und Schönheit gehören dazu, doch ist Letzteres mehr Kür als Pflicht. Normalerweise wird niemand ein schönes, stumpfes Messer einem weniger schönen, aber dafür scharfen Messer vorziehen. Die Güte des Messers hängt in erster Linie von seiner Funktionalität ab, denn das Messer ist ein Gebrauchsgegenstand zu einem bestimmten Zweck: Es ist zum Schneiden da. Wenn ich von einem solchen Gegenstand “gut” prädiziere, dann schreibe ich ihm jene Eigenschaften zu, die zur Erfüllung seines Zwecks nötig sind. Wenn Zweck und Funktionsweise eines Gegenstands bekannt sind, transportiert ein Werturteil über ihn Informationen über die Existenz seiner zweckdienlichen Eigenschaften. Diese können, je nach Gegenstand, ganz verschieden sein: Schärfe beim Messer, Schnelligkeit beim Rennpferd, Muskelkraft beim Gewichtheber usw. Das aller Verwendung des Wortes “gut” Gemeinsame aber ist die positive Wertung, seine präskriptive Funktion.

Man muss, habe ich geschrieben, den Ausdruck descriptive fallacy nicht als Retourkutsche an Moore als dem Schöpfer des Ausdrucks naturalistic fallacy verstehen. Aber man könnte es. Warum? Eine solche Retourkutsche erscheint auf den ersten Blick nicht plausibel, denn es war ja doch gerade das Anliegen Moores, wertende Aussagen von deskriptiven zu unterscheiden. Der Witz des Deskriptivismus, wie Hare ihn fasst, besteht darin, dass ihm gemäß jede Eigenschaft, gleichgültig, ob es sie natürlich oder nichtnatürlich ist, Gegenstand einer Beschreibung ist. Sobald Moore “gut” für eine Eigenschaft hält, wird die Aussage “Dieses Messer ist gut” zu einer Beschreibung, unabhängig davon, ob ich die Eigenschaft “gut” von der empirischen Eigenschaft “scharf” trenne oder nicht. Moore wirft den Naturalisten kraft des naturalistic fallacy vor, die Eigenschaft “gut” mit der Eigenschaft “scharf” zu identifizieren, Hare wirft ihm kraft der descriptive fallacy vor, “gut” für eine Eigenschaft zu halten. Die Trennlinie zwischen “gut” und “scharf” sondert nicht zwischen zwei verschiedenen Arten von Eigenschaften, etwa normativen und natürlichen, sondern zwischen wertendem und beschreibendem Gebrauch eines Ausdrucks. Diese ominöse Eigenschaft “gut”, die nach Moore als Wahrmacher aller Werturteile fungiert, gibt es gar nicht. Und wenn ich sage: “Dieses Messer ist gut”, dann will ich von ihm diese Eigenschaft auch gar nicht aussagen, sondern ich vollziehe in Wirklichkeit zwei Handlungen: Ich sage von ihm die Schärfe aus und ich empfehle es. Ein solches Werturteil ist die Kombination einer Deskription mit einer Wertung: Gegenstand der Deskription sind Moores natürliche Eigenschaften, die Wertung dagegen, da sie gar keine Deskription ist, bezieht sich nicht auf eine gesonderte Eigenschaft, einen “Wert”. Man könnte sagen: Wer “gut” aufgrund der Möglichkeit von Urteilen der Art “x ist gut” für eine Eigenschaft hält, lässt sich von der Oberflächengrammatik solcher Sätze täuschen. Das Wort “gut” bezeichnet nicht eine Eigenschaft namens “gut”, sondern indiziert (neben der impliziten Mitteilung der “natürlichen” zweckdienlichen Eigenschaften) nur den präskriptiven Charakter des Urteils. Mehr will der Sprecher auch nicht tun. Mit anderen Worten: Ein Werturteil erhebt gar nicht den Anspruch, Moores nichtnatürliche Eigenschaft auszusagen.

Die Dominanz des Nonkognitivismus wurde 1977 beendet durch John Leslie Mackie (1917-1981). In seinem Buch Ethics. Inventing Right and Wrong meinte er: Doch, Werturteile erheben genau jenen Anspruch! Sie behaupten die Existenz eines “Guten”, eines objektiven Werts auf der Objektseite! Das Dumme ist nur: Sie sind falsch, weil es solche Werte nicht gibt. Das war die Geburt der Irrtumstheorie. 

Die Serie "Um eine Philosophie des Guten" erscheint alle 14 Tage am Dienstag um 9 Uhr bei CNA Deutsch. 

Die bisherigen Folgen im Überblick:

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