31. Juli 2021
Papst Franziskus hat ein Machtwort gesprochen. Er tut das in einem Augenblick, in dem die päpstliche Autorität wie nie zuvor ins Wanken geraten ist. Die innerkirchliche Revolution ist längst in ein unbeherrschbares Stadium getreten. Aber es gibt einen Feind, den der Papst selbst vom Krankenbett aus bekämpft: die Tradition der katholischen Kirche. Dafür gibt er seine Lieblingsprinzipien auf: das „Zuhören“, die „Zärtlichkeit“, die „Barmherzigkeit“, die nicht befehlen und nicht richten will. Auch die rein menschliche Rücksichtnahme auf den abgedankten Papst, den er zwingt zuzusehen, wie er dessen Lebenswerk, die Heilung einer Wunde am Körper der Kirche, zerstört. Er hat etwas erfahren, was ihn aufgeschreckt hat: Der kleine Freiraum, den seine Vorgänger der liturgischen Überlieferung gewährt haben, wird offenbar nicht nur von vergreisten Nostalgikern bewohnt, er zieht vielmehr auch junge Leute an, die den „vergrabenen Schatz im Acker“, wie Benedikt die alte Liturgie genannt hat, entdecken und lieben lernen. Dies ist in seinen Augen so schlimm, dass er es mit einem letzten Aufbäumen seiner Autorität ersticken will. Es ist die Jugend, die er fürchtet, die Vision, eine kommende Generation könne zur Tradition zurückkehren.
Die Heftigkeit, die aus seinem Motu proprio spricht, kann nur Ausdruck der Sorge sein, mit diesem Gewaltakt zu spät zu kommen. Denn tatsächlich haben sich die Kreise, die der liturgischen Tradition anhängen, in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Das sind nicht mehr diejenigen, die die Liturgie ihrer Kindheit schmerzlich vermissen – das sind Menschen, die die Liturgie neu entdeckt haben und von ihr fasziniert sind, viele Konvertiten, viele, die sich lange von der Kirche abgewandt hatten. Die Liturgie ist ihre Leidenschaft, sie kennen sie bis ins letzte Detail. Es gibt viele Priesterberufungen unter ihnen. Diese jungen Männer schließen sich keineswegs alle den Seminarien der Priesterbruderschaften der Tradition an, sie durchlaufen häufig die normale Ausbildung und sind dennoch davon überzeugt, dass ihre Berufung gerade durch die Kenntnis des überlieferten Ritus gefestigt worden ist. Das können moderne Priesterausbilder nicht verstehen: dass unter ihren Augen und ihrer Kontrolle eine Neugier auf die verdrängte katholische Tradition wachsen konnte, die doch mit allen Mitteln als veraltet und ungesund geschildert worden war. Man kennt dieses erschreckte Erstaunen aus Aldous Huxleys „Brave new world“, in der ein junger Mann aus der modernen geschichtslosen Elite den Überreichtum der vormodernen Kultur entdeckt und sich von ihm bezaubern lässt.
So wird der gewaltsame Eingriff des Papstes das Wachstum der Traditionsbewegung vielleicht eine Weile behindern, er wird es aber nur für die Zeit seiner Herrschaft aufhalten können, denn diese Bewegung ist keine oberflächliche Mode – das hat sie in den Jahrzehnten ihrer Untedrückung vor dem Motu proprio Benedikts bewiesen –, sondern die ernsthafte und begeisterte Hinwendung zur ganzen Fülle des Katholischen. Gerade das rigide Verbot, dessen Verständnislosigkeit von einer Unkenntnis der Sache zeugt, wird Widerstandskräfte gerade bei denen wecken, die ihr Leben noch vor sich haben und es nicht von veralteten Ideologien verdunkeln lassen wollen. Es war nicht gut, es war aber auch nicht klug, die päpstliche Autorität dieser Prüfung auszusetzen.
Papst Franziskus redet am Motu proprio Benedikts vorbei. Er verbietet Messen im alten Ritus in Pfarrkirchen, er stellt die Zelebration der alten Messe unter Genehmigungspflicht, er will sogar, dass Priester, die bisher noch nicht altrituell zelebriert haben, sich diese Genehmigung nicht bei ihrem Bischof, sondern im Vatikan abholen, er fordert eine Gesinnungsprüfung der Teilnehmer der alten Messe – aber er realisiert offenbar nicht, dass das Motu proprio Benedikts auf einer vollständig anderen Ebene argumentiert. Benedikt hat nämlich die „Alte Messen“ nicht „erlaubt“, er hat kein Privileg gewährt, sie zu zelebrieren, er hat kurzum keine disziplinarische Maßnahme getroffen, die ein Nachfolger wieder zurücknehmen könnte. Das Neue und Überraschende seines Gesetzgebungsaktes war vielmehr, dass die Zelebration der alten Messe keinerlei Genehmigung bedürfe. Sie sei niemals verboten gewesen – weil sie gar nicht verboten werden könne.
Hier, so darf man schließen, liegt eine unüberwindliche Grenze für die Vollmacht eines Papstes. Die Tradition steht über dem Papst, besonders die tief im ersten christlichen Jahrtausend wurzelnde alte Messe ist der Verbotsgewalt eines Papstes grundsätzlich entzogen. Viele Bestimmungen des benediktinischen Motu proprio wird man aufheben oder modifizieren können – diese Lehrentscheidung jedoch nicht so ohne weiteres. Papst Franziskus versucht das auch nicht – er ignoriert sie. Das ändert aber nichts daran, dass er auf diese Weise nicht die Legitimität seiner Entscheidung erzwingen kann. Es bleibt auch nach dem 16. Juli 2021 dabei: Jeder Priester hat das moralische Recht, den niemals verbotenen alten Ritus zu feiern.
Die meisten Katholiken auf der Welt nehmen an dem Motu proprio „Traditiones custodes“ keinerlei Anteil, werden angesichts der geringen Zahl der Traditionsgemeinden sogar kaum verstehen, worum es geht – und tatsächlich stellt sich die Frage, ob es für den Papst mitten in der Missbrauchskrise, den Finanzskandalen in der Kirche, einer schismatischen Bewegung wie dem deutschen Synodalen Pfad und der verzweifelten Lage der chinesischen Katholiken kein dringlicheres Anliegen gibt als die Erstickung einer kleinen, aber opferbereiten und die Kirche liebenden, über die ganze Welt verbreiteten Gemeinschaft. Dies jedenfalls müssen die Anhänger der Tradition dem Papst zugestehen: Er nimmt die überlieferte, mindestens aus der Zeit Gregors des Großen stammende Liturgie genau so wichtig wie sie – nur findet er sie gefährlich und will nicht aus dem Leben scheiden, ohne ihr ein für alle Mal ein Ende bereitet zu haben. Von jedem Wissen ungetrübt gibt er vor, die Päpste hätten auch in der Vergangenheit immer wieder neue Liturgien geschaffen und alte verboten – wo gerade das Gegenteil zutrifft. Das Konzil von Trient hat das uralte, in der Spätantike entstandene Messbuch des römischen Papstes vielmehr zum allgemeinen Gebrauch vorgeschrieben, weil es als einziges durch die Reformation unverderbt geblieben war. Es geht ihm wohl auch gar nicht um die Messe – es zeigt sich mehr und mehr, dass er mit der „Hermeneutik des Bruchs“ sympathisiert, jener theologischen Schule, die behauptet, die Kirche habe im Zweiten Vatikanischen Konzil mit ihrer Tradition gebrochen und gleichsam eine Neugründung der Kirche vorgenommen. Wenn das so wäre, dann müsste tatsächlich jede Feier einer überlieferten Liturgie mit aller Kraft verhindert werden, denn solange noch in irgendeiner Garage eine alte lateinische Messe zelebriert würde, wäre die Erinnerung an die vergangenen zweitausend Jahre nicht vollständig ausgelöscht. Aber diese Erinnerung lässt sich nicht in einem Akt der Überanstrengung päpstlichen Gesetzespositivismus tilgen. Immer wieder wird sie zurückkehren und sie wird der Maßstab sein, an dem die Kirche der Zukunft sich messen lassen muss.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican-Magazins.
Der Schriftsteller Martin Mosebach (geboren 1951) ist unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden und für sein Werk "Häresie der Formlosigkeit" sowie "Die 21: Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer" und zahlreiche weitere Bücher und Schriften bekannt. Zuletzt erschien von Mosebach zu begeisterten Rezensionen der Roman "Krass".
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