Der McCarrick-Report und die Mutter, die vergeblich vor dem Pädophilen warnte

Theodore McCarrick
Foto: Marco Di Lauro/Getty Images

Es ist die vielleicht erschütterndste Episode des McCarrick-Reports. In den frühen 1970er Jahren lernte eine New Yorker Familie einen Priester kennen. Er kam zum Abendessen, war bei Geburtstagsfeiern eingeladen. Die Familie war tief gläubig, die Aufmerksamkeit des Priesters bedeutete ihnen sehr viel. Dieser nannte die Jungen seine ''Neffen''.

Der Priester war Theodore McCarrick. Und in den 1980er Jahren wusste die Mutter, dass sie der Kirche mitteilen musste: Dieser Kleriker, mittlerweile Bischof von Metuchen, war nicht der "liebevoll Mann", der er zu sein vorgab.

Da die Mutter nicht recht wusste, was sie tun sollte, und Vergeltung des einflußreichen McCarrick oder anderer Kirchenfunktionäre befürchtete, schrieb sie anonym Briefe an jeden Kardinal in den Vereinigten Staaten und auch an den päpstlichen Nuntius in Washington, D.C., in denen sie ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck brachte, dass McCarrick sich zu kleinen Jungen hingezogen fühlte.

Der McCarrick-Report, der am Dienstag vom Vatikan veröffentlicht wurde, enthält die Zeugenaussage dieser Mutter, eine der ersten Personen, die McCarrick des Fehlverhaltens mit Minderjährigen beschuldigt hat. Ihre Bedenken lösten keine Reaktion der kirchlichen Behörden aus. Vermutlich, weil sie nicht mit einer Unterschrift versehen waren.

Die Frau, die als "Mutter 1" identifiziert wurde, sagte, sie habe gesehen, wie McCarrick die Innenseiten der Oberschenkel ihrer damals jugendlichen Kinder rieb, als McCarrick Priester in New York war.

Die Informationen in dem Bericht stammen aus drei Interviews mit Mutter 1.

"Mutter 1" war nicht in der Lage zu sagen, wann genau sie die Briefe schrieb, erinnerte sich aber daran, dass es Mitte der 1980er Jahre war, als McCarrick als Bischof der Diözese Metuchen amtierte. McCarricks Amtszeit in Metuchen dauerte von 1981 bis 1986, dann wurde er zum Erzbischof von Newark ernannt.

Der McCarrick-Report schildert, wie "Mutter 1" von ihrem Haus in New York nach Metuchen fuhr, um die Briefe in der örtlichen Bibliothek zu schreiben: Sie wollte, dass McCarrick den örtlichen Poststempel bemerkt. Sie benutzte eine Ausgabe des Direktoriums der katholischen Kirche, um die Adressen zu bestimmen, an die sie die Briefe schicken sollte.

Heutzutage kann sich eine Person mit Verdachtsmomenten bezüglich eines Priesters einfach an eine Hotline der jeweiligen Diözese wenden – diese ist im Internet leicht zu finden. Sie kann auch die Polizei anrufen – das fordern die Bistümer auch. Aber in den frühen 1980er Jahren waren die Dinge noch nicht so klar. Für "Mother 1" waren die Briefe damals der einzig mögliche Weg. 

Laut dem McCarrick-Report war "Mother 1" aus Angst vor Vergeltung weder als weiblich noch als Mutter identifizierbar. Der Brief war mit einer unleserlichen Unterschrift versehen. Dennoch schildert sie, dass McCarrick "unangemessene Berührungen" begangen hatte. Unklar ist, was die Bistümer mit diesen Schreiben getan haben – offenbar wurden diese bewußt ignoriert. 

"Mutter 1" berichtete, dass McCarrick ein besonderes Interesse an ihrem ältesten Sohn hatte. "Ted stand hinter meinem ältesten Sohn, der ein Teenager war, und rieb sich von hinten an seiner Brust und hielt ihn fest", sagte sie in dem Bericht. Sie beschreibt damit ein ähnliches Verhalten wie andere, später veröffentlichte Vorwürfe gegen den einst einflußreichen Kirchenmann. 

McCarrick habe ihren Söhnen auch "Geschenke" gemacht und sie aufgefordert, ihn "Onkel Ted" zu nennen. Dabei sind die Familien nicht verwandt.

Die Mutter beschreibt auch, wie McCarrick ihre Söhne im Teenager-Alter mit anderen "Neffen" über Nacht auf Ausflüge mitnahm, wo er sie mit Alkohol versorgte. Dies sei eine Hinweis für sie gewesen, dass McCarricks Absichten alles andere als redlich waren.

"Und als sie mir sagten, dass sie Alkohol getrunken hätten, dachte ich: Dieser Mann ist eine Gefahr für meine Söhne. Wir waren keine Familie, in der es Alkohol gab", sagte Mutter 1. "Und meines Wissens hatten die Jungen davor keinen Alkohol getrunken. Er hatte auf der Reise Bier mitgebracht. Das sagte mir, dass er eine gefährliche Person war. Dass das Mitbringen von Alkohol eine vorsätzliche Handlung seinerseits war."

McCarrick wurde offenbar vor dem 20. Juni 2018 nicht  öffentlich des Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt. Vor diesem Zeitpunkt betrafen die bekannten Anschuldigungen "nur" den Missbrauchs junger Männer – meist Seminaristen und Priester. Bis auf anonyme Schreiben, die vor dem Treiben des notorischen "Onkels" warnten.

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