Kopernikanische Wende? "Hoffnung und Heilung" in der Missbrauchskrise

Kardinal Reinhard Marx hat eine Stiftung gegründet, die Aufarbeitung und Prävention bei der Missbrauchskrise der katholischen Kirche stärken soll. Ziel ist es auch, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen

Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit Journalisten am letzten Tag der Tagung zum Thema "Jugendschutz in der Kirche" am 24. Februar 2019 in Rom.
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Es geht um "Hoffnung und Heilung": Beides soll eine neue, gleichnamige Initiative für Betroffene von Missbrauch bringen. Wie CNA Deutsch im Dezember meldete, will die von Kardinal Reinhard Marx gegründete Stiftung "Spes et Salus" sogar eine "kopernikanische Wende" einläuten helfen. Aber wie? Der Vorsitzende des Stiftungsbeirats und frühere Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, Peter Beer ist auch Professor am Kinderschutzzentrum CCP der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Der Jesuitenpater Hans Zollner leitet die Einrichtung und ist Mitglied der Kinderschutzkommission des Papstes. 

Prälat Professor Dr. Dr. Peter Beer (links) und Pater Hans Zollner SJ (Foto: EOM / Erzbischöfliches Ordinariat München // Daniel Ibanez / CNA Deutsch)

Nikolaus Kopernikus hat 1434 in seinem Büchlein "De Revolutionibus Orbium Coelestium" festgehalten, dass die Sonne im Zentrum unseres Planetensystems steht und nicht die Erde.

PAUL BADDE: Dieser Anspruch einer "Kopernikanischen Wende" ist ja recht hoch. Wie wollen Sie ihn rechtfertigen?

PETER BEER & HANS ZOLLNER: "Das ist ein Zitat aus der Predigt von Erzbischof Mark Coleridge von Brisbane in Australien, die er während der Bußliturgie gegen Ende des Kinderschutzgipfels im Februar 2019 gehalten hat. Was wir damit meinen: Die Kirche – ihre Leitung in Rom und in den Diözesen, aber auch alle Gläubigen – sollen erkennen, dass es bei Fragen von Missbrauch und seiner Prävention um die Mitte des Glaubens geht: um den Glauben an einen Gott, der sich klein macht und Kind wird, der den Verwundeten und Leidenden Heil verspricht, der am Kreuz die Not aller Menschen auf sich nimmt. Wir wollen mit den Aktivitäten der Stiftung einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass uns als Christen dies motivieren sollte, uns dem Thema offen und aktiv zu stellen.

Die Christenheit hat aber doch seit der Kreuzigung Christi das Opfer schlechthin in ihrem Zentrum, wie Paulus schon an die Korinther schrieb. Jetzt schreiben Sie: "Die Missbrauchten kreisen nicht um die Kirche, sondern die Kirche kreist um sie." Es stimmt, dass die Kirche vor allem und fast nur noch um den Missbrauch kreist. Was ist denn grundsätzlich in der Kirche entgleist und schiefgelaufen, dass Sie heute Jesus, den Gekreuzigten und die "Sonne der Gerechtigkeit" in der Mitte des kirchlichen Planetensystems, durch Missbrauchsopfer ersetzen lassen wollen?

In der Kirche und der Öffentlichkeit kreist so vieles um den Missbrauch, das stimmt. Das ist aber so, weil wir es seit fast vierzig Jahren nicht schaffen – wenn man auf Kanada, die Vereinigten Staaten, Australien und Irland schaut –, dieses Thema frontal anzugehen. Wir drücken uns davor: Wir geben die Schuld nicht zu – sondern es muss uns jedes Schuldbekenntnis abgerungen werden; wir bereuen nicht – sondern verteidigen Täter und Vertuscher; wir übernehmen keine Verantwortung – sondern drucksen rum und setzen unsere Karrieren und Reputation an die erste Stelle. Die Leute innerhalb und außerhalb der Kirche nehmen uns nicht mehr ab, dass wir es ernst meinen mit Aufarbeitung und Prävention. Wenn wir hier nicht tun, was wir sagen, wie sollen die Leute dann glauben, was wir über Jesus, die Erlösung, die Sakramente und so weiter sagen?

Die von Kardinal Marx geförderte MHG-Studie beschreibt eine strukturelle Homophobie als "mitursächlich" für den Missbrauch in der katholischen Kirche. Anders als in der Gesamtgesellschaft sind achtzig Prozent der Fälle in der katholischen Kirche aber homosexueller Missbrauch. Ist das ein Widerspruch oder können Sie uns das erklären?

Schon 2010 hat Monsignor Charles Scicluna, der damals in der Glaubenskongregation für Missbrauchsfälle zuständig war, gesagt, dass von den durch Priester verübten Missbrauchsfällen zehn Prozent Pädophilie (also erotisch-sexuelle Neigung zu Kindern) und neunzig Prozent Ephebophilie (das heißt erotisch-sexuelle Neigung zu Jugendlichen) sind. Und von diesen neunzig Prozent seien siebzig bis achtzig Prozent seiner Einschätzung nach Missbrauchshandlungen an Jungen. Ähnliche Zahlen finden sich in allen Studien. Aber: Es ist nicht klar, ob homosexuelle Übergriffe immer auch auf eine homosexuelle Orientierung schließen lassen. Zumindest in der Vergangenheit war es zum Beispiel so, dass Priester kaum direkten Kontakt zu Mädchen hatten. Ministranten waren männlich, in den Schulen unterrichteten Priester meist nur Jungen, und auch die Jugendarbeit geschah nach Geschlechtern getrennt. Die Forscherinnen der JohnJay-Studie aus Vereinigten Staaten nennen die Missbrauchstäter der 1950er bis 1980er Jahre in der Kirche "Okkasionalisten": Sie nahmen sich, was sie bekamen. Das eigentliche Problem bei sexuellem Missbrauch ist nicht die sexuelle Orientierung, sondern der Missbrauch von Macht. Wie ich mit meiner Sexualität umgehe, sagt auch etwas über meine Person und deren Verhältnis zur Macht aus: meine Bedürfnisse, Dynamiken und Einstellungen. Ich finde die Debatte darum viel zu eindimensional, beschränkt man sie auf die sexuelle Orientierung.

Sie haben auf die Dimension hingewiesen, dass bei sexuellem Missbrauch in der Kirche Seelen verwundet werden und das Vertrauen der Opfer zu Gott und seiner Liebe zerstört wird. Ähnliches trifft bei geistlichem Missbrauch zu, der seit Kurzem auch in der Kirche offenbar wird. Werden Sie sich in Ihrer Stiftung auch damit befassen, und was können Sie jetzt schon über Zusammenhänge und Unterschiede in diesem Missbrauch-Komplex sagen?

Grundsätzlich gilt: Das konkrete Arbeitsprogramm der Stiftung wird gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt. Es wäre von daher kontraproduktiv, hier einseitig von der Stiftung etwas vorzugeben oder festzulegen. Andererseits ist natürlich nicht auszuschließen, dass gerade auch die Folgen geistlichen Missbrauchs und der Umgang damit eine Rolle spielen werden. Oftmals hängen unterschiedliche Missbrauchsformen zusammen und sind nicht exakt voneinander zu trennen.

Kardinal Marx hat fünfhunderttausend Euro aus seinem Privatvermögen in die Stiftung gegeben. Das ist für ihn sehr, sehr viel, für eine solch anspruchsvolle Stiftung und Herkulesaufgabe wie Ihre aber auch wieder nicht. Tragen denn auch noch andere Bistümer Ihre Arbeit mit, oder wie soll deren Zukunft gesichert werden?

Es ist ein Anfang gemacht und der ist bekanntlich immer das Schwerste. Natürlich wäre es hilfreich und gut, wenn sich andere kirchliche Akteure der Initiative von Kardinal Marx anschließen würden.

Zuerst veröffentlicht im Vatican-Magazin 1/2021.

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