Missbrauch und Gutachten: Manfred Lütz kritisiert Umgang mit Papst emeritus Benedikt XVI.

Manfred Lütz
Foto: Paul Badde / EWTN.TV

Nach Angriffen und scharfer Kritik durch Funktionäre und Medien in Deutschland hat der katholische Autor, Psychiater, Theologe und Psychotherapeut Manfred Lütz in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) die Rolle beschrieben, die Benedikt XVI. bereits als Kardinal Joseph Ratzinger im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche gespielt hat.

Der bekannte Buch-Autor schreibt im Feuilleton der NZZ am heutigen 1. Februar, dass auch im Münchner Gutachten "in allen vier Ratzinger zur Last gelegten Fällen keinen einzigen handfesten Beweis" gegeben habe, "dass er Kenntnis von der Missbrauchsvorgeschichte hatte".

"Natürlich kann man Joseph Ratzinger kritisieren, er selber hat dazu immer wieder aufgefordert. Hier aber entsteht der Eindruck, dass ein Greis, der ausgerechnet zur ihm ursprünglich ganz fremden Missbrauchsthematik Bahnbrechendes geleistet hat, sensationslüstern auf die Bühne gezerrt wurde, anstatt endlich den entscheidenden Fragen nachzugehen", so Lütz.

Gleichzeitig fordert er eine wirklich unabhängige, wissenschaftlich seriöse staatliche "Untersuchung beider Kirchen und der einschlägigen Sportverbände. Das Münchner Gutachten hat endgültig klargemacht: Es ist jetzt Zeit, der Staat muss ran!" 

Lütz schildert seine eigene Rolle und die Hintergründe des ersten Missbrauchskongresses vom 2. bis 5. April 2003 im Vatikan, der auf Anweisung von Kardinal Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, stattfand.

"Kardinal Ratzinger betonte, dass er auch die Opferperspektive erwähnt wissen wolle, und gab mir ein Schreiben des Kinderpsychiaters Jörg Fegert, der sich an ihn gewandt hatte und den ich auch einlud."

Lütz schreibt weiter: "Wir tagten im päpstlichen Palast, alle mit dem Problem befassten Kurienbehörden waren anwesend, einige zögerten zu kommen und wurden von Ratzinger noch persönlich «motiviert». Es war ein sehr dichter Kongress mit ausgesprochen freimütigen Fragen der Vatikanvertreter und ebenso ungekünstelten Antworten der – durchwegs nicht katholischen – internationalen Experten."

"Diese plädierten dafür, man müsse die Täter kontrollieren, aber nicht einfach rauswerfen, sonst seien sie – ohne soziale Perspektive – eher eine Gefahr für die Gesellschaft. Bei einem Abendessen versuchten einige Experten, Ratzinger diesen Gedanken nahezubringen, aber er widersprach, Missbrauch sei so etwas Schreckliches, man könne solche Täter nicht einfach als Priester weiterarbeiten lassen", schreibt Lütz weiter.

Die Vorträge seien auf Drängen des späteren Papstes veröffentlicht worden. Ratzinger sei es auch gewesen, der den "verbrecherischen Gründer der Legionäre Christi" aus dem Verkehr gezogen habe. 

Außerdem sprach Benedikt vor Jahren bereits persönlich mit Opfern sexueller Gewalt, betont der Psychiater.

"Schon 2010 sagte Papst Benedikt: «Das erste Interesse muss den Opfern gelten. Wie können wir Wiedergutmachung leisten (. . .) mit materieller, psychologischer, geistlicher Hilfe.» Warum also werden Opfer immer noch nicht dabei unterstützt, sich wirklich unabhängig zu organisieren, und warum werden sie immer noch nicht individuell angemessen entschädigt? Warum folgt in atemlosem Galopp ein Gutachten dem nächsten, ohne dass daraus irgendetwas folgt?", schreibt Lütz in der NZZ.

Mit Blick auf die Korrektur Benedikts zum Münchner Gutachten argumentiert der Psychiater, der "94-jährige Mann hatte natürlich nicht selber die Tausende Seiten Dokumente durchsehen können. Mitarbeiter hatten das gemacht und dabei Fehler begangen." 

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