Limburg: Zwei Fälle sexuellen Missbrauchs systematisch vertuscht

Jurist stellt mangelnde Dokumentation und Fehleinschätzungen fest | Altbischof Kamphaus: "Habe schwere Schuld auf mich geladen"

Bischof Franz Kamphaus im Jahr 2008
Foto: Karl-Heinz Meurer / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
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In einem Fall wurde das Opfer mundtot gemacht, der Täter wieder am Tatort als Priester eingesetzt – im anderen Fall wurde der Priester "wegversetzt", und beging erneut Missbrauch: Im Bistum Limburg wurden Fälle sexuellen Missbrauchs durch den damaligen Bischof und seinen Personalchef systematisch vertuscht.

Das geht aus einem neuen Untersuchungsbericht und Erkärungen ehemaliger Verantwortlicher hervor. Der damals amtierende Bischof Franz Kamphaus und sein ehemaliger Personalchef Hans Wanka geben ihre "schwere Schuld" zu und bitten um Verzeihung.

Erster Fall: Vertuschung durch Personalchef

Ein Untersuchungsbericht des ehemaligen Landgerichtspräsidenten Ralph Gatzka, der im Auftrag des heutigen Bischofs erstellt wurde, behandelt den Vorwurf der Vertuschung eines Betroffenen, der sich im vergangenen Jahr an das Erzbistum Bamberg gewandt hat – wegen des Missbrauchs durch einen Priester des Bistums Limburg öffentlich gemacht hatte.

Die Verbrechen wurden offenbar in den Jahren 1986 bis 1993 verübt.

Die Ergebnisse der juristischen Untersuchung hat Gatzka in einem Bericht zusammengefasst, den das Bistums Limburg veröffentlichte.

Nach den Erkenntnissen des Juristen hat das Opfer bereits 1997 erstmals einer Vertrauensperson die Verbrechen gemeldet. 

Statt dies dem Bischof zu melden, kirchenrechtlich ermitteln zu lassen oder die Behörden zu informieren, stattete der damalige Personaldezernent Helmut Wanka der Vertrauensperson zwei Besuche ab, um das Opfer einer Therapie zuzuführen – aber auch, die Taten nicht zu melden. Auch in der Personalakte wurde der Vorgang nicht festgehalten. Gatza erklärt dazu:

"Den glaubhaften Angaben des Opfers und von Frau Dr. T. zufolge waren Gegenstand dieser Gespräche zum einen das Bemühen um eine Vermittlung eines Therapieplatzes für das Missbrauchsopfer bei einem anerkannten Psychotherapeuten und zum anderen die Durchführung einer psychotherapeutischen Behandlung des Priesters im Rahmen eines mehrmonatigen Aufenthalts im Recollectiohaus Münsterschwarzach."

In diesem Gespräch habe der Personalverantwortliche versucht, das Opfer, das durch die Vorfälle im Pfarrhaus mit wiederholt auftretenden Suizidgedanken zu kämpfen hatte, dazu zu bewegen auf eine Strafanzeige gegen den Priester zu verzichten. Dieses Vorgehen Helmut Wankas sei schließlich "gelungen". 

Gatza weist darauf hin, dass es damals "die kirchliche Selbstverpflichtung zur Weitergabe von Informationen an die staatlichen Strafverfolgungsbehörden" noch nicht gegeben habe.

Der Abschlussbericht stellt zudem fest, dass der Täter nach Beendigung eines Aufenthalts im "Recollectiohaus" und einer "Therapie" wieder an alter Wirkungsstätte eingesetzt wurde. Es wurden auch keinerlei Vorkehrungen getroffen, um weiteren Missbrauch zu verhindern: 

"Das Ergebnis der Therapie ist nicht dokumentiert. Der Priester erhielt keinerlei Auflagen – etwa die Jugendarbeit in der Pfarrei anderen Personen zu überlassen oder das Verbot, Jugendliche mit ins Pfarrhaus zu nehmen", stellt der Bericht fest.

Offensichtlich wurden auch nicht die direkten Vorgesetzten und mit ihm arbeitenden Seelsorger über die Verbrechen des Priesters informiert.

In einer nun veröffentlichten persönlichen Erklärung bedauert der damalige Personalchef sein Vorgehen: Helmut Wanka bittet den Betroffenen, aber auch die Gläubigen des Bistums Limburg um Vergebung. Unterdessen verbringe der Täter "seinen Ruhestand in der Erzdiözese Bamberg", so Gatza.

"Die Vorfälle um den sexuellen Missbrauch an dem minderjährigen Jungen blieben bei der üblichen Anzeige des Wohnortswechsels und bei der mündlichen Nachfrage des Erzbischofs nach der Person des Priesters unerwähnt."

Das Bistum Limburg und das Erzbistum Bamberg haben dem Beschuldigten mittlerweise die Ausübung jeglicher priesterlicher Dienste untersagt. Eine kirchenstrafrechtliche Voruntersuchung wurde abgeschlossen und der Kongregation für die Glaubenslehre gesandt. Der Vatikan wird über das weitere Verfahren gegen den Priester entscheiden.  

Zweiter Fall: Täter "wegversetzt"

Der Limburger Altbischof Kamphaus erklärte, dass er vom nun untersuchten Fall "keine Kenntnis" hatte. Jedoch belaste ihn seit Langem ein anderer Fall, nämlich der des mittlerweile aus dem Klerikerstand entlassenen Wolfdieter W., der Mitte der 1980er Jahre aus dem Bistum Würzburg ins Bistum Limburg gekommen sei.

Kamphaus habe ihm damals eine Pfarrei im Westerwald übertragen, obwohl es Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs aus der Vergangenheit gab.

Nach einiger Zeit seien in der Bevölkerung Gerüchte aufgekommen, dass es erneut zu sexuellem Missbrauch gekommen sei, die man jedoch nicht geprüft habe.

(Der 87-jährige schreibt dazu, man habe diese "nicht bestätigen können".)

Kamphaus ließ weder ermitteln, noch meldete er den Verdacht den Behören, noch suspendierte er den Priester. Stattdessen habe er den Mann zum Verzicht auf die Pfarrei gedrängt und in die Klinikseelsorge nach Frankfurt versetzt. Dann habe er seinen Generalvikar beuaftragt, Gespräche mit dem Bistum Würzburg zu führen, um ihn in seine Heimatdiözese zurückzuschicken.

Wie Wolfdieter W. stattdessen ins Erzbistum Bamberg kam, wisse er nicht, so Kamphaus. Dort verübte der Mann jedoch wieder sexuellen Missbrauch – und wurde schließlich doch der Polizei gemeldet, und strafrechtlich verurteilt. Das habe er aber erst "viel später erfahren", so Kamphaus, der zugibt, "schwere Fehler" gemacht zu haben.

"Opfern wäre Missbrauch erspart geblieben. Hier habe ich schwere Schuld auf mich geladen. Dafür bitte ich in aller Form um Verzeihung."

Er stehe den Opfern "selbstverständlich für ein Gespräch zur Verfügung", so Kamphaus.

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