Verfahrensfehler? Korruptionsprozess im Vatikan droht Abbruch

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Der Vatikan-Finanzprozess gegen Kardinal Angelo Becciu wurde am Dienstag mit einer zweistündigen juristischen Debatte fortgesetzt, die möglicherweise zu einem abrupten Ende des Prozesses führen könnte.

Die Richter vertagten die Anhörung auf Mittwochmorgen, wo sie entscheiden werden, ob der Prozess fortgesetzt wird, nachdem die Anwälte der Angeklagten erhebliche Verfahrensfehler der Staatsanwaltschaft beanstandet hatten.

Richter Giuseppe Pignatone kann die Staatsanwaltschaft anweisen, fehlendes Material zu übergeben, das die Anwälte der zehn Angeklagten zur Vorbereitung ihrer Verteidigung benötigen, oder er könnte die Ermittler anweisen, den Prozess von vorne zu beginnen.

Der Prozess ist der Höhepunkt der mehr als zweijährigen Ermittlungen des Vatikans zu den Vorgängen rund um den 350-Millionen-Euro-Kauf eines Investitionsobjekts in London durch das Staatssekretariat zwischen 2014 und 2018.

Die Untersuchung, die auf vier Dekrete von Papst Franziskus zurückgeht, wurde mit großem Spielraum für Maßnahmen durchgeführt, die normalerweise nach vatikanischem Recht nicht erlaubt sind, einschließlich der Verwendung von Abhörgeräten. Sollte das Gericht anordnen, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden, stünden diese Spielräume den Ermittlern nicht mehr zur Verfügung.

Der Fall ist durch fehlendes Beweismaterial gefährdet, das die Staatsanwaltschaft den Verteidigern nicht zur Verfügung gestellt hat. Am umstrittensten sind die Videodateien von Interviews mit Msgr. Alberto Perlasca, einem Verdächtigen der Ermittlungen, der nicht angeklagt wurde und nun ein wichtiger Zeuge für die Staatsanwaltschaft ist.

Die Anwälte der Verteidigung sagen, dass sie die Aufnahmen überprüfen müssen, weil in einer Zusammenfassung, die ihnen zur Verfügung gestellt wurde, Informationen fehlen.

Sie warten auch immer noch auf Kopien der forensischen Beweise, die von den Telefonen und Computern der Angeklagten gesammelt wurden und die am 9. August eintreffen sollten.

Alessandro Diddi, der stellvertretende Staatsanwalt und leitende Ermittler in dem Fall, ist der Aufforderung des Richters, die Bänder zur Verfügung zu stellen, noch nicht nachgekommen.

Diddi sagte am 5. Oktober, dass er die Videoaufnahmen gerne zur Verfügung stellen würde, behauptete aber, dass ihm aufgrund von Bedenken bezüglich der "Privatsphäre" der beteiligten Personen die Hände gebunden seien.

Mehrere Verteidiger argumentierten, dass der Prozess nicht fortgesetzt werden könne, wenn diese Verfahrensfehler nicht korrigiert würden, da sie nicht über die Informationen verfügten, auf denen sie ihren Fall aufbauen könnten, und dass der Prozess verworfen werden sollte.

Diddi räumte später ein, dass "wir vielleicht einen Fehler gemacht haben".

Der Präsident des Tribunals, Pignatone, und zwei weitere Richter des Vatikans müssen nun entscheiden, ob sie den Prozess fortsetzen oder ihn scheitern lassen wollen.

Diddi und Pignatone sind schon früher aneinandergeraten, als sie sich jahrelang während eines der größten Anti-Mafia-Prozesse in Rom, bekannt als "Mafia Capitale", bekämpften.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Diddi, dem Anwalt eines der Hauptangeklagten, und Pignatone, dem damaligen Chefankläger von Rom, wurden während des Prozesses öffentlich ausgetragen.

Diese Rangeleien unter wurden – neben dem persönlichen Verhalten von Papst Franziskus und Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin – auch von dem Wirtschaftsmagazin "Forbes" in einer investigativen Recherche aufgegriffen und dokumentiert, die schwere Vorwürfe gegen den Papst und Schlüsselpersonen der Kurie erhebt.

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Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.