Vilnius, 23 Januar, 2026 / 11:00 AM
In einem exklusiven Interview mit EWTN News hat Erzbischof Georg Gänswein den deutschen „Synodalen Weg“ stark kritisiert und vor einer „Verwässerung des Glaubens“ gewarnt.
Fast 20 Jahre lang war Gänswein Privatsekretär zunächst von Kardinal Joseph Ratzinger und dann ab 2005 von Papst Benedikt XVI. Nach Benedikts Rücktritt im Jahr 2013 kümmerte sich Gänswein bis zum Tod des Papa Emeritus weiter um ihn und wurde schließlich 2024 von Papst Franziskus als Apostolischer Nuntius für die baltischen Staaten nach Vilnius in Litauen geschickt.
Dort, an seiner neuen Wirkungsstätte, sprach Erzbischof Georg Gänswein mit EWTN-Romkorrespondent Rudolf Gehrig über die zurückgekehrte „Normalität“ im Vatikan, den Zustand der Kirche in Deutschland und die „Brandmauer“ gegen falsche Reformansätze.
Erzbischof Georg Gänswein, Sie sind jetzt seit fast zwei Jahren als Apostolischer Nuntius in Vilnius. Wir können außerdem zurückblicken auf neun Monate mit Papst Leo XIV. Wenn Sie auf das bisherige Pontifikat zurückblicken und ein erstes Zwischenfazit ziehen: wie fällt das aus?
Im Juni war ein Treffen aller Nuntien in Rom. Da gab es die Möglichkeit einen ersten Kontakt mit Papst Leo aufzunehmen. Und vor vier Wochen, Mitte Dezember, hatte ich Audienz bei ihm in Rom. Beide Eckpunkte waren sehr, sehr gut. Und die Zwischenzeit, die hat doch mir sehr deutlich vor Augen geführt, dass – um es einmal etwas eigenwillig zu sagen – jetzt langsam wieder Normalität einkehrt. Vor allem hat sich auch atmosphärisch eine Änderung zum Guten gezeigt, die meines Erachtens wichtig ist, weil die Schwierigkeiten, die da waren, durch den Pontifikatswechsel wirklich eine ganz neue positive Auswirkung bekommen haben. Das halte ich für hilfreich. Und es ist auch für mich selber ein Zeichen, dass der Glaube und dass der Heilige Geist tatsächlich auch wirkt und am Ball bleibt.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Änderungen gewesen?
Ich habe den Begriff der Normalisierung gebraucht. Für mich ist zumindest einmal optisch und akustisch wichtig zu sehen, dass Papst Leo einfach einige Akzente gesetzt hat, die nicht neu sind, die aber in den letzten Jahren völlig unter den Tisch gefallen sind. Und dann hat er natürlich eine klare Linie, sowohl was die Verkündigung betrifft. Wenn man seine Katechesen oder die Predigten nachliest, kann man spüren, dass hier ein Mann tätig ist, der das auch aus dem augustinischen Geist heraus lebt und verkündet. Und das sieht man auch bei den beiden genannten Texten, dass eben hier sehr viel Augustinus zitiert wird, das heißt ein Geist, ein Mann, der aus dem Geist seines Ordensvaters lebt und der nun in der Aufgabe des Bischofs von Rom, des Obersten Hirten der Kirche, weltweit die erste Rolle spielt und tatsächlich das Wort Gottes freudig und überzeugend verkündet.
Am 29. Januar 2026 beginnt in Deutschland die sechste und letzte Synodalversammlung des deutschen „Synodalen Weges“. Nun hat Papst Leo erst kürzlich Vertreter des „Neuen Anfangs“ empfangen, die schon seit einiger Zeit vor den Auswirkungen des „Synodalen Weges“ in Deutschland warnen. Sie äußern die Sorge, dass der „Synodale Weg“ die Spaltung in der Gesellschaft, in der Kirche vertieft. Verstehen Sie diese Sorge?
Ich verstehe diese Sorge nicht nur, ich teile sie. Wer das Geschehen um den „Synodalen Weg“ von Anfang an bis zum heutigen Tag verfolgt, der kann doch eine wichtige Sache sehen, nämlich, dass eine Reihe von Forderungen des „Synodalen Weges“ vom Glauben wegführen, also nicht eine Klärung sind, die zum Glauben hinführen, sondern ganz bewusst vom Glauben wegführen. Das kann doch nicht das Ziel sein, dass etwas getan wird, was letztlich nicht dem Glauben hilft und letztlich auch nicht den Gläubigen. Insofern kann ich das sehr gut verstehen und nachvollziehen. Und ich kann nur hoffen und beten, dass dieser Irrweg einfach bald ein Ende hat.
Aber es gibt ja mit Sicherheit auch das eine oder andere legitime Anliegen hinter den Reformbemühungen …
Es geht mir nicht darum, das, was gesagt worden ist, von vornherein abzuwürgen. Es geht darum, was das Ziel dieses Weges ist. Dass es tatsächlich auch die Notwendigkeit gibt, da und dort etwas zu ändern, zu reformieren, da besteht kein Zweifel. Das teile ich auch. Nur was bisher gezeigt worden ist auf dem „Synodalen Weg“, ist für mich ein deutliches Zeugnis, dass es da nicht um ein Zurückgehen in Hinblick auf eine Vertiefung des Glaubens, sondern um eine Verwässerung des Glaubens geht.
Wo ziehen Sie denn die rote Linie, wenn wir über Reformen sprechen? Ab wann geht es Ihnen zu weit?
Also wer in Fragen der Moral, der Ethik, in Fragen der sakramentalen Struktur der Kirche, in Fragen der Amtsautorität der Bischöfe nicht mehr die katholische Linie vertritt, da ist die Brandmauer, da ist tatsächlich der rote Strich. Alles andere in Bezug auf die Umsetzung: darüber lässt sich reden. Aber wer das nicht mehr mitträgt, ist eben nicht mehr im Glauben der Kirche verankert.
Synodalität bleibt weiter ein wichtiges Thema für die Kirche, auch im neuen Pontifikat. Wie kann verhindert werden, dass es bei der Verwendung dieses Begriffes „Synodalität“ nicht bei einem bloßen Reden über Erneuerung bleibt, sondern dass auch die Fundamente, die Katechese, die Eucharistie wieder freigelegt werden?
Papst Leo hat vor zwei Wochen alle Kardinäle eingeladen zu einem Konsistorium, zu einer Versammlung in Rom. Eine ganze Reihe von Kardinälen hat zu diesem Thema zuerst einmal die Bitte ausgesprochen, zu klären, was eigentlich „Synodalität“ meint. Es wurde über Jahre jetzt hin und her gesprochen und dabei Einiges gefordert. Aber was? Was den Begriff betrifft, da ist leider noch keine Klärung da. Und solange ich keinen klaren Begriff habe, solange ich nicht genau weiß, was es bedeutet, ist es auch schwer, darüber zu sprechen, dass es das Anliegen ist, in der Kirche im Austausch zu bleiben oder in den Austausch zu kommen. Wenn das „Synodalität“ ist, dann ist es okay. Aber mein Eindruck ist eben der, dass eine ganze Reihe von verdeckten Forderungen unter diesem Mantel mit dem Wort „Synodalität“ verdeckt wird und man dadurch bestimmte Ziele verfolgt, die mit Synode und Synodalität überhaupt nichts zu tun haben
Zum Abschluss habe ich einen Satz rausgesucht, den Sie gesagt haben und zwar am 17. Oktober 2019. Das war bei Ihrer Buchvorstellung in Frankfurt, knapp zwei Wochen, bevor der Synodale Weg losging. Sie haben damals gesagt: „Wenn die Glaubenskraft der Katholischen Kirche in Deutschland so groß wäre wie ihre Finanzkraft, wäre alles in Ordnung.“ Wenn wir jetzt sechs Jahre später Bilanz ziehen, scheint die Finanzkraft noch einigermaßen stabil zu sein. Doch wie sieht es mit der Glaubenskraft der Katholischen Kirche in Deutschland aus?
(Die Geschichte geht unten weiter)
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Leider würde ich diesen Satz wieder zitieren, weil sich in der Hinsicht nichts geändert hat. Also bisher ist die Finanzkraft noch vorhanden. Bis jetzt! Es fängt schon an zu bröckeln, aber sie ist noch da. Ich kann jedoch keine Vermehrung der Glaubenskraft erkennen. Und da muss ich doch fragen: Was ist denn da geschehen? Wo ist der Hund begraben? Wo sind die Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen? Und da muss ich sagen, da hat sich in Deutschland von meiner Sicht aus nichts zum Guten verändert.
Damit wir aber vielleicht doch hoffnungsvoll enden: Was macht Ihnen Hoffnung?
Ich sehe viele junge Menschen, die wirklich suchen und die im Glauben und in der authentischen, unverkürzten Verkündigung der Kirche tatsächlich etwas finden, was ihrem Leben Halt, Zukunft und ein Ziel gibt. Das betrifft auch solche, die auf dem Weg zum Priestertum sind. Die wollen nicht irgendwelches Gewäsch, die wollen eine klare Botschaft. Wir haben die Botschaft nicht erfunden. Es ist die Botschaft des Herrn, die wir verkünden müssen, mit dem heiligen Paulus gesagt, ob es passt oder nicht passt. Solange wir das tun, sind wir in der richtigen Spur. Wenn wir das vergessen, dann sind wir schnell von der Spur. Und da sind wirklich junge Leute, die dieses Mal diese Erkenntnis haben und im Glauben ihren Lebenssinn gefunden haben. Sie leben den Glauben so, wie er zu leben ist, nämlich auch mit einem frohen Herzen. Glaube ist ja nicht eine Last, die zu der Last, die das Leben uns auferlegt, noch mehr dazu legt, sondern er ist eine Hilfe, damit besser fertig zu werden. Und wir wissen, wofür wir hier auf dieser Welt sind und wo es hingeht.
Das komplette Interview mit Erzbischof Georg Gänswein vom 20. Januar 2026:
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