Wer in Europa gläubig ist, wird „immer stärker an den Rand gedrängt und diskriminiert“

Markus Rode (Open Doors) bei einem Besuch von einheimischen Christen in Syrien
Markus Rode (Open Doors) bei einem Besuch von einheimischen Christen in Syrien
Open Doors
Witwen in Nigeria nehmen an einem Trauma-Seminar teil, um im Glauben gestärkt zu werden.
Witwen in Nigeria nehmen an einem Trauma-Seminar teil, um im Glauben gestärkt zu werden.
Open Doors
Christen in Indien während eines Gottesdienstes.
Christen in Indien während eines Gottesdienstes.
Open Doors
Ein christlicher Leiter blickt auf die Trümmer seiner Kirche in Manipur, die bei Ausschreitungen im Mai 2023 zerstört wurde.
Ein christlicher Leiter blickt auf die Trümmer seiner Kirche in Manipur, die bei Ausschreitungen im Mai 2023 zerstört wurde.
Open Doors

CNA Deutsch sprach mit Markus Rode, dem Geschäftsführer von Open Doors Deutschland, über die zunehmende Christenverfolgung auf der Welt. Open Doors ist ein überkonfessionelles christliches Hilfswerk, gegründet im Jahr 1955.

Wie setzt sich Open Doors für verfolgte Christen ein? Welche Möglichkeiten gibt es, zu helfen?

Open Doors unterstützt verfolgte Christen seit 1955, heute in mehr als 70 Ländern. In vielen dieser Länder mussten wir die Christen zuerst suchen, da sie aufgrund der massiven Verfolgung in den Untergrund abgetaucht waren. Es hat oft Jahre gedauert, bis wir vertrauensvolle Beziehungen zu Untergrundkirchen, kleinen Gruppen von Christen und vielen isolierten christlichen Konvertiten aufbauen konnten. Trotz der Gefahren konnten wir schrittweise ein Netzwerk bilden, über das wir einige Millionen der rund 365 Millionen verfolgten Christen heute mit Projekten unterstützen können. Diese Projekte orientieren sich dann immer an den Bedürfnissen der betroffenen Christen. Dazu gehören etwa Hilfe zur Selbsthilfe, Ausbildung von christlichen Leitern, Engagement für Gefangene, Nothilfe, Trauma-Arbeit, die Bereitstellung von Bibeln und christlicher Literatur sowie die Unterstützung von Familien ermordeter Christen.

Der Fokus der Hilfe liegt dabei auf der Stärkung des Glaubens inmitten härtester Verfolgung. Eines der wichtigsten Bedürfnisse verfolgter Christen ist das Gebet. Immer wieder hören wir von ihnen: „Bitte betet für uns, vergesst uns nicht.“ Aufgrund dieser Bitte um Gebet, Unterstützung und Ermutigung, ist Open Doors auch in den Ländern mit Religionsfreiheit aktiv, um die Christen der „freien Welt“ mit verfolgten Christen in Verbindung zu bringen. Das ist so wichtig, da die meisten Christen immer noch viel zu wenig über die Situation ihrer verfolgten Glaubensgeschwister wissen.

Hierfür haben wir unser monatliches Magazin mit konkreten Gebetsanliegen für jeden Tag, in dem wir einen Einblick in das Leben von Untergrundchristen verschiedener Länder geben. Dort findet man auch Möglichkeiten, wie man verfolgten Christen helfen kann. Auf unserer Webseite gibt es weitere Anregungen, wie z. B. das Schreiben von Ermutigungskarten, die wir dann verfolgten Christen persönlich übergeben. Wenn verfolgte Christen erfahren, dass Christen in anderen Ländern für sie beten und ihnen helfen, ist das für sie eine große Ermutigung.

Was ist Verfolgung nach dem Verständnis von Open Doors?

Im Handbuch des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR von 2011 heißt es unter Abschnitt 51: „Es gibt keine allgemeingültige Definition von ‚Verfolgung‘; verschiedene Bemühungen um eine Definition des Begriffs ‚Verfolgung‘ waren wenig erfolgreich.“ Dennoch verweist das UNHCR darauf, dass „eine Bedrohung des Lebens oder der Freiheit aufgrund von Ethnie, Religion, Nationalität […] gemäß Artikel 33 der Flüchtlingskonvention in jedem Fall als Verfolgung zu werten ist“.

Dieser Ansatz, zu beschreiben, was unter „Verfolgung“ zu verstehen ist, ergänzt um die Ursache, weshalb Christen verfolgt werden, ist aus Sicht von Open Doors hilfreich. Als Ursache für die Verfolgung von Christen benennt Open Doors in Anlehnung an die Bibel ihre „Identität in Jesus Christus“, bezeugt durch den Glauben.

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Um diese „Christus-Identität“ zu zerstören, tritt „Verfolgung“ nicht nur als Gewalttaten wie Folter, Gefängnis oder Tod auf, sondern auch als deren Vorstufen wie Drohungen, Diskriminierung und psychischer Druck. Christen sollen eingeschüchtert werden, damit sie ihren Glauben nicht mehr bekennen, ihn aufgeben oder diesen zumindest nicht mehr in Freiheit praktizieren können. Auch wenn es Andersgläubigen gesetzlich, gesellschaftlich oder familiär nicht erlaubt ist, zum christlichen Glauben zu konvertieren, und die Konversion zu Konsequenzen für Leib und Leben, Familie und Besitz führt, spricht Open Doors von Christenverfolgung.

Werden Christenverfolgungen in den öffentlich-rechtlichen und großen Medien wirklich thematisiert, oder wird hier gezögert?

Jedes Jahr veröffentlicht Open Doors den Weltverfolgungsindex, die Liste der 50 Länder, in denen Christen aufgrund ihres Glaubens am stärksten verfolgt werden. Hauptsächlich christliche Medien berichten hierüber. Die andauernde Unterdrückung und ungeheuerliche Gewalt gegen Christen in vielen Ländern wird insgesamt aber kaum thematisiert. Das ist erstaunlich und wirkt fast wie eine Selbstzensur der Medien. Lediglich große Anschläge auf Kirchen an christlichen Feiertagen schaffen es manchmal in die Hauptnachrichten.

Man könnte zwar vermuten, dass der weitaus größte Teil der Medien das Spiegelbild einer stark säkularisierten Gesellschaft ist und deshalb religiöse Inhalte durch das Raster fallen. Doch warum wurde über die Verbrennung eines Korans durch zwei Iraker im Juli 2023 in Stockholm in den großen Medien und Nachrichtensendungen prominent berichtet und sogar eine Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrates einberufen, während tausende zerstörte Kirchen und über 4.000 durch überwiegend muslimische Fulani ermordete Christen kaum Beachtung fanden?

Unabhängig davon, zu welcher Erklärung man kommt, zeigt es einmal mehr, wie sehr Christen aller Konfessionen zuallererst gefragt sind, ihren verfolgten Glaubensgeschwistern zur Seite zu stehen.

Christen werden aus ganz unterschiedlichen ideologischen Kontexten verfolgt, etwa Kommunismus in Nordkorea, Hindutva in Indien, Islamismus in Afrika und andernorts. Gibt es hier wichtige Unterschiede oder Gemeinsamkeiten?

Die jeweils ideologischen und religiösen Konzepte stehen in vielen Ländern dem christlichen Glauben entgegen. Es gibt keine Religionsfreiheit, obwohl diese Länder das Menschenrecht auf Religionsfreiheit oft sogar in ihren Verfassungen verankert haben. In der Praxis sind Christen sogar Feinde, d. h. Staatsfeinde, wie etwa in Nordkorea oder China und Iran. In vielen islamisch geprägten Ländern dürfen Christen ihren Glauben nicht offen zeigen. Besonders gefährlich ist es, das Evangelium weiterzugeben, denn die Abkehr vom Islam gilt nach dem Koran als todeswürdiges Verbrechen. Nicht selten werden christliche Konvertiten von der eigenen Familie oder dem Clan vertrieben oder getötet. In Indien hat Präsident Modi mit seinen Hindunationalisten das Ziel, dass jeder Inder ein Hindu sein muss. Somit verüben Hindunationalisten legitimiert und meist ungestraft Angriffe auf Christen und Kirchen.

Gemeinsam haben die Verfolger, dass sie den christlichen Glauben und damit auch die christlichen Gemeinden in ihrem Land als Bedrohung für ihre eigenen Ideologien oder Machtpositionen sehen und deshalb auslöschen wollen. Dies geschieht durch Religionsgesetze und Verbote sowie Geld- und Haftstrafen. Und durch gewaltsame Angriffe politischer, religiöser und krimineller Gruppen, die Christen vertreiben oder ermorden. Dazu kommen andauernde Unterdrückung und Hass – auch in den Medien, um die Christen zu zermürben und zur Aufgabe ihres Glaubens zu zwingen. Doch inmitten einer seit Jahren zunehmenden Verfolgung konvertieren immer mehr Hindus, Buddhisten und Muslime zum christlichen Glauben.

Warum gibt es, gerade auch unter Katholiken, eine gewisse Zögerlichkeit, Christenverfolgung zu thematisieren?

Wir erleben, dass es in allen, auch in den katholischen Kirchen, Unterstützung für verfolgte Christen gibt. Katholische Medien wie etwa Domradio und weitere berichten dazu regelmäßig in der Öffentlichkeit, auch das Hilfswerk Kirche in Not. Auch wenn es viele Kirchen gibt, in denen die Situation und Unterstützung verfolgter Christen noch nicht angekommen ist, sind wir dankbar für jeden einzelnen Christen und jeden Kirchenleiter, egal welcher Konfession, der das Anliegen seiner verfolgten Geschwister auf dem Herzen hat.

Gibt es in Europa, insbesondere in Deutschland, schon Tendenzen einer Christenverfolgung durch eine säkulare Intoleranz?

Die Gesellschaften in Europa und Deutschland haben eine jahrzehntelange Säkularisierung durchlebt. Oft sind christliche Inhalte nicht mehr bekannt, weil in vielen Kirchen das Evangelium nicht mehr gepredigt wird und das Fehlverhalten einiger Geistlicher zu Massenaustritten aus den Großkirchen führt. Hinzu kommt, dass der Humanismus ein Menschenbild kreiert hat, was dem der Bibel widerspricht. Die humanistischen Leitgedanken werden in Schulbüchern und der Öffentlichkeit als Norm propagiert, während die christliche Botschaft immer mehr aus der Öffentlichkeit – leider auch aus Kirchen – verbannt und zur „Privatsache“ erklärt wird. Die Aussage von Jesus in Johannes 16,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater (Gott) als durch mich“, wird von Anhängern des Humanismus, Islam und anderer Religionen und Ideologien als Affront empfunden. Wer seinen Glauben an Jesus öffentlich bekennt und zur Bibel als dem Wort Gottes steht, wird in der Gesellschaft und im Berufsleben immer stärker an den Rand gedrängt und diskriminiert. Auch wenn diese Entwicklung beunruhigend sein mag, sind wir hier noch weit entfernt von dem Maß an Verfolgung, das unsere verfolgten Glaubensgeschwister erleben. Doch die Verbindung mit ihnen wird die Christen hier nicht nur in ihrem Glauben stärken und den verfolgten Christen Mut machen, sondern sie wird uns auch auf schwierigere Zeiten zunehmender Diskriminierung in unseren Ländern vorbereiten.