Der Fall "Pfarrer F." im Erzbistum Köln

Blick auf den Kölner Dom.
Foto: Rudolf Gehrig

Ein Priester aus dem Erzbistum Köln wird verdächtigt, wiederholt Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. Der Mann soll unter anderem 30.000 Mark – rund 15.000 Euro – "Schweigegeld" an eine betroffene Mutter gezahlt haben, damit diese nicht an die Öffentlichkeit geht. Der Fall "Pfarrer F." (vollständiger Name der Redaktion bekannt) sorgt aktuell bundesweit für Schlagzeilen. Besondere Brisanz erhält der Fall dadurch, dass F. lange Zeit als religiöser Buchautor tätig war.

Wie mehrere Medien – darunter die "Bild"-Zeitung – in dieser Woche berichteten, hatten bereits 1986 mehrere Messdiener ausgesagt, vom Beschuldigten unsittlich berührt worden zu sein. 1991 wurde "Pfarrer F." wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern unter 14 Jahren angeklagt, das Strafverfahren wurde damals aber offenbar gegen Geldzahlungen eingestellt.

Sechs Jahre später wurde bekannt, dass "Pfarrer F." offenbar die minderjährigen Söhne einer Mutter, die er bei sich aufgenommen hatte, mehrfach sexuell missbraucht hatte. Damit die Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit gelangen, hatte der Priester Medienberichten zufolge der Mutter anschließend 30.000 Mark gezahlt.

Wie das Erzbistum Köln mitteilte, wurde Pfarrer F. im Jahr 2000 zunächst in den vorläufigen, 2004 dann in den endgültigen Ruhestand versetzt. Während dieser Zeit als Ruhestandspriester "wirkte" der Geistliche jedoch weiter öffentlich – und es kam laut Zeitungsberichten erneut zu "Beschwerden" über den Mann.

Die Rolle von Kardinal Meisner

CNA Deutsch erfuhr von zwei unabhängigen Quellen aus dem Umfeld des Erzbistums Köln, dass die Vorwürfe gegen F. seit den 1980-er Jahre bekannt waren. Anders als in mehreren Medien dargestellt, hätten der damalige Erzbischof Joachim Kardinal Meisner sowie später auch der damalige Generalvikar Dominik Schwaderlapp und der Personalchef (und heutige Erzbischof von Hamburg) Stefan Heße den Fall sehr ernst genommen und "unter Berücksichtigung der damaligen Erkenntnisse" reagiert, versicherte ein Insider am Donnerstag gegenüber CNA Deutsch.

Man habe sich auf das Gutachten eines Psychiaters verlassen, der "Pfarrer F." untersuchte und ihn für den weiteren Dienst in der Seelsorge "freigab", unter der Auflage, dass dieser nichts mit Kindern zu tun haben dürfe. Der zuständige Pfarrer vor Ort sei informiert gewesen, die Gemeinde nicht. Zudem habe man vereinbart, dass F. regelmäßig mit einem weiteren Priester Gespräche führen müsse, gewissermaßen als "Kontrollmechanismus".

Im Jahr 2008 habe man "Pfarrer F." erneut an einen "renommierten Psychiater" überstellt. Meisner, Schwaderlapp und Heße hätten dessen Ratschläge umgesetzt. Eine Quelle berichtete CNA Deutsch:

"Das damalige Gutachten besagte: Pfarrer F. ist pädophil veranlagt, aber von ihm geht keine Gefahr aus, solange man ihn von Kindern fernhält."

Ein Kenner aus dem Umfeld des Erzbistums Köln bestätigte auch die Tatsache, dass die Frau, die zwischenzeitlich bei "Pfarrer F." wohnte und erleben musste, wie ihre Kinder Opfer von sexuellen Missbrauch durch ihren "Wohltäter" wurden, vom Täter eine Zahlung von 30.000 Mark erhielt. Pfarrer F. habe ihr diesen Betrag gezahlt, nachdem F.s Anwalt sich mit dem Anwalt der Frau auf diese Summe verständigt hatte. Das Erzbistum habe hinterher von dieser Abmachung erfahren.

Der Missbrauchstäter als Buchautor

Pfarrer F. sei zu diesem Zeitpunkt bereits "aus einem eigenem Antrieb heraus" nach seinem Verständnis katechetisch tätig gewesen und hatte unter anderem religiöse Bücher für Kinder veröffentlicht. Als Kardinal Meisner ihm den direkten Kontakt zu Minderjährigen verboten hatte, sei F. "sehr wütend" gewesen und habe "nach längerem Hin und Her" den Kölner Erzbischof gebeten, wenigstens weiterhin publizistisch tätig sein zu dürfen. Diesem Wunsch habe Meisner schließlich entsprochen.

Pfarrer F. publizierte bei mehreren Verlagen, unter anderem bei einer größeren Verlagsgruppe aus Deutschland. Dort veröffentlichte F. unter anderem einen "Kommunionkurs" für Kinder sowie einen "Firmkurs". Die Verlinkung zu diesen Werken, wie auch die Autorenseite zu "Pfarrer F." sind auf der Homepage des Verlages seit Mittwochnachmittag nicht mehr abrufbar.

Eine entsprechende Nachfrage von CNA Deutsch kommentierte der Verlag am Freitagmorgen mit dem Hinweis, dass die Bücher "seit einiger Zeit nicht mehr lieferbar" seien. Deshalb habe man "die Bücher, sowie die dazugehörige Vita" von der Homepage entfernt. Am Mittwochvormittag, dem 9. Dezember 2020, konnte die Seite aber noch aufgerufen werden.

Eine gespaltene Gemeinde

Von 2011 bis 2013 kam "Pfarrer F." als sogenannter "Ruhestandsgeistlicher" in eine Gemeinde östlich von Köln, weiterhin unter den entsprechenden Auflagen des psychiatrischen Gutachtens, sichvon Kindern fernzuhalten

In dieser Zeit kam es zu weiteren Beschwerden über den Kleriker und Autor, allerdings betrafen diese hauptsächlich dessen liturgische "Gestaltung" der Gottesdienste sowie Predigten und Vorträgen gegen die Lehre der Kirche. Der sich als "fortschrittlich" gebende Priester polemisierte nicht nur gegen die traditionelle Lehre der Kirche, sondern spaltete auch die Pfarrei – sogar mit Aussagen über das Zweite Vatikanische Konzil, die "nicht mehr katholisch" gewesen seien, berichtete ein direkt Betroffener und ehemaliges Gemeindemitglied. 

Eine weitere Quelle bestätigte gegenüber CNA Deutsch, dass "Pfarrer F." sogar so weit ging, bei der Eucharistiefeier die fest vorgeschriebenen Hochgebete zu verändern – und sich mehrfach negativ über die angeblich "rückständigen" Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu äußern – auch während der Heiligen Messe.

Trotz dieses Verhaltens habe "Pfarrer F.", der in der Gemeinde mittlerweile ein eigenes Haus gebaut hatte, seine eigene "Fangemeinde" gehabt, berichtete ein Insider. Als Kardinal Meisner von den Beschwerden mehrerer skandalisierter Gemeindemitglieder über die "verhunzte Liturgie" erfahren hatte, suchte der Erzbischof erneut das persönliche Gespräch mit "Pfarrer F." und schickte der Gemeinde einen Brief. Darin schrieb der Kardinal wörtlich:

"Wenn es Beschwerden im gottesdienstlichen Bereich gibt, so sind dies grundsätzlich keine Lappalien. Deshalb gehört es zu meinen ureigenen Aufgaben als Bischof, diesen Beschwerden sorgfältig auf den Grund zu gehen."

Meisner machte deutlich, dass er sich nun darauf verlasse, dass "Pfarrer F." die Heilige Messe von jetzt an wieder "entsprechend der kirchlichen Ordnung" feiere. Im Brief an die Gemeinde verkündete der Erzbischof außerdem, dass er der Bitte des kontroversen Geistlichen um ein Sabbatjahr nachkommen werde.

Viele Gemeindemitglieder hätten sich daraufhin demonstrativ hinter den Missbrauchs-Priester gestellt, den sie als "fortschrittlich" ansahen, während sie den vermeintlich "konservativen" Meisner und dessen Schlichtungsversuche als eine "Bevormundung" betrachteten. "Es war eine unfassbare Schlammschlacht", berichtet ein ehemaliges Gemeindemitglied gegenüber CNA Deutsch.

Im September 2013 – zum Ende seines Sabbatjahres – versuchte "Pfarrer F." erneut in der besagten Gemeinde als "Seelsorger" tätig zu werden, scheiterte jedoch auch am Widerstand Kardinal Meisners. Als sich daraufhin mehrere Mitglieder der Pfarrei mit dem pädophilen Priester solidarisierten und einen Beschwerdebrief nach Köln sandten, Meisner aber nicht nachgab, ließ "Pfarrer F." eine Pressererklärung verlesen, in der er bekanntgab, sich aus der Seelsorge zurückzuziehen. Nach "reiflicher Überlegung und nach Beratung mit meinen Ärzten" sei er zu diesem Entschluss gekommen. Der Geistliche sagte damals wörtlich: "Inzwischen bin ich psychisch wie physisch an meine Grenzen gestoßen und habe deshalb diese Entscheidung getroffen."

Kardinal Woelki: Werde moralische Verantwortung übernehmen

Das Erzbistum Köln hat unterdessen Zeitungsberichte bestätigt, dass die Vorwürfe gegen den heute 73-jährigen mutmaßlichen Kinderschänder auch Gegenstand der Untersuchungen des Kölner Strafrechtlers Björn Gercke sind. Am 30. Oktober 2020 hatte die Bistumsleitung verkündet, eine Neufassung des von Kardinal Rainer Maria Woelki in Auftrag gegebenen Gutachtens zum Umgang mit sexuellem Missbrauch zu veranlassen. Hintergrund waren "gravierende methodische Mängel", die eine Veröffentlichung der bisherigen Untersuchungen unmöglich machten (CNA Deutsch hat berichtet).

Gercke, der nun mit der Untersuchung der Missbrauchsfälle im Bistumsgebiet betraut ist, wird seine Ergebnisse im März 2021 veröffentlichen.

Schon jetzt hat Kardinal Woelki angekündigt, im Fall von erwiesener Schuld auch persönlich Verantwortung zu übernehmen. In einer gestern verbreiteten Pressemitteilung ging der Kölner Erzbischof auf den Fall eines anderen Missbrauchspriesters ein, der mittlerweile verstorben ist (CNA Deutsch hat berichtet). Das im März 2021 erwartete Gutachten werde aufzeigen, wie dieser Sachverhalt "strafrechtlich und kirchenrechtlich zu bewerten ist", so Woelki. Der Kardinal wörtlich:

"Sollte ich im konkreten Fall Fehler gemacht haben, werden diese klar benannt und ich werde danach handeln."

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