Die heilige Corona - Eine Patronin gegen Seuchen?

Frühchristliche Märtyrerin aus dem Orient gibt weiter Rätsel auf

Corona-Virus
Foto: Viktor Forgacs / Unsplash (CC0)

Die heilige Corona als Schutzpatronin gegen die Coronavirus-Pandemie: Eine rührende, wahre Geschichte oder letztlich doch eher "Fake News"

Fest steht: Der Virus trägt den Namen "Corona", weil er aus der Nähe betrachtet wie eine "Krone" aussieht. Fest steht auch: Es gibt eine katholische Heilige namens Korona bzw. Corona.

Mehrere Agenturen, darunter die deutsche Presseagentur (dpa) meldeten in den vergangenen Tagen, dass eine Märtyrerin aus der frühchristlichen Überlieferung mit Namen "Corona" von der Katholischen Kirche einst als Patronin gegen Epidemien und Seuchen verehrt wurde.

Corona soll als 16-jährige Christin im Orient des 2. Jahrhunderts hingerichtet worden sein, die Reliquien werden seit über 1000 Jahren – genauer: seit 997 nach Christus – in Aachen aufbewahrt.

In der Meldung wurde unter anderem Daniela Lövenich, Sprecherin des Aachener Domkapitels, zitiert: "Die Heilige Corona gilt unter anderem als Schutzpatronin gegen Seuchen", so Lövenich. "Das macht sie derzeit so interessant."

Dass ein solcher Zusammenhang interessant wäre, zeigten auch weitere Medien, die über die mutmaßliche Schutzheilige gegen die Corona-Pandemie berichteten. Am Mittwoch veröffentlichte die Nachrichtenagentur "Reuters" eine Meldung über die Reliquien der Heiligen. Brigitta Falk, Leiterin der Aachener Domschatzkammer, spricht im Artikel über die Legende vom brutalen Märtyrertod der heiligen Corona. So soll die junge Christin an zwei gebogenen Palmen festgebunden worden sein, die das Mädchen schließlich auseinanderrissen, als die Palmen wieder auseinanderschnellten.

"'That is a very gruesome story and led to her becoming the patron of lumberjacks,' said Brigitte [sic!] Falk, head of Aachen Cathedral Treasure Chamber, adding that it was pure chance that she also became a patron saint for resisting epidemics."

"'Das ist eine sehr grausame Geschichte und führte dazu, dass sie zur Schutzpatronin der Holzfäller wurde'", sagte Brigitta Falk, Leiterin der Aachener Domschatzkammer, und fügte hinzu, es sei ein reiner Zufall, dass sie auch zur Schutzheilige zum Überstehen von Seuchen wurde."

Bis 1911 oder 1912 lagen die Gebeine der Heiligen – die als St. Korona Patronin vieler Kirchen und bis heute Namensgeberin für Kinder ist – unter einer Platte im Aachener Dom, bevor sie in einen 93 Zentimeter hohen und 98 Kilogramm schweren Schrein gelegt wurden. Dieser Schrein wird nun für die Besucher aufpoliert. "Wir haben den Schrein etwas früher als geplant herausgebracht und erwarten jetzt mehr Interesse wegen des Virus", so Daniela Lövenich gegenüber "Reuters".

Ist die Erzählung von der heiligen Corona als eine Patronin gegen Seuchen in Zeiten der grassierenden Corona-Pandemie auch eine Portion geschickten "Marketings"?

Eine "Seuchen-Heilige"? - Was die Überlieferung der Kirche sagt

"Echte Nachrichten über ihr Leben gibt es nicht", urteilt das "Lexikon des Mittelalters" (1986, Artemis-Verlag München). So soll Corona  im 2. Jahrhundert in Syrien oder Ägypten den Tod erlitten haben, die Reliquien sollen von Ägypten über Zypern und Sizilien nach Otricoli (Norditalien) gekommen sein. Von dort brachte sie Otto III. nach Aachen. "Corona wurde besonders von Schatzgräbern und Metzgern angerufen", so das Lexikon. Ihre Attribute seien zwei Bäume, die Krone, eine Palme, ein Goldstück und ein Schatzkästchen.

Auch das "Lexikon für Theologie und Kirche" (LThK) weiß nichts von einem besonderen Patronat der heiligen Corona gegen Epidemien. Die Ausgabe von 1931 spricht vom "Aberglauben", dass der Name "Corona" auf die vor dem 16. Jahrhundert als Münze bekannte "Krone" hinweise. So sei die Heilige vor allem bei "Geldangelegenheiten, bei Lotterie und Glücksspiel und besonders beim 'Schatzgraben'" angerufen worden, was das LThK ausdrücklich als "Aberglaube" verurteilt:

"Hierzu sind heute noch Beschwörungsriten, Litanei und 'Segen' bekannt, wobei den drei parallelen Zauber-'Coronen', d.i. Zauberringen oder -kreisen, besondere magische Bedeutung zugewiesen wird."

Der Hinweis auf die mögliche Verehrung der heiligen Corona durch abergläubische Glücksspieler ist in späteren Ausgaben des LThK zwar verschwunden, doch auch dort sucht man vergeblich nach Hinweisen auf besondere Anrufungen der Märtyrerin in Zeiten der Seuche. In der Ausgabe von 1959 heißt es, die heilige Corona sei "als glücksbringende Patronin mehrfach der heiligen Victoria und Fausta angeglichen" worden. Zudem sei sie "Patronin der Schatzgräber".

In der aktuellen Ausgabe des LThK, die 2001 abgeschlossen wurde, wird der Zeitpunkt ihres Martyriums in die Zeit des Kaisers Antonius oder Diokletian gelegt. Sie werde vor allem in Bayern und Niederösterreich "als glückbringende Patronin" und als "Patronin der Schatzgräber" verehrt. Zudem gelte sie in Österreich als "Erzschatzmeisterin". Hinweise auf weitere Patronate wie die Verehrung als Patronin der Holzfäller, Metzger oder gegen Epidemien fehlen dagegen.

Bislang gibt einzig das "Ökumenische Heiligenlexikon" die heilige Corona als Patronin gegen Seuchen aus. Dort heißt es, sie sei...

"...Patronin von Castelfidardo und Osimo; der Schatzgräber und Metzger; gegen Seuchen und Unwetter, für Standhaftigkeit im Glauben; in Geldangelegenheiten, der Lotterie; der Diözese Belluno - Feltre."

Eine exakte Quellenangabe für dieses Patronat fehlt jedoch. Die Internetseite wird vom pensionierten evangelischen Pastor Joachim Schäfer betrieben. Nach eigenen Angaben helfen "viele Leser (...) mit ihrer Kenntnis von Details und ihren Tipps und Korrekturen mit". Es gebe "kein vergleichbares Lexikon mit solcher Korrektheit auch in Details", so der Seitenbetreiber. Welchen Einfluss offizielle Erkenntnisse haben, macht Schäfer im Impressum deutlich:

"Es gelangen aber auch immer wieder Nachrichten an uns, die 'offizielle' Darstellungen oder bestimmte Sichtweisen und Interpretationen einfordern. Wir vertreten keine offiziösen Positionen irgendeiner kirchlichen oder sonstigen Gruppierung; Unabhängigkeit ist uns ein hohes Gut."

Welche Quellen letztlich dafür verantwortlich sind, dass die heilige Corona als Patronin gegen Epidemien ins Spiel gebracht wurde, ist noch ungeklärt. Eine Presseanfrage von CNA Deutsch liegt der Aachener Domschatzkammer bereits vor.

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