Kardinal Müller: Querida Amazonia ist ein "Dokument der Versöhnung"

Kardinal Gerhard Ludwig Müller bei einem Vortrag als Präfekt der Gaubenskongregation im Vatikan am 14. Juni 2016.
Foto: CNA Deutsch / Daniel Ibanez
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Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hat das "mit großen Hoffnungen und bangen Befürchtungen erwartete" Nachsynodale Schreiben Querida Amazonia als ein "Dokument der Versöhnung" bezeichnet, und als eine "Gesamtschau der Herausforderungen und Chancen für dieses Land". 

"Dieser Text kann die versöhnende Wirkung haben, auch innerkirchliche Parteibildungen, ideologische Fixierungen und die Gefahr einer inneren Emigration oder offenen Widerstands abzubauen. So ist zu hoffen, dass die Interpreten dieses Dokuments sich unnötiger Schärfe enthalten und die Anliegen des Heiligen Vaters wie echte Söhne und Töchter der Kirche in einem Geist der Zustimmung und Mitarbeit aufnehmen."

Gleichzeitig übt der deutsche Prälat auch behutsame Kritik zur "Wesensbestimmung des Priestertums": Hier greife der Text etwas zu kurz.

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut des Kommentars von Kardinal Müller. 

Ein Dokument der Versöhnung

Zum postsynodalen Schreiben "Querida Amazonia" von Papst Franziskus

Das mit großen Hoffnungen und bangen Befürchtungen erwartete nachsynodale Schreiben ist da. Es bezieht sich auf das Schlussdokument der Amazons-Synode vom 6.-27. Oktober 2019. Der Papst zieht nicht irgendwelche dramatische und umstürzende Konsequenzen. Er  möchte vielmehr der Kirche und allen Menschen guten Willens seine eigenen Antworten anbieten, um eine Hilfe zu geben für eine "harmonischen, kreativen und fruchtbaren Rezeption der gesamten synodalen Prozesses" (Art. 2) Das Schreiben gliedert sich in 4 Kapitel, die jeweils einen Traum oder eine Vision für die bedeutende und großartige Weltregion Amazoniens darstellen:  1. einen sozialen Traum (Art 8-27); 2. einen kulturellen Traum (Art. 28- 40); 3. einen ökologischen Traum (Art. 41-60) und 4. einen kirchlichen Traum (Art. 61- 110). Die Konklusion (Art. 111) stellt eine Gesamtschau der Herausforderungen und Chancen für dieses Land dar Der Papst schließt mit einem wunderschönen und tiefen Gebet zu Maria, der Königin des Amazoniens, in deren Geist wir die universale Gottesherrschaft in Jesus Christus, ihrem Sohn, erkennen, verkünden und ausbreiten.

Das gesamte Schreiben ist in einem persönlichen und werbenden Ton gehalten. Der Nachfolger Petri als der universale Hirte der Herde Christi und als höchste moralische Autorität in der Welt möchte alle Katholiken und Christen anderer Konfessionen aber auch alle Menschen guten Willens gewinnen für eine positive Entwicklung dieser Region, damit  unsere dort lebenden Mitmenschen und Mitchristen die aufbauende und einende Kraft des Evangeliums erfahren. Wir sollen lokal und global in Solidarität zusammen wirken für das Gemeinwohl. Der Papst will bestehende politische, ethnische und innerkirchliche Konflikte und Interessen Gegensätze nicht anheizen, sondern überwinden. Mögen sich alle ein Vorbild nehmen am Heiligen Vater, denn es allen gilt die Verheißung: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." (Mt 5, 9).

Die Hermeneutik, also die Grundeinstellung bei der Lektüre dieses päpstlichen Schreibens, kann ein Katholik nur aus dem katholischen Glauben beziehen. Sie ist nicht von einer Dialektik geprägt, sondern von der Grundfigur der Analogie.  Die katholische Denkform, die uns eine klare Leitlinie an die Hand gibt, alle Aussagen des geoffenbarten Glaubens und die philosophischen, wissenschaftlichen und lebensalltäglichen Erkenntnisse über die Welt in eine Synthese zu bringen, geht nicht von der Entgegensetzung von Natur-Kultur und Gnade-Glaube aus, sondern von ihrer Unterscheidung und gleichzeitigen Beziehung aufeinander. Zusammen gehören die umfassende Orientierung an Gott, seiner Werke der Schöpfung, Erlösung und Versöhnung auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Verantwortung für die Welt, die Familie, die Gemeinschaft, den Staat. Christus ist der Erlöser von den Sünden und der Befreier von inhumanen Strukturen, die aus der Sünde kommen. Wir leben noch in der vergänglichen Welt in der Hoffnung auf das Kommende. Aber die alte Welt des Todes und des Bösen ist im Grunde schon überwunden durch den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die Ausrichtung auf die Endzeit und die Wiederkunft Christi als Richter und Retter am Ende der Welt schließt die Kooperation am Aufbau seines Reiches ebenso ein wie den Protest und den Kampf gegen das Inhumane, Menschenverachtende und Ausbeuterische des alten und neuen Kolonialismus. Davon können die Ureinwohner des  Amerikas ein Klagelied singen, das zum Himmel schreit. Auch wir hören den "Schrei der Amazonas-Region", weil wir zum demselben Volk Gottes gehöre (Art. 47f.).

In den ersten drei Kapitel dieses Schreibens kann jeder dem Heiligen Vater nur aus vollem Herzen zustimmen. Das schließt nicht aus, dass manche Details von Experten anders bewertet oder auch noch ausführlicher dargestellt werden könnten. Aber das Ganze ist ein pastorales Schreiben von prophetischer Kraft und kann nicht wie eine neutrale wissenschaftliche Studie gelesen werden. Auch kann man nicht besserwisserisch  die Kriterien eines theologischen Lehrbuches anlegen, denn es geht um die Verkündigung der befreienden Kraft des Evangeliums Christi und nicht um eine akademische Studie.

Dieser Text kann die versöhnende Wirkung haben, auch innerkirchliche Parteibildungen, ideologische Fixierungen und die Gefahr einer inneren Emigration oder offenen Widerstands abzubauen. So ist zu hoffen, dass die Interpreten dieses Dokuments sich unnötiger Schärfe enthalten und die Anliegen des Heiligen Vaters wie echte Söhne und Töchter der Kirche in einem Geist der Zustimmung und Mitarbeit aufnehmen.

Im 4. Kapitel wendet sich der Papst über die Menschen guten Willens als Adressaten hinaus jetzt direkt an die Gläubigen und ihre Hirten, nämlich die Bischöfe und Priester. Das II. Vatikanische Konzil hatte in der Pastoral-Konstitution "Gaudium et spes" den Ort der "Kirche in der Welt von heute" beschrieben, während die Dogmatische Konstitution über die Kirche "Lumen gentium", von innen her den göttlichen Ursprung, das heilige Wesen und die universale Sendung der Kirche zu Martyria, Leiturgia und Diakonia dargestellt hatte. Darum betont der Papst  die christlogische Mitte der Kirche und den universalen Missionsauftrag, um jeden Gedanken einer Reduktion der Kirche auf eine politische oder humanistische Organisation nach der Art einer NGO den Boden zu entziehen (vgl. Art.  62-65). Die Inkulturation des einen Evangeliums in der Kirche  aller Zeiten und an allen Orten bedeutet ein reziprokes Lehren und  Lernen, Geben und Empfangen auf allen Ebenen und in allen Regionen der Kirche, wie wir es schon seit neutestamentlicher Zeit kennen. Das Pfingstereignis ist das Paradigma aller  Formen und Möglichkeiten der Inkulturation. Das trifft auch zu auf das Verständnis der Verhältnisses der einmaligen und in Christus abgeschlossenen Offenbarung und ihrer Vergegenwärtigung in der lebendigen Tradition. Dies  kann im Blick auf die Dogmatische Konstitution über die Göttliche Offenbarung "Dei verbum" (Art. 7-10) verifiziert werden. Die Inkulturation nimmt Maß an der Präsenz der Gnade in der Schöpfung, an der Gott-menschlichen Einheit Christi und der sakramentalen Zeichengestalt der Gnade. Denn die sakramentale Symbolik bezieht den ganzen Menschen in seiner leiblichen und sozialen Wirklichkeit ein in das Verhältnis zu Gott dem Vater un dem Sohn und dem Heiligen Geist.  Glänzend wird dies zusammengefasst in Art 109.

Es stimmt, dass die Kirche nie alles abgelehnt hat, was aus dem Heidentum kam. Die gilt nicht nur für die griechische Philosophie und die Weisheit der Völker. Auch können die Mythen, Legenden und Sagen in ihrer existentiellen Bedeutung ausgeschlossen und für die Mission  fruchtbar gemacht werden sowohl im Alten Griechenland ( vgl. Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlicher Deutung,  Basel 1984)und z. B. bei der Missionierung der germanischen Völker. Aber der feine Unterschied zwischen der Anbetung des Schöpfers und der Anbetung des Geschaffenen, als ob es Gott wäre (Röm 1, 23), darf nicht vergessen werden (Art. 79-80).

Im Sinn der definierten Glaubenslehre wird klar herausgestellt, dass der Priester aufgrund der Weihe mit Christus, dem Haupt der Kirche,  sakramental gleichgestaltet wird. Darum kann nur ein Mann Christus als den Bräutigam der Kirche, seiner Braut, symbolisch-sakramental  repräsentieren (Art.  101). Aber die hierarchische Verfassung der Kirche besteht nicht darin, dass die Bischöfe, Presbyter und Diakone  politische Macht haben über die Laien haben. Sie stehen auch nicht zwischen Gott und den (nicht-geweihten) Gläubigen, indem sie deren persönliche Unmittelbarkeit zu Gott im Gebet und Gewissen beeinträchtigen. Sie haben heilige Vollmacht (potestas sacra), damit Gott selbst durch ihr menschliches Wort sein göttliches Wort spricht, damit in den Sakramenten Gott seine Gnade vermittelt und damit durch sie als Hirten Christus selbst seine Schafe und Lämmer weidet.

Der Ansatz zur Wesensbestimmung des Priestertums durch die ausschießliche Vollmacht, das eucharistische Opfer darzubringen und das Bußsakrament und die Krankensalbung zu spenden  sagt zwar nichts Falsches aus, greift aber zu kurz.  Bischof und Priester repräsentieren Christus, in dem er insgesamt das Amt hat zu lehren, zu heiligen und zu leiten (Lumen gentium 26-28; Presbyterorum ordinis 4-6). Die Laien sind nicht definiert dadurch, dass sie alles können, außer dem, was den Priestern exklusiv vorbehalten ist, sondern durch die Teilnahme an der Gesamtsendung der Kirche aufgrund von Taufe und Firmung. Zu Recht aber wird auch erinnert an die Bedeutung der kirchlichen Laien-Ämter von Männern und Frauen, die "in verschiedener Weise zu unmittelbarer Mitarbeit mit dem Apostolat der Hierarchie berufen werden." (Lumen gentium 33). Für Männer und Frauen ist es entscheidend , nicht einem Funktionalismus zu verfallen (Art. 87). Christus der ewige Sohn des Vaters wurde Mensch als Mann; aber er wurde es durch ein Geschöpf, eine Frau, seine Mutter Maria (Art. 101).  In diesem Geheimnis, das schon die Kirchenväter  immer wieder, ist das Zusammenwirken der geweihten Hirten im hierarchischen Priestertum und der Laien, aber auch der Männer und Frauen aufgrund des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen spirituell zu leben (Lumen gentium 10).

Die dringende Sorge der Kirche, dass auch in entlegenen Gegenden die katholischen Gläubigen einen öfteren und tieferen Zugang haben zur Eucharistie kommt zum Ausdruck. Auch bedarf es mehr derjenigen Art von Seelsorgern, die durch ihre Herkunft, Mentalität und Ausbildung den Menschen dort näher sind. Aber es wird als Lösung, die vielen allzu pragmatisch in der Weihe von viri probati angepriesen wird, nicht eine Relativierung des Zölibates in der lateinischen Kirche ins Auge gefasst (Art. 85-86). Denn damit würde sich die Kirche in der epochalen Herausforderung des postmodernen Säkularismus des wirksamsten Heilmittels entledigen,  nämlich indem die Diener des Himmelreiches zeichenhaft um des Reiches Gottes willen auf die Ehe zu verzichten (Mt 19, 12; 1 Kor 7, 32ff). Überlassen wir einfach in dieser aufgeregten Diskussion dem Herrn das letze Wort. Christus war der "voller Mitleid mit den müden und erschöpften Menschen, die wie Schafe waren ohne einen Hirten." Und ER sagt uns dasselbe wie seinen Jüngern damals: "Die Ernste ist groß, aber es gibt  nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden." (Mt 9, 37f).