Kardinal Woelki erinnert deutsche Bischöfe: 'Am Anfang war das Wort, nicht das Geschwätz'

'Es ist lebendig, dieses Wort, aber es richtet auch': Predigt des Erzbischofs von Köln bei der Versammlung der deutschen Bischöfe in Lingen

Kardinal Rainer Maria Woelki
Foto: Jochen Rolfes / Erzbistum Köln
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"Gottes Wort schenkt Orientierung. Es ist ein Wort der Güte, aber es steht nicht zur Wahl." Daran hat Kardinal Rainer Maria Woelki die deutschen Bischöfe erinnert. Der Erzbischof von Köln predigte bei der Feier der heiligen Messe in Lingen zur Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe.

Mit einem Zitat des "über jedwede Frömmelei erhabene" Dichters Gottfried Benn sagte Woelki:

"'Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird es nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort'. Das Wort, das der Dichter hier meint, ist kein gewöhnliches, kein nur gesprochenes oder daher gesagtes. Es ist Gottes Wort."

Gottes Wort schenke Orientierung. "Es ist ein Wort der Güte, aber es steht nicht zur Wahl. Es richtet einen Anspruch an uns, der uns in die Entscheidung von Heil oder Unheil ruft", so der Kardinal.

"Es ist lebendig dieses Wort, aber es richtet auch – wie uns der Apostel später einmal an anderer Stelle erinnert – über die Regungen und Gedanken unseres Herzens."

CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut der Predigt, wie sie die Deutsche Bischofskonferenz zur Verfügung gestellt hat.

Evangelium:  Mt 6,7–15

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

auf dem Land kann man es schon noch erleben: dass am Morgen ein Hahn mit seinem Ruf den Tag anbrechen lässt. Zumeist wird es heute aber eher ein Funk- oder Radiowecker bzw. ein Smartphone sein. Dabei ist es dann ein Segen, wenn es sich bei dem eingestellten Weckruf um eine sanfte Melodie handelt. Nichts ist schrecklicher als ein Radiowecker, der just zum Zeitpunkt des Weckens schon mit den neuesten Informationen aus aller Welt, den aktuellen Staus und einer hektischen Sprecherstimme daherkommt. Schlagartig ist man dann mitten drin im Geschwätz des Alltags. 

Der über jedwede Frömmelei erhabene Gottfried Benn befand einmal: "Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird es nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort". Das Wort, das der Dichter hier meint, ist kein gewöhnliches, kein nur gesprochenes oder daher gesagtes. Es ist Gottes Wort. Dieses Wort ist von allem Anfang an. Es war bei Gott, nein, es war Gott (vgl. Joh 1,1). Und durch dieses Wort ist alles geworden, und ohne dieses Wort wurde nichts, was geworden ist ... Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden... (vgl. Joh 1,3.10). Christus ist dieses Wort Gottes. 

Dieses Wort ist an einen jeden von uns gerichtet. Wenn das Wort Gottes an uns ergeht, befinden wir uns im Grunde jedes Mal in der Lage Adams, der sich vor Gott verbirgt, von Gott aber aus seinem Versteck geholt wird. "Mensch, wo bist Du?" Gott richtet damit einen Anspruch an uns. Er will uns. Er will mich – mit meinem Leben. Und er will darin einen Platz haben. Wenn wir dasWort Gottes hören - wie heute Morgen hier - dann begegnen wir dem lebendigen Gott.

Wie relativ werden dagegen viele der Worte, die tagein tagaus millionenfach gewechselt werden, die gedruckt, gemailt, gesagt, getwittert und gepostet werden. Meinungen und Meinungsmache – tatsächlich schaffen auch falsche Worte bisweilen eine Wirklichkeit, aber im Unterschied zum Wort Gottes handelt es sich bei der Wirklichkeit der falschen Worte um Ideologie – oder wie Gottfried Benn es nennt: Propaganda. Davon ist unsere Welt voll wie lange nicht. Es gehört sicher zu den großen Herausforderungen unserer Tage, in der Fülle der Informationen und Meinungen und in Anbetracht der Vertwitterung komplexer Sachverhalte auf Kurznachrichten-Niveau, nicht die Orientierung zu verlieren. 

Gottes Wort schenkt Orientierung. Es ist ein Wort der Güte, aber es steht nicht zur Wahl. Es richtet einen Anspruch an uns, der uns in die Entscheidung von Heil oder Unheil ruft. Es ist lebendig dieses Wort, aber es richtet auch – wie uns der Apostel später einmal an anderer Stelle erinnert – über die Regungen und Gedanken unseres Herzens (Hebr 4,12). Deshalb kehrt dieses Wort auch – wie uns der Prophet Jesaja heute Morgen erinnert – nicht einfach leer zu Gott zurück, sondern bewirkt wirklich das, was Gott will. Es erreicht all das, wozu Gott es ausgesandt hat (vgl. Jes 55,11). Wozu aber hat er es ausgesandt? Er hat es dazu ausgesandt, dass wir es wirken, dass wir es bewirken lassen, was es will. Das ist das Entscheidende! Wir dürfen darauf vertrauen, dass es ein Wort des Erbarmens ist. Gott kommt, um uns durch sein Wort, um uns durch Christus tiefer in seine Nähe zu rufen. Das entzündet Freude. Das schenkt Geborgenheit und Glück. Beim Propheten Ezechiel lesen wir, wie Gott dem Propheten den Auftrag gegeben hat, die Buchrolle zu essen, in der das Wort Gottes niedergeschrieben war. Wie eine Speise sollte er sich das Wort Gottes aneignen (Ez 3,1–3). Und im Buch der Offenbarung wird dasselbe von Johannes erzählt. Auch er muss die Schriftrolle des Wortes Gottes essen (Offb 10,9). 

Diese Tage der österlichen Bußzeit laden uns, liebe Schwestern und Brüder, nun wieder erneut ein, es Ezechiel und Johannes gleich zu tun. Sie laden uns ein, uns Gottes Wort wie eine Speise anzueignen, es uns einzuverleiben. Denn so wie wir aus der Speise leben, die wir zu uns nehmen, so sollen wir als Christen in unserem Alltag aus dem Wort Gottes leben. Das bedeutet, dass wir uns immer wieder neu in das Wort Gottes hineinversenken müssen, um so auf Gott zu schauen und auf ihn zu hören. So kann das Wort Gottes dann auch in uns bewirken, was Gott will und es erreicht all das, wozu er es ausgesandt hat: Zum einen unsere erneute und vertiefte Hinkehr zu IHM, der das fleischgewordene Wort Gottes in Person ist, und zum anderen unsere Bereitschaft, dieses Wort durch unser Leben zu bezeugen. Denn das wissen wir mit Glaubensgewissheit: Es ist dieses Wort, das allein Hoffnung schenkt. Es ist dieses Wort, das allein stärkt und ein Licht zu entzünden vermag, das einem zum Leben hilft. Amen.

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