Analyse: Die deutschen Bischöfe und der Richtungsstreit der Kirche

Sind die von den Bischöfen Overbeck, Bätzing, Feige und vielen anderen vorgeschlagenen Heilmittel die richtigen? Kardinäle Müller und Woelki sind offensichtlich anderer Meinung

Bischöfe und weitere Würdenträger aus aller Welt auf dem Petersplatz
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
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17 February, 2019 / 4:02 PM

Ganz überraschend und leise hat Kardinal Woelki in einem EWTN-Interview Stellung zu dem derzeit ausgetragenen Disput über Glaubenswahrheiten bezogen. Auslöser waren hierfür offenbar nicht nur die Veröffentlichung des Glaubensmanifestes von Kardinal Müller am 8. Februar und die Antwort Kardinal Kaspers einen Tag später, sondern auch die Einlassungen seiner Amtsbrüder aus Essen, Limburg und Magdeburg bezüglich des Missbrauchsskandals in den vergangenen Wochen.

So prophezeite der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck schon Mitte Januar in einem Hirtenwort: "Die alte Zeit ist zu Ende!" Die katholische Kirche stehe aufgrund grundlegender Missstände vor einer Zeitenwende, in auch über "Priesterbild und Weiheamt, Hierarchie, Zölibat, Frauenamt und Sexualmoral" nachgedacht werden müsse. Die breite Mehrheit der Gläubigen erwarte nun eine ernsthafte Erneuerung der Kirche. Dem sekundierte Ende Januar Bischof Georg Bätzing von Limburg. "In gewisser Weise müssen wir uns neu erfinden" und notfalls auch durch Trial and Error lernen, die Menschen wieder zu erreichen.

Vergangene Woche betonte dann Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg, die Lehre der Kirche sei nicht zu bewahren, ohne ihre Entwicklung zuzulassen. Dies betreffe auch die Priesterweihe der Frau, die immer noch offen sei; auch der Zölibat sei "nicht göttlichen Rechts". Dabei verwies er auf Anfrage von CNA Deutsch auf die verheirateten Priester der Ostkirche – alles in allem sei ein verändertes priesterliches Profil notwendig.

In dieser aufgeregten Diskussion – aber sicher nicht nur für diese – legte Kardinal Müller sein Glaubensmanifest vor, in dem er die gültige Lehre der Kirche mit Verweis auf den Katechismus der Katholischen Kirche verteidigte. Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation wollte damit nicht eine Aufarbeitung der vielfachen Missbräuche verhindern; er zweifelt aber offenbar daran, dass die von Bischöfen Overbeck, Bätzing, Feige und vielen anderen vorgeschlagenen Heilmittel die richtigen sind.  

Das jedenfalls bekräftige er in einem gestern veröffentlichten "Spiegel"-Interview: "Klar ist – wir reden von Klerikern, die nach katholischem Glauben eine schwere Sünde begangen haben. Bei der Suche nach den Ursachen muss man aber den Nagel auf den Kopf treffen, andernfalls tut einem nachher der Finger weh." So sei nicht der Klerikalismus und damit das Priesterbild für die Missbräuche verantwortlich, sondern der verdorbene Charakter des Täters.

In diese Situation hinein gab Kardinal Rainer-Maria Woelki dem EWTN-Programmdirektor Martin Rothweiler ein Interview, in dem er direkt auf seine Amtsbrüder antwortete, etwa wenn er – ohne Namen zu nennen – Bischof Overbecks Diktum von den "alten Zeiten" aufgreift: "Es gibt Stimmen, die jetzt denken, dass es an der Zeit ist, alles das was bisher war, über Bord zu werfen. Es sind die alten Zeiten, die jetzt nicht mehr existieren sollen. Ich halte das für ein sehr gefährliches Wort. Wir stehen in einer großen Tradition. Die Kirche steht gerade auch für das Überzeitliche und es ist nicht unsere Aufgabe, jetzt selber eine neue Kirche zu erfinden."

Deshalb ist es – so Woelki – "nicht damit getan, den Zölibat abzuschaffen, es ist nicht damit getan, jetzt zu fordern, dass Frauen zu den Ämtern zugelassen werden und es ist auch nicht damit getan, zu sagen, wir müssen eine neue Sexualmoral haben." Wieder ohne den Namen zu nennen greift er Kardinal Müllers Argumentation auf: "Nein, das Evangelium ist und bleibt weiterhin der Maßstab. Es ist der der Glaube der Kirche, der weiterhin Maßstab bleibt, so wie er uns von Johannes Paul II. in seinem Katechismus vorgelegt worden ist." Und er wird noch deutlicher: "Und wir müssen nicht jetzt selber anfangen, den Heiligen Geist spielen zu wollen. Als Bischöfe stehen wir unter dem Wort Gottes und haben, wie die Menschen und die Bischöfe vor uns, dieses Wort Gottes zu bezeugen und zu verkünden." Kardinal Müller hatte im Glaubensmanifest, das wenige Tage vor dem Interview erschienen war, den 2. Timotheusbrief, Kapitel 4, zitiert: "Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne in aller Geduld und Belehrung."

Kein Zweifel, in der derzeitigen Lage nehmen Müller und Woelki vergleichbare Positionen ein und der aufmerksame Beobachter kann sich eines Deja-Vu nicht erwehren: Schon im vergangenen Jahr, im Streit um die Interkommunion, trat der Kölner Kardinal als Verteidiger der Glaubenswahrheiten auf. Nun tut er es wieder und er lässt keinen Zweifel daran, dass "ein Richtungsstreit zu existieren" scheint, "der sicherlich auch mit durch den Missbrauchskandal ausgelöst ist."

Dieser Richtungsstreit tobt nicht nur in der deutschen Bischofkonferenz; diesmal zieht er noch weitere Kreise. Nicht nur, weil sich Mitglieder des Kardinalskollegiums in die Diskussion einschalten, sondern vor allem weil der Missbrauchsskandal weite Teile der Weltkirche betrifft. Man kann sich leicht vorstellen, unter welchem Druck die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen stehen, die sich diese Woche im Vatikan treffen, um mit dem Heiligen Vater über dieses Thema zu sprechen. Da kann man nur froh sein, dass Kardinal Müller im Spiegel für den heiligen Vater Zeugnis ablegt: "Dieser Papst ist orthodox, das heißt im katholischen Sinne rechtgläubig."

Das Ergebnis des Krisengipfels und seine Folgen für die Glaubenslehre in Deutschland und weltweit bleibt abzuwarten.

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