Analyse: Kardinal Kevin Farrell und der McCarrick-Report

Kardinal Kevin Farrell im Pressesaal des Vatikans am 30. März 2017.
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Nicht nur unter Insidern und Vatikanisten sorgte die Nachricht für enormes Aufsehen. Als Kardinal Kevin Farrell vergangene Woche von Papst Franziskus zum Chef eines entscheidend wichtigen neuen Kontrollgremiums ernannt wurde, wanderten reihenweise die Augenbrauen der Bischöfe der USA Richtung Zimmerdecke. 

Der Grund dafür? Ganz einfach, meint JD Flynn, Chefredakteur der "Catholic News Agency": Die Karriere des US-amerikanischen Prälaten läßt vermuten, dass seine Beförderung auch einen Hinweis darauf gibt, was der bis heute unveröffentlichte McCarrick-Report ergibt, und welche Rolle Farrell gespielt hat.

Klar ist: Der Mann, der bereits Camerlengo ist – also das Konklave organisiert und die Staatsgeschäfte leitet, wenn der Papst stirbt – wird nun auch Einblick in die sensibelsten Finanzgeschäfte des Heiligen Stuhls haben, darunter solche, die unter das Päpstliche Geheimnis fallen. Oder etwa, welche Gelder andere Staaten – rein theoretisch etwa aus China – an den Vatikan überweisen. Mehr noch: Er hat darauf einen kontrollierenden Einfluss. Kurzum, es ist eine weitere mächtige Position für den Kardinalkämmerer der Heiligen Römischen Kirche, der mit dem später überführten Sexualstraftäter McCarrick persönlich jahrelang eng zusammenarbeitete – und zusammenlebte.

Der heute 73 Jahre alte Farrell wurde im irischen Dublin geboren und 1978 zu einem Priester der Legionäre Christi geweiht. Vom Doppelleben des Ordensgründers der Legionäre, Marcial Maciel, einem später überführten Sexualstraftäter und Pädophilen, habe er nichts gewußt, so Farrell laut der "Irish Times". Er sei ihm auch nur ein paar Mal persönlich begegnet. 

In den 1980er Jahren verließ Farrell den Orden und wurde Priester der Erzdiözese Washington. Als Theodore McCarrick im Jahr 2001 dort Erzbischof wurde, machte dieser Farrell zu seinem Generalvikar und Weihbischof. Zudem war Farrell für McCarrick der erzbischöfliche "Moderator der Kurie" – was in etwa der Rolle des Chief Operating Officers (COO) in einem Konzern entspricht. 

Mit anderen Worten: Farrell war McCarricks engster Mitarbeiter und Stellvertreter. Zudem lebten Farrell und McCarrick – von 2002 bis 2006 – vier Jahre lang zusammen in einem Apartment.

Während dieser vier Jahre, in denen McCarrick und Farrell zusammenlebten, zahlte die Erzdiözese Newark einem ehemaligen Priester 80.000 Dollar aus, der McCarrick beschuldigte, ihn sexuell missbraucht zu haben. Im gleichen Zeitraum erhielt die Diözese Metuchen mehrere Beschwerden wegen sexuellen Missbrauchs gegen McCarrick. Die meisten wurden der Polizei gemeldet und außergerichtlich gelöst. Im Jahr 2006 zahlte das Bistum einem ehemaligen Priester 100.000 Dollar – der ebenfalls nach eigenen Angaben von McCarrick sexuell missbraucht worden war.

Im gleichen Jahr – 2006 – zog McCarrick aus dem gemeinsamen Apartment aus und in das Priesterseminar seiner Erzdiözese ein.

Nachdem McCarrick in den Ruhestand ging, wurde Kardinal Donald Wuerl der neue Chef von Kevin Farrell. Dieser hatte im Jahr 2004 zum ersten Mal von Vorwürfen erfahren, dass McCarrick einen Priester sexuell missbraucht hatte. Es handelte sich just genau um den Priester, der von der Erzdiözese Newark 80.000 Dollar erhielt, während McCarrick und Farrell zusammenlebten.

Darüber gesprochen haben jedoch Wuerl und Farrell offenbar nicht in all den Monaten, bevor Farrell zum Bischof von Dallas ernannt wurde.

Im Jahr 2018 behauptete Farrell, dass er nie "irgendeinen Grund, Verdacht zu schöpfen" gehabt habe, dass gegen seinen Vorgesetzten und Mitbewohner massive Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in anderen Diözesen erhoben wurden. Und das, obwohl Farrell zu dieser Zeit auch für juristische Verfahren und Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. 

Farrell hat auch offensichtlich keine Einwände erhoben, dass McCarrick in sein eigenes Priesterseminar zog, Seminaristen als Fahrer und Sekretäre anheuerte – weil er ja, wie er erklärte, nichts über McCarricks Neigungen gewußt habe.

Diese Aussage im Jahr 2018 löste unter Journalisten mehr als Verwunderung aus. Zahlreiche Beobachter warfen Farrell vor, offensichtlich über die Neigungen und Aktivitäten des notorischen "Uncle Ted" gewußt haben zu müssen – und dies nun zu leugnen.

Journalisten, Priester und katholische Akademiker haben ausgesagt, Gerüchte über McCarrick gehört zu haben – während Farrell dessen Generalvikar, Weihbischof und Mitbewohner war.

Dennoch beteuerte Farrell, garnichts über die Neigungen und Taten McCarricks gewußt zu haben, und auch nicht über die zahlreichen Beschwerden und Gerichtsverfahren und Entschädigungszahlungen an seine Opfer während dieser Zeit.

Und nun ist Farrell von Papst Franziskus zum zweiten Mal befördert worden, seit der McCarrick-Skandal eine weltweite Kirchenkrise ausgelöst und befeuert hat.

Im Februar 2019 ernannte Franziskus Farrell zum Camerlengo. Und nun leitet dieser auch als Vorsitzender den wichtigen neuen Finanz-Ausschuss des Vatikans. 

Aber wie klug ist es, einen Mann in entscheidende Führungspositionen zu berufen, der nicht mitbekommt, dass er jahrelang mit einem notorischen Sexualverbrecher zusammengelebt und diesem als Stellvertreter im eigenen Erzbistum gedient hat – während mehrere Verfahren anhängig waren, und Zahlungen an mutmaßliche Opfer geleistet wurden?

Das ist nur eine der vielen Fragen, die sich angesichts der Karrierre Farrells unter Papst Franziskus viele Katholiken stellen – aber letztlich ist es eine Entscheidung, die der Papst persönlich fällt. Eine grundlegendere Frage ist, was im McCarrick-Report über die Personalie Farrell steht – oder stehen wird: Ein Bischof und heute Kardinal, der gleich mehrere Führungsrollen übernahm, obwohl seine Rechenschaft und Transparenz über die verbrecherischen Umtriebe seines Vorgesetzten doch offenbar besser hätte sein können.

Offenbar ist im McCarrick-Report nicht zu lesen, dass Farrell Vertuschung begangen hat, oder vorsätzlich geschwiegen hat. Das aber wiederum bedeutet, dass der Bericht entweder den Kardinal einfach beim Wort nimmt, und die Frage aber nicht klärt oder sogar ignoriert.

Natürlich kann auch sein, dass Farrell wirklich "keine Ahnung" hatte. Aber der Report soll ja eben die Frage klären, wer genau was über den Mann wusste, der niemals Priester, Bischof, Erzbischof oder Kardinal hätte werden dürfen. 

Wenn der Report nicht ernsthaft die Plausibilität von Farrells Dementis überprüft, dann werden ihm mit ziemlicher Sicherheit einige Katholiken vorwerfen, dass damit klerikalistische Vertuschung zementiert wird, statt diese aufzudecken. 

Wenn der Report dagegen die Frage prüft, aber keine Schlüsse darüber zieht, was Farrell wusste – oder nicht: Dann wird sich die Frage stellen, wieso Farrell befördert worden ist. Mehr noch: Kommentatoren werden fragen, ob der Heilige Stuhl das volle Ausmaß des Schadens, des Verlustes an Glaubwürdigkeit und Vertrauen wirklich begriffen hat, den der Skandal anrichtete. 

Der McCarrick-Report wird auch ein wichtiger Hinweis darauf sein, wie Papst Franziskus in dieser Krise agiert – und mit Personen aus seinem nächsten Umfeld umgeht, die mit dem Skandal in Verbindung stehen.

Sollte aber Farrell namentlich garnicht im McCarrick-Report vorkommen: Dann werden sich zumindest manche Kommentatoren fragen, ob der Bericht nur angefordert wurde, um die verärgerten Katholiken in den USA und anderswo zu beschwichtigen – und garnicht beabsichtigte, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie werden auch fragen: Meint es der Heilige Stuhl wirklich ernst, wenn er sagt, dass die Kultur des Missbrauchs und der Vertuschung nun bekämpft und dessen Unterstützer aus allen Positionen kirchlicher Verantwortung entfernt werden?

Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.   

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