Befindet sich die Kirche in Deutschland im Schisma? "Dubium" an Glaubenskongregation

Der Confessio-Altar im Petersdom über dem Petrusgrab am 21. März 2021
Foto: EWTN News

Drei Katholiken aus dem Bistum Essen haben sich mit einem formalen Dubium an die Glaubenskongregation in Rom gewandt. Darin soll die von einigen Bischöfen und Theologen bereits angedeutet Frage offen ausgesprochen werden, ob sich die Katholische Kirche in Deutschland bereits von der übrigen Weltkirche abgespalten hat. Die besorgten Initiatoren erhoffen sich davon zumindest "ein Signal". 

Ein Dubium (Latein: "Zweifel") ist eine an die Glaubenskongregation gerichtete Frage, die mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden kann. 

Ein bekanntes Beispiel ist die kürzlich dem Vatikan vorgelegte Frage "Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?", welche von der Glaubenskongregation mit "Nein" beantwortet wurde (CNA Deutsch hat berichtet).

"Aus meiner Sicht ist Spaltung bereits erfolgt"

Das neue Dubium, über das andere Medien berichtet haben, sei bereits bei der Glaubenskongregation in Rom eingegangen. Einer der drei Initiatoren, André Wichmann aus Bochum, erklärte am Donnerstag gegenüber CNA Deutsch, dass die "große Sorge um die Einheit" sie zu der Anfrage veranlasst habe, ob bereits ein Schisma vorliege. 

"Aus meiner Sicht ist die Spaltung bereits erfolgt", so Wichmanns Befürchtung gegenüber CNA Deutsch wörtlich. Es gebe in den deutschen Bistümern "sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit dem kirchlichen Lehramt". Besonders die wiederholten Forderungen nach der Weihe von Frauen (Frauenordination), die Segnung homosexuellerer Partnerschaften trotz des ausdrückliche Verbots der Glaubenskongregation sowie die Tatsache, dass Laien "weiterhin demonstrativ das Predigtverbot in der Eucharistiefeier missachten", habe sie zur Formulierung des Dubium bewegt. Wichmann sagt:

"Wir sind drei katholische Christen aus dem Bistum Essen. Wir haben uns viele Jahre auch in verschiedenen Diensten in das Gemeindeleben eingebracht. In einem langjährigen Prozess haben wir hier auch die zunehmende Polarisierung in den Ortsgemeinden erlebt. Es war nicht immer leicht sich zum Katechismus der katholischen Kirche zu bekennen. Es war auch nicht immer leicht für eine Liturgie, gefeiert nach den Büchern der Kirche, einzustehen."

In Gesprächen mit anderen Gläubigen habe man gemerkt, dass viele Menschen ihre Sorgen teilten, so Wichmann. Die Gruppe wisse, dass sie "keinen Rechtsanspruch auf eine Antwort" aus Rom habe, das Signal sei dennoch wichtig. "Die Hütte der Kirche nördlich der Alpen brennt", sagte der Initiator am Donnerstag im Gespräch mit CNA Deutsch.

Die Rolle des "Synodalen Wegs"

Mitverantwortlich für die große Verwirrung innerhalb der Katholischen Kirche sei auch der sogenannte "Synodale Weg". Erst diese Woche hatte der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper seine Sorge über diesen von der deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomittee der deutschen Katholiken (ZdK) angestoßenen Prozess ausgedrückt (CNA Deutsch hat berichtet). Der "Synodale Weg" leide an "inhaltlichen Geburstfehlern", so Kasper wörtlich.

Die kontroverse Debattenveranstaltung hat innerhalb der deutschen Diözesen für TurbulenzenKritik und schwere Bedenken gesorgt – vor allem auch theologische.  

André Wichmann unterstrich gegenüber CNA Deutsch die Aussagen des Kardinals und prophezeite, dass der "Synodale Weg" auch bei "reformorientierten Katholiken" für Frustration sorgen werde. Da dieser Prozess für die Bischöfe nach wie vor nicht rechtsbindend ist und die dort gefassten "Beschlüsse" somit keine Rechtswirkung haben, könnten die Erwartungen derer, die eine Veränderung der Kirchenlehre anstreben, nicht erfüllt werden.

Doch auch für lehramtstreue Katholiken berge der "Synodale Weg" die Gefahr einer tieferen "Polarisierung und Spaltung". Wichmann wörtlich:

"Die Katholische Kirche in Deutschland diskutiert hier losgelöst von der Weltkirche. Viele Themen müssen in der Weltkirche entschieden werden, auf Grundlage des Lehramts. Indem der 'Synodale Weg' Themen behandelt, die dem Lehramt widersprechen und einen Sonderweg beschreitet , werden auch Erwartungen von Katholiken, für die der Katechismus und das Lehramt ein Fundament bilden, zwangsläufig enttäuscht."

Aus Sicht der Verfasser des Dubiums könne "nur auf dem Fundament einer Klärung wieder zu einer Einheit in Glaube, Liebe und Hoffnung gefunden werden". "Wir hoffen daher sehr auf eine Antwort aus Rom", so Wichmann, "auch, um hier den Zweifel vieler Gläubigen zu nehmen und so Vertrauen zu fördern".

Nach Angaben von Kardinal Kurt Koch und anderen Prälaten ist Papst Franziskus persönlich in "dramatischer Sorge" um die Kirche in Deutschland.

Am 28. Mai hatte der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Papst Franziskus aufgefordert, angesichts der Protestaktionen und Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in deutschen Diözesen einzugreifen, wie CNA Deutsch berichtete.

Die Aufforderung des deutschen Kardinals erschien kurz vor Erzbischof Samuel Aquilas offenen Brief an die Bischöfe der Welt über die "unhaltbaren" Ansichten über die katholische Kirche, die von deutschen Bischöfen vorgebracht werden. 

Die Äußerungen des deutschen Kardinals folgten der Wortmeldung von Kardinal Vinko Puljić, dem Erzbischof von Sarajevo, über die "exotischen Ideen" des deutschen "Synodalen Wegs" sowie derer Kardinal Gualtiero Bassettis und der Kritik der amerikanischen Erzbischöfe Samuel Aquila von Denver und Salvatore Cordileone von San Francisco. Auch der australische Kardinal George Pell sowie der italienische Kardinal Camillo Ruini, der englische Bischof Philip Egan von Portsmouth und der spanische Bischof José Ignacio Munilla Aguirre von San Sebastián haben sich der wachsenden Zahl von Kirchenvertretern und prominenten Theologen angeschlossen, die sich besorgt über den "Synodalen Weg" und andere Vorgänge in Deutschlands Diözesen zu Wort gemeldet haben.

Das Dubium im Wortlaut

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut des an die Glaubenskongregation gerichteten Dubiums

D U B I U M

  • Wenn auf dem Synodalen Weges in Deutschland die Forderung nach der Priesterweihe für Frauen erhoben wird und die Diskussion darüber weitergeht, obwohl Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis von 1994 erklärt hat, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen zu Priestern zu weihen, diese Lehre mit der Offenbarung aufs Engste verbunden ist, zum Depositum fidei gehört und darum die endgültige Zustimmung der Gläubigen verlangt, weil die Lehre auf dem geschriebenen Wort gegründet ist und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt worden ist und vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar, definitiv und unveränderlich vorgetragen worden ist (vgl. Vatikanum II, Lumen gentium 25, 2);
  • auf dem Synodalen Weg in Deutschland des Weiteren die Veränderung und Anpassung der kirchlichen Sexualmoral vorangetrieben wird;
  • durch die Segnung homosexueller Paare gegen das ausdrückliche Verbot der Glaubenskongregation gehandelt und damit der Straftatbestand des can. 1371, 2° erfüllt worden ist;
  • wenn die auf dem Ökumenischen Kirchentag, der vom 13. bis 16. Mai 2021 in Frankfurt am Main stattgefunden hat, praktizierte Form der Interkommunion die Grenzen des can. 844 § 4 eindeutig überschritten hat und damit der Straftatbestand der verbotenen Gottesdienstgemeinschaft nach can. 1365 erfüllt worden ist;
  • Laien weiterhin demonstrativ das Predigtverbot in der Eucharistiefeier missachten, obwohl nach can. 767 § 1 die Homilie in der Eucharistiefeier den Priestern und Diakonen vorbehalten ist und nach einer authentischen Interpretation des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte vom 20.6.1987 (AAS 79 [1987] 1249) die Bischöfe von dieser Norm nicht dispensieren können, so dass kein Diözesanbischof einen Laien zur Homilie in der Eucharistiefeier beauftragen kann;

liegt dann ein Schisma im Sinne des can. 751 vor?

Bochum, 23.05.2021

Wird Rom antworten?

Nicht immer werden Dubia (Mehrzahl von Dubium) beantwortet. Wie CNA Deutsch berichtete, hatten sich im November 2016 vier Kardinäle "aus tiefer pastoraler Sorge" an Papst Franziskus gewandt und dabei um die Klärung von fünf Dubia am nachsynodalen Schreiben Amoris Laetitia gebeten. Zwei der vier Unterzeichner sind mittlerweile verstorben, eine Antwort aus dem Vatikan ist jedoch bis heute nicht erfolgt. 

Auch André Wichmann und seine Mitstreiter wissen, dass es keinen "Rechtsanspruch" auf eine Antwort gibt. Auf die Frage, wie sich die Gläubigen in der Zwischenzeit seiner Meinung nach verhalten sollen, antwortet er:

"Grundlage ist immer der respektvolle Umgang untereinander. Auch bei unterschiedlichen Meinungen. Zudem ist das Gebet zur Sühne und um die Einheit der Kirche sehr wertvoll. Bei Zweifeln sollte man das Gespräch mit dem Pfarrern, den Bischöfen und auch den Verantwortlichen in Rom suchen. Hier gibt es einige Möglichkeiten, auch Beschwerden, zum Beispiel über liturgische Missbräuche, im Geiste der Liebe vorzutragen."

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