Initiator des Dubiums: "Keine wirkliche Dialogbereitschaft von Bischof Bätzing"

Der Dom St. Georg in Limburg an der Lahn
Foto: Erich Siebert via Wikimedia (CC BY 3.0)

Anfang Juni haben sich drei Katholiken aus dem Bistum Essen mit einem formalen Dubium an die Glaubenskongregation in Rom gewandt. Wie CNA Deutsch berichtete, soll darin die Frage geklärt werden, ob sich die Katholische Kirche in Deutschland bereits von der übrigen Weltkirche abgespalten hat. 

Ein Dubium (Latein: "Zweifel") ist eine an die Glaubenskongregation gerichtete Frage, die mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden kann. 

Das Dubium der drei Initiatoren wurde zum Pfingstfest 2021 auf den Weg gebracht und soll Fragen rund um die Themen Priestertum, Sexualmoral, Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, verbotene Gottesdienstgemeinschaft durch unrechtmäßige Interkommunion und Laienpredigt in der Eucharistiefeier klären. Ziel ist die Klärung der Frage nach dem Vorliegen eines Schisma im Sinne des can. 751 CIC/1983 ("Schisma nennt man die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche").

Durch die Reaktionen in den Sozialen Medien wurde der Wunsch nach einer Beteiligung und stärkerer Vernetzung laut

Andre Wiechmann, Mitinitiator des Dubiums, hat nun in einem exklusiven Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur CNA Deutsch über den aktuellen Stand gesprochen und welche Perspektiven die Kirche in Deutschland gerade in Hinblick auf den umstrittenen "Synodalen Weg" hat.

CNA Deutsch dokumentiert das Interview in voller Länge:

Bei unserem letzten Gespräch im vergangenen Juni sagten Sie wörtlich: "Die Hütte der Kirche nördlich der Alpen brenntW. Hat sich an dieser Zustandsbeschreibung mittlerweile etwas geändert? Wurde der Brand gelöscht?

Die Hütte der Kirche nördlich der Alpen" brennt immer noch. Meine Zustandsbeschreibung aus dem vergangenen Juni beschreibt aus meiner Sicht die Situation der katholischen Kirche in Deutschland immer noch sehr treffend. Wir dürfen bei der Einordnung einen Aspekt nicht vergessen. Um hier im Bild zu bleiben:

Der Schwelbrand, die Erosion der katholischen Lehre in den Bistümern und Gemeinden, ist kein Phänomen der letzten Monate. Vielmehr sprechen wir über einen Jahrzehnte fortweilenden Prozess. Die in unserem Dubium formulierten Zweifel sind nur ein Resultat dieser Entwicklung.

Hat sich wirklich nichts geändert?

Seit Juni hat sich an dieser Situationsbeschreibung nichts geändert. Der "Synodale Weg" hat seinen Fokus noch nicht auf die notwendige Evangelisierung gesetzt, in den Gemeinden stehen Katechesen zum Wert der Sakramente oft nicht oben auf der Agenda und eine Polarisierung aufgrund von Bekenntnis zum Katechismus ist leider noch gängige Realität.

Ich persönlich habe diese Konflikte durch das Dubium in den letzten Monaten viel intensiver wahrgenommen. Viele Gläubige, Kleriker und Laien, haben in den letzten Monaten den Kontakt gesucht. Der persönliche Austausch hat mir noch mal die Augen für die Notwendigkeit der durch das Dubium begonnen Debatte geweitet.

Zudem gab es einen Brandbeschleuniger: Der seitens der deutschen Bischofskonferenz abgelehnte Versuch eines konstruktiven Dialogs rund um unsere Zweifel.

Ihrer Meinung nach ist die Abspaltung der Kirche in Deutschland vom Rest der Weltkirche bereits erfolgt, warum haben Sie dennoch diese offizielle Anfrage - das Dubium - an die Glaubenskongregation in Rom gestellt?

Sie sprechen hier einen wichtigen Aspekt an. Warum ein Dubium, wenn die Abspaltung vom Rest der Weltkirche meiner Meinung nach bereits erfolgt ist?

Uns geht es hier vor allem um eine Perspektive der Lösungen. Wie können wir in Deutschland neu für das Evangelium und die Freude am Glauben begeistern? Und das vor allem ohne Kompromisse in Bezug auf die Lehre eingehen zu müssen! Dazu bedarf es zunächst einer Standortbestimmung. Das Dubium kann ein solcher Fixpunkt sein, vorausgesetzt Rom antwortet auf die formulierten Zweifel.

Nach einer klaren Definition seitens Rom kann dann überlegt werden, wie die katholische Kirche in Deutschland einen Neuaufbruch in Einheit mit Rom wagen kann. Die aktuelle Unsicherheit vieler Gläubiger in Bezug auf die Einheit mit Rom führt zu den beschrieben Unsicherheiten und Verwirrungen der aktuellen Zeit. Und Verwirrung ist nie ein guter Ratgeber.

Nun sind schon einige Wochen vergangen, seit das Schreiben in Rom eingegangen sein muss. Ist bereits eine Reaktion erfolgt?

Nein, es gab bisher keine Antwort.

Haben Sie zumindest eine Eingangsbestätigung erhalten? 

Wir haben auch keine Eingangsbestätigung seitens der Glaubenskongregation erhalten. Das Dubium wurde über drei Wege an die Rom übermittelt: Per Post, vorab via E-Mail und über Information des apostolischen Nuntius. Zudem ist auch die deutsche Bischofskonferenz über das Dubium informiert worden und hat die Kenntnis auch schriftlich bestätigt.

Wie bewerten Sie denn das römische Schweigen?

Ich möchte und kann das auch nicht interpretieren und bewerten. Dazu kenne ich zu wenig der Gedanken, die Rom in Zusammenhang mit unserem Dubium und der Situation in Deutschland hat. Zudem haben wir auch ein Recht auf eine Antwort.

Ich versuche mich hier in die Perspektive des Heiligen Vaters und seiner Behören hineinzuversetzen. Kann die Situation in Deutschland "kleinteilig" bewertet werden? Ergibt es nicht Sinn, den Abschluss des "Synodalen Wegs" und die Reaktion der deutschen Bischöfe auf die "Beschlüsse" abzuwarten?

Hier stehen die deutschen Bischöfe aus meiner Sicht dann vor unlösbaren Situationen. Zumindest, wenn die Einheit mit Rom gewahrt bleiben soll.

Sie und Ihre Mitstreiter haben mitgeteilt, dass Sie sich nun an die Verantwortlichen vor Ort wenden wollen, nämlich an die Diözesanbischöfe. Wie gestaltet sich hier bislang der Austausch? 

Wir bitten aktuell alle Diözesanbischöfe schriftlich um einen konstruktiven Dialog.

Dabei ist uns wichtig die Sichtweise der Bischöfe in Bezug auf die in unserem Dubium formulierten Zweifel zu verstehen. Wichtig ist uns hier vor allem auch der Austausch konstruktiver Ansätze mit dem Ziel, neu für den katholischen Glauben und die katholische Lehre zu begeistern.

Hier gab es sogar schon im Vorfeld eine ermutigende Reaktion aus einen Bistum. Daher hoffe ich auf einen guten Austausch rund um das Dubium mit den deutschen Bischöfen.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hat wiederholt mehr "Dialogbereitschaft" und "Mitbestimmung von Laien" innerhalb der Kirche gefordert. Wie steht er zu Ihrem Anliegen?

Wir haben natürlich zuerst Bischof Bätzing in seiner Funktion als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz um einen Dialog gebeten. Die Reaktion war ernüchternd und zeigt keine wirkliche Dialogbereitschaft seitens Bischof Bätzing.

Aber zu den Fakten: Ich habe den Bischof zweimal angeschrieben. In beiden Fällen antworteten Mitarbeiter des Bischofs. Bischof Bätzing hat sich persönlich nicht geäußert.

Auch die erste Begründung der DBK erinnert mich eher an eine Bundespressekonferenz. Die deutsche Bischofskonferenz führt an, öffentlich gemachte Briefe etc. werden grundsätzlich nicht beantwortet.

Ich habe in meiner Antwort gebeten, das Anliegen nicht in eine politische Ecke zu drängen. "Den Bischöfen ist die Sorge für die ihnen anvertrauten Schafen auferlegt. Wir formulieren unsere Sorgen und Ängste und finden kein Gehör bei den Hirten?", schrieb ich Bischof Bätzing in einer zweiten Gesprächsanfrage. Auch hier folgte nur eine Antwort seiner Mitarbeiter:

"Wir befinden uns in Zeiten von Unsicherheit und Orientierungssuche. Um es mit den Worten von Papst Franziskus aus seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland vom Juni 2019 zusagen:

'Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist'.

Die Bischöfe haben die Hinweise von Papst Franziskus zur Synodalität, zum Primat der Evangelisierung und zum 'sensus ecclesiae' aufgegriffen. Mit Papst Franziskus können wir gelassen sein, solange sich alle vom Heiligen Geist leiten lassen."

Was halten Sie von dieser Antwort?

Dieses Statement der deutschen Bischofskonferenz ist aus meiner Sicht nicht haltbar und wird der vorgetragenen Zweifel nicht gerecht. Es bestreitet niemand, dass wir in einer Zeit der Orientierungssuche, der Zeitenwende und einer Zeit der Veränderungen leben. Doch kann die Antwort darauf nicht ein Paradigmenwechsel in der Glaubenslehre und der Anthropologie und der darauf stützenden Morallehre sein.

Sondern?

Evangelisierung im Sinne von Papst Franziskus und der Kirche heißt, Antworten auf die Herausforderungen aus dem Evangelium geben in Treue zur Tradition, zur Wesensnatur des Menschen und zum bisherigen kirchlichen Lehramt. Der Heilige Geist wirkt nicht in vom Zeitgeist diktierten synodalen, auf einen fragwürdigen Konsens angelegten Mehrheiten. Die in unserem Dubium formulierten Punkte sind darum keine angemessene Antwort auf die Fragen der Zeit und führen zur Spaltung der Kirche.

Diesen Gedanken habe ich auch an die Bischofskonferenz formuliert. Wir hoffen hier weiter auf eine Dialogbereitschaft. Hier kann Bischof Bätzing zeigen, wie ernst er den Dialog und die Mitbestimmung von Laien nimmt.

Welche Rolle spielt der sogenannte "Synodale Weg" bei der gegenwärtigen Lage der Katholischen Kirche in Deutschland? Kann er die Lösung für die Probleme sein oder ist er nur ein weiteres Symptom der Ursache für die Krise?

Jeder Dialog kann mit der richtigen Themen- und Zielsetzung wertvoll sein. Hier hilft uns Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland von Papst Franziskus weiter. Evangelisierung im Sinne von Papst Franziskus und der Kirche heißt, Antworten auf die Herausforderungen aus dem Evangelium geben in Treue zur Tradition, zur Wesensnatur des Menschen und zum bisherigen kirchlichen Lehramt. Unter diesem Gedanken kann der "Synodale Weg" fruchtbar sein.

Leider geht es um andere Themen wie Weiheämter für Frauen und eine Verwässerung der katholischen Morallehre. Hier geht es dann eben um Mehrheiten und fragwürde Konsense und eben nicht um Antworten in Treue zu Lehramt und Tradition.

Ein "Synodaler Weg" nach den Impulsen von Papst Franziskus könnte eine Lösung sein. Der aktuelle "Synodale Weg" der deutschen Bischöfe ist - wie Sie sagen - ein weiteres Symptom der Ursache für die Krise. Zudem birgt der aktuelle "Synodale Weg" die Gefahr einer zusätzlichen Polarisierung.

In Deutschland bleiben die Austrittszahlen auf einem erschreckend hohen Niveau, der "Synodale Weg" geht Ende September mit der zweiten Synodalversammlung in die nächste Runde und bald wird eine weltweite Synode über die Synodalität folgen. Zum Abschluss eine Prognose: Wie wird die Kirche in Deutschland in einem Jahr dastehen?

Das hängt wesentlich von der Positionierung Roms in der aktuellen deutschen Krise ab. Ich halte ja deshalb die Standortbestimmung zum Beispiel über das Dubium für sehr wichtig.

Wir brauchen einen klaren Blick, um den Fokus auf die wesentlichen Themen lenken zu können: Katechese und Begeisterung für Glauben und Lehre. Natürlich wird es auch weiterhin zu verschiedenen Meinungen kommen. Das ist auch wertvoll, solange wir dabei auf einem gemeinsamen Fundament stehen: Schrift, Lehramt und Tradition.

Es kann zu einer Spaltung kommen. Ich sehe diese Gefahr gerade in Bezug auf die zweite Synodalversammlung und deren "Beschlüsse". Es wird aber auch Katholiken geben, die weiter treu zu Lehramt und Tradition stehen und Menschen für die Freude am Glauben begeistern können, ohne Kompromisse einzugehen.

Und wie könnte man Ihrer Meinung nach das Ruder noch herumreißen?

Wir werden in einem Jahr immer noch eine ähnliche Situation vorfinden und es liegt an uns, das Evangelium ohne Kompromisse in unseren Rollen zu verkünden. Und so für den katholischen Glauben zu begeistern. Diese Strahlkraft kann eine große Chance für die Zukunft der Kirche sein. Mein Vorschlag:

  1. Wir stärken die Katechesen zu Sakramenten und Lehre. Hier können auch neue Medien eingebunden werden, um neue Zielgruppen zu erreichen. Es ist wichtig zu verstehen, was in der Heiligen Messe passiert! So erkennt man zum Beispiel schnell die Notwendigkeit einer Beichte nach schwerer Sünde vor dem Empfang der Kommunion. Wir müssen die Zusammenhänge neu verstehen lernen. So kann der Katechismus mit seinen Regeln befreiend werden.
  1. Wir zeigen als Katholiken mehr Freude! Diese Freude tragen wir in die Gemeinden. Das kann über eine Gemeindemission funktionieren. Wir feiern Liturgie als Glaubensbekenntnis nach den Büchern der Kirche. Wir teilen Glaubenszeugnisse und Erfahrungen, um für Christus zu begeistern.
  1. Wir zeigen auch den Nutzen des katholischen Glaubens in der Gesellschaft auf. Wir haben als Katholiken Lösungen für alle Situationen des Lebens: Durch Taufe und Eucharistie erfahren wir Erlösung und Gemeinschaft, durch die Beichte Vergebung von Schuld und durch Firmung und Krankensalbung Stärkung. Und wir können auch in Schuld, Leiden und Tod Liebe, Freude und Hoffnung erfahren. Das sind großartige Botschaften! 

Wenn wir uns auf diese Themen konzentrieren, ohne das katholische Fundament dabei zu verlassen, dann haben wir allen Grund zur Hoffnung.

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