Kein Weihnachten bitte, wir sind Europäer? Zum politischen Eklat und seinem Hintergrund

Papst Franziskus begrüßt Ursula von der Leyen am 22. Mai 2021.
Foto: Vatican Media
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Die Europäische Kommission hat gestern eine umstrittene Broschüre zurückgezogen, in der die EU-Kommissarin für Gleichstellung, Helena Dalli, ernsthaft empfiehlt, auf religiöse Begriffe wie "Weihnachten" und Namen wie "Maria" und "Josef" zu verzichten.

Es handelt sich um die offizielle "Leitlinie der Europäischen Kommission für inklusive Kommunikation".

Der Vorgang hat insbesondere in Italien und weiteren europäischen Ländern für Schlagzeilen gesorgt. In Deutschland, das mit sich selbst sehr beschäftigt ist, drang das Thema erst gestern öffentlich durch. Die Vertretung der Katholischen Kirche in der Europäischen Union (COMECE) in Brüssel begrüßte die Rücknahme.

EU-Kommissarin Helena Dalli versuchte am Dienstag bei Twitter verzweifelt, den Vorgang herunterzuspielen. Es seien Bedenken in Bezug auf einige Beispiele in den Leitlinien zur inklusiven Kommunikation geäußert worden, "die, wie bei solchen Leitlinien üblich, in Arbeit sind. Wir gehen diesen Bedenken nach, um sie in einer aktualisierten Version der Leitlinien auszuräumen", schrieb die offizielle "Equality"-Kommissarin. 

Vor gut einem Monat, am 26. Oktober, hatte Helena Dalli dagegen die Leitlinien noch "mit Stolz" offiziell vorgestellt. Von einer routinemäßigen Nacharbeit kann demnach keine Rede sein. 

Die Leitlinie der EU-Kommission ist bislang in einer reichlich bebilderten 32-seitigen Broschüre in englischer Sprache erschienen. Es geht um "Inklusion" in den Themengebieten Gender, LGBT, ethnischer Hintergrund, Kultur, Lebensstil und Glaube (!), Behinderung und Alter. 

Im Abschnitt über Lebensstil und Glaube heißt es: "Schlüsselnachrichten: Bei der Kommunikation kann es vorkommen, dass wir unbewusst auf erlernte Sprachformen zurückgreifen, die jeden, der von einem privilegierten Standard abweicht, als benachteiligt oder als etwas 'Anderes' darstellen. Anstatt zu schädlichen Stereotypen zurückzukehren, müssen wir uns bemühen, uns für eine umfassendere Haltung der Verbundenheit zu öffnen. Jegliche Sprache, die irgendeine Art von Intoleranz oder Urteil gegenüber einer religiösen Gruppe zum Ausdruck bringt, Stereotype schürt oder eine religiöse Gruppe aussondert, darf nicht reproduziert werden."

Das Anliegen ist auch aus christlicher Sicht berechtigt. Die Verdächtigung, wie Sprache diskriminierend wirkt, erscheint manchem übertrieben und die Befehlsform "darf nicht" klingt anmaßend. Das wird an dem umstrittenen Beispiel deutlich: Als Alternative für den Satz "Die Weihnachtszeit kann stressig sein", schlägt der Leitfaden vor: "Die Feiertage können stressig sein."

Eine solche Einschränkung erscheint an dieser Stelle nicht sachgerecht: Weihnachten ist ein europäisches Kulturgut, und würde verboten, dies zu erwähnen, würde dies eine praktische Entkernung oder Aushöhlung der europäischen Kultur bewirken, stellen Kritiker fest. 

"Nicht alle Personen feiern die christlichen Feiertage und nicht alle Christen feiern diese an denselben Daten", lautet die vermeintliche Begründung der "Equality"-Experten. Reicht diese Begründung aus, um Menschen von einer präzisen in eine allgemeine und nichts sagende Formulierung zu zwingen? Der Verdacht von Anmaßung oder Übergriffigkeit erscheint hier nicht unbegründet, stellen Beobachter fest.

Doch damit nicht genug: Auch "Maria und Josef" wollte die EU-Kommission vorsorglich aus dem Vokabular streichen. Christliche Vornamen sollten allgemeinen Vornamen weichen. "Wählen Sie auch keine Namen, die für eine Religion typisch sind." So lautet die Alternative für den Satz "Maria und Josef sind ein internationales Paar": "Malika und Julio sind ein internationales Paar". Wie eine solche Vorgabe praktisch umzusetzen ist, wird nicht weiter dargelegt. 

Aber auch in anderen Themenbereichen können dort verwendete Beispiele für korrekte Sprache als übertrieben empfindlich verstanden werden — und ausgerechnet Kritikern in die Hände spielen. 

In Italien hatte die Zeitung "Il Gionarle" über die umstrittene EU-Leitlinie berichtet und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dazu großformatig abgebildet. Dies griff die Vorsitzende der Partei "Fratelli d’Italia", Giorgia Meloni, auf und verbreitete deren Berichte über Twitter, wo sie über eine Anhängerschaft von einer Million Followern verfügt. Sie schrieb: "Jetzt reichts: Unsere Geschichte und unsere Identität zerstört man nicht."

Ähnlich reagierte Matteo Salvini, Parteichef der "Lega Nord", der über 1,4 Millionen Follower bei Twitter verfügt. 

In einer Pressemitteilung erklärte die katholische Vertretung in Brüssel, COMECE, sie könne sich nicht des Eindrucks erwehren, dass einige Passagen "von einer antireligiösen Voreingenommenheit geprägt sind". COMECE-Präsident  Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ erklärte: "Neutralität kann nicht bedeuten, dass Religion in den privaten Bereich verbannt wird. Weihnachten ist nicht nur Teil der europäischen religiösen Traditionen, sondern auch der europäischen Realität. Die Achtung der religiösen Vielfalt kann nicht zu der paradoxen Konsequenz führen, das religiöse Element aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen."  

Der Präsident der COMECE betonte außerdem, dass "die katholische Kirche in der EU zwar die Gleichstellung und die Bekämpfung von Diskriminierung voll und ganz unterstützt, es aber auch klar ist, dass diese beiden Ziele nicht zu Verzerrungen oder Selbstzensur führen dürfen. Die wertvolle Prämisse der Inklusion sollte nicht zum gegenteiligen Effekt der Ausgrenzung führen".  

Die COMECE brachte auch ihre "Besorgnis über den Schaden zum Ausdruck, den dieser Umstand für das Image der EU-Institutionen und die Unterstützung des europäischen Projekts in den Mitgliedstaaten" bedeutet haben könnte. 

Auch Vatikan-Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin warf der EU-Kommission vor, "alles zu vereinheitlichen und nicht einmal die berechtigten Unterschiede zu respektieren". Die Worte "Weihnachten" oder "Maria" zu meiden, sei nicht der richtige Weg, um Diskriminierung zu bekämpfen", erklärte er gegenüber Vatican News. Er sehe "die Tendenz, alles zu vereinheitlichen und nicht einmal die berechtigten Unterschiede zu respektieren". Auch bestehe die "große Gefahr", die Realität zu verdrängen. 

"Dann ist da noch die Abkehr von unseren Wurzeln, vor allem was die christlichen Feste betrifft, die christliche Dimension unseres Europas", betonte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. "Natürlich wissen wir, dass Europa seine Existenz und seine Identität vielen Beiträgen verdankt, aber wir dürfen nicht vergessen, dass einer der wichtigsten Beiträge, wenn nicht sogar der wichtigste, das Christentum selbst war. Daher bedeutet die Zerstörung des Unterschieds und der Wurzeln letztlich die Zerstörung der Person."

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