Kontroverse um "Katholischkreuz"-Kampagne des BDKJ

Auch aus den eigenen Reihen massive Bedenken und Vorwürfe – Was Kritiker und Verteidiger der umstrittenen Initiative sagen

Kruzifix
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"Hier gehts nicht um Geschmäcker, sondern um Häresie": Diesen Vorwurf hat ein Präses des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) gegen seinen eigenen Verband erhoben. Pfarrer Norbert Fink, BDKJ-Präses für die Stadt Neuss, hat mit seiner Kritik auf eine Kampagne des Kölner BDKJ-Diözesanverbandes reagiert.

Das Attribut "häretisch" weist der beschuldigte Verband entschieden zurück: "Der Häresievorwurf kommt leider sehr vorschnell, wenn man sich neuen Dingen nicht stellen möchte oder anderer Meinung ist", so Volker Andres, BDKJ-Diözesanvorsitzender im Erzbistum Köln auf Anfrage von CNA Deutsch.

"Auch Papst Franziskus wurde schon der Häresie bezichtigt, weil er Dinge angesprochen hat, die manchen Gläubigen nicht gefallen."

Auslöser der Kontroverse ist eine Kampagne namens "Katholischkreuz". Diese wurde auf der Diözesanversammlung des Kölner BDKJ Ende November vorgestellt und arbeitet mit provokativen Slogans wie: "Bei uns entscheidet die Demokratie und nicht der Papst". 

Damit will der Jugendverband in einer groß angelegten Kampagne anderen Jugendlichen die Kirche attraktiv machen, so die Verantwortlichen. Weitere Beispiele: "Ausschlafen ist meine Sonntagspflicht" oder "Und sie folgten einem leuchtenden Genderstar".

Einige, die an der Versammlung teilnahmen, behaupteten hinterher, sie seien von der Aktion regelrecht "überfahren" worden. Auch Norbert Fink berichtet: "Ich habe, wie so viele andere, erst durch die Flyer bei der Diözesanversammlung des BDKJ in Altenberg davon erfahren."

"Wir sind katholisch, weltoffen und frei", stellt der Kölner Verband sich auf seiner Homepage vor "wir sagen, was wir wollen, und gestalten mutig die Kirche von morgen. Wir nehmen uns die Freiheit zu denken und zu fordern, was wir aus unserem christlichen Glauben heraus für richtig halten."

Diese Freiheit beinhaltet der Kampagne zufolge offenbar auch eine Absage an die Hierarchie innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Der Diözesanvorsitzende Volker Anders relativiert den Spruch "Bei uns entscheidet die Demokratie und nicht der Papst" auf Rückfrage gegenüber CNA Deutsch jedoch:

"Wir sehen darin keinen Widerspruch zur hierarchischen Struktur der Kirche, da auch hier Ämter durch Wahl und auf Zeit besetzt werden können und teilweise bereits werden. Der Papst übernimmt die wichtige Funktion, die Einheit der Kirche zu wahren. Der jetzige Papst geht dabei einen Weg, der auf Synodalität, Subsidiarität und Eigenständigkeit der Ortskirchen und nicht auf autoritäre Macht setzt."

Pfarrer Norbert Fink sieht darin hingegen einen weiteren Versuch den Heiligen Vater für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Er sagt:

"Papst Franziskus wird gerne vom BDKJ zitiert, wenn es um soziale oder ökologische Themen geht, in denen man einer Meinung mit ihm ist. Doch sein Wort wird gemieden, wo er andere Positionen einnimmt, zum Beispiel in der Gender-Frage. Der BDKJ sagt sich nicht vom Papst los, da er ihn ab und zu auch mal braucht."

Besonders verheerend empfindet Fink den Spruch "Ausschlafen ist meine Sonntagspflicht", da er suggeriere, dass das Ausschlafen wichtiger sei als sonntags in die Kirche zu gehen und somit "das Schwänzen der Heiligen Messe quasi legitimiert". Dieser Aufruf verstoße gegen das Dritte Gebot, den Sonntag zu heiligen. Volker Andres dagegen behauptet, dass man mit dem Motiv keinesfalls die sonntägliche Eucharistie in Frage stellen möchte, da sie "ein fester Bestandteil unseres Glaubens" sei:

"Viele junge Menschen suchen sich aber bewusst Gottesdienste zu späteren Tageszeiten aus. Die Jugendmessen in unserem Erzbistum finden vor diesem Hintergrund in der Regel am Sonntagabend statt. Diese orientieren sich an der Lebenswirklichkeit der gläubigen jungen Menschen und lassen sie so Gemeinschaft erfahren."

Nachdem durch diese Relativierung der konstruierte Widerspruch zwischen "Ausschlafen" und "Sonntagspflicht" obsolet geworden ist, fügt der Diözesanvorstand des Kölner BDKJ hinzu:

"Wir ermutigen junge Menschen, an den Gottesdiensten, auch an der Eucharistie, teilzunehmen. Wir unterstützen sie in ihrem Anliegen, das sie mit vielen Erwachsenen teilen, dass die sonntäglichen Gottesdienste sie in ihrem Alltag abholen müssen und auch in ihre sonstige Wochenendgestaltung integrierbar sein müssen. Dafür braucht es vielfältige Formen und die Freiheit, Neues und Ungewöhnliches auszuprobieren."

Wenn BDKJ-Funktionär Volker Andres davon spricht, sein Verband setze sich "für die Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre" ein, dann bezieht er sich auch auf die Forderungen des kirchlichen Jugendverbandes zur Einführung der sakramentalen Weihe von Frauen zu Priestern sowie eine Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften - beides Positionen, die für viele Katholiken konträr zur kirchlichen Lehrmeinung stehen. Volker Andres bezeichnet denn auch eine Veränderung der Kirchendoktrin als einen Vorgang, der letzlich die "Lebenswirklichkeit der Menschen in der Theologie widerspiegeln" soll. Angesprochen auf die Diskrepanz zwischen dem kirchlichen Verständnis vom Sakrament der Ehe und den BDKJ- Forderungen lässt Andres schriftlich verlauten:

"Wir wollen damit nicht die Kirche kritisieren. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass es Menschen gibt, die sich nicht in das System der Zweigeschlechtlichkeit einordnen können und auch nicht wollen. Männer lieben Männer und Frauen lieben Frauen, oder beides, oder auch gar nicht. Als katholische Jugendverbandler*innen glauben wir: Jede*r ist ein Ebenbild Gottes und von Gott gewollt, ist einmalig und stellt eine Bereicherung zum Gesamtentwurf der Schöpfung dar."

Der BDKJ-Präses aus Neuss, Norbert Fink, entgegnet jedoch:

"Auch wenn ich den 'Geschlechtergerechtigkeitsgedanken' hinter dem Genderstern verstehen kann, widerspricht er meinem christlichen Menschenbild, wonach Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat und nicht zusätzlich in diversen Geschlechtern. Nicht umsonst hat selbst Papst Franziskus bereits mehrmals die Gender-Lehre als eine dämonische Ideologie bezeichnet, die die Grundfesten unserer Gesellschaft erschüttern will."

Der Pontifex selbst wird vom Kölner Diözesanvorsitzenden als Kronzeuge aufgerufen ("Wir fühlen uns aber von dem, was Papst Franziskus sagt, in unserem Tun bestärkt"), um den Vorwurf der Häresie (Abweichung von der offiziellen Kirchenmeinung) zu entkräftigen:

"Unserer Meinung ist der uns vorgebrachte Vorwurf genauso haltlos wie der Vorwurf gegenüber Papst Franziskus. Der Vorwurf der Häresie muss gut begründet sein und darf sich nicht nur auf Slogans beziehen, sondern muss sich zumindest mit den Inhalten auseinandersetzen. Wir laden dazu ein, hierzu eine inhaltliche Diskussion zu führen."

Inhaltlich wird im Netz bereits rege diskutiert, ob ein katholischer Jugendverband, der sich bereits in der Vergangenheit wiederholt mit Forderungen hervorgetan hat, die von der Lehre der Kirche abweichen, weiterhin finanziell und organisatorisch von der Katholischen Kirche unterstützt werden soll.

Die Finanzierung des Bundesverbandes wird nach eigenen Angaben "vom Verband der Diözesen Deutschlands (überwiegend Kirchensteuermittel)" getragen. Der restliche Teil setzt unter anderem aus den Mitgliedsbeiträgen und aus staatlichen Zuwendungen aus dem Kinder- und Jugendplan (KJP) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zusammen. Gerade die Finanzierung des BDKJ durch die Kirchensteuer sorgt bei vielen Gläubigen für Unmut.

Zumal der angestrebte Erfolg, Jugendliche für die Kirche zu begeistern, sehr überschaubar scheint, wie BDKJ-Präses Norbert Fink feststellt: "Was die Kampagne lediglich bewirkt ist, dass kirchenkritische und kirchenferne Menschen sich in ihrem Denken bestätigt fühlen, dass die Amtskirche altmodisch und weltfremd sei."

Der Kölner Diözesanverband, der die Debatte über die kirchliche Finanzierung des BDKJ erneut angefacht hat, bekräftigt gegenüber CNA Deutsch die Position der sogenannten "Weiterentwicklung" der Lehre:

"Wir setzen uns dafür ein, dass die Lehre der Kirche im genannten Sinn weiterentwickelt wird. Wir sehen uns damit aber nicht im Widerspruch zur Kirche, sondern unterstützen ausdrücklich die Bischöfe, die sich für eine solche Weiterentwicklung einsetzen."

Die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus sei zwar endgültig, so der Diözesanvorsitzende, was das aber für das heutige Leben als Christen bedeute, müsse "immer wieder neu ausgehandelt werden".

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