Papst Franziskus: Synodalität "bedeutet nicht die Suche nach Mehrheiten"

Papst Franziskus in der Audienzhalle des Vatikans am 12. Januar 2022
Foto: Vatican Media

Papst Franziskus hat am heutigen Donnerstag gesagt, dass die Synodalität keine "Suche nach einem Mehrheitskonsens" ist.

Es geht nicht um "Abstimmungen", wie sie etwa der vom Papst wiederholt kritisierte deutsche "Synodale Weg" betreibt, Kritikern zufolge im Stil eines "Kirchenparlaments" oder Parteitages.

Vielmehr ist – so Franziskus am 13. Januar wörtlich – Synodalität "ein anzunehmender Stil", in dem "der Heilige Geist der Hauptakteur ist, der sich vor allem im Wort Gottes ausdrückt, das gemeinsam gelesen, meditiert und geteilt wird".

Der Papst machte diese Aussage in einer Ansprache vor einer Delegation der Katholischen Aktion aus Frankreich im Vatikan, berichtet die "Catholic News Agency", die englischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch.  

"Die Kirche als Ganzes befindet sich auch in einem synodalen Prozess, und ich zähle auf Ihren Beitrag", sagte er. "In diesem Zusammenhang sollten wir nicht vergessen, dass Synodalität nicht einfache eine Debatte ist", mahnte der Papst. 

"Synodalität ist nicht einmal die Suche nach einem Mehrheitskonsens, das macht ein Parlament, wie es in der Politik der Fall ist. Es ist kein Plan, kein Programm, das umgesetzt werden muss", bekräftigte der Pontifex. "Nein. Es ist ein Stil, den man sich aneignen muss, dessen Hauptakteur der Heilige Geist ist, der sich vor allem im Wort Gottes ausdrückt, das man liest, über das man nachdenkt und das man gemeinsam teilt."

Papst Franziskus traf am 5. Januar eine Pilgergruppe aus Deutschland, die einen "Neuen Anfang" des deutschen Prozesses vorgeschlagen hat. Deren Manifest, das nun auch auch Papst Franziskus vorliegt, ist auf der Webseite der Initiative veröffentlicht worden.

In einem gestern veröffentlichten Interview mit der katholischen Zeitung "Die Tagespost" sagte einer der Organisatoren, Bernhard Meuser: "Wir konnten in Rom auch mit verschiedenen Kirchenführern sprechen, die wiederum mit dem Papst über die deutsche Situation gesprochen haben. Alle stimmten darin überein, dass Franziskus mit großer Skepsis auf die deutschen Sonderwege schaut, insbesondere wie man dort 'Synodalität' missversteht. Einen Bischof, der das Wort 'Synodaler Weg' gebrauchte, korrigierte Papst Franziskus: 'Sie meinen wohl den sogenannten Synodalen Weg...'", so Meuser.

In ihrem "Brief aus dem pilgernden Volkes Gottes an den Papst" – eine Anspielung auf den Brief des Pontifex an die deutschen Katholiken (hier der Wortlaut) – schreiben die Pilger wörtlich:

Lieber Papst Franziskus,  

wir sind Ihnen außerordentlich dankbar, dass Sie eine Weltsynode einberufen haben. Die Kirche ist so verletzt, und sie braucht echte, von allen Ortskirchen mitgetragene synodale Reformen, damit sie wieder zu einer glaubwürdigen Gestalt findet.

Gerade sehen wir mit jedoch Erschrecken, wie der Synodale Weg in Deutschland vollkommen aus dem Ruder läuft. Im Gezänk politisierender Gruppen scheint die Freude des Evangeliums verlorenzugehen. Wir verstehen uns als missionarische Jünger und sehnen uns nach der dynamischen, demütigen und dienenden Kirche von „Evangelii Gaudium“.

In neun Thesen haben wir ein Reform-Manifest verfasst und die Gläubigen eingeladen, dieses Manifest - und diesen Brief an Sie, Papst Franziskus - zu unterzeichnen. Wir möchten Sie bitten, Ihren ganzen Einfluss aufzubieten, um die Kirche vor den Händen derer zu bewahren, die glauben, sie könnten sie nach eigenem Geschmack neu definieren und in Wahrheit dem „Himmelreich Gewalt“ (Mt 11,2) antun.

Nach den jüngsten Eklats des umstrittenen deutschen Debattenmarathons – bis hin zu einem Affront der ZdK-Funktionärin und SPD-Politikerin Karin Kortmann gegen den Päpstlichen Nuntius hat sich Papst Franziskus tatsächlich "aus erster Hand" im Oktober noch einmal über die Lage in Deutschland informieren lassen.

Papst Franziskus bei der Begegnung mit Vertretern der Katholischen Aktion in Frankreich am 13. Januar 2021 im Vatikan. (Vatican Media)

Eine Synode über Synodalität

Die umstrittene deutsche Debattenveranstaltung ist bekanntlich nicht der einzige Prozess, der sich "synodal" nennt: Papst Franziskus hat selbst im vergangenen Oktober offiziell einen zweijährigen globalen Konsultationsprozess eingeleitet, der auf eine Synode über Synodalität im Jahr 2023 hinführen soll.

Mitglieder der französischen Katholischen Aktion nehmen vom 11. bis 16. Januar an einer Pilgerreise zum Vatikan teil, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen, begleitet von Erzbischof François Fonlupt von Avignon.

Zu den Gruppen der Katholischen Aktion in Frankreich gehören Einrichtungen wie die Action catholique des enfants für Kinder, die Action catholique ouvrière, die sich an Arbeiter wendet, und das Mouvement rural de jeunesse chrétienne für junge Menschen, die auf dem Land leben.

(Vatican Media)

ACI Stampa, der italienischsprachige Nachrichtenpartner von CNA Deutsch, berichtete, dass die Pilgerreise nicht nur eine Audienz beim Papst, sondern auch Treffen mit dem vatikanischen Staatssekretär Kardinal Pietro Parolin und Kardinal Mario Grech, dem Generalsekretär der Bischofssynode, sowie mit anderen hochrangigen Vertretern der Kurie umfasst.

Das Thema der Pilgerreise lautet "Apostel sein heute", so der Titel eines 48-seitigen Dokuments, in dem die Aktivitäten der Gruppen beschrieben werden.

In seiner Ansprache in der Klementinenhalle des Vatikans sprach Papst Franziskus über "unsere Berufung, heute wirksame Apostel zu sein".

Er stützte sich dabei auf die vom belgischen Kardinal Joseph Cardijn formulierte Methode "Sehen-Urteilen-Handeln", die Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Mater et Magistra von 1961 in die katholische Soziallehre aufgenommen hatte.

"Diese erste Etappe ist von grundlegender Bedeutung; sie besteht darin, innezuhalten und die Ereignisse zu beobachten, die unser Leben prägen, was unsere Geschichte, unsere familiären, kulturellen und christlichen Wurzeln ausmacht", sagte Papst Franziskus.

Der Pontifex fuhr fort: "Die zweite Etappe ist die des Urteils oder, man könnte sagen, der Unterscheidung. Es ist der Moment, in dem wir uns in Frage stellen und herausfordern lassen. Der Schlüssel zu dieser Phase ist der Bezug auf die Heilige Schrift".

Er forderte die Katholiken auf, "dem Wort Gottes im Leben eurer Gruppen immer einen wichtigen Platz einzuräumen", während sie "dem Gebet, der Innerlichkeit und der Anbetung Raum geben".

In der dritten Phase, dem Handeln, gehe es um "die Initiative Gottes", so der Papst.

"Unsere Aufgabe ist es also, das Handeln Gottes in unseren Herzen zu unterstützen und zu fördern, indem wir uns an die sich ständig verändernde Realität anpassen", sagte er.

Der Pontifex stellte fest, dass Europa in den letzten Jahren bedeutende kulturelle Veränderungen erlebt hat.

"Die Menschen, die Sie mit Ihren Bewegungen erreichen - ich denke dabei insbesondere an die jungen Menschen - sind nicht mehr dieselben wie noch vor einigen Jahren", sagte er.

"Heute sind die Menschen, die zu den christlichen Bewegungen gehen, vor allem in Europa, skeptischer gegenüber Institutionen, sie suchen weniger anspruchsvolle und kurzlebigere Beziehungen. Sie sind sensibler für Gefühle und daher verletzlicher, zerbrechlicher als frühere Generationen, weniger im Glauben verwurzelt, aber dennoch auf der Suche nach Sinn und Wahrheit und nicht weniger großzügig".

Franziskus wurde dabei sehr deutlich: "Eure Aufgabe als Katholische Aktion ist es, sie so zu erreichen, wie sie sind, sie in der Liebe zu Christus und zum Nächsten wachsen zu lassen und sie zu einem größeren konkreten Engagement zu führen, damit sie Protagonisten ihres Lebens und des Lebens der Kirche werden, damit sich die Welt verändert."

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