Vatikan: Papst Franziskus informiert sich über Lage der Kirche in Deutschland

Papst Franziskus bei der Generalaudienz am 11. November 2015
Foto: CNA/Daniel Ibanez

Nach den jüngsten Eklats beim umstrittenen "Synodalen Weg" in Deutschland hat sich Papst Franziskus nach Angaben der Vatican News "aus erster Hand" über die Lage in Deutschland informieren lassen: Am gestrigen Montag empfing Papst Franziskus in getrennten Audienzen seinen Botschafter in Deutschland, den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic – und Bischof Heiner Wilmer von Hildesheim.

"Über den Inhalt der beiden Gespräche teilte der Vatikan, wie üblich, nichts mit", so Vatican News weiter.

Die Apostolische Nuntiatur in Berlin hat vor wenigen Tagen auf Vorwürfe der scheidenden Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Karin Kortmann, gegen den Botschafter von Papst Franziskus in Deutschland reagiert. Kortmann hatte dem Nuntius vorgeworfen, sich nicht am "dialogischen Prinzip" des deutschen "Synodalen Weges" zu beteiligen.

Auch dem Vatikan warf die ZdK-Funktionärin und SPD-Politikerin öffentlich vor, dass es immer noch "kein Gesprächsangebot" gebe.

"Mit brennender Sorge"

Im "Domradio"-Interview sagte Kortmann wörtlich, dass sie hoffe, "dass Papst Franziskus verstanden hat, dass es nicht nur um nette Treffen geht, sondern dass hier mit brennender Sorge darauf geschaut wird, dass die Kirche so in eine Sackgasse läuft, in der sie auch keine gesellschaftspolitische Bedeutung mehr hat und die Gläubigen sich verschnupft und auch enttäuscht von diesem Machtapparat abwenden, der doch so viel Gestaltungsmöglichkeiten hätte und den wir so dringend sowohl in der Kirche, wie aber auch in der Gesellschaft benötigen."

Die Formulierung Kortmanns "mit brennender Sorge" erinnerte viele Katholiken an die berühmte, gleichnamige Enzyklika von Papst Pius XI., die am 14. März 1937 unterzeichnet wurde und in der der damalige Pontifex vor den Gefahren des Nationalsozialismus warnte.

Was Kortmann nicht erwähnte: Bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz Ende September 2019, also kurz vor Beginn des "Synodalen Weges", hatte der ebenfalls anwesende Nuntius Nikola Eterovic die Bischöfe an diese Enzyklika erinnert (CNA Deutsch hat berichtet).

Eterovic zog eine Parallele zum Schreiben von Papst Franziskus "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland". "Es ist tatsächlich das erste Mal nach der Enzyklika Pius‘ XI. Mit brennender Sorge, dass der Papst den Gliedern der katholischen Kirche in Deutschland ein eigenes Schreiben widmet", so der Nuntius.

"Die Enzyklika vom 14. März 1937 prangert die unzulässigen Eingriffe des nationalsozialistischen Regimes in die Angelegenheiten der Katholischen Kirche an, während das aktuelle Schreiben innerkirchliche Themen aufgreift."

"Aus den Worten des obersten Pontifex folgt klar und deutlich, dass die Finalität des Synodalen Weges die Evangelisierung sein muss", so Eterovic in seinem Grußwort weiter. Für die Wirksamkeit der Evangelisierung sei die Einheit zwischen Universalkirche und Teilkirchen wesentlich.

"Ein dialogisches Prinzip ist tatsächlich etwas anderes"

Auf Nachfrage des "Internetportal[s] der katholischen Kirche in Deutschland", "katholisch.de", wies die Nuntiatur die Vorwürfe der noch amtierenden ZdK-Vizepräsidentin klar zurück. Nuntius Nikola Eterovic habe "die Möglichkeiten zum Gespräch genutzt und seine Bereitschaft zum Dialog ist unbestreitbar", zitierte das Portal die Mitteilung aus Berlin.

Zur Synodalität gehöre "auch das aufmerksame und achtsame Zuhören", heißt es in der Antwort weiter. Dies habe auch Papst Franziskus immer wieder betont. Zu Karin Kortmanns Äußerungen ließ die Vertretung des Papstes verlauten:

"Wer Dialog als Verantwortliche für den Synodalen Weg einfordert, sollte auch für deren Möglichkeit sorgen."

Eterovic sei nämlich – übrigens durch den Beschluss der Verantwortlichen des "Synodalen Weges – lediglich Beobachter und habe damit in der Synodalversammlung weder Sitz noch Stimme, unterstrich die Nuntiatur. Und wörtlich teilte die Vertretung von Papst Franziskus weiter mit: "Ein dialogisches Prinzip ist also tatsächlich etwas anderes."

Die Sorge um die umstrittene Debattenveranstaltung von ZdK und Bischofskonferenz wächst auch in Deutschland. Die Initiative "Pontifex" sowie die Bischöfe von Regensburg und Augsburg übten deutliche Kritik am "Synodalen Weg" und der jüngsten Versammlung in Frankfurt. Dort war unter anderem beschlossen worden, sich der Frage zu widmen, ob die Kirche überhaupt Priester brauche.

Bereits vor den jüngsten Eklats in Frankfurt häuften sich Befürchtungen aus dem In- und Ausland, die Kirche in Deutschland könne durch den "Synodalen Weg" in eine Art "Nationalkirche" abdriften und sich mit einer Art "Reformation 2.0" durch ein neues Schisma von der Weltkirche abspalten.

Wie CNA Deutsch berichtete, ist auch Papst Franziskus schon länger "in dramatischer Sorge", so Bischof Heinz Josef Algermissen, um die Kirche in Deutschland. Wie dramatisch — oder gar brennend — diese Sorge ist: Das zeigen auch mehrere Interventionen aus dem Vatikan seit der Eröffnung der Veranstaltung, ebenso wie das Manifest für einen "Neuen Anfang", hinter dem prominente Köpfe und Theologen des deutschsprachigen Katholizismus stecken.

Warnung vor Häresie und Verweltlichung

Die Sorge des Papstes um die Lage der Kirche in Deutschland ist nicht neu. Franziskus hatte bereits 2015 sehr deutliche Kritik mit einer Reihe von Aufforderungen an die deutschen Bischöfe verknüpft: Sie sollten die Neu-Evangelisierung konkret und nachhaltig anpacken, die Sakramente der Beichte und Eucharistie fördern, die Rolle der Priester stärken, akademische Theologie auf den Boden des Glaubens stellen, und ungeborenes Leben sowie Alte und Kranke schützen.

Diese Anliegen griff der Papst knapp vier Jahre später in seinem Brief an die deutschen Katholiken auf.

"Dies verlangt vom ganzen Volk Gottes und besonders von ihren Hirten eine Haltung der Wachsamkeit und der Bekehrung, die es ermöglicht, das Leben und die Wirksamkeit dieser Wirklichkeiten zu erhalten. Die Wachsamkeit und die Bekehrung sind Gaben, die nur der Herr uns schenken kann. Uns muss es genügen, durch Gebet und Fasten um seine Gnade zu bitten."

Wer stattdessen meine, "die beste Antwort bestehe in einem Reorganisieren der Dinge", so Papst Franziskus, der falle auf eine Versuchung herein: Die Häresie des "Pelagianismus".

Diese Häresie habe katastrophale Folgen, warnte der Papst weiter, denn blindes "Reformieren" wird "das Herz unseres Volkes einschläfern und zähmen und die lebendige Kraft des Evangeliums, die der Geist schenken möchte, verringern oder gar zum Schweigen bringen: «Das aber wäre die größte Sünde der Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung gegen das Evangelium»".

Sein Nuntius wies bereits damals die Bischöfe darauf hin, dass dieses Papstschreiben eine Intervention von historischer Bedeutung war.

Wie CNA Deutsch berichtete, hat eine Gruppe von Katholiken aus dem Bistum Essen eine offizielle Anfrage – ein sogenanntes Dubium – an die Glaubenskongregation in Rom gestellt, ob sich die Kirche in Deutschland nicht schon im Schisma befindet. Wie einer der Initiatoren Anfang September mitteilte, steht eine Antwort noch aus. 

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