"Meine Kirche ist mir nicht Wurst!"

"Die Betreuungskirche ist zu Ende": Ein Interview über echte Reform in der Kirche, den umstrittenen "Synodalen Weg", Zynismus und Mission mit Bernhard Meuser

Bernhard Meuser
Foto: Paul Badde / EWTN.TV

Mit Verwirrungen und heftigen Reaktionen zur Fragestellung, ob die Kirche überhaupt Priester braucht, ist am vergangenen Wochenende der umstrittene "Synodale Weg" der Bischofskonferenz und des ZdK in Frankfurt in eine weitere Runde gegangen. In einem neuen Manifest rufen Teilnehmer des Prozesses wie prominente Theologen und Gläubige zu einer Reform auf, die sich kritisch mit der Debattenveranstaltung auseinandersetzt, wie CNA Deutsch berichtete. Einer der Unterstützer ist der Publizist und Autor Bernhard Meuser.

Herr Meuser, Sie haben sich bereits mit "Mission Manifest" für eine Erneuerung der Kirche eingesetzt, nun unterstützen Sie ein weiteres Manifest zur Reform der Kirche. Wieviele Manifeste brauchen wir? 

Wir brauchen Erneuerung. Wissen Sie, meine Kirche ist mir nicht Wurst. Und zwar deshalb, weil sie nicht meine Kirche ist. Sie ist auch die Kirche meines Vaters und meiner Mutter, meiner Vorfahren und meiner Familie seit mehreren hundert Jahren; sie ist auch die Kirche meiner Lehrer und meiner Freunde. Und sie ist die Kirche meiner Kinder und meiner Enkel. Vor allem ist es „seine“ Kirche - die Kirche Jesu, so wenig man es ihr noch ansehen mag. Es ist die Kirche der Märtyrer, die in den Arenen Roms ihr Leben für ihren Herrn gaben; es ist die Kirche des hl. Augustinus, der die Menschen der Antike in die Gegenwart eines persönlichen, „mich“ meinenden Gottes emporhob; es ist die Kirche des hl. Benedikt, der sie durch die Verwüstungen der Völkerwanderungszeit brachte; es ist die Kirche des kleinen Armen Franziskus und der Analphabetin Katherina von Siena, die sie dem Zynismus der Renaissancepäpsten entrissen. Und so könnte ich noch lange weitermachen.

Mit Verlaub: Das ist ein Blick in die Vergangenheit. Was ist mit der Krise der Gegenwart?

Es geht mir nicht um gestern; es geht mir um das Heute der Kirche. Heute müssen Menschen aufstehen, um die eine, heilige, alle umfassende und apostolische Kirche vor denen zu schützen, die sie hochmütig an sich reißen, um sie massenkompatibel zu machen. Es sind Menschen, die einmal mehr wissen, was die Kirche zu sein hat, wie sie funktioniert und wie man sie so frisiert, dass sie einigermaßen tolerabel daherkommt.

Sie sprechen an, was Papst Franziskus den deutschen Bischöfen 2015 ans Herz legte und wovor er dann 2019 mit Blick auf den "Synodalen Weg" noch einmal wörtlich gewarnt hat — "dass nämlich eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich darin bestehe zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen"?

Natürlich! Die Dinge liegen offen zu Tage. Man kann sich die Synodalsitzungen im Internet anschauen; man kann die Debatten verfolgen, kann die Papiere lesen. Ich möchte niemand in seinem Urteil bedrängen. Aber mein Urteil steht fest. Das ist nicht Evangelium. Das ist, wovor Paulus in Milet (Apg 20) die Hirten der Kirche warnte: „Gebt acht auf euch und auf die ganze Herde, ... reißende Wölfe (werden) bei euch eindringen und die Herde nicht schonen. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen.“

Nun ist der "Synodale Prozess" innerkirchlich ein Aufreger und weltweit in Kritik geraten. Aber einer Umfrage zufolge ist diese umstrittene Debattenveranstaltung der Mehrheit der einfachen Gläubigen herzlich egal  — auch und gerade in Deutschland.

Ich bin sicher, die Kirche selbst ist auch in Deutschland vielen nicht Wurst. Darum bitte ich herzlich, nachzudenken, das Reform-Manifest selbst zu prüfen und hoffentlich zu unterzeichnen.

Ein Kritiker können Ihnen vorwerfen, nur noch mehr Aktionismus beizutragen, Herr Meuser. Petitionen, Manifeste und Protest-Aktionen gibt es doch seit Amoris Laetitia mehr als genug, oder?

Es geht nicht einfach darum, jetzt möglichst laut an die Pforten des päpstlichen Hauses zu rütteln und sich in Protestaktionen mit dem Aktivismus von Maria 2.0 zu messen. Es geht darum, dass wir uns -  jeder für sich - bekehren, dass wir uns abwenden von der „nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise“ (1 Petr 1,17), dass wir gemeinsam nach dem „neuen Leben“ (Kol 2,12) suchen, das wir in der Taufe empfangen haben. In Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Glaubens ist dieser Generation aufgetragen, an der Kirche der Zukunft bauen. Uns werden bedeutende Veränderungen bevorstehen. Die „Betreuungskirche“ – die Kirche, in der ein paar Profis das Publikum bespielten - ist zu Ende.

Aber Orientierung brauchen Christen auch heute, oder? Wer oder was leistet das konkret Ihrer Meinung nach? 

Woran wir uns orientieren können, das steht in Evangelii Gaudium. In diesem Dokument findet sich eine einzigartige Aufwertung des Laien, die es keinem gläubigen Christen mehr erlaubt, sich bloß bedienen zu lassen. Christsein heißt, ein „missionarischer Jünger“ werden. Was das bedeutet kann man heute schon erkennen, etwa bei Alpha (gemeint sind "Alpha-Kurse", Anm.d.R.). Die Wohnzimmer werden wichtiger werden als das Pfarrheim, die Gastfreundschaft wichtiger als das Pfarrprogramm. Die Heilige Schrift wird wieder zu entdecken sein – und dieses vergessene, verachtete Buch namens „Katechismus“. Da finden sich in nüchterner Konzentration alle notwendigen Puzzleteile des Glaubens, ohne die sich kein Bild ergibt. Das wussten alle Päpste bis heute – übrigens auch Papst Franziskus. Der Katechismus der Kirche ist das Schatzhaus ihrer unvergänglichen Erinnerungen. Vor Jahren sagte mir ein Kardinal in Rom: „Warten Sie ab, die Stunde des Katechismus` kommt noch!“

...das sagt der Mann, der hinter dem "YouCat" steht.

Ich meine den Katechismus der Katholischen Kirche. Wie oft habe ich mir bei der Betrachtung der synodalen Debatten und Papiere gedacht: Hätten sie doch wenigstens einmal den Katechismus gelesen, die hochmütigen Intellektuellen, die sich immer schon darüber erhaben fühlten und ihre dürftigen Parteigänger vom BdkJ oder anderen Verbänden, die ohne die geringste Sachkenntnis über die komplexesten theologischen Zusammenhänge daherreden. Sie sprechen über „Eucharistie“, „Priester“, „Papst“, „Kirche“, oder sie schmücken sich mit „Maria“ – und man merkt, ihnen fehlen auch nur die elementarste Vorstellung, wovon sie sprechen. Blinde unter sich?  Es ist ja keine Synode, obwohl sie sich mit diesem falschen Adelstitel schmückt, allenfalls eine Synode der Nichtkatechetisierten. Das Wortungetüm passt zum Ungetüm des Synodalen Weges. 

Bitte aufhören! Bitte neu anfangen! Und ganz anders.

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