Aufarbeitung der Vertuschung von Missbrauch: Betroffenenvertreter fordert Konsequenzen

Peter Bringmann-Henselder im Gespräch mit EWTN.TV
Foto: EWTN.TV

Nach der Ankündigung des Erzbistums München und Freising am Dienstag, dass Kardinal Reinhard Marx auf das Bundesverdienstkreuz verzichtet (CNA Deutsch hat berichtet), hat ein Betroffener von sexuellem Missbrauch und Bundesverdienstkreuzträger seine Kritik am Erzbischof von München und Freising erneuert. Gleichzeitig würdigte Peter Bringmann-Henselder Ansätze der Aufarbeitung in der Kirche, die in der Politik noch nicht geleistet würden und fordert dabei: Es muss Konsequenzen geben.

Eine neue Recherche von "Christ & Welt" erhebt ebenfalls schwere Vorwürfe gegen Marx: Dieser habe als Bischof von Trier 2006 seine Pflichten verletzt und riskiert, "einen möglichen Missbrauchstäter wieder als Seelsorger zu Kindern und Jugendlichen zu schicken". 

Wie CNA Deutsch berichtete, hatten Betroffene von Missbrauch die Ankündigung von scharf kritisiert, dass Kardinal Marx von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte. Das Amt des Bundespräsidenten hatte die Entscheidung, an der Steinmeier trotz Kritik festhalten wollte, damit begründet, dass sich der Erzbischof in seinem Amt als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz (2014-2020) mit seinem Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität um die Gesellschaft verdient gemacht habe.

Betroffene reagierten darauf mit Unverständnis und massiver Kritik. Eine solche Ehrung würde "alles in Frage [stellen], wofür wir kämpfen und arbeiten", hieß es in dem Schreiben, das Peter Bringmann-Henselder für den Kölner Betroffenenbeirat unterzeichnete und nach seinen Angaben von den übrigen Mitgliedern abgezeichnet wurde.

Der Trierer Betroffenenverband "MissBiT e.V." erklärte im Vorfeld in einer Stellungnahme, dass eine Auszeichnung von Kardinal Marx "problematisch" sei. Einige Betroffene hätten in dessen Amtszeit als Bischof von Trier negative Erfahrungen gemacht. Konkret werfen sie Marx "Gesprächsverweigerung, Verharmlosung, Einschüchterung" vor. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme, die CNA Deutsch vorliegt:

"Die Aufarbeitung, die immer wieder auf die lange Bank geschoben wird – in München und in Trier sind die Betroffenenbeiräte erst in der Konstituierungsphase, die Aufarbeitungskommissionen haben sich immer noch nicht gebildet – würde die Pflichtverletzungen beweisen. Dass Marx gelegentlich Fehler einräumt, ist eine unerträgliche Form der Verharmlosung der Gewalt."

"Kein Kontakt von Bundespräsident oder Kardinal"

Nach dem Verzicht des Münchener Erzbischofs hat Peter Bringmann-Henselder am gestrigen Mittwoch in Köln erneut die Frage eines Verdachts der Vertuschung aufgeworfen. Im vom katholischen Fernsehsender EWTN.TV aufgezeichneten Interview (hier zum Video) bezeichnete Bringmann-Henselder die gestern vom Erzbistum München-Freising veröffentlichte Erklärung als "Entschuldigung von Kardinal Marx", die er persönlich für "nicht glaubwürdig" halte.

"Kardinal Marx ist mitverantwortlich für die Vertuschung im Rahmen der Katholischen Kirche", so Bringmann-Henselder. Marx habe bereits in seiner Zeit als Bischof von Trier über Missbrauchstaten Bescheid gewusst. Bringmann-Henselder, der als Betroffener für seinen Einsatz bei der Aufklärung von Missbrauchsverbrechen im Jahr 2021 vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, sagte gegenüber EWTN.TV wörtlich: 

"Spätestens da hätte er schon anfangen müssen so zu reagieren wie wir das hier bei Kardinal [Rainer Maria] Woelki erlebt haben. Hat er aber nicht. Es wurde weiter vertuscht. Und deshalb habe ich gesagt: Wenn er ausgezeichnet wird, ist meine Arbeit, wofür ich das Bundesverdienstkreuz bekommen habe, nichts mehr wert."

Allerdings habe weder das Bundespräsidialamt, noch der Bundespräsident oder Kardinal Marx auf die Kritik des Betroffenenbeirats an der geplanten Auszeichnung reagiert. "Keiner von denen hat sich die Mühe gemacht überhaupt mal mit mir zu reden", so Bringmann-Henselder, "man hätte einiges im Vorfeld erledigen können." 

"Konsequenzen ziehen"

Angesprochen auf ein Zitat aus der Pressemeldung des Erzbistums München und Freising, wonach Kardinal Marx die Auszeichnung auch zum "Anlass zur selbstkritischen Betrachtung seines Wirkens und der Arbeit der Katholischen Kirche insgesamt" nehme, antwortete Peter Bringmann-Henselder:

"Die selbstkritische Betrachtung hätte er schon in Trier anfangen müssen, als die Missbrauchsfälle gemeldet worden sind. Wenn er das jetzt erst annimmt, dann muss ich sagen, hat er die ganze Zeit einiges verschlafen, als er dort im aktiven Dienst gewesen ist."

Im Offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte der Kölner Betroffenenbeirat bereits kritisiert, Kardinal Marx habe ein Gutachten "hinsichtlich der Fälle sexualisierter Gewalt im Erzbistum Freising-München, welches im Jahr 2010 veröffentlicht werden sollte, nach dem  Vorzeigen sang- und klanglos im Tresor verschwinden lassen". Der Inhalt dieses Gutachtens sei "bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich, ganz im Gegensatz zu dem Gutachten des Erzbistums Köln", so der Brief weiter.

Bringmann-Henselder erneuerte am Mittwoch gegenüber EWTN.TV diesen Vorwurf. Das alte Gutachten, welches wie auch das erste, nicht zur Veröffentlichung freigegebene Gutachten des Erzbistums Köln von der Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) erstellt wurde, sei "im Panzerschrank verschwunden", sagte er.

Für diesen Sommer plant das Erzbistum München-Freising jedoch nach eigenen Angaben eine neue Studie zu veröffentlichen, die die Fälle sexueller Gewalt zwischen 1945 und 2019 dokumentieren soll. Diese zweite Studie ist offenbar derzeit in Arbeit.

"Ich bin nur gespannt, wie im Sommer das neue Gutachten aussehen wird", so Bringmann-Henselder. Er persönlich sei zwar "kein Freund von Erzbischof Heße aus Hamburg", aber dieser habe "die Konsequenzen gezogen und seine Arbeit dem Vatikan übergeben", damit dort entschieden wird, ob er "weitermachen darf".

Wie CNA Deutsch berichtete, lässt Erzbischof Stefan Heße sein Amt vorerst ruhen, bis die gegen ihn im Kölner Gutachten erhobenen Vorwürfe geklärt sind.

"Die Politik schafft es auch nicht"

"Ich würde mir wünschen, dass die Bischöfe - egal, wer es ist - endlich zu dem stehen, was passiert ist", so Bringmann-Henselder. Um die Glaubwürdigkeit bei den Gläubigen wiederherzustellen, sollten die Amtsträger transparent darlegen, wie sie in der Vergangenheit gehandelt haben.

Von der Politik erwartet das Mitglied des Kölner Betroffenenbeirats, "dass die auch mal zu Potte kommen". Der Vorsitzende des Eckigen Tisch, Matthias Katsch habe vor Kurzem gesagt: "Die Kirche schafft es nicht", erinnerte sich Bringmann-Henselder. "Die Politik schafft es auch nicht", so der Betroffene weiter. Während die Kirche zumindest Anerkennungszahlungen leiste, habe die Politik "immer noch nichts Gescheites auf den Weg gebracht".

In der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" vom 28. April berichteten gestern Raoul Löbbert und Katja Bernardy, eine "wochenlange Recherche" habe ergeben: "Legt man die neuen Maßstäbe des Kölner Gutachtens an, könnte Marx als Bischof von Trier 2006 in mehrfacher Hinsicht seine Pflichten verletzt haben".

Kardinal Rainer Maria Woelki habe mit dem "Gercke-Bericht" Maßstäbe gesetzt und auch bestanden, die Marx im Fall von "Pfarrer M." nicht eingehalten habe. Gegenüber der Beilage erklärte der Kardinal in einer Stellungnahme: "Aus heutiger Sicht hätte ich veranlassen müssen, dass wir – auch um zu prüfen, ob der Vorwurf auch kirchenrechtlich verjährt ist – als Bistum die Akte der Staatsanwaltschaft anfordern und die Vorwürfe in einer eigenen kirchenrechtlichen Voruntersuchung verfolgen". Marx räumt erneut ein: Dass dies unterblieben sei, sei falsch gewesen. "Mein Verhalten damals bedauere ich sehr."

Inzwischen ist jedoch auch Kardinal Woelki durch neue Dokumente belastet worden, berichtete am Mittwoch unter anderem die katholische Zeitung "Die Tagespost". Der Kölner Erzbischof wehre sich gegen Vorwürfe, er haben einen geständigen Missbrauchspriester befördert. Die "Bild“-Zeitung" berichtete am Mittwoch, Woelki habe schon seit September 2015 von den massiven Vorwürfen gegen den Geistlichen D. gewusst. Neue Geheimdokumente sollen dies nun beweisen 

Das EWTN-Interview im Video:

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