Umstrittener "Synodaler Weg": Bischof Bertram Meier warnt vor "nationalen Sonderwegen"

"Wir alle dürfen nicht schlafen, um uns dann beim Erwachen verdutzt die Augen zu reiben, weil sich die katholische Kirche auf dem Synodalen Weg in eine de facto evangelische Landeskirche transformiert hat".

Bischof Bertram Meier am 31. Januar 2021
Foto: Maria Steber / pba
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Im Rahmen der Herbstinvestitur des päpstlichen Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem sind am vergangenen Wochenende in Augsburg 26 Frauen und Männer in den Ritterorden aufgenommen worden - unter ihnen auch Bischof Bertram Meier von Augsburg. In seiner Predigt zum Abschluss der Feierlichkeiten zur Investitur warnte der Bischof im Augsburger Dom davor, mit "nationalen Sonderwegen" zu liebäugeln.

"Am deutschen Wesen wird die Weltkirche sicher nicht genesen. Seien wir ehrlich: Die Pandemie hat gezeigt, was die Menschen wirklich von der Kirche erwarten: Begleitung, Nähe und Trost. Das dürfen wir ihnen nicht vorenthalten", mahnte Meier mit Blick auf den seit Jahren umstrittenen "Synodalen Weg" in Deutschland.

"Wir alle dürfen nicht schlafen, um uns dann beim Erwachen verdutzt die Augen zu reiben, weil sich die katholische Kirche auf dem Synodalen Weg in eine de facto evangelische Landeskirche transformiert hat".

Bischof Meier rief stattdessen dazu auf, "für Jesus und seine Frohe Botschaft" zu kämpfen. "Setzen wir uns für das Grundgesetz, die Verfassung der katholischen Kirche, ein: die Sakramentalität als Zeichen und Werkzeug des Heils".

Seine Zeit in Rom — unter anderem als Leiter der deutschsprachigen Abteilung im Vatikanischen Staatssekretariat — und später die regelmäßigen Reisen ins Heilige Land hätten ihn gelehrt, über den schwäbisch-bayerisch-deutschen Tellerrand hinauszuschauen.

"Ich war und bin stolz, als Christ, Priester und Bischof weltkirchlich unterwegs zu sein. Diese Erfahrung will ich mir nicht nehmen lassen. Ich bin Bischof einer konkreten Diözese, aber auch eingebunden in das Netz der vielen Ortskirchen, das den Globus umspannt."

Den umstrittenen Prozess der deutschen Bischofskonferenz mit dem ZdK betrachtet der Bischof "mit Sorge": "Trägt uns nicht mehr die gemeinsame Überzeugung, dass ein sakramental verstandenes Volk Gottes – die Kirche – ein sakramental verortetes Weiheamt notwendig braucht? Es ist konstitutiv für die katholische Kirche. Daran sollte auch eine Synode weder rütteln noch sägen", warnte Meier am 10. Oktober.

"Synodalität ist nicht Korrektiv, sondern Entfaltung und Bezeugung der Communio hierarchica, der hierarchischen Gemeinschaft…Wenn wir ernsthaft eine Kirche ohne Weiheamt anstreben, läuten wir uns selbst die Sterbeglocke", fuhr der Bischof fort.

Tatsächlich ist der heftig umstrittene "Synodale Weg" seit Beginn ein innerkichlicher Konfliktherd, gegen den der Vatikan mehrfach gezwungen wurde, zu intervenieren.

Die von Kardinal Reinhard Marx als "verbindlich" angekündigte Veranstaltung ist mittlerweile weder verbindlich – noch ist klar, wie sie in den weltkirchlichen "synodalen Prozess über Synodalität" eingebunden wird, den Papst Franziskus mittlerweile angekündigt hat.

So hat der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Gualtiero Bassetti, erklärt, dass der italienische synodale Prozess nicht vergleichbar mit dem deutschen "Synodalen Weg" sei. Die Worte des italienischen Kardinals folgten der scharfen Kritik von Kardinal Vinko Puljić, dem Erzbischof von Sarajevo, an den "exotischen Ideen" des deutschen Prozesses – sowie der äußerst scharfen Kritik der amerikanischen Erzbischöfe Samuel Aquila von Denver und Salvatore Cordileone von San Francisco.

Auch der australische Kardinal George Pell sowie der italienische Kardinal Camillo Ruini, der englische Bischof Philip Egan von Portsmouth und der spanische Bischof José Ignacio Munilla Aguirre von San Sebastián haben sich der weltweit wachsenden Zahl von Kirchenvertretern und prominenten Theologen angeschlossen, die sich besorgt über den "Synodalen Weg" und andere Vorgänge in Deutschlands Diözesen zu Wort gemeldet haben. 

Die kontroverse Debattenveranstaltung hat auch innerhalb der deutschen Diözesen für TurbulenzenKritik und schwere Bedenken gesorgt – vor allem auch theologische.  

Angesichts der Forderungen und Aussagen der jüngsten Vollversammlung in Frankfurt warnte am gestrigen Sonntag Bischof Meier: Wer eine Kirche ohne sakramentales Amt wolle, breche ihr das Genick. Sie hätte keine Kraft mehr, gegen den Strom zu schwimmen und würde mitgerissen werden von den Wellen der gängigen Meinungen.

Auch gegenüber den im Synodalen Weg vertretenen Vorstellungen, basisdemokratischen Elementen bei Bischofernennungen eine gewichtige Rolle zu geben und diese Ämter gegebenenfalls zeitlich zu begrenzen, zeigte Bischof Bertram Meier sich skeptisch.

"Wollen wir unsere Hirten künftig nur noch demokratisch wählen und auf Zeit einsetzen, um ihnen bei Bedarf ebenso per Mehrheitsvotum wieder das Vertrauen entziehen zu können? Bischöfe auf Zeit?!...Denken wir es weiter! Müsste ein Pfarrer, ein Bischof, der Papst sein Wirken an den Applaus von Mehrheiten knüpfen, wohin würde das führen? Stellen wir uns vor, wie es unserem Erlöser im Heiligen Land ergangen wäre, wenn er bei den Aposteln vorher hätte abstimmen lassen, ob er den Kreuzweg gehen soll. Mein Kirchenpolitbarometer liefert mir die Prognose: 12 zu 1 gegen Jesus. Der Heiland hat aufs Votum verzichtet; er hat sich fürs Kreuz entschieden – und uns dadurch erlöst: Im Kreuz ist Heil!"

Stichwort: Grabesritter

Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem ist ein päpstlicher Laienorden, der auch Geistliche aufnimmt, wie das Bistum Augsburg in seiner Mitteilung zur Investitur berichtete. Die katholische Gemeinschaft, die aus Ordensdamen und Rittern besteht, übernimmt seit 150 Jahren unter der Leitung eines Kardinal Großmeisters Aufgaben im Heiligen Land. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf Israel, Jordanien und Palästina.  

Die Deutsche Statthalterei ist mit rund 1.500 Mitgliedern in 38 örtlichen Gruppen (Komtureien) und sechs Ordensprovinzen aktiv. Die Komturei St. Ulrich und Afra war in diesem Jahr Gastgeberin der Herbstinvestitur vom 08. bis 10. Oktober in Augsburg.  

In seiner Rolle als Großprior überreichte Kardinal Marx am vergangenen Wochenende dem Augsburger Bischof in der Basilika Sankt Ulrich und Afra Ordensmantel und Ordenskreuz.

Bischof Bertram Meier wurde der Titel "Großoffizier (Komtur) mit Stern" zuerkannt. Der katholische Fernsehsender EWTN übertrug live.

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut der Predigt von Bischof Bertram Meier mit freundlicher Genehmigung.

„Liebäugeln wir nicht mit nationalen Sonderwegen!“

 

„Die Weltkirche ist weder Handicap noch Korsett, sondern weiter Horizont.“

 

Predigt des Bischofs Bertram Meier

beim Dankgottesdienst zur Investitur am Sonntag, 10.10.2021 in Augsburg

Heute ist für mich ein besonderer Tag. Am 10. Oktober 1985 wurde ich in Rom zum Priester geweiht. Und heute – 36 Jahre danach – darf ich mit Ihnen, liebe Gäste aus nah und fern, liebe Contratres und Consores, die Eucharistie feiern: den Dankgottesdienst am Tag nach der Investitur. Heute feiere ich gleichsam meine Primiz als Ritter vom Heiligen Grab! Doch weniger wir, als vielmehr die Patrone unserer Komturei sind dabei wichtig. Die hl. Afra und der hl. Ulrich sind nicht nur Titel, sondern Programm. Sag mir, welchen Namen du trägst, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist. Ulrich und Afra gehören nicht nur in unsere geographische Landschaft, sie markieren auch Züge einer Spiritualität, die unsere Komturei kennzeichnen soll. Afra und Ulrich: beide Heilige, eine Frau und ein Mann. Die eine am Ende einer Epoche, die Antike heißt; der andere im Herzen des Mittelalters, das zu Unrecht als „dunkles Zeitalter“ verschrien ist. Die eine als unerschrockene Glaubenszeugin in einer unchristlichen Mehrheitsgesellschaft, der andere als engagierter Hirte einer Herde von Christen, die nichtchristlichen Angriffen trotzen musste. Was haben Ulrich und Afra als Patrone der gleichnamigen Komturei zu sagen?

Beginnen wir nicht hierarchisch, sondern chronologisch mit der hl. Afra. Im Hebräerbrief heißt es: „Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist“ (Hebr 12,1c). Ein Seitenblick auf den Apostel Paulus zeigt uns, wo der Unterschied liegt zwischen der sportlichen Konkurrenz und dem geistlichen Wettkampf. Der Sportler strengt sich an, „um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen“ (1 Kor 9,25). Auch im geistlichen Leben kann nur der laufen, der beweglich ist. Wer laufen will, muss Ballast abwerfen, der ihn daran hindert, frei und mobil zu sein. Er muss abspecken, um in guter Form in den Wettkampf zu starten.

Kann es sein, dass das „Formtief“, in dem die Kirche derzeit steckt, damit zusammenhängt, dass wir zu viel Ballast mit uns herumschleppen? Ballast, der uns hindert, wesentlich zu werden? Ballast der Seele, der uns hinunterdrückt und die Freude am Glauben nimmt? Ballast, der uns die Sicht versperrt, um „auf Jesus zu blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2)? Wir sollten nicht immer nur auf uns selber und unsere schwachen Kräfte schauen. Jesus ist unsere Kraft, sein Geist unser Rückenwind. Selbst wenn sich manche Etappe unseres Lebens als Sackgasse oder Holzweg erweist, verfehlen wir unser Ziel nicht, wenn wir uns an Jesus orientieren. Dann werden wir nicht ins Leere laufen, sondern vom Herrn den „unvergleichlichen Siegeskranz“ erhalten.

Eine „Siegerin“ im geistlichen Wettkampf ihrer Zeit ist Afra. Wir ehren eine Frau, die uns Christen in Augsburg und Umgebung zur „Vorläuferin“ im Glauben geworden ist. Wenn wir ihr „nachlaufen“, dann stimmt die Richtung! Wir ehren eine Glaubenszeugin, die in der geistigen Auseinandersetzung ihrer Zeit „bis aufs Blut“ standgehalten hat. Auch unsere Zeit, die ringt um das rechte Miteinander von Religionen und Kulturen, braucht überzeugte Frauen und Männer, die dem christlichen Glauben Profil geben. Jammern und Resignation sind schlechte Ratgeber. Wer überzeugt ist von seinem Glauben, der hat keine Angst, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt“, die ihn erfüllt (1 Petr 3,15). 

Afra gehört in die „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1), die zeigt, dass nicht wir selbst, auf uns allein gestellt, das geistige Ringen bestehen können. Aus eigener Kraft allein machen wir das Rennen nicht. Doch weil der „Zieleinlauf“ nicht mit unseren, sondern mit Gottes Uhren gemessen wird, ist unser Laufen nicht umsonst. Denn das Ziel ist letztlich nicht eine heile Welt, die wir aufzubauen hätten, sondern die neue Welt Gottes. Erst dann ist der Lauf zu Ende. Bis dahin werden wir angefeuert von der „Wolke von Zeugen“, die uns umgibt. D.h. Ich bin mit meinem Glauben nicht allein. Mein Glaube hängt nicht am „Wassertropfen“ meines eigenen Credos, sondern „hängt sich beim anderen ein“, wie die physikalischen Kräfte die Tropfen zu einer Wolke zusammenballen. Die Wolke von Zeugen entlastet mich von der Erschöpfung in mir selbst. Ich darf mich einreihen in eine Zeugengemeinschaft.

Darin liegt ein Auftrag, der gerade unsere Komturei in die Pflicht nimmt. Lasst uns in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, nämlich die neue Sprache und die alten Formeln des Glaubens miteinander zu verbinden, damit die Welt von heute glaube! Hier geht es nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern um die Einbindung in die Wolke von Zeugen, in die weltumspannende Kirche, wo der unverzichtbare Schatz des apostolischen Glaubens die Echtheit der vielen persönlichen Lebenscredos braucht, um lebendig zu bleiben; und wo umgekehrt das Bekenntnis des einzelnen Christen sich einhängen kann in die große Wolke und so seine „schwache Seite“ aufgefangen wird von der „Communio sanctorum“, der Gemeinschaft der Heiligen. Eine Komturei, die um die hl. Afra als Patronin weiß, kann darauf vertrauen, dass die einzelnen mit ihrem Glauben nicht allein sind.

Damit sind wir beim hl. Ulrich: einer wahrhaft großen Gestalt der mittelalterlichen Geschichte. Nicht nur die Quantität der Jahre seines bischöflichen Wirkens sind epochal, sondern auch die Qualität dessen, was er wirkte. Nur ein Ereignis, das wie in einem Kristall die Vielfalt seines Tuns bündelt, soll herausgegriffen werden: Die Schlacht auf dem Lechfeld 955 steht faktisch und symbolisch für eine Herausforderung, die aktueller ist denn je. Ob Bischof Ulrich selbst zu Pferd an die Front geritten ist, wie man sich das oft ausmalt, sei dahingestellt. Wichtiger sind die „Waffen“, mit denen er sein Hirtenamt ausübte. Paulus steht Pate: „Wir leben zwar in dieser Welt, kämpfen aber nicht mit den Waffen dieser Welt. Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen“ (2 Kor 10, 3-5). Und an die Thessalonicher schreibt der Völkerapostel: „Wir, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein und uns rüsten mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil“ (1 Thess 5, 8). 

Der hl. Ulrich ruft uns in Erinnerung, dass wir Farbe bekennen müssen. Es genügt nicht, das jüdisch-christliche Erbe des Abendlandes zu beschwören und anzumahnen. Es geht um mehr: die enge Symbiose zwischen Europa und dem Christentum bewusst halten und selbst leben. Der Wurzeln im Heiligen Land eingedenk, wissen die Ritter und Damen vom Heiligen Grab um ihre Verpflichtung mitzuhelfen, dass gerade im „alten Kontinent Europa“ (Papst Johannes Paul II.) der Baum des christlichen Glaubens nicht morsch wird, sondern wieder Knospen treibt, Blüten hervorbringt und Früchte zeitigt. Das Heilige Land brauchen wir nicht zu erobern. Stattdessen ist in unseren Breitengraden unser Beitrag gefragt, das Evangelium neu einzupflanzen und auf diese Weise die Herzen unserer Zeitgenossen zu erobern, von denen viele meinen, auch ohne Gott gut leben zu können.

Ein äußeres Zeichen dafür ist auch unser Erscheinen bei Gottesdiensten: an Karfreitag, Fronleichnam, Kreuzerhöhung oder bei der Chrisammesse. Wir tragen Uniformen, die auf das Innere verweisen. Wenn wir uns „in Schale werfen“, dann denken wir daran, was eigentlich dahintersteckt: „Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. (…) Seid standhaft: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Hört nicht auf, zu beten und zu flehen!“ (Eph 6, 11. 14-18). 

Das lege ich Ihnen heute besonders an Herz: Hören Sie nicht auf zu beten! Die Kirche in Deutschland braucht unser Gebet dringend. Der Synodale Weg, auf dem wir uns befinden, gibt Anlass zur Sorge. Dass die Kirche in unserem Land einen Aufbruch braucht, um zukunftsfähig zu sein, darüber sind wir uns einig. Doch wie soll das gehen? Ich leugne nicht, dass es auch in der Kirche Schuld und Sünde gibt. Jeder Skandal ist einer zu viel. Daher sind jene, die Verantwortung tragen, nicht sakrosankt. Trotzdem glaube ich der „heiligen Kirche“. Auf sie lasse ich nichts kommen. Ich arbeite gern in ihr. Mit Freude verstehe ich mich als Mitarbeiter Jesu Christi, der seine Jünger in die Welt sandte und ihnen in Petrus einen Sprecher gab. So können wir uns bis heute am Papst orientieren. Er ist Garant der Einheit; er hält uns zusammen. In meiner Biographie habe ich Weltkirche nicht nur studiert, sondern auch gelernt und gelebt. Die Zeit in Rom und später die regelmäßigen Reisen ins Heilige Land lehrten mich, über den schwäbisch-bayerisch-deutschen Tellerrand weit hinauszuschauen. Nie im Leben habe ich Weltkirche als Handicap oder Korsett erfahren. Im Gegenteil: Ich sehe sie als Privileg. Die Weltkirche hat meinen Horizont weit gemacht. Ich war und bin stolz, als Christ, Priester und Bischof weltkirchlich unterwegs zu sein. Diese Erfahrung will ich mir nicht nehmen lassen. Ich bin Bischof einer konkreten Diözese, aber auch eingebunden in das Netz der vielen Ortskirchen, das den Globus umspannt. 

Wenn ich mir die Pisten anschaue, die sich für die Zukunft des Synodalen Weges abzeichnen, bin ich dankbar. Die Landkarte liegt offen auf dem Tisch. Denn nun ist klar, wo die Reise hingehen soll. Zugleich werde ich nachdenklich. Ich mache mir Sorgen. Mir stellen sich Fragen hinsichtlich der Pfade, die wir einschlagen:

  • Trägt uns nicht mehr die gemeinsame Überzeugung, dass ein sakramental verstandenes Volk Gottes – die Kirche – ein sakramental verortetes Weiheamt notwendig braucht? Es ist konstitutiv für die katholische Kirche. Daran sollte auch eine Synode weder rütteln noch sägen. Denn Synodalität ist nicht Korrektiv, sondern Entfaltung und Bezeugung der Communio hierarchica, der hierarchischen Gemeinschaft.  
  • Wollen wir unsere Hirten künftig nur noch demokratisch wählen und auf Zeit einsetzen, um ihnen bei Bedarf ebenso per Mehrheitsvotum wieder das Vertrauen entziehen zu können? Bischöfe auf Zeit?! Wenn wir ernsthaft eine Kirche ohne Weiheamt anstreben, läuten wir uns selbst die Sterbeglocke: Selbstabdankung der Bischöfe, Priester und Diakone. Das möge Gott verhüten! 
  • Was ist eine Kirche ohne die Autorität von geweihten Amtsträgern wert? Was richtet sie aus im öffentlichen und politischen Diskurs? „Sie taugt zu nichts mehr, sie wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.“ (vgl. Mt 5,13) Ich bin überzeugt: Wenn wir eine Kirche ohne sakramentales Amt wollen, brechen wir ihr das Genick. Sie wird gebückt, verkrümmt, geht weder aufrecht noch aufrichtig ihren Weg. Sie hat keine Kraft mehr, gegen den Strom zu schwimmen. Sie wird mitgerissen von den Wellen der gängigen Meinungen.

Denken wir es weiter! Müsste ein Pfarrer, ein Bischof, der Papst sein Wirken an den Applaus von Mehrheiten knüpfen, wohin würde das führen? Stellen wir uns vor, wie es unserem Erlöser im Heiligen Land ergangen wäre, wenn er bei den Aposteln vorher hätte abstimmen lassen, ob er den Kreuzweg gehen soll. Mein Kirchenpolitbarometer liefert mir die Prognose: 12 zu 1 gegen Jesus. Der Heiland hat aufs Votum verzichtet; er hat sich fürs Kreuz entschieden – und uns dadurch erlöst: Im Kreuz ist Heil!

Sie, Confratres und Consorores, wissen, wo die Wiege der Weltkirche steht: in Jerusalem. Auf Golgatha ist der Baum des Kreuzes gepflanzt. Als der Abendmahlssaal sich an Pfingsten öffnet und die ängstlichen Apostel wie neugeboren ins Freie treten, um die internationale Gemeinde für Jesus zu begeistern, da wird die Weltkirche aus der Taufe gehoben. Brechen wir eine Lanze für die Weltkirche, bleiben wir ihr treu! Liebäugeln wir nicht mit nationalen Sonderwegen! Am deutschen Wesen wird die Weltkirche sicher nicht genesen. Seien wir ehrlich: Die Pandemie hat gezeigt, was die Menschen wirklich von der Kirche erwarten: Begleitung, Nähe und Trost. Das dürfen wir ihnen nicht vorenthalten. Ich wünsche mir, dass mein eigenes Leben, mein Dienst als Bischof immer evangeliumsgemäßer wird – in einem Rahmen, der katholisch ist und bleibt. Wir alle dürfen nicht schlafen, um uns dann beim Erwachen verdutzt die Augen zu reiben, weil sich die katholische Kirche auf dem Synodalen Weg in eine de facto evangelische Landeskirche transformiert hat. Liebe Ordensgeschwister, kämpfen wir für Jesus und seine Frohe Botschaft! Setzen wir uns für das Grundgesetz, die Verfassung der katholischen Kirche, ein: die Sakramentalität als Zeichen und Werkzeug des Heils (vgl. LG 1).

Unser Orden ist weltkirchlich geerdet; wir kennen unsere Wurzeln im Heiligen Land; die Treue zum Nachfolger Petri ist uns Ehrensache. Der em. Papst Benedikt XVI. fasste in seiner Antrittsenzyklika Deus caritas est das treffend zusammen, was uns als caritative Ordensgemeinschaft verbindet: „Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen. (…) Wer im Namen der Kirche karitativ wirkt, wird niemals dem anderen den Glauben der Kirche aufzudrängen versuchen. Er weiß, dass die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das beste Zeugnis für den Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt. Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen. Er weiß, dass Gott Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8) und gerade dann gegenwärtig wird, wenn nichts als Liebe getan wird. (…) Daher besteht die beste Verteidigung Gottes und des Menschen in der Liebe“ (Nr. 31c).  

Ulrich und Afra haben in unterschiedlichen Zeiten auf verschiedene Weise ihren Glauben an Jesus Christus und sein Evangelium gelebt. Ihr Zeugnis hat Modellcharakter. Wir dürfen stolz sein, dass wir diese beiden Heiligen als Patrone haben. An ihnen können wir uns ein Beispiel nehmen.

 


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