Chinas Katholiken gezwungen, 100 Jahre Kommunistische Partei zu feiern

Statue des Erlösers, Jesus Christus, im chinesischen Sheshan.
Foto: Maxime Guilbot via Flickr (CC BY 2.0)

In katholischen Diözesen in ganz China fanden in diesem Jahr Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) statt, während Pilgerfahrten zu Chinas nationalem Marienwallfahrtsort verboten waren.

Vom Vatikan offiziell anerkannte Bischöfe huldigten dem kommunistischen Regime, dessen Politik der "Sinisierung" systematisch Christen überwacht und in der Ausübung ihres Glaubens behindert, während christliche Symbole wie das Kreuz, die Bibel und die Zehn Gebote, durch kommunistische Portraits und Parolen im Zug der "Sinisierung" ersetzt werden, die Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin als harmlose "Inkulturation" bezeichnet.

"Jede Pfarrgemeinde, jede Diözese hat Kongresse, Veranstaltungen, Theateraufführungen und sogar Pilgerfahrten zu den Stätten der kommunistischen Parteigeschichte veranstaltet", sagt Pater Bernardo Cervellera. Der Missionar und Journalist hat die Kirche in China in den letzten zwei Jahrzehnten als Chefredakteur von AsiaNews intensiv begleitet. Gegenüber CNA schildert der China-Kenner die verheerende Entwicklung der Situation der Christen in der kommunistischen Volksrepublik, in der sogar Bischöfe, die nicht der staatlichen "Chinesischen Katholisch-Patriotische Kirche" (CKPK) beitreten wollen, "verschwinden" können.

Dagegen veranstaltete der Pekinger Bischof Joseph Li Shan in seiner Bischofsresidenz zum Parteijubiläum ein Fest anlässlich der Rede, die "Präsident auf Lebenszeit" Xi Jinping am 1. Juli zum hundertjährigen Bestehen der KPCh hielt. Vierzig Priester und Kirchenmitglieder nahmen an einem Symposium in der Provinz Jiangxi teil, bei dem es darum ging, wie der "Geist" von Xis Rede umgesetzt werden könne. Und die Katholiken der "Chinesischen Patriotischen in Hubei hielten eine Zeremonie zum Hissen der Flagge und zur Feier der Partei ab, wie die Website der Chinesischen Patriotischen Katholischen Vereinigung berichtet.

"Aber es ist ihnen verboten, zu Unserer Lieben Frau von Sheshan zu pilgern, dem nationalen Heiligtum der Gottesmutter in China", so der Priester.

Für Cervellera ist die Situation ein Beispiel für die Herausforderungen, denen sich die katholischen Gemeinden gegenübersehen, die unter der strengen Aufsicht der Kommunistischen Partei zu überleben versuchen.

Seit dem umstrittenen "vorläufigen" Abkommen des Vatikans mit der Volksrepublik im September 2018 hat China systematisch die Repressalien und Verfolgung von Christen und Anhängern anderer Religionen verschärft – mit der Begründung, dass der Vatikan ja damit "einverstanden" sei, wie CNA Deutsch wiederholt ausführlich berichtete.

Drei Jahre nach dem China-Abkommen des Vatikans

In den fast drei Jahren, seitdem Papst Franziskus und Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im September 2018 das als "provisorisch" bezeichnete Abkommen mit den chinesischen Machthabern geschlossen haben, hat sich die Situation für die Katholiken im Untergrund dramatisch von der staatlich kontrollierten "Chinesischen Katholisch-Patriotischen Kirche" (CKPK) unterschieden.

Für die katholische Gemeinschaft im Untergrund sei das Leben "sehr hart" geworden, erklärte Cervellera.

"Wir haben gesehen, wie mehrere Klöster von Ordensfrauen zerstört und Kirchen geschlossen wurden. Wir haben gesehen, wie Priester aus ihren Pfarreien verjagt wurden und auch einige Seminaristen, denen das Theologiestudium verboten wurde ... und auch Bischöfe, die verhaftet wurden oder 24 Stunden am Tag unter Hausarrest stehen", sagt der China-Experte und Priester.

Von der Regierung zugelassene katholische Kirchen werden nicht abgerissen oder geschlossen, sind jedoch nur für Erwachsene geöffnet und stehen unter massivem Druck der Regierung, Grundlagen des katholischen Glaubens zu leugnen und zensieren -- und gleichzeitig den chinesischen Nationalismus und die "Liebe zur Partei" in Predigten offiziell zu fördern.

Der Vatikan ist über diese Zustände informiert, hat sich aber dennoch im Oktober 2020 entschlossen, das inhaltlich geheimgehaltene Abkommen mit den Machthabern zu verlängern. Seit dessen Bestehen schweigt Papst Franziskus beharrlich zur Lage in China, während Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin versucht hat, die Christenverfolgung zu leugnen. So sagte der italienische Kurienkardinal am 21. Oktober 2020, einen Tag vor der Erneuerung des kontroversen Deals des Vatikans mit China, auf die Frage von Journalisten wörtlich: "Aber welche Verfolgungen denn?"

Parolin ging noch weiter: Der einflußreiche Kleriker kritisierte die fragenden Journalisten für ihre Wortwahl. "Sie müssen die Begriffe korrekt verwenden. Es gibt Vorschriften, die auferlegt werden und die alle Religionen betreffen, und sicherlich auch die katholische Kirche", so der Kardinalstaatsekretär.

Tatsächlich müssen mit Zustimmung des Vatikans katholische Priester, die in China legal predigen, ein Papier unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, die Kommunistische Partei in China zu "unterstützen". Sie dürfen nur in anerkannten Gotteshäusern predigen, zu denen Minderjährige unter 18 Jahren keinen Zutritt haben. "Und vor allem müssen sie die Herrlichkeit der Kommunistischen Partei preisen", erklärt Cervellera.

Pater Bernardo Cervellera spricht mit CNA über die Situation der Katholiken in China. (Bild: EWTN News).

Nach Angaben des Vatikans sind seit 2018 fünf Bischöfe im Rahmen des Abkommens mit den chinesischen Behörden ernannt worden. Die Kirche braucht mindestens 40 Bischöfe in China, die noch ernannt werden müssen, so Cervellera.

"Nach dem, was ich gesehen habe, sind die Bischöfe, die geweiht, nominiert und ordiniert wurden, alle Präsidenten oder Sekretäre der Patriotischen Vereinigung. Das bedeutet also, dass sie der Regierung sehr nahe stehen", so Cervellera.

Wie CNA Deutsch berichtete, ist zudem unklar, ober der Vatikan bei der Ernennung der Bischöfe überhaupt noch beteiligt ist.

Auslöschung der Geschichte

Im Vorfeld des 100. Jahrestages der Kommunistischen Partei Chinas startete die Regierung im April eine App und eine Hotline, über die die Bürger aufgefordert wurden, jeden zu melden, der die Darstellung der KPCh über ihre eigene Geschichte in Frage stellt, was die Regierung als "historischen Nihilismus" bezeichnete.

In der Praxis bedeutet dies, dass KPCh-Programme wie Mao Zedongs "Großer Sprung nach vorn" - ein fünfjähriger kollektivierter Landwirtschaftsplan, der zu einer Hungersnot führte, der zwischen 1959 und 1962 mehr als 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen - aus der Geschichtsschreibung der Partei ausgelassen wurden.

Diese Art der Zensur macht es für chinesische Katholiken fast unmöglich, sich über die Jahrzehnte ihrer eigenen Geschichte nach der kommunistischen Revolution 1949 zu unterhalten.

In den Jahren nach der Gründung der Volksrepublik China wurden viele Katholiken verhaftet, weil sie sich weigerten, die Kampagnen der Regierung zur Beseitigung des ausländischen Einflusses und zur Verstaatlichung der Privatschulen zu unterstützen.

Ein Vorgänger von Papst Franziskus, Pius XII., wies im Jahr 1951 in der Enzyklika Evangelii praecones auf dieses Leid hin.

"Wir haben erfahren, dass viele Gläubige und auch Nonnen, Missionare, einheimische Priester und sogar Bischöfe aus ihren Häusern vertrieben, ihres Besitzes beraubt wurden und als Exilanten darben oder verhaftet, ins Gefängnis oder in Konzentrationslager geworfen oder manchmal grausam zu Tode gebracht wurden, weil sie ihrem Glauben treu ergeben waren. Unser Herz ist von Trauer überwältigt, wenn Wir an die Nöte, das Leiden und den Tod dieser unserer geliebten Kinder denken", schrieb der Papst.

Der verstorbene Bischof Joseph Zhu Baoyu wurde 1921 geboren, im selben Jahr, in dem die Kommunistische Partei Chinas in Shanghai gegründet wurde. Er wurde 1981 als "Antirevolutionär" zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, nachdem er verhaftet worden war, weil er Katholiken auf eine Pilgerfahrt zum Marienheiligtum Unserer Lieben Frau von Sheshan in Shanghai mitgenommen hatte.

Der Vorsitzende der "patriotischen Staatskirche", die der Vatikan anerkennt, Bischof John Fang Xingyao aus Shandong, sagte im Juli, dass die Rede von Präsident Xi zum 100-jährigen Bestehen der KPCh "wortgewaltig" gewesen sei und ein "tieferes Verständnis" dafür vermittelt habe, warum die Kommunistische Partei Chinas so fähig ist. Der Bischof traf sich mit Bischof Shen Bin aus Haimen und Bischof Ma Yinglin aus Kunming, um die Rede von Xi zu diskutieren.

Berufungen und Ausbildung

Die frühere Politik der Kommunistischen Partei Chinas, einschließlich der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik, hat nach wie vor einen nachhaltigen Einfluss auf die Demografie der Kirche in China.

"Jetzt haben die Familien ein Kind, und es ist schwierig für sie, dieses Kind Gott zu schenken, weil sie sich auch sorgen machen, was sie tun sollen [und wer sich um sie kümmern wird], wenn sie alt sind", sagte Cervellera.

"Einige Priester haben mir gesagt, dass die Zahl der Berufungen zurückgegangen ist und nicht mehr so groß ist wie früher", so der Ordensmann.

Wer dem Ruf zum Priestertum gefolgt ist, wird ohnehin nicht unbedingt auch zum Priester geweiht: Das entscheidet die kommunistische Regierung.

Im Juli wurden in Shanghai vier Priester geweiht, obwohl eigentlich fünf Priester geweiht werden sollten. Laut einem Bericht von Cervellera auf AsiaNews wurde eine der Priesterweihen auf Anweisung der Regierung verhindert. Das "Vergehen" des angehenden Pfarrers? Als Seminarist hatte er 2016 am Weltjugendtag in Krakau, Polen, teilgenommen.

Es war nicht das erste Mal, dass es Spannungen wegen der Teilnahme chinesischer Katholiken am Weltjugendtag gibt.

Pater Cervellera erinnert sich an den "Weltjugendtag in Manila 1995, bei dem Johannes Paul II. sagte, dass Asien unsere gemeinsame Mission für das dritte Jahrtausend ist."

"Jugendliche aus China waren eingeladen, und sie begannen, die Messen und alle Treffen mit anderen Jugendlichen in Manila zu feiern, aber ... einige Mitglieder der patriotischen Vereinigung waren unter diesen Jugendlichen aktiv. Sie taten alles, um diese jungen Leute zu trennen. Ich war dabei, und sie versuchten praktisch, die Beziehungen zu anderen Katholiken in der Welt zu vermeiden", sagt er.

Die Ausbildung in den Priesterseminaren ist ein weiterer Bereich, in dem die chinesischen Behörden versucht haben, den "ausländischen Einfluss" zu verringern.

"Die Ausbildung ist auch schwierig geworden, nicht weil es keine Seminare gibt, sondern weil diese immer kontrolliert werden", erklärt Cervellera.

"Zum Beispiel werden einige Teile der Soziallehre der Kirche nicht gelehrt. Die Patriotische Vereinigung sagt, welche Bücher verwendet werden können und welche nicht. Die Anzahl ausländischer Dozenten, die an Priesterseminaren lehren, ist auch rückläufig".

So habe ein Priesterseminar in China, das während des Pontifikats von Benedikt XVI. noch 23 ausländische Professoren hatte, jetzt nur noch drei nicht-chinesische Dozenten hat.

"Die Kommunistische Partei, die Patriotische Vereinigung, versucht, eine eigene  Kirche und Mentalität umzusetzen", sagt der Pater und stellt fest: Zukünftige Priester sind in China vom "Reichtum der katholischen Kirche, der Universalität ihrer Lehre" abgeschnitten.

Unsere Liebe Frau von Sheshan

Wer die Katholiken in China unterstützen möchte, betont Pater Cervellera, er soll für sie erst einmal beten.

"Wir sprechen viel über die Neue Seidenstraße. Aber die wahre Seidenstraße ist die Straße des Gebets, der Weg der Pilgerschaft, denn sie kann China [zum] Besseren verändern", sagte Cervellera.

Der Missionspriester sagte, er finde es seltsam, dass nicht viele Diözesen lokale Feiern für den Weltgebetstag für die Kirche in China abgehalten haben, der von Benedikt XVI. für den 24. Mai eines jeden Jahres eingeführt wurde. Im Jahr 2008 verfasste der nunmehr emeritierte Papst ein besonderes Gebet zur Muttergottes von Sheshan.

Dieses Datum ist das Fest von Maria, der Helferin der Christen, an dem Tausende chinesischer Katholiken zur Basilika Unserer Lieben Frau von Sheshan zu pilgern pflegten, die in diesem Jahr wieder verboten wurde, im Gegensatz zu den Events rund um das kommunistische Parteijubiläum.

Die örtliche Regierung führte die COVID-19-Pandemie als Grund für das Verbot der Wallfahrt an, aber chinesische Katholiken wiesen darauf hin, dass der nahe gelegene Vergnügungspark und andere Touristenorte in der Nähe des Sheshan-Hügels zu der Zeit geöffnet waren.

Bischof Thaddeus Ma Daqin von Shanghai lebt seit 2012 unter Hausarrest, nachdem er nach seiner Priesterweihe öffentlich aus dem "Chinesischen Patriotischen Katholischen Verein" ausgetreten war.

Noch bevor die Sheshan-Basilika 2020 wegen der Pandemie geschlossen wurde, unternahmen die chinesischen Behörden 2019 Schritte, um katholische Gruppen im Untergrund daran zu hindern, Wallfahrten nach Sheshan zu organisieren, und verlangten von den Pilgern zum Marienheiligtum, die Nationalhymne zu singen.

Cervellera sagte, die Kommunistische Partei fürchte die innere Freiheit, die die Religion mit sich bringen kann.

"Studenten interessieren sich sehr für den Katholizismus und das Christentum, auch für das protestantische Christentum. Ich glaube, das ist der Grund, warum die chinesische Regierung jetzt versucht, den Religionsunterricht für Jugendliche zu unterbinden, weil sie eine Zunahme der Konversionen befürchtet", sagte er.

Pater Cervellera beendete im Juni seine Tätigkeit als Chefredakteur von AsiaNews und kündigte an, dass er seine missionarische Arbeit mit dem Päpstlichen Institut für Auslandsmissionen in Asien fortsetzen werde.

"Sobald jemand seine Beziehung zu Gott entdeckt, wird er frei, er kann frei sprechen, er kann frei kritisieren, er muss nicht all die Dinge tun, die die Kommunistische Partei tut. Und das ist die Angst der kommunistischen Partei, dass Menschen frei sein können", sagte er.

Übersetzt und redigiert aus dem englischen Original.

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