Churer Bischof über "Homo-Ehe": "Hätte es gerne, dass sie abgelehnt wird"

Bischof Bonnemain über die biblisch begründete Ehe als "Bio-Ehe", wie Papst Franziskus die Kirche verändert hat und welche Änderungen er sich für die Zölibatsverpflichtung und die Rolle der Frau wünscht

Bischof Joseph Bonnemain
Foto: Bistum Chur

Der Bischof von Chur, Joseph Bonnemain, wünscht sich, dass beim kommenden Referendum in der Schweiz zur Einführung der sogenannten "Homo-Ehe" viele Schweizer dagegen stimmen. In einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ), das am vergangenen Montag erschien, sprach sich der Bischof auch für eine Änderung bei der bisherigen Zölibatsverpflichtung für Priester aus. Auch das Thema "Frauenordination" müsse weiter diskutiert werden.

Bonnemain gehört der Personalprälatur des Opus Dei an und wurde am 19 März 2021 zum Bischof von Chur geweiht.

Wie CNA Deutsch berichtete, soll am 26. September 2021 eine Volksabstimmung in der Schweiz darüber entscheiden, ob die sogenannte "Homo-Ehe" gesetzlich eingeführt wird. Erst im vergangenen Dezember hatte das Parlament die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare sowie den Zugang zur Samenspende für lesbische Paare beschlossen und ins Schweizer Zivilgesetzbuch aufgenommen. Im April teilte die Bundeskanzlei in Bern mit, dass ein überparteiliches Komitee unter dem Slogan "Ja zu Ehe und Familie, Nein zur Ehe für alle" die nötigen Unterschriften einreichen konnte, um eine Volksabstimmung durchzuführen.

Bischof Bonnemain: Sehe Adoptionsrecht für Homosexuelle kritisch

Im Interview mit der NZZ verteidigt Bischof Bonnemain die Auffassung der Katholischen Kirche, dass Sexualität eine "Gabe Gottes" sei. Sie erfahre dann ihre Erfüllung, wenn sie innerhalb der Ehe stattfinde. Bei der Abstimmung zur "Ehe für alle" hoffe er indes auf ein "Nein". Wörtlich:

"Ich persönlich hätte es gerne, wenn dies abgelehnt würde. Nicht aus einer konservativen Haltung heraus, sondern weil ich finde, dass auf der biblischen Grundlage mit dem Begriff Ehe eine bestimmte Art der Partnerschaft bezeichnet wird. Es ist dies eine lebenslange, treue, für das Leben offene Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Andere zwischenmenschliche Beziehungen haben auch einen Wert und vermitteln den Menschen Geborgenheit, aber sie sind nicht dasselbe wie eine Ehe."

Auch die Adoptionsrechte für Homosexuelle sehe er "kritisch", fuhr der Bischof fort. Sollte die "Ehe für alle" allerdings bei der Abstimmung eine Mehrheit erhalten, können man die "aus der Bibel begründete Partnerschaft zwischen Mann und Frau neu benennen", schlug Bonnemain vor. "Zum Beispiel als 'Liebe für immer' oder 'Bio-Ehe'."

Von "Verboten, Verurteilungen und der Androhung von Strafen" halte er nichts, wenn ein Priester seiner Diözese dennoch homosexuelle Paare segne, so der Churer Hirte. Stattdessen wolle er dann versuchen, das persönliche Gespräch zu suchen und eine gemeinsame Lösung zu finden. Bonnemain wörtlich:

"Ich habe nicht wenige Freunde, auch Priester, die homosexuell sind. Wer in der Kirche des 21. Jahrhunderts lebt und wirkt, kann sich dieser Realität nicht verschliessen. Die Kirche hat keine Mühe mit gleichgeschlechtlichen Empfindungen. Aber es geht eben um die Frage, wo der Ort für die gelebte Sexualität ist. Das ist für uns die Ehe."

Bischof Bonnemain über Zölibat und Frauenweihe: "Ja, aber..."

Angesprochen auf das Versprechen zur "Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen", das ein Priesteramtskandidat bereits bei der Weihe zum Diakon ablegen muss, erklärt der Bischof von Chur, dass er sich "in diesem Punkt eine Änderung" wünsche. Es dürfe aber auch keine Pflicht für Priester geben, heiraten zu müssen, dies sei "das andere Extrem", so Bonnemain. "Aber es braucht Geduld. Die Kirche entwickelt sich langsam."

Tatsächlich wird die Zölibatsverpflichtung in der 2000-jährigen Geschichte der Katholischen Kirche auch biblisch begründet: Der Priester lebt ehelos "um des Himmelreiches willen" (Mt 19,12), um sich "ungeteilt dem Herrn und seiner 'Sache' zu widmen" (KKK, Nr. 1579).

Auf die Frage, ob er sich wünsche, dass künftig auch Frauen zu Priestern geweiht werden können, antwortete Bonnemain der NZZ wörtlich:

"Ja, aber nur, wenn sich die ganze Kirche bewegt und alle mitnimmt. Denn es handelt sich dabei nicht um eine Nebensächlichkeit. Es geht um das Fundament der Kirche, die Ekklesiologie, um die Nachfolge der Apostel und die Frage, wer sakramentale Vollmachten erhält."

Dass sich manche Frauen herabgesetzt fühlen, könne er nicht nur verstehen, "ich kann auch mit diesen in der Kirche stark engagierten Frauen mitleiden", erklärt der Bischof.

Papst Franziskus hatte jedoch wiederholt ein Priestertum der Frau ausgeschlossen. Im Februar 2020 begründete der Pontifex dies theologisch in "Querida Amazonia", dem Nachsynodalen Schreiben der Amazonas-Synode. 

"Jesus Christus zeigt sich als der Bräutigam der Eucharistie feiernden Gemeinschaft in der Gestalt eines Mannes, der ihr vorsteht als Zeichen des einen Priesters. Dieser Dialog zwischen Bräutigam und Braut, der sich in der Anbetung vollzieht und die Gemeinschaft heiligt, sollte nicht auf einseitige Fragestellungen hinsichtlich der Macht in der Kirche verengt werden", betonte der Papst, und erklärt weiter das katholische Verständnis – und christliche Menschenbild – einer Komplementarität der beiden Geschlechter von Mann und Frau.

Konflikte im Bistum Chur

Im Interview mit der NZZ wurde auch der Konflikt im Bistum Chur thematisiert. Bereits vor der Wahl des jetzigen Bischofs Joseph Bonnemain hatte es - wie CNA Deutsch berichtete - Unruhen gegeben. Diese endeten nach der Wahl Bonnemains jedoch nicht.

Bonnemain, der Mitglied der Personalprälatur "Opus Dei" sei, soll Beobachtern zufolge Verfechter des Modells der Landeskirchen sein. Von diesem erhoffen sich Unterstützer eine größere Unabhängigkeit vom Vatikan. Kenner aus dem Umfeld beschreiben den Kleriker zudem als einen "Anwalt des Kirchensteuersystems", der sich am "gesellschaftlichen Mainstream" orientiere, "um politisch mehrheitsfähig zu bleiben".

Am Montag sagte der Churer Bischof der NZZ, dass es ihm "nicht um Kirchenpolitik" gehe. Er baue auf "Seelsorger und Seelsorgerinnen, die 'Experten in Menschlichkeit' sind, wie es Paul VI. ausgedrückt hat", erklärte er.

Einen Rückfall in die konfliktbeladene Zeit, die nach Ansicht der Zeitung um 2007 mit der Wahl von Bischof Vitus Huonder begonnen hätten, könne es so leicht nicht mehr geben, findet Bonnemain. Wörtlich sagte er: "Die Konstellation war 2007 eine ganz andere: Es gab noch keinen Papst Franziskus. Er hat alles verändert."

Glaubt man dem mittlerweile zurückgetretenen Pressesprecher des Bistums Chur, Giuseppe Gracia, befindet sich das Bistum Chur in einem "Richtungsstreit". "Leider geht es, wie in vielen Diözesen, heute mehrheitlich um Probleme der Institution", so Gracia in einem Interview mit CNA Deutsch. Die "Streitigkeiten bezüglich Ämter und Strukturen" hätten einen "institutionellen Narzissmus" offengelegt, so der frühere Bistumsmitarbeiter (2011-2021).

Mittlerweile haben zudem die Austrittszahlen in der Gesamt-Schweiz einen neuen Negativ-Rekord erreicht. Von den insgesamt 8,5 Millionen Einwohnern bekennen sich 3,1 Millionen Schweizer zur Katholischen Kirche. Am 19. November 2020 wurde bekanntgegeben, dass 2019 insgesamt 31.772 Mitglieder die Kirche verlassen haben. Dies ist eine Steigerung zum Vorjahr, als insgesamt 25.366 Katholiken ihren Austritt erklärt hatten.

Weitere Hintergründe zur Kirchenkrise in der Schweiz sowie eine Analyse des dortigen Kirchensteuersystems lesen Sie hier.

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