Nürnberger Stadtdekan bezeichnet Tradition der Kirche als "Ballast"

Pfarrer Hubertus Förster wurde 1976 zum Priester geweiht. Von 2008 bis 2020 war er Stadtdekan von Nürnberg.
Foto: Stephan Minx / Stadtkirche Nürnberg

Der scheidende Nürnberger Stadtdekan, Pfarrer Hubertus Förster, hat dazu aufgerufen, behindernden "Ballast" kirchlicher Tradition abzuwerfen. Der 70-jährige fordert in einem auf dem Portal "katholisch.de" veröffentlichten Interview auch eine Prüfung der Heiligen Schrift mit Blick auf einen freien Zugang zur Kommunion für Protestanten – und fordert die Bischöfe auf, den Missionsaufruf des Vatikans an die Pfarreien der Weltkirche zu "ignorieren".
 

Überlieferung als "Ballast", der "behindert"


Wörtlich sagte der katholische Geistliche gegenüber der "Katholischen Nachrichtenagentur" (KNA) in einem am 29. August veröffentlichten Interview auf die Frage, wie sich aus seiner Sicht der "Trend" einer in Deutschland schrumpfenden Kirche aufhalten lasse:

"Ich denke, wir müssen viel an Ballast abwerfen, den man Tradition nennt, der geschichtlich gewachsen ist, uns jedoch mehr und mehr behindert."

Die Tradition und Überlieferung der Kirche gehört nach katholischem Verständnis zur "Weitergabe der Göttlichen Offenbarung": So formuliert es das Zweite Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum. "Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes", heißt es in Dei Verbum weiter. Das Konzilsdokument bekräftigt, dass Tradition, Bibel und Magisterium "gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, daß keines ohne die anderen besteht und daß alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen". 

 

Abendmahl und Kommunion


Pfarrer Förster kritisiert auch deutsche "Regelungen" zum Empfang der Kommunion für evangelische Eheleute katholischer Christen in der Folge von Amoris Laetitia. Der Priester ruft im heute publizierten Interview dazu auf, eine freie Zulassung von Protestanten zur heiligen Kommunion zu prüfen. Wörtlich sagt Förster laut "katholisch.de": 

"Warum nimmt man nicht die Heilige Schrift her und schaut, was wirklich drin steht und was die Intention Jesu ist? Allein der unselige Streit um das gemeinsame Abendmahl in gemischt-konfessionellen Ehen. Da wurden (sic) dann ein Forderungs-Katalog aufgestellt, was die Paare alles erfüllen müssen. Das hatte schlicht die Wirkung eines Verbotscharakters. Die Intention des Abendmahls ist eine ganz andere", so Förster.  

Gemäß der Lehre - wie Tradition - der Kirche ist die Kommunion ein Sakrament. Dies unterscheidet einerseits die Eucharistie vom protestantischen Abendmahl, ist andererseits aber wichtig für die Ökumene mit anderen Kirchen: Darauf hat die Theologin Marianne Schlosser bereits 2018 angesichts des bis heute ungelösten deutschen "Kommunionstreits" erklärt. Das Kirchenrecht legt ohnehin klar und deutlich fest:

"Katholische Spender spenden die Sakramente erlaubt nur katholischen Gläubigen; ebenso empfangen diese die Sakramente erlaubt nur von katholischen Spendern" (can. 844 § 1 CIC).

Nur bei Todesgefahr "oder wenn nach dem Urteil des Diözesanbischofs bzw. der Bischofskonferenz eine andere schwere Notlage dazu drängt", kann es Ausnahmen geben. Aber nur dann wenn diese Christen "bezüglich dieser Sakramente den katholischen Glauben bekunden und in rechter Weise disponiert sind" (c. 844, § 4 CIC). Richtig "disponiert" ist ein nichtkatholischer Christ, erklärt das Bistum Augsburg auf seiner Webseite, "wenn er die katholischen Glaubenslehren über diese Sakramente annimmt".

Pfarrei-Instruktion "unmöglich"


Die deutschen Bischöfe fordert Förster auf, die Anweisung zu ignorieren, die Pfarreien der Weltkirche in "pulsierende Zentren der Begegnung mit Christus" zu verwandeln. Diese Instruktion des Vatikans sei, so Förster wörtlich im Portal der Bischofskonferenz, "unmöglich". 

"Die Bischöfe sollten dies einfach ignorieren. Oder aufbegehren? Ich habe als (vorkonziliares) Kind noch gelernt, dass die Kirche 'vom Papst und den Bischöfen' geleitet wird. Derzeit sollen sie wohl Befehlsempfänger einiger umtriebiger Kurienkardinäle sein."

Tatsächlich sind die Grundlagen des von Papst Franziskus approbierten Schreibens nicht "vorkonziliar", sondern das Zweite Vatikanische Konzil und nachkonziliare Dokumente: Die Instruktion zitiert wiederholt die dogmatische Konstitution Lumen Gentium des Konzils ebenso wie mehrere Schreiben des heiligen – und nachkonziliaren – Papstes Johannes Paul II. sowie das – nach dem Konzil neu aufgelegte – Kirchenrecht und die Enzyklika Evangelii Gaudium von Papst Franziskus aus dem Jahr 2013. 

(Wer will, kann hier den vollen Wortlaut der Instruktion nachlesen).

Die Instruktion beschreibt zudem ihr eigenes Anliegen so: Sie will ermutigen, "im Lichte der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und des nachfolgenden Lehramtes die Berufung aller Getauften, Jünger Jesu und Verkünder des Evangeliums zu sein, wieder zu entdecken".

Frauen und Ämter


Im weiteren Interview äußert sich der deutsche Priester auf dem offiziellen Portal auch zu seiner Sicht auf die Rolle der Frau ("In Zeiten der Urkirche waren die Frauen für das Gastmahl verantwortlich") und schlägt vor, dass "Ämter" der Kirche "demokratischer zu besetzen" wären.

Tatsächlich hat der heilige Papst Johannes Paul II. aus theologischen Gründen das Priestertum der Frau in seinem Apostolischen Schreiben Ordinatio Sacerdotalis für unmöglich erklärt und dann "endgültig" ausgeschlossen.

Papst Franziskus hat ebenfalls wiederholt ein Priestertum der Frau ausgeschlossen. Im Februar 2020 begründete der Pontifex dies theologisch in "Querida Amazonia", dem Nachsynodalen Schreiben der Amazonas-Synode

"Jesus Christus zeigt sich als der Bräutigam der Eucharistie feiernden Gemeinschaft in der Gestalt eines Mannes, der ihr vorsteht als Zeichen des einen Priesters. Dieser Dialog zwischen Bräutigam und Braut, der sich in der Anbetung vollzieht und die Gemeinschaft heiligt, sollte nicht auf einseitige Fragestellungen hinsichtlich der Macht in der Kirche verengt werden", betonte der Papst, und erklärt weiter das katholische Verständnis – und christliche Menschenbild – einer Komplementarität der beiden Geschlechter von Mann und Frau.

Auf diese Weise bleibe man auch nicht bei einem "funktionalen Ansatz" stehen, sondern trete ein "in die innere Struktur der Kirche", unterstrich der Pontifex in Querida Amazonia.

Im Mai 2018 hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria SJ, in einem von der offiziellen Zeitung des Vatikan veröffentlichten Artikel bestätigt, dass das "Nein" zur Ordination von Frauen "endgültige Lehre" sei.

"Die Kirche hat nicht die Vollmacht, diese Substanz zu ändern, denn durch die von Christus eingesetzten Sakramente wird sie als Kirche aufgebaut. Es geht hier nicht nur um eine Frage der Disziplin, sondern der Lehre, weil die Struktur der Sakramente betroffen ist, der ursprünglichen Orte der Begegnung mit Christus und der Weitergabe des Glaubens", schrieb der Kardinal im Osservatore Romano

Unabhängig davon, ob und wie Pfarrer Hubertus Förster diese Sicht teilen kann: Am morgigen Sonntag (30. August) geht der langjährige Stadtdekan in den Ruhestand.

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