Analyse: Missbrauch, Vertuschung, Fehlverhalten

Die Ursache ist galoppierende Apostasie, und das Kirchenrecht nur ein Heilmittel

Kardinal Séan O'Malley (links) und Kardinal Theodore McCarrick.
Foto: Stephen Driscoll / CNA Deutsch // © Mazur_catholicchurch.org.uk
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Missbrauch, Vertuschung, Fehlverhalten: Wie eine Kette von Dominosteinen, von denen einer den nächsten umwirft, erschüttert seit Tagen ein Personal-Skandal nach dem anderen die Kirche. Es sind Vorwürfe sexueller Gewalt und Fehlverhaltens, Vorwürfe der Misswirtschaft, vor allem aber auch der Kungelei und Vertuschung, die gegen Bischöfe und Kardinäle erhoben werden, in Chile und Honduras, in den USA und Australien.

Wie viele Dominosteine letztlich fallen werden ist unklar, aber täglich kommen neue hinzu. In Chile wird nun ein Kardinal wegen des Verdachts auf Vertuschung verhört. In Honduras haben fast 50 Seminaristen schwere Vorwürfe über weitverbreitete homosexuelle Praktiken am Priesterseminar der Erzdiözese Tegucigalpa erhoben, wie Edward Pentin im "National Catholic Register" meldet. Der Brandbrief der angehenden Priester war bereits vor dem Rücktritt von Bischof Pineda im Umlauf, dem unter anderem der Umgang mit "männlichen Begleitern" vorgeworfen wurde.

(Pineda leitete das Erzbistum Tegucigalpa in der Abwesenheit von Kardinal Oscar Maradiaga, der Vorwürfe finanzieller Misswirtschaft gegenüber seiner Person bestritten hat).

Auch im Fall des vom öffentlichen Dienst suspendierten Kardinals Theodore McCarrick kommen täglich neue Zusammenhänge ans Licht. Wie CNA-Chefredakteur JD Flynn gezeigt hat, sind viele weitere Personen entweder verstrickt oder betroffen.

Ein #MeToo-Moment für die Kirche?

Die Eigendynamik der Skandal-Welle erinnert manche Kommentatoren - darunter Ross Douthat von der "New York Times" - an die "MeToo"-Bewegung, die neben Harvey Weinstein viele weitere Fälle von Missbrauch zu Tage brachte und Opfern Gehör verschaffte, die endlich den Mut hatten, ihre Täter öffentlich zu identifizieren.

Dem Douthatschen Vergleich mag man zustimmen oder nicht: Er unterstreicht, welches Ausmaß diese Welle hat. Oder, wie Kardinal Séan O'Malley mit Blick auf die Causa McCarrick nun gesagt hat: Die Kirche kann sich nicht einfach entschuldigen.

Der Erzbischof von Boston stellt in seiner am Dienstag veröffentlichten Erklärung fest, dass die "gewaltige Lücke" geschlossen werden muss, die es zwischen den Verfahren zur Prüfung von Missbrauchsvorwürfen bei Priestern und anderen Geistlichen einerseits gibt, aber andererseits nicht bei Bischöfen.

Ein Anliegen, das auch Australiens Nationaler Priesterrat im Fall von Erzbischof Philip Wilson mit - nach Landesmanier typischer - Deutlichkeit formuliert hat.   

Von den lauter werdenden Forderungen, überführte Täter auch mindestens zu laisieren - egal ob Priester oder Bischof - ganz zu schweigen.

Was der "Null Toleranz"-Bischof vorschlägt

Apropos Deutlichkeit: Kardinal O'Malley genießt den Ruf eines "Null Toleranz"-Bischofs in Fragen des sexuellen Missbrauchs und wird allgemein als die glaubwürdigste Stimme der Kirche zu diesem Thema angesehen, so Ed Condon, der neue Leiter des Washingtoner Büros von CNA, in seiner Analyse

Angesichts der Statur O'Malleys, vor allem in Fragen des sexuellen Missbrauchs, waren viele Katholiken gespannt auf seine Antwort auf den McCarrick-Skandal. "Interventionen von Kardinal O'Malley sind zu nüchternen Satzzeichen für große Missbrauchsgeschichten geworden", schreibt Condon, und erinnert an dessen öffentliche Reaktion auf die Auslassungen von Papst Franziskus am Rande der Chile-Reise: O'Malleys Widerspruch des Papstes wurde weithin als eine mutige Intervention gelobt, die Franziskus veranlasste, die Situation in diesem Land dramatisch zu überdenken.

Seine Glaubwürdigkeit hat sich O'Malley als Bischof erarbeitet: Er wurde durch die erfolgreiche Reform vom Missbrauch gezeichneter Diözesen bekannt - zunächst in Palm Beach und dann vor allem im Erzbistum Boston, dessen Skandale deutschen Katholiken aus dem Film "Spotlight" bekannt sein dürfte.

Seit der Gründung der Päpstliche Kommission für den Schutz Minderjähriger im Jahr 2014 ist zudem der Amerikaner ihr Vorsitzender.

Vor diesem Hintergrund kann wohl niemand so wie dieser Kardinal eine Schlüsselrolle spielen im Umgang mit der jetzigen Skandal-Welle, analysiert Condon.

Tatsächlich hat O'Malley klar und konzentriert, mit der ihm eigenen, sensiblen Sachlichkeit Forderungen aufgestellt: "Transparente und kohärente Verfahren sind notwendig, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und auf die berechtigte Empörung der Gesellschaft angemessen zu reagieren", schrieb er.

Die Kirche brauche eine starke und umfassende Lösung, "um die Verstöße der Bischöfe gegen die Gelübde des Zölibats in Fällen des kriminellen Missbrauchs  Minderjähriger sowie in Fällen mit Erwachsenen anzupacken", so der Kardinal.

"Drei konkrete Maßnahmen sind derzeit erforderlich. Erstens, eine gerechte und schnelle Prüfung dieser Anschuldigungen; zweitens, eine Bewertung der Angemessenheit unserer Standards und unseres Umgangs innerhalb der Kirche auf allen Ebenen, insbesondere im Falle der Bischöfe; und drittens, eine klare Kommunikation, mit den katholischen Gläubigen und mit allen Opfern".

Kardinal O'Malley schlägt also vor, dass in Zukunft Vorwürfe gegen Bischöfe mit höchster Priorität behandelt werden sollten; dass ein neues, zweckmäßiges System zur Behandlung von Beschwerden gegen Bischöfe eingeführt werden sollte; und dass diese notwendigen Reformen klar angekündigt werden sollten, so dass es keinen Zweifel daran geben kann, wie solche Fälle in Zukunft behandelt werden sollten.

Der Kirchenrechtler Condon meint: "Es ist ein einfacher, klarer und praktischer Vorschlag."

Heilung galoppierender Apostasie

Die Frage ist natürlich, ob und wie er umgesetzt wird. Papst Franziskus und die Kurie haben bereits einige Instrumente, um das Problem anzupacken, erinnert Condon weiter. Und auch auf nationaler Ebene werden Bischöfe wie Bischofskonferenzen sich dieses Themas widmen und ihrer Mittel bedienen müssen, bevor weitere Dominosteine umfallen.

Wobei klar sein dürfte: Das Kirchenrecht allein kann und wird das Problem und den angerichteten Schaden an Menschen und der Kirche nicht lösen, und schon gar nicht die galoppierende Apostasie heilen, die dem Treiben oft zugrunde liegt. Es ist der Abfall vom Glauben, gerade unter Bischöfen und Priestern, der eine Kirche ihrer wichtigen Rolle in der Vorbeugung und Heilung des ideologischen Totalitarismus beraubt, der unsere Zeit herausfordert, etwa in der Gestalt von "Gender". Aber das Kirchenrecht wird - neben anderer Medizin, darunter Buße, Gebet und Katechese - als Instrument eine wichtige Rolle spielen. 

AC Wimmer ist Chefredakteur von CNA Deutsch. Zuletzt aktualisiert am 28.7.2018.

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