Erzbischof ausgepiffen: Buhrufe gegen Kardinal Cupich bei Kundgebung in Chicago

Ein mit Mundschutz, Mütze und Ohrenschützern auf der Bühne stehender Kardinal Blase Cupich wurde beim Marsch fürs Leben in Chicago am Sonntag, 9. Januar 2022 ausgebuht und von Zwischenrufen unterbrochen.
Foto: Screenshot / Chicago March for Life / Facebook

Auf einer ansonsten friedlichen Veranstaltung des Marsches für das Leben in Chicago kam es am Sonntag zum Eklat, als einige Teilnehmer Kardinal Blase Cupich während seiner Rede auf einer Kundgebung wiederholt ausbuhten und durch Zwischenrufe störten.

Das berichtet die "Catholic News Agency", die englischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch

Cupich, der unter Zwischenrufen die Bühne am Federal Plaza verliess, wurde "von einigen Anwesenden ausgebuht und nach seiner Rede von Sicherheitspersonal eskortiert", meldete die Chicago Tribune.

Ein Video der Veranstaltung zeigt: Trotz eines kurzen Applauses zur Begrüßung wurde der Erzbischof von Chicago bereits wenige Minuten nach Auftakt seiner Rede gestört: Immer wieder buhten und unterbrachen Teilnehmer den Kardinal.  

"Wissen Sie, wir kommen in diesen Tagen der Pandemie hierher, da das Leben bedroht ist. Und ich bin so froh, dass ich viele von Ihnen mit Masken sehe. Ich hoffe, dass Sie weiterhin nach Wegen suchen, wie wir diese Pandemie beenden können, indem wir das Leben fördern. Das ist wirklich wichtig", sagte Cupich.

Als er die Zwischenrufe und den Unmut einzelner Teilnehmer der von mehreren hundert Personen besuchten Kundgebung hörte, erwiderte er: "Ich weiß, dass es hier in der Menge einige gibt, die das ungeborene Leben nicht achten, und das ist schade. Aber lasst mich sprechen. Lasst mich sprechen."

LINK-TIPP: Kardinal Cupichs Auftritt und Äußerungen sind im Live-Stream-Video des March for Life Chicago ab der 43. Minute sehen.

Die Buhrufe und Zwischenrufe klangen kurzzeitig ab, wurden aber gegen Ende von Cupichs Auslassungen lauter. Dieser reagierte mit einem Gegenangriff: "Diese Leute lassen mich nicht reden, weil sie nicht hier sind, um das Ungeborene zu achten. Sie sind nicht hier, um Sie zu respektieren".

Kardinal Cupich steht für seinen Einsatz für das ungeborene Leben schon länger bei einigen Katholiken in der Kritik. So wurde der Erzbischof von Anhängern der Pro-Life-Bewegung vergangenes Jahr dafür kritisiert, dass er eine direkte Konfrontation zwischen der US-Bischofskonferenz und Präsident Joe Biden verhindern wollte. Biden setzt sich – als zweiter katholischer Präsident des Landes – für eine Politik ein, die unter anderem im Widerspruch zur offiziellen Lehre der Kirche gegen Abtreibung steht.

Das hielt Cupich nicht davon ab, auf Twitter scharfe Kritik an einer, wie er es nannte, "unüberlegten" Erklärung der Bischofskonferenz zu äußern, die am Tag von Bidens Amtseinführung veröffentlicht wurde und in der Abtreibung als "direkter Angriff auf das Leben, der auch die Frau verwundet und die Familie untergräbt" bezeichnet wurde.

Mehr noch: Cupich flog 10 Tage später nach Rom, um sich mit Papst Franziskus zu treffen, wie CNA Deutsch berichtete. Spekulationen über dieses Treffen reichten von der durch Quellen im Vatikan befeuerten Vermutung der Kardinal werde nach Rom versetzt bis zur Theorie, er bitte Franziskus – der Cupich nahestehen soll – gegen die US-Bischofskonferenz zu intervenieren.

Die US-Bischöfe stimmten trotz Störfeuers im November mit 222 zu 8 Stimmen bei drei Enthaltungen für die Veröffentlichung eines neuen Lehrdokuments, das eine eucharistische Erneuerung in der Kirche fordert. In dem Dokument werden weder Biden noch ein anderer Politiker namentlich erwähnt.

In seiner Rede auf der Kundgebung des Marsches für das Leben am 8. Januar verwies Cupich auf die Möglichkeit, dass der Oberste Gerichtshof der USA die Entscheidung Roe v. Wade aus dem Jahr 1973, die die Abtreibung landesweit legalisierte, rückgängig machen könnte, wenn er später in diesem Jahr über den Fall Dobbs v. Jackson Women's Health Organization aus Mississippi entscheidet.

"Wir haben viele Gründe zur Hoffnung, dass der gesetzliche Schutz für das Kind im Mutterleib, für den wir uns seit Jahrzehnten einsetzen, bald Wirklichkeit wird", sagte Cupich.

"Aber wie wir heute schon gehört haben, ist das wirklich nicht unser einziges Ziel", sagte er. "Wir marschieren heute für die Achtung allen menschlichen Lebens. Das ist das Ziel, das wir verfolgen müssen." Cupich wies später auf die Notwendigkeit hin, ältere und kranke Menschen, Einwanderer und Menschen, die in Armut leben, gegen eine Mentalität zu verteidigen, die menschliches Leben als "Wegwerfartikel" behandelt.

Der March for Life Chicago gilt als die größte Pro-Life-Veranstaltung im Mittleren Westen. An der diesjährigen Veranstaltung nahmen Tausende von Pro-Life-Marschierern teil. 

Nicht nur im Umgang mit dem Lebensschutz verärgerte der Erzbischof von Chicago in den vergangenen Wochen und Monaten seine Kritiker: Sie werfen Cupich ein äusserst hartes Vorgehen gegen Katholiken vor, die gerne die traditionelle lateinische Messe besuchen – während ausgerechnet an Weihnachten eine "neue" Messe für weltweites Aufsehen und Empörung sorgte. 

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