Traditionis Custodes: Neue Maßnahmen in Chicago und scharfe Kritik aus Deutschland

Martin Mosebach wirft Papst Franziskus vor, Rache an Benedikt XVI. genommen zu haben

Ein Mädchen mit Kommunionschleier bei der heiligen Messe zur Summorum-Pontificum-Wallfahrt in Rom am 25. Oktober 2014
Foto: Daniel Ibáñez / CNA Deutsch
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Kardinal Blase Cupich hat strenge Vorschriften im Erzbistum Chicago gegen die Feier der traditionellen lateinischen Messe verfügt. Gemäß der neuen Regeln, die am 25. Januar in Kraft treten, ist die Feier der  gregorianischen Messe am ersten Sonntag des Monats, wichtigen Feiertagen – und in allen Pfarrkirchen – verboten. 

Jeder Priester, der auch nur eine traditionelle Messe feiern will, muss dann schriftlich einen Antrag beim Erzbischof stellen – und sich dabei verpflichten, alle neuen Vorschriften gehorsam zu befolgen, mit denen gleichzeitig traditionelle Messen möglichst verhindert werden sollen. Selbst in der 1970 eingeführten "neuen" Messe dürfen Priester nicht mehr ad orientem feiern.

Unterdessen hat der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach erklärt, dass eine "persönliche Rache" an Benedikt XVI. eine Motivation für das brutale Vorgehen eines zornigen Papst Franziskus gegen die "alte Messe" sei.

Zur gleichen Zeit kursierten in den Sozialen Medien Bilder katholischer Christen an Heiligabend in Frankreich, die im Regen die traditionelle Christmette feierten, weil sie offenbar nicht in die Kirche durften.

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In Chicago ist selbst das verboten: Die überlieferte Messe darf laut Kardinal Cupich an Weihnachten eigentlich überhaupt nicht gefeiert werden. Auch im Bistum Rom gilt dies bereits für Ostern

Ein solches Vorgehen gegen Katholiken und die heilige Messe provoziert Reaktionen. Im kirchlich konservativ orientierten britischen "Spectator" ist vom "Chaos in der katholischen Kirche" die Rede. Die in katholischen Fragen die andere Seite vertretende Agentur Reuters meldet, Papst Franziskus ziehe "die Schrauben enger" und gehe gegen konservative Katholiken vor, nennt dabei politische Gründe.

Andere Erklärversuche, wie die Legende vom lateinamerikanischen Jesuiten-Papst, der sich gegen "rückständige Ingegralisten" und böse US-Amerikaner ausgerechnet durch Magazinartikel "wehrt", greifen bestenfalls zu kurz — und angesichts solcher Entwicklungen letztlich daneben.  

Worum geht es also?

Die seit vielen Jahrhunderten gefeierte traditionelle lateinische Messe (TLM) ist auch als "tridentinische" und "gregorianische" bekannt, als Feier im Usus Antiquior, als Messe in der außerordentlichen oder überlieferten Form sowie als "Messe aller Zeiten" und "Alte Messe" (Vetus Ordo), im Gegensatz zur in den 1970er Jahren eingeführten "Neuen Messe" (Novus Ordo).

Im Bereich der Erzdiözese Chicago soll die TLM, wenn sie überhaupt möglich ist, ab dem neuen Jahr keine Lesungen mehr auf Latein enthalten. Für die Übersetzung muss zudem die offizielle Version der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten verwendet werden, berichtete die Catholic News Agency (CNA), die englischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch.

Unklar ist offenbar, ob heilige Messen in der neuen Form dagegen weiterhin auch Lesungen auf Latein enthalten dürfen. In Mittelamerika ist mindestens ein Priester auch für die Verwendung von Latein in der "neuen Messe" bereits bestraft worden, wie CNA Deutsch berichtete.

Eindeutig verboten ist Priestern, die "neue" Messe mit dem Volk in Richtung Gott zu feiern: Die neuen Regeln verbieten auch, den Novus Ordo so zu zelebrieren, wie es der Vatikan selbst noch vor Monaten empfohlen hatte, bevor Papst Franziskus einen neuen Liturgie-Chef ernannte.

Fest steht auch, dass im Erzbistum Chicago gar keine traditionellen lateinischen Messen mehr in einer Pfarrkirche gefeiert werden können. Einzelne "Ausnahmen" würden sogar der Genehmigung sowohl des Vatikans wie des Erzbischofs bedürfen, heißt es.  

Zudem dürfen Priester keine traditionelle Messe am ersten Sonntag eines Monats feiern, an Weihnachten, zum Triduum, am Ostersonntag und am Pfingstsonntag.  

Doch damit nicht genug: Darüberhinaus sind neben der Eucharistiefeier auch andere Sakramente kategorisch verboten, wenn sie gemäß der überlieferten Form zelebriert werden sollen.

Auffällig ist nicht nur der Inhalt wie das Timing dieser Verbote inmitten der Weihnachtsoktav. Die Vorschriften der amerikanischen Diözese wurden zudem im Vatikan prominent publiziert, und zwar sowohl im "Osservatore Romano" — den Papst Franziskus gerne als "Parteizeitung" bezeichnet — als auch auf der Webseite des Dikasteriums für Kommunikation des Vatikans, "Vatican News". Auch dies ein extrem ungewöhnlicher Vorgang, der offenbar deutlich machen soll: Diese Vorschriften haben die Zustimmung des Papstes, werden anderen Bischöfen weiterempfohlen. 

Die Richtlinie der Erzdiözese Chicago setzt mit großer Härte das ebenfalls nicht zimperliche Papstschreiben Traditionis Custodes ummit dem Papst Franziskus im Sommer dermaßen scharfe Maßnahmen gegen die "alte Messe" ergriffen hat, dass ein Bischof diese öffentlich als "Kriegserklärung" bewertete und viele Katholiken mit Erschütterung, KritikAppellen und Unverständnis reagiert haben. Andere, darunter Kardinäle der Kirche, reagierten noch vehementer auf das Vorgehen des Papstes, das andererseits von Kardinal Cupich und anderen Hardlinern offensiv umgesetzt worden ist. 

Chance oder Kriegserklärung?

Der Erzbischof von Chicago versucht, das Vorgehen von Franziskus als Chance zu beschreiben. So wird in einem Begleitbrief an die Priester darüber gesprochen, dass der Erzbischof seine Pfarrer "ermutige", über "die Pflicht nachzudenken, die wir alle haben, um unserem Volk in diesem Moment der eucharistischen Wiederbelebung zu helfen". Es gehe darum, "den Wert der liturgischen Reform in den Riten, die uns vom Zweiten Vatikanischen Konzil gegeben wurden" erneut zu entdecken, so Kardinal Cupich weiter.

Was das mit einer Beschränkung der vorkonziliaren Messe und dem Verbot der Feier ad orientem in der "neuen" zu tun hat?

Eine erste Antwort hat der Vatikan Mitte Dezember 2021 in einem Brief an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen angesichts zahlreicher Dubia — also Fragen, die mit einem "Ja" oder "Nein" beantwortet werden können — angeboten. Die aktuell bekanntesten Dubia sind die "ungelösten Knoten" zu Amoris Laetitia.

In seinem Brief vom 18. Dezember 2021 lässt Erzbischof Arthur Roche, der neue Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, mitteilen: Das "tiefste Band der Einheit" — die Feier der heiligen Messe — sei "zu einem Grund für Spaltung" geworden. 

Gemeint ist damit nicht Traditionis Custodes, sondern die traditionelle Messe: Die Bischöfe, so Roche am 18. Dezember 2021, sollten sich "nicht zu unnützen Streitereien hinreißen lassen, die nur zu Spaltungen beitragen und bei der das Rituelle oft für ideologische Ansichten instrumentalisiert wird". Weiter heißt es wörtlich aus dem Vatikan: "Vielmehr sind wir alle aufgerufen, den Wert der Liturgiereform wiederzuentdecken, indem wir die Wahrheit und Schönheit des Ritus bewahren, die sie uns geschenkt hat. Wir sind uns bewusst, dass eine erneuerte und kontinuierliche liturgische Bildung sowohl für die Priester als auch für die Laien notwendig ist, um dies zu verwirklichen."

Wer die "alte" Messe verbietet um die "Schönheit" der neuen Messe zu verwirklichen, der vertritt jedoch nicht nur liturgisch und sakramental eine Hermeneutik des Bruchs. Die Aussagen des Präfekten für Liturgie-Fragen stehen in Spannung zu den bereits zuvor von Kirchenrechtlern angemeldetem Zweifeln, ob überhaupt kanonisch möglich ist, dass ein Papst eine Messe rechtlich per Dekret "abschaffen" könnte. Ganz unabhängig von der Frage, warum dies überhaupt der Fall sein sollte.

Solche Unklarheiten in sakramentalen — also entscheidenden — Fragen lösen nicht nur Verwirrung und Irritationen aus. Sie bringen die Kirche in Erklärungsnöte, wie der Präzedenzfall Amoris Laetitia gezeigt hat: Seit dessen Inkraftsetzung hängt es etwa von der geographischen Grenze eines deutschen Bistums ab, ob Protestanten in katholischen Kirchen die heilige Kommunion "im Einzelfall" empfangen können.

Ein weiteres "Amoris Laetitia"?

Klärungsbedarf im Fall Traditionis Custodes entsteht nicht nur kirchenrechtlich, wenn Erzbischof Roche dazu behauptet, dass bereits Papst Paul VI. die Messe abrogiert habe – mit anderen Worten "abgeschafft". Denn tatsächlich hat Papst St. Johannes Paul II. in den 1980er Jahren die Wünsche der Gläubigen zur Feier und Teilnahme an der "alten" Messe bestätigt und anerkannt und Papst Benedikt XVI. bekanntlich im Jahr 2007 die "außergewöhnliche Form" des Ritus theologisch begründet und bestätigt.

Haben sich die beiden Päpste und zahllose Würdenträger und Gläubige getäuscht? Oder soll hier eine Begründung konstruiert werden, um einer theologisch, pastoral und kirchenrechtlich fragwürdigen Entscheidung mehr Legitimität zu verschaffen, wie Kritiker behaupten? Und wenn ja, warum?

Hinzu kommt eine Reihe weiterer praktischer Fragen. Neben vielen kleineren, wie nach der Gülitgkeit der berühmten "Agatha-Christie-Indult", die Roche als Brite kennen dürfte, ist es vor allem diese: Ob und wie die romtreue Petrusbruderschaft und andere katholische Gemeinschaften nun überhaupt betroffen sind. Darf die Petrusbruderschaft noch Pfarrkirchen betreuen? Priester weihen? Die heilige Messe feiern?

Diese Fragen harren derzeit weiter der Klärung. Dass der Vatikan diese nicht von Vornherein ausgeräumt hat, zumal die Motivation selbst in Frage gestellt wird: Das stellt nicht nur für persönlich betroffene Katholiken eine schwierige Situation dar.

Im Gesamtbild werfen diese Unklarheiten einerseits  — und das rasche Vorgehen andererseits — selbst unter Befürwortern des Anliegens von Traditionis Custodes die Frage nach dem Cui Bono auf: Wem gereicht dies alles so zum Guten? Dient dies der Einheit der Kirche und den Seelen der Gläubigen? 

Für Kritiker wie den Priester Alexander Lucie Smith ist jedenfalls klar, dass die Kirchenkrise so nicht gelöst wird, auch und gerade in einem Bistum wie Chicago, wo Pfarreien geschlossen werden müssen und die Zahl der Kirchgänger in zwei Jahrzehnten um knapp ein Drittel gesunken ist

"In Anbetracht der Tatsache, dass es der Kirche in Chicago nicht gut geht (rückläufige Zahlen bei den Gottesdiensten, Schließung von Pfarreien usw.), sollte man meinen, dass der Erzbischof viele Aufgaben und Herausforderungen hat, die wichtiger sind als gegen Menschen vorzugehen, die tatsächlich zur Kirche gehen wollen."

Man muss nicht der Meinung des Theologen mit typisch britischem Tonfall sein um zu wissen: Die Frage nach dem Cui Bono brodelt seit Jahren auch mit Blick auf die weitere Kirchenkrise und den Umgang mit den Sakramenten. Der "Elefant im Zimmer" ist das Papstschreiben Amoris Laetitia, dessen offenen Fragen einer Klärung harren. Denn so wie es im Fall von Amoris Laetitia um das Sakrament der Ehe geht, dreht sich Traditionis Custodes um die Eucharistie.

Zu seinem Werk über die "Freude der Liebe" hat der Papst im September diesen Jahres erstmals vor Journalisten zugegeben, dass er eine schwere Kontroverse auslöste. Ob eine Beantwortung der Dubia diese klären würde? Die Antworten auf die Dubia rund um Traditionis Custodes zeigen: Nicht unbedingt. Das kann nur eine offene Auseinandersetzung mit der eigentlichen Agenda leisten, die hinter einem solchen Vorgehen steckt.

Mosebach: Ein zorniger "Franziskus hat Benedikt nicht verziehen"

Am vergangenen Sonntag erklärte der Schriftsteller Martin Mosebach in einem Interview mit der "Welt am Sonntag", der wahre Grund für das Vorgehen gegen die traditionelle lateinische Messe durch Papst Franziskus sei seines Erachtens persönlich motiviert.

"Franziskus hat Benedikt nicht verziehen, dass der mit seinem Buch über das Priestertum Anfang 2020 den Ausgang der Amazonassynode beeinflusst und ihm die eigentlich erwünschte Aufhebung des Pflichtzölibats verhagelt hat. Das hat Franziskus sehr zornig gemacht. Nun hat er sich revanchiert, indem er gegen die Alte Messe vorgegangen ist, also die Liturgie, die ein Herzensanliegen von Benedikt war und die er ausdrücklich rehabilitiert hatte", so Mosebach.

Es gehe jedoch nicht nur um die heilige Messe, sondern auch um die Sakramente, betont der Autor der "Häresie der Formlosigkeit", vor allem auch um "Taufe, Trauung, Beichte, Firmung und Priesterweihe". 

Für die betroffenen Katholiken in Chicago gilt indessen: Beten und Ausharren. In der Pfarrei St. John Cantius werden die Gläubigen von Kanonikus Joshua Caswell SJC zum gemeinsamen Gebet einer Rosenkranz-Novene aufgerufen

"Wir werden beten, dass die Jungfrau Maria, die zu unserem Herrn 'Ja' gesagt hat, uns hilft, dem Willen ihres Sohnes und der von ihm gegründeten Kirche zu folgen. Wir werden diese neun Tage beobachten, die am Fest ihrer Reinigung, dem Mariä Lichtmess-Tag, enden. Während dieser Novene werden unsere Herzen auf Maria gerichtet sein - deren Herz ebenfalls durchbohrt wurde - und die schließlich zu uns sagen wird, was sie den Hochzeitsgästen in Kana sagte, indem sie auf ihren Sohn zeigte: 'Was Er Euch sagt, das tut'."

Letzte Aktualisierung am 30. Dezember 2021 mit weiteren Einzelheiten.

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