"Frustration": Schreiben von UN-Experten an Vatikan stößt auf Kritik

Der Völkerbundpalast in Genf, europäischer Hauptsitz der Vereinten Nationen.
Foto: Groov3 via Wikimedia (CC0 1.0)

Ein Brief von U.N.-Experten, die schwere Vorwürfe gegen den Vatikan im Umgang mit Fällen sexueller Gewalt gegen Minderjährige erheben, ist selbst in Kritik geraten: Das Schreiben ist nach Einschätzung eines Kirchenvertreters ein Ausdruck "von Frustration von Aktivisten, die versuchten, die Themen Abtreibung und sexuelle Orientierung und Gender-Identität (SOGI) durch internationale Institutionen voranzubringen". 

Das berichtet die "Catholic News Agency", die englischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch.  

In dem 11-seitigen Brief, der am 21. Juni veröffentlicht wurde, behaupten vier Experten, dass der Vatikan internationale Vereinbarungen benutze, um zu vermeiden, die Verantwortung für Missbrauch zu übernehmen, der von Mitgliedern der katholischen Kirche begangen wurde.

Einer der Unterzeichner ist der Schweizer Nils Melzer, der als UN-Sonderberichterstatter für Folter. Eine weitere Unterzeichnerin ist Mama Fatima Singhateh aus Gambia, die Sonderberichterstatterin über Kinderhandel und sexuelle Ausbeutung Minderjähriger ist. Die beiden anderen Autoren sind Fabián Salvioli und Gerard Quinn.

Keiner der vier Unterzeichner ist Mitarbeiter der UN: Als freiwillige Experten in juristischen Fragen arbeiten sie mit dem UN-Menschenrechtsrat zusammen.

"Wir fordern die Behörden des Heiligen Stuhls auf, von obstruktiven Praktiken abzusehen und vollständig mit den zivilen, gerichtlichen und Strafverfolgungsbehörden der betroffenen Länder zusammenzuarbeiten, sowie davon abzusehen, bestehende Abkommen zu unterzeichnen oder zu benutzen, um sich der Rechenschaftspflicht für Kirchenmitglieder zu entziehen, die des Missbrauchs beschuldigt werden", heißt es in dem Schreiben.

Die Vorwürfe der vier Experten gegen die Kirche wurden auch von katholischen Medien gestern publiziert. 

Ein Kirchenvertreter, der darum bat, nicht namentlich genannt zu werden, da er nicht befugt war, öffentlich über die Angelegenheit zu sprechen, sagte jedoch gegenüber CNA, dass das Schreiben ein Ausdruck der Frustration unter Aktivisten sei, die versuchten, die Themen Abtreibung und sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität (SOGI) durch internationale Institutionen voranzubringen.

"Es ist allerdings ein Zeichen dafür, wie frustriert die Pro-Abtreibungs- und Pro-SOGI-Kräfte sind, dass sie ihre Agenda bei den U.N. nicht durchsetzen können, weil es mehrere Mitgliedsstaaten und einen ständigen Beobachter gibt. Daher der konzertierte Versuch, die Glaubwürdigkeit des Heiligen Stuhls zu untergraben".

Der Text, der auf den 7. April datiert und in französischer Sprache verfasst wurde, baute auf einem Brief auf, den Maud de Boer-Buquicchio, damalige UN-Sonderberichterstatterin für den Verkauf und die sexuelle Ausbeutung von Kindern, im April 2019 an den Vatikan geschickt hatte.

Die vier Unterzeichner bezogen sich auch auf eine UN-Pressemitteilung vom Dezember 2019, in der sie die Entscheidung von Papst Franziskus begrüßten, dass das päpstliche Geheimnis in Fällen von Anschuldigungen und Prozessen, die den Missbrauch von Minderjährigen oder schutzbedürftigen Personen betreffen, nicht mehr gilt.

Der Brief, der in französischer Sprache verfasst wurde, verwies auf Missbrauchsfälle in Europa, Nord- und Südamerika. Er beschreibt auch die Fortschritte im Umgang des Vatikans mit Missbrauch durch Geistliche unter Papst Franziskus.

Der Brief verweist auf die Aufhebung des päpstlichen Geheimnisses und sagt: "Wir bedauern jedoch, dass die Aufforderung, Verbrechen den zivilen Behörden zu melden, noch nicht verpflichtend ist, und wir fordern die Regierung Ihrer Exzellenz auf, zu erwägen, diese Aufforderung so bald wie möglich verpflichtend zu machen."

Der Vatikan ist besorgt über die Einführung von verpflichtenden Meldegesetzen auf der ganzen Welt, die von Priestern verlangen würden, das Beichtgeheimnis zu verletzen. Er betonte in einer Note vom Juli 2019 die "absolute Unverletzlichkeit" des Beichtgeheimnisses.

Mit Blick auf die Häufigkeit kirchlicher Missbrauchsfälle heißt es in dem Schreiben der UN-Experten: "Wir erinnern Sie an die Verpflichtung der Staaten, wie sie in den internationalen Menschenrechtsstandards festgelegt ist, Maßnahmen der Gerechtigkeit, Wahrheit, Wiedergutmachung und Garantien der Nicht-Wiederholung zu ergreifen, um auf schwere Menschenrechtsverletzungen zu reagieren."

Der Brief forderte den Heiligen Stuhl auf, innerhalb von 60 Tagen detaillierte Antworten auf die angesprochenen Punkte zu geben.

Der Brief schloss mit einem Appell an den Vatikan, "dringend einen Untersuchungsmechanismus einzurichten, um die Wahrheit über alle Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Kindern und deren Vertuschung durch Kleriker der katholischen Kirche in verschiedenen Ländern der Welt zu klären und festzustellen und die den Opfern zustehende Wiedergutmachung zu leisten."

"Ein solcher Mechanismus muss unabhängig, autonom von den kirchlichen Behörden und in Übereinstimmung mit internationalen Normen sein", hieß es.

Der Vatikan hatte den Brief der Sonderberichterstatter zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht kommentiert.

Aber der Heilige Stuhl umriss seine Position zu einigen der in dem Brief angesprochenen Themen in einem Dokument aus dem Jahr 2014, das als Antwort auf einen kritischen Bericht des Komitees der UN-Konvention für die Rechte des Kindes geschrieben wurde, der Themen wie Abtreibung und Kirchenrecht berührte.

Der Text sagte, dass das Komitee "wichtige Unterscheidungen zwischen dem Heiligen Stuhl, dem Staat Vatikanstadt und der universellen katholischen Kirche übersehen hatte."

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