Analyse: Offene Fragen nach der Laisierung von McCarrick bedürfen einer Antwort

In einer historischen Entscheidung hat Papst Franziskus den Ex-Kardinal wegen sexuellen Missbrauchs aus dem Klerikerstand entlassen - Brennende Fragen beiben jedoch offen, und neue kommen hinzu

Theodore McCarrick
Foto: Chip Somodevilla / Getty Images News
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Theodore McCarrick ist in den Laienstand entlassen worden. Das hat der Vatikan am heutigen Samstag mitgeteilt. Der 88-jährige wurde in einem kirchenrechtlichen Verfahren der Belästigung im Beichtstuhl und des sexuellen Missbrauchs von sowohl Minderjährigen als auch Erwachsenen für schuldig befunden - mit dem "erschwerenden Faktor" des Machtmissbrauchs. Doch wichtige Fragen harren einer Beantwortung - und neue kommen nun dazu, auch über das Finanzgeflecht des verurteilten Ex-Kardinals.

In einer Mitteilung der Pressestelle des Heiligen Stuhls hieß es, Papst Franziskus habe das Urteil der Glaubenskongregation gegen den ehemaligen Erzbischof von Washington letztgültig anerkannt.  

"Diese Entscheidung wurde Theodore McCarrick am 15. Februar 2019 mitgeteilt.  Der Heilige Vater hat die Endgültigkeit dieser rechtskonformen Entscheidung anerkannt und sie zu einer res iudicata gemacht (d.h. keine weitere Berufung zugelassen)."  

Der Verurteilte sei am gestrigen 15. Februar über die Entscheidung - die einer Höchststrafe gleichkommt - informiert worden. McCarrick hatte bislang stets seine Unschuld beteuert.

https://twitter.com/AC_Wimmer/status/1096697286233677824

Das Urteil ist in mehrfacher Hinsicht historisch: Noch nie wurde ein so ranghoher Kleriker der Kirche wegen sexuellen Fehlverhaltens und Missbrauchs von Minderjährigen wie Erwachsenen in den Laienstand entlassen.

Zudem ist der Fall McCarrick ein Schlüsselskandal der Kirchenkrise um Missbrauch und Gewalt, sexuelles Fehlverhalten gegen Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer - sowie dessen systematische Vertuschung innerhalb der katholischen Kirche, nicht selten verknüpft mit einer Nichtanwendung des Kirchenrechts.

Unbeantwortet bleiben jedoch weiter Kernfragen dieses spezifischen Skandals: Wie konnte McCarrick - nahezu unbehelligt - jahrzehntelang Menschen missbrauchen? Wie konnte er jemals Bischof werden, Erzbischof und Kardinal? 

Sein langjähriges Opfer, James Grein, hat zur "Reinigung der Kirche" aufgerufen.

Übersicht und Hintergrund

Wie CNA Deutsch im Juni 2018 berichtete, kam der Fall vor neun Monaten ins Rollen: Der einst einflussreiche Kirchenmann wurde "glaubwürdig beschuldigt", sexuellen Missbrauch verübt zu haben, und wenige Wochen später nahm Papst Franziskus den Rücktritt des Beschuldigten aus dem Kardinalskollegium an. 

Nicht zuletzt durch monatelange Recherchen von Ed Condon, JD Flynn und andere CNA-Journalisten kamen immer weitere Einzelheiten des Falls ans Licht.

Diese Recherchen zeigten in der Analyse, dass der Fall McCarrick ein Epizentrum der weltweiten Kirchenkrise war - und bleibt. Nicht zuletzt, weil viele weitere Fragen aufgeworfen wurden, etwa was McCarricks Nachfolger betraf, den scharf in die Kritik geratenen Kardinal Donald Wuerl, oder McCarricks langjährigen Mitbewohner Kardinal Kevin Farrell - den Papst Franziskus diese Woche zum Camerlengo ernannte, und der bis heute beteuert, "nichts gewusst" zu haben.

Auch Papst Franziskus selbst geriet in die Kritik: Erzbischof Carlo Maria Vigano erhob schwere Vorwürfe gegen den Pontifex, und während der Papst bis heute dazu kein Wort sagt, hat sich Vigano wiederholt geäußert und McCarrick persönlich Mitte Januar zur Reue aufgerufen

Die US-Bischöfe baten im August 2018 den Vatikan um eine Visitation zur Untersuchung der Skandale, die Papst Franziskus jedoch ablehnte, trotz persönlichen Treffens. Stattdessen teilte der Heilige Stuhl Anfang Oktober mit, die McCarrick-Akten überprüfen zu lassen.

Die US-Bischöfe wurden auf Einladung von Papst Franziskus noch im Januar zu gemeinsamen Exerzitien in einem Priesterseminar einbestellt, und bekanntlich ein Krisengipfel für Februar veranschlagt, an dem die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen teilnehmen sollen, wie CNA Deutsch berichtete.

Freilich hatte die Kirchenkrise längst den Weltfamilientag in Dublin und die Jugendsynode in Rom überschattet.

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Neue Erkenntnisse im Fall McCarrick

Neben den nach wie vor offenen Fragen kommen nun neue hinzu. Sie betreffen die finanzielle Situation des ehemaligen Kardinals, und könnten eine Rolle bei seiner Verurteilung gespielt haben. 

Noch ist unklar, ob McCarrick - der nun nicht einmal mehr die Messe feiern darf - weiter im Kloster in Kansas leben oder woanders wohnen wird. Auch die Frage, wie er seinen Lebensunterhalt finanziert, ist noch nicht beantwortet - neben vielen andern.

Quellen aus dem Umfeld des Erzbischofs erklärten am 15. Februar gegenüber CNA, dass McCarrick bereits früher kein Gehalt von der Kirche erhalten hat: Er verfüge über private Einnahmequellen.

Dies ist auch relevant, was das Verfahren gegen McCarrick betrifft, insofern klerikale Straftäter fortgeschrittenen Alters oder in schlechtem Gesundheitszustand oft in einem "Buß-" oder "Strafverhältnis" gehalten werden, in Anbetracht der Tatsache, dass sie ansonsten keine Mittel zur Verfügung hätten.

Wenn bekannt ist, dass McCarrick in der Lage ist, für seinen eigenen Lebensunterhalt ohne kirchliche Unterstützung zu sorgen, dann könnte dies bei der Entscheidung ein Rolle gespielt haben, ihn seiner Ämter zu entheben und in den Laienstand zu versetzen.

Als Kleriker und ehemaliger Erzbischof von Washington und Newark sowie ehemaliger Bischof von Metuchen hatte McCarrick Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch die Kirche. Bis zu seiner Laisierung wurden die Ausgaben für sein Leben in einem Kloster in Kansas, in dem McCarrick in "Gebet und Buße" leben sollte, von der Erzdiözese Washington übernommen, die gemäß Kirchenrecht verpflichtet war, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen.

Dieser Rechtsanspruch ist nun erloschen.

Aber Quellen aus dem Umfeld des ehemaligen Kardinals sagten CNA, dass er noch nie ein Gehalt oder eine Rente von einer der drei Diözesen bezogen habe, die er als Bischof leitete. Er verfüge über ein privates Einkommen aus Ersparnissen und monatlichen Vergütungen. Diese seien jedoch nicht sehr hoch, sondern eher "bescheiden", so eine Quelle zu CNA.

Der "Fonds des Erzbischofs"

Wieviel McCarrick monatlich wirklich bezieht, und aus welchen Quellen, ist bislang unklar. Zumal sich die Frage stellt: Wenn er tatsächlich als Bischof keine Gehälter bezogen hat, woher kommt dann das Geld?

Aus dem Umfeld McCarricks heißt es, die Gelder stammten von "Freunden oder Wohltätern" des Erzbischofs aus der Zeit vor dem Skandal.

Das Geflecht der formalen und informellen Finanznetzwerke um McCarrick herum ist nach wie vor schwer zu entwirren. Aber das, was bekannt ist, sind zumindest klare Hinweise auf mehrere Geldquellen.

So gründete McCarrick im Jahr 2001 den "Fonds des Erzbischofs" – the Archbishop's Fund – den er auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand weiterhin persönlich betreute. Erst im Juni vergangenen Jahres überstellte er die Aufsicht an seinen Washingtoner Nachfolger, Kardinal Donald Wuerl.

Nach Angaben der Erzdiözese Washington wurde dieser Fonds für McCarricks persönliche "Wohltätigkeitsarbeit und andere verschiedene Ausgaben" verwendet.

McCarrick saß auch während seiner Amtszeit im Vorstand zahlreicher Organisationen, die Fördermittel vergeben, und von denen mindestens zwei zusammen mehr als 500.000 Dollar für seinen persönlichen gemeinnützigen Fonds spendeten. Dazu gehören neun Zuschüsse in Höhe von je 25.000 US-Dollar von der in Minnesota ansässigen "GHR Foundation", die laut Steuerunterlagen für den "ehemaligen Archbishop's Fund" oder den "ehemaligen Archbishop's Special Fund" bestimmt sind.

Die in Virginia ansässige "Loyola Foundation" gewährte dem Fonds des Erzbischofs für mindestens ein Jahrzehnt Zuwendungen in Höhe von 20.000 bis 40.000 US-Dollar pro Jahr. Nach Angaben der Stiftung wurden die Summen "ausdrücklich von Erzbischof McCarrick bestimmt", der als Treuhänder "begrenzte Ermessensspielräume" an nach US-Recht dafür qualifizierte Organisationen vergeben konnte.

Unbekannte Summen zu unbekannten Zwecken

Während die Erzdiözese aus Anfrage von CNA im August 2018 mitteilte, dass der Fonds jährlich geprüft worden sei und "keine Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden", lehnte das Bistum es ab, den eigentlichen Saldo des Fonds zum Zeitpunkt der Übergabe der Kontrolle durch McCarrick zu bestätigen, oder mitzuteilen, wieviel Geld über die Jahre durch den Fonds geflossen war oder wohin - beziehungsweise an wen - die Mittel gingen.

McCarrick war bekannt dafür, dass er beträchtliche Spenden für Projekte und Gelder sammelte, mit denen er persönlich in Verbindung stand, einschließlich der Päpstlichen Stiftung - Papal Foundation -  sowie für einzelne Projekte in Diözesen auf der ganzen Welt. Er war gleichzeitig auch bekannt für seine persönliche Großzügigkeit.

Im September 2018 erinnerte sich ein Kardinal, der früher ein Amt der Kurie bekleidete, an McCarricks Gewohnheit, große Summen in bar an hohe Beamte in Rom auszuhändigen.

"Wenn er Rom besuchte, war Kardinal McCarrick dafür bekannt, dass er Umschläge mit Geld an verschiedene Bischöfe und Kardinäle in der Kurie aushändigte, um ihnen für ihre Arbeit zu danken", sagte der Kardinal gegenüber CNA. "Woher diese 'Honorare' kamen oder wofür sie genau bestimmt waren, war nie so ganz klar - aber viele akzeptierten sie trotzdem."

Bekommt der laisierte McCarrick trotzdem Gelder von den Diözesen, die er einst leitete? Angesichts des privaten Einkommens, das nichts mit weiteren Bezügen aus der Kirche zu tun hat, ist es unwahrscheinlich, dass sich eine der drei Diözesen, die er einst leitete, selbst darum bemühen wird, ihm nun zusätzliche Unterstützung zu gewähren.

Ein Sprecher der Diözese Metuchen bestätigte CNA gegenüber, dass McCarrick vor seiner Verurteilung keine Rente von der Diözese erhalten habe. Nicht bestätigen könne man, ob er als Bischof ein Gehalt bezogen habe, weil die Gehalts-Akten lediglich sieben Jahre lang geführt würden.

Sowohl die Erzdiözese Newark als auch die Erzdiözese Washington lehnten es vor der Verurteilung ab, zu McCarricks privaten finanziellen Verhältnissen gegenüber CNA Auskünfte zu geben. Ein Sprecher der Erzdiözese Washington verwies CNA auf den persönlichen Anwalt des Erzbischofs.

Ed Condon trug zur Berichterstattung bei. Dieser Artikel wurden mehrfach aktualisiert. Letztes Update am 18.2.2019 um 8:09 Uhr.

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