ZdK-Präsidentin kritisiert Kardinal Marx: "Er stellt sich vor Benedikt XVI."

Irme Stetter-Karp
Foto: ZdK/Harald Oppitz

Die Vorsitzende des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken",  Irme Stetter-Karp (SPD), hat die Reaktion von Kardinal Reinhard Marx auf das Missbrauchsgutachten scharf kritisiert und die von ihm angekündigten Konsequenzen als "überraschend unkonkret" bezeichnet.

Gleichzeitig wirft die Funktionärin, die auch als "Ko-Präsidentin" des umstrittenen "Synodalen Wegs" fungiert, dem Erzbischof von München und Freising vor, er habe sich nicht klar genug zu Papst Benedikt XVI. geäußert, dem das Missbrauchsgutachten ebenfalls in vier Fällen ein Fehlverhalten vorwirft. 

Wie CNA Deutsch berichtete, hat sich Kardinal Reinhard Marx eine Woche nach Vorstellung des Missbrauchsgutachtens auch zu seinen eigenen Verfehlungen geäußert und betont, dass er "Verantwortung für das Handeln des Erzbistums" übernehmen wolle. Dabei "klebe" er nicht an seinem Amt, so Marx. Ihm selbst werfen die Gutachter in insgesamt zwei Fällen Fehlverhalten vor und ein generelles mangelndes Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Missbrauchstaten.

Bei der Vorstellung des Gutachtens vor einer Woche war Marx nicht anwesend – was er mit "Respekt" vor dem Gutachten diese Woche begründete, nachdem Betroffene, Juristen und Gläubige dieses Verhalten kritisierten.

Funktionärin gibt sich nicht überzeugt

Für ZdK-Präsidentin Stetter-Karp war der Auftritt des Kardinals am gestrigen Donnerstag jedoch nicht überzeugend. "Es gab kein Beispiel dafür, wie nun genau die Unterstützung von Pfarrgemeinden aussieht, in denen Missbrauchstäter ihr Unwesen trieben", so die Funktionärin wörtlich. "Es fehlten insgesamt konkrete Beispiele für Veränderungen hier und heute. Dass der Kardinal nach eigenen Worten in einem Jahr vor die Öffentlichkeit treten möchte, um zu erklären, was sich verändert hat, finde ich spät."

Gleichzeitig sei sie enttäuscht darüber, dass der amtierende Erzbischof von München und Freising eine Woche nach Veröffentlichung des Gutachtens "kein klares Wort zur Causa Benedikt" finde.

Wie CNA Deutsch berichtete, werden nicht nur Marx, sondern auch seinen Vorgängern im Gutachten Fehlverhalten attestiert. In den deutschen Medien und seitens deutscher Kirchenvertreter konzentrierte sich die Aufmerksamkeit darüber auf den früheren Erzbischof von München und Freising, Kardinal Joseph Ratzinger, insgesamt vier Fälle von Fehlverhalten vorgeworfen wurden.

Auch bei der Präsentation des Gutachtens vor einer Woche räumten die Gutachter Ratzingers Verhalten großen Raum ein, so dass sich die Medienberichterstattung erneut hauptsächlich auf den emeritierten Papst beschränkte, der schließlich sogar eine seiner Aussagen am Montag korrigierte.

Stetter-Karp behauptete in der offiziellen Pressemitteilung des ZdK, dass Benedikt XVI. nun "Rückendeckung" von Kardinal Marx bekäme.

"Noch immer stellt er [Marx] sich vor den emeritierten Papst", so die Funktionärin wörtlich. Marx habe zwar erklärt: "Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet, hat die Herausforderung nicht verstanden", jedoch wende er diesen Satz nicht auf einen Verantwortungsträger wie Kardinal Ratzinger an, der auf die Frage nach seiner damaligen Rolle als Erzbischof von München und Freising noch im Dezember 2021 die Unwahrheit gesagt habe. Hier wäre "ein Zeichen der Transparenz und Kritik" angebracht gewesen, fordert die ZdK-Präsidentin. 

Dieser Auftritt der Funktionärin kam pikanterweise zur gleichen Zeit, in der aus dem Vatikan vor Versuchen gewarnt wurde, einzelne Personen zu Sündenböcken zu machen. 

Ob die ZdK-Funktionärin den Rat bewusst ignorierte oder nicht informiert war, ist unklar.

Vatikan: Missbrauchsbekämpfung nicht durch Suche nach Sündenböcken

Erst gestern warnte Andrea Tornielli einem Leitartikel, der auf der Webseite des Dikasteriums für Kommunikation des Vatikans in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, davor, "auf die Suche nach bloßen Sündenböcken" zu gehen und Pauschalurteile zu fällen (CNA Deutsch hat berichtet).

Tornielli wies darauf hin, dass vor allem die vier Jahre von Ratzinger in München im Zentrum der Aufmerksamkeit stünden. Der mittlerweile emeritierte Papst sei den Fragen der Anwaltskanzlei jedoch "nicht ausgewichen".

Der Vatikan-Mitarbeiter und bekannte Journalist schreibt weiter: "Man darf nicht vergessen, dass Ratzinger in der letzten Phase des Pontifikats von Johannes Paul II. als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und enger Mitarbeiter des Papstes das Phänomen bereits bekämpft hatte. Und nach seiner Wahl zum Papst erließ er äußerst strenge Vorschriften gegen klerikale Missbrauchstäter, eigene Gesetze zur Bekämpfung der Pädophilie".

Und weiter:

"Darüber hinaus bezeugte Benedikt XVI. mit seinem konkreten Beispiel die Dringlichkeit des Mentalitätswandels, der so wichtig ist, um das Phänomen des Missbrauchs zu bekämpfen: den Opfern zuzuhören, ihnen nahe zu sein und sie um Vergebung zu bitten."

Zum Abschluss betonte der Autor: "Die Rekonstruktionen des Münchner Gutachtens, das wohlgemerkt keine gerichtliche Untersuchung, geschweige denn ein endgültiges Urteil darstellt, werden zur Bekämpfung der Pädophilie in der Kirche beitragen können, wenn sie sich nicht auf die Suche nach bloßen Sündenböcken und Pauschalurteilen beschränken".

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